{"id":10472,"date":"2011-12-04T20:57:59","date_gmt":"2011-12-04T19:57:59","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=10472"},"modified":"2011-12-04T20:57:59","modified_gmt":"2011-12-04T19:57:59","slug":"die-zimtladen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=10472","title":{"rendered":"Die Zimtl\u00e4den"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Die Zimtl\u00e4den&#8221;, des 1942 im Ghetto von Drohobycz von der Gestapo ermordenten Bruno Schulz sind, wie in der Buchbeschreibung steht, &#8221; phantastische Erz\u00e4hlungen, in dem die versunkene Welt des galizischen St\u00e4dtchen lebendig werden&#8221; und Isaac Bahevis Singer schreibt &#8220;Manchmal schrieb er wie Kafka, manchmal wie Proust, und mit der Zeit gelang ihm eine Tiefe, die keiner von ihnen erreicht hat&#8221;, aber eigentlich ist diese Geschichtensammlung soetwas, wie ein Episodenroman, begegnen wir in den kurzen Geschichten, die \u00dcberschriften wie &#8220;Die Heimsuchung&#8221;, &#8220;Die Schneiderpuppen&#8221;, &#8220;Die Zimtl\u00e4den&#8221;, &#8220;Die Kakerlaken&#8221;, &#8220;Die Krokodilstra\u00dfe&#8221; etc haben, immer wieder denselben Personen und das ist vor allem der Vater des Heranwachsenden Ich-Erz\u00e4hlers?, dem die seltsamsten Dinge passieren. Er z\u00fcchtet V\u00f6gel auf dem Dachboden des Hauses, unterh\u00e4lt sich mit den Ladenm\u00e4dchen seines Stoffgesch\u00e4ftes, h\u00e4lt ihnen &#8220;Traktate \u00fcber die Schneiderpuppen&#8221; und wird von dem Hausm\u00e4dchen Adela, das uns auch immer wieder begegnet und viel plastischer als die Mutter geschildert wird, angestupst und gekitzelt, so da\u00df er lachend und kreischend aus dem Zimmer entflieht.<br \/>\n&#8220;Damals bemerkten wir alle, wie der Vater von Tag zu Tag schrumpfte &#8211; wie eine Nu\u00df die in ihrer Schale vertrocknet&#8221;<br \/>\nDas Hausm\u00e4dchen scheint \u00fcberhaupt eine gro\u00dfe Macht \u00fcber den Vater zu besitzen, &#8220;es kehrt das graue Kehrichth\u00e4ufchen, das sich in der Enge ansammelt jeden Tag zum Abfall&#8221; und eine Geschichte, wo sich der verschwindende Vater, in eine Kakerlake verwandelt, gibt es auch.<br \/>\nIn der Biografie Bruno Schulz ist von dem Stoffgesch\u00e4ft des Vaters, das 1910 wegen schwerer Krankheit und Konkurrenz aufgel\u00f6st werden mu\u00dfte, die Rede und das j\u00fcdische St\u00e4ttel wird wohl am ehesten in der &#8220;Krokodilstra\u00dfe&#8221; beschrieben. Phantastisch und surreal sind die Geschichten allemal, womit ich meine Schwierigkeiten habe und das, ich gebe es zu, auch nicht so gerne lese, aber die &#8220;Zimtl\u00e4dchen&#8221; von Bruno Schulz haben auch ihre eigene Geschichte.<br \/>\n2008 sind sie von Doreen Daume neu\u00fcbersetzt wieder erschienen, da h\u00f6rte ich im Ex Libris davon und wollte auch zur <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/10\/29\/cornelia-travicek\/\">Pr\u00e4sentation ins Literaturhaus<\/a> gehen, gegangen bin ich dann zu Cornelia Travniceks &#8220;Die Asche meiner Schwester&#8221; in die Nationalbibliothek. Doreen Daume habe ich aber bei der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/11\/17\/ukrainisches-wochenende\/\">&#8220;Literatur im Herbst&#8221;<\/a> in diesem Jahr kennengelernt und heuer ist der zweite Geschichtenband &#8220;Das Sanatorium der Sanduhr&#8221;, auch von Doreen Daume \u00fcbersetzt, erschienen und wurde im Fr\u00fchjahr in der <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/04\/08\/erzahlungen-von-bruno-schulz\/\">Gesellschaft der Literatur<\/a> vorgestellt und an dem Tag im Februar, als ich meine hundert B\u00fccher-Liste erstellte und danach in die Alte Schmiede zu einer <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/02\/18\/das-werk-der-marianne-fritz\/\">Marianne Fritz Veranstaltung<\/a> ging, habe ich in dem inzwischen einzigen Buchgesch\u00e4ft auf der Wiedner Hauptstra\u00dfe &#8220;Die Zimtl\u00e4den&#8221; aus einer Abverkaufskiste gezogen, um zwei Euro gekauft und auf Platz zweiundsiebzig auf meine Leseliste gestellt. Jetzt habe ich die skurrilen Geschichten gelesen, mir bei der Phantastik ein wenig schwer getan, so da\u00df mich die Realistik des Essays von David Grossmann und die Anmerkungen von Doreen Daume fast mehr &#8220;faszinierten&#8221;, aber die Lebensgeschichte des 1892 in Drohobycz\/ Gallizien geborenen Bruno Schulz ist ja auch sehr interessant. Sohn eines Stoffh\u00e4ndlers, der Maler werden wollte, der Erz\u00e4hlband ist auch sehr phantastisch von ihm illustriert, aus finanziellen Gr\u00fcnden mu\u00dfte er aber Architektur studieren und war durch die Krankheit und dem Tod des Vaters auch gezwungen als Zeichenlehrer zu arbeiten.