{"id":10074,"date":"2011-11-20T20:59:51","date_gmt":"2011-11-20T19:59:51","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=10074"},"modified":"2011-11-20T20:59:51","modified_gmt":"2011-11-20T19:59:51","slug":"der-wahrhaftige-volkskontrolleur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=10074","title":{"rendered":"Der wahrhaftige Volkskontrolleur"},"content":{"rendered":"<p>Wieder einmal macht mich ein Buch ein bi\u00dfchen ratlos, f\u00e4llt es mir doch schwer Andrej Kurkows &#8220;Der wahrhaftige Volkskontrolleur&#8221; einzuordnen. Was ist das nun ein Schelmenroman, eine Farce \u00fcber die ehemalige Sowetunion, ein M\u00e4rchen \u00fcber das sch\u00f6ne Leben im sch\u00f6nen Russland der Neunzehndrei\u00dfigerjahre im Stil von Gogols &#8220;Der Revisor&#8221; nacherz\u00e4hlt? So etwas wahrscheinlich. Im Klappentext des 2011 bei Haymon erschienenen Buches steht etwas von &#8220;Schwarzen Humor und echten Kurkow&#8221; und von dem 1961 in St. Petersburg geborenen, das damals wohl anders hie\u00df und seit seiner Kindheit in Kiew lebenden Andrej Kurkow habe ich schon &#8220;Picknick auf dem Eis&#8221;, gelesen, eine Farce auf das neue Leben in der Ukraine und ihn einige Male bei Lesungen geh\u00f6rt. Das erste Mal, glaube ich, bei Ukrainischen Tagen in der Kunsthalle, dann bei der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/11\/17\/ukrainisches-wochenende\/\">&#8220;Literatur im Herbst&#8221;<\/a><\/a> und bei der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/11\/18\/eroffnung-der-lesefestwoche\/\">Buch-Wien 2008<\/a> und <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/11\/12\/dritter-messetag\/\">2011<\/a> und ich habe mir wohl eine \u00e4hnlich scharfe Satire erwartet.<br \/>\n&#8220;Der wahrhaftige Volkskontrolleur&#8221; ist aber vergleichsweise sanft und m\u00e4rchenhaft. Nirgendwo eine wirkliche Anklage oder Systemkritik, sondern alle Menschen scheinen gl\u00fccklich in dieser m\u00e4rchenhaften Volksdiktatur.<br \/>\n&#8220;Trotz abstruser ins extreme oder surreale verfremdeter Situationen verliert Kurkow nie den ernsthaft-liebevollen Blick auf seine Figuren&#8221;, steht bei Wikipedia.<br \/>\nEs gibt vier voneinander unabh\u00e4ngige Handlungsstr\u00e4nge, die alles von diesem sch\u00f6nen guten sowetischen Leben erz\u00e4hlen.<br \/>\nDa ist der Bauer Pawel Dobrynin gl\u00fccklich mit seiner Manjascha, seinen beiden Kindern und dem Hund Mitka, der wird zum lebenslangen Volkskontrolleur ernannt. Manjascha packt ihm einen Reisesack mit einer Axt, weil man ja nie wissen kann, wozu man eine solche braucht und ab geht es nach Moskau in die Dienstwohnung, zu der Dienstehefrau und dann in den Kreml zum Genossen Kalinin. Alle trinken st\u00e4ndig Tee und ein B\u00fcchlein \u00fcber Lenin erh\u00e4lt der Held auch zum Geschenk, denn der Name Stalin, der ja wirklich in der SU herrschte, taucht in dem Roman nicht auf. Andrej Kurkow sagte vorige Woche auf der Buch-Wien, da\u00df er den nicht verwenden wollte, dann w\u00e4re es wohl auch weniger M\u00e4rchenhaft geworden.<br \/>\nDer Held wird aber gleich mit einem Pferd, das er auch geschenkt bekommen hat, mit einem Flugzeug nach Sibirien verfrachtet, dort spielt er mit dem Piloten und seinem Quartiergeber, w\u00e4hrend eines Scheesturmes eine Weile Karten, i\u00dft Zwieback und Kekse, die beiden M\u00e4nner brechen in ein Milit\u00e4rlager auf, um Nachschub zu holen und erfrieren, das Pferd fl\u00fcchtet ebenso in die K\u00e4lte. Der Held wird weiter in die Polarlandschaft geflogen und begegnet dort einem Volksaufstand, dazwischen liest er Lenins gesammelte Geschichten, tr\u00e4umt nachts dar\u00fcber und als er nach Moskau zur\u00fcckgeflogen wird, wei\u00df er nicht recht, wie er sich seiner dienstlichen Ehefrau gegen\u00fcber verhalten soll, ist traurig, weil sein Hund Mitka gestorben ist und wird auf seine aufrechte Gesinnung mit Hilfe verschiedener Apparaturen \u00fcberpr\u00fcft.<br \/>\nDann gibt es noch einen Engel, der sich wundert, da\u00df aus der SU niemals Seelen in den Himmel kommen, so steigt er auf die Erde herab, um die zu suchen, vertauscht sein Engelsgewand gegen den Rock eines geflohenen Soldaten und begegnet st\u00e4ndig Deserteuren und geflohenen Kolchosebauern, was eine Anspielung sein k\u00f6nnte, da\u00df doch nicht so alles eitel Wonne ist. Mit diesen bricht er auf und zieht einem Stern nach, um das gelobte Land zu suchen. Dort lassen sich die Enflohenen nieder, um wieder mit Milch und Honig eine gerechte soziale Marktwirtschaft mit allen ihren Schikanen aufzubauen. Ein buckliger Buchhalter l\u00e4uft herum und schreibt alle Namen auf, die kommunistische Lehrerin Katja unterrichtet die Kinder und die Analphabeten und verliebt sich ein bi\u00dfchen in den Engel, bei dem sie es nur schade findet, da\u00df er an die unsterbliche Seele glaubt, obwohl sie doch wei\u00df, da\u00df es die nicht gibt. Der erste Deserteur nennt sich Oberdeserteur und die Sabotage mu\u00df man nat\u00fcrlich auch bek\u00e4mpfen.<br \/>\nDann gibt es einen Schuldirektor, der nachts auf die D\u00e4cher seiner Schule steigt und vom Volkskommissariat f\u00fcr Bildungswesen genannt Narkompros seltsame Autr\u00e4ge erh\u00e4lt. So m\u00fc\u00dfen alle Sch\u00fcler einen Aufsatz schreiben, der dann unkorrigiert eingesammelt und abtransportiert wird. Die Themen lauten &#8220;Wof\u00fcr ich mein Vaterland liebe&#8221; &#8220;Meine Familie &#8211; die Erbauer des Kommunismus&#8221; oder &#8220;Wovon mein Papa tr\u00e4umt&#8221;.<br \/>\nDieses Thema w\u00e4hlt nur ein einziger Sch\u00fcler und der hat keinen Papa mehr, nur eine Mama, die eigentlich seine Tante ist und die tr\u00e4umte davon Pilotin und Fallschirmspringerin zu werden. Der Direktor liest den Aufsatz, besucht die Tante, verliebt sich in sie und organisiert ihr einen Fallschirmsprung.<br \/>\nDann gibt es noch eine Blutspendeaktion, wo allen Genossen Blut in gro\u00dfen Mengen abgezapft wird und das bringt die Handlungsstr\u00e4nge, die sonst so nichts mit einander zu tun haben, irgendwie zusammen.<br \/>\nDer vierte Strang ist ein K\u00fcnstler, der mit einem Gedichte aufsagenden Papagei durch die Gegend zieht und auch den geheimen Auftrag erh\u00e4lt, den eigentlich schon verstorbenen Genossen Lenin, der aber irgendwie in einem unterirdischen Keller weiterzuleben scheint, ein Geburtstagsst\u00e4ndchen zu bringen.<br \/>\nDanach kommt er in ein Erholungsheim ans schwarze Meer, der Direktor bekommt den Blutspendeauftrag in seiner Schule durchzuf\u00fchren, die dienstliche Ehefrau des Pawel Dobrynin hat auch etwas damit zu tun und die Entflohenen geb\u00e4ren friedlich ihre Kinder f\u00fcr die neue Zeit.<br \/>\nSo geht es vierhundert Seiten scheinbar ohne Zusammenhang dahin. Sehr friedlich und sehr sch\u00f6n und dennoch voll mit Ironie und Sarkasmus wird in vielen Episoden die Geschichte der wunderbaren Sowetunion, wo Milch und Honig flie\u00dfen und die Rotarmisten, den Schuldirektor in der Nacht zum Schlafen auffordern, damit er am n\u00e4chsten Tag gesund und fr\u00f6hlich dem Staat seine Kr\u00e4fte zur Verf\u00fcgung stellen kann, erz\u00e4hlt.<br \/>\nWas sonst noch geschah wissen wir und auch ein bi\u00dfchen, wie es heute in Moskau, in der Ukraine, etc aussieht und was dort geschieht.<br \/>\nIch glaube auch vorige Woche bei der Lesung geh\u00f6rt zu haben, da\u00df das Buch der erste Teil einer Trilogie darstellt, die 1927 beginnt und bis 1974 mit denselben Personen weitergeht und das Andrej Kurkow, das jetzt auf Deutsch erschienene Buch schon vor einiger Zeit geschrieben hat.<br \/>\nEs gibt auch eine <a href=\"http:\/\/de-de.facebook.com\/pages\/Andrej-Kurkow-Der-wahrhaftige-Volkskontrolleur\/110899949005979\">Facebook-Seite<\/a> die dem Roman gewidmet ist und von Andrje Kurkow ist noch zu erw\u00e4hnen, da\u00df er sieben oder mehr Sprachen spricht und seine Lesungen auch manchmal auf dem Klavier begleitet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder einmal macht mich ein Buch ein bi\u00dfchen ratlos, f\u00e4llt es mir doch schwer Andrej Kurkows &#8220;Der wahrhaftige Volkskontrolleur&#8221; einzuordnen. 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