{"id":1137,"date":"2009-04-12T01:01:54","date_gmt":"2009-04-11T23:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=1137"},"modified":"2009-04-12T01:01:54","modified_gmt":"2009-04-11T23:01:54","slug":"die-mittagsfrau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=1137","title":{"rendered":"Die Mittagsfrau"},"content":{"rendered":"<p>Es ist eine fast klischeehafte Geschichte, der sch\u00f6n konstruierte Roman, mit dem die 1970 geborene Julia Franck, 2007 den deutschen Buchpreis bekommen hat, um eine, wie  im Klappentext steht, faszinierende Frau, die vielleicht die Gro\u00dfmutter der Autorin ist.<br \/>\nDer kleine Peter wird nach Ende des Krieges von seiner Mutter Alice, die eigentlich Helene hei\u00dft, mit einem Koffer, in dem Geld, die Adresse eines Onkels und ein aus Horn geschnitzter komischer Fisch steckt, auf einem Bahnhof zur\u00fcckgelassen.<br \/>\nIm Epilog trifft man ihn zehn Jahre als ausgen\u00fctzte Arbeitskraft des Onkels wieder, die Mutter kommt auf Besuch und verschwindet, w\u00e4hrend der im Westen lebende Vater noch immer Geld schickt.<br \/>\nDazwischen liegt der Mittelteil und das Leben Helenes, die mit ihrer Schwester Martha in Bautzen aufw\u00e4chst.<br \/>\nDie j\u00fcdische Mutter lebt dort fremd und sonderlich, wird vom Hausm