<br \/>\nDoreen Daume schreibt in ihrem Nachwort, da\u00df er ausgezeichnet Deutsch beherrschte und drei Jahre lang in Wien gelebt bzw. gemeldet war und dort auch Architektur studierte. David Grossmann erw\u00e4hnte eine Geschichte, da\u00df der sch\u00fcchterne Zeichenlehrer am Ostersonntag 1933 mit seinem Manuskript in einem Warschauer K\u00fcnstlerhotel auftauchte und dieses einer ber\u00fchmten Schriftstellerin geben will, die Kontakt zu einem renommierten Verlag hat, die dann von den Geschichten auch gleich sehr begeistert war.<br \/>\nIrgendwoanders steht geschrieben, da\u00df die Verlage doch nicht so viele surreale Geschichten haben wollten und da\u00df es auch mit den \u00dcbersetzungen schwierig war, obwohl sich Bruno Schulz schon in den Drei\u00dfigerjahren darum bem\u00fchte und einen Brief an einen in Wien lebenden Lemberger Anwalt schrieb. Er war dann aber doch ein ber\u00fchmter Dichter, hat als Zeichenlehrer in einem Gymnasium gearbeitet und dort wohl auch Schwierigkeiten, sich bei den Sch\u00fclern durchzusetzen. So interviewte David Grossmann 2008 einen ehemaligen Sch\u00fcler, der erz\u00e4hlte, da\u00df Schulz, um sich bei den Sch\u00fclern durchzusetzen, diesen die ganze Zeit phantastische Geschichten erz\u00e4hlte, gezeichnet h\u00e4tten sie nicht sehr viel bei ihm. In der Geschichte &#8220;Zimtl\u00e4den&#8221;, wo der Ich-Erz\u00e4hler mit den Eltern ins Theater geht und nach Hause geschickt wird, um das Portemonnaie des Vaters zu holen, kommt auch ein Professor vor, bei dem die Sch\u00fcler nicht sehr viel zeichnen.<br \/>\nUnd ein Augenzeuge bei der Aktion 1942 im Ghetto, wo die Gestapo wild auf Juden gescho\u00dfen hat, der den toten Schulz auf der Stra\u00dfe liegen sah, wird von David Grossmann auch zitiert. Eine andere Legende gibt es, da\u00df Schulz der Sch\u00fctzling eines SA-Mannes war, dessen Villa er ausmalte bzw. mit Zeichnungen illustrierte und ein anderer SA-Mann ihn aus Rache erschossen hat.<br \/>\n&#8220;Sie haben meinen Juden get\u00f6tet &#8211; Ich habe Ihren get\u00f6tet.&#8221;, soll er gesagt haben.<br \/>\nIn dem Buch gibt es auch einen Text von Bruno Schulz &#8220;Die Mythisierung der Wirklichkeit&#8221; in dem &#8220;Das Wesen der Wirklichkeit ist der Sinn. Was keinen Sinn hat ist f\u00fcr uns nicht wirklich&#8221; steht und dann mit &#8220;Die Poesie erkennt diesen verlorenen Sinn wieder&#8221; weitergeht und mit &#8220;Philosophie ist eigentlich Philologie, sie ist die tiefgreifende, ersch\u00f6pferische Erforschung des Wortes&#8221; endet und ein Expose \u00fcber das Buch &#8220;Zimtl\u00e4den&#8221; von Bruno Schulz gibt es auch.<br \/>\n&#8220;In diesem Buch wird der Versuch unternommen, die Geschichte einer Familie, eines Provinzhauses nicht aus ihren realen Elementen, aus Begebenheiten, Charakteren und den wirklichen Geschicken heraus zu begreifen, sondern \u00fcber diese hinaus nach einem mythischen Gehalt, nach dem letzten Sinn der Geschichte zu suchen.&#8221;<br \/>\nSch\u00f6ner als es der Autor tat, l\u00e4\u00dft sich das wohl nicht beschreiben. Ich interpretiere es mir trotzdem aus der Bigorafie heraus, auch wenn bei Wikipedia die mythologischen Deutungen entschl\u00fc\u00dfelt werden, so da\u00df man die Rezeptionsgeschichte nachlesen kann, das, was ich aus der Biografie herauslese, erscheint mir klar verst\u00e4ndlich, so da\u00df ich mich die Lekt\u00fcre und das, was ich bisher \u00fcber Bruno Schulz las und h\u00f6rte, sehr beeindruckt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Die Zimtl\u00e4den&#8221;, des 1942 im Ghetto von Drohobycz von der Gestapo ermordenten Bruno Schulz sind, wie in der Buchbeschreibung steht, &#8221; phantastische Erz\u00e4hlungen, in dem die versunkene Welt des galizischen St\u00e4dtchen lebendig werden&#8221; und Isaac Bahevis Singer schreibt &#8220;Manchmal schrieb &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=10472\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-10472","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10472","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10472"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10472\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10472"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10472"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10472"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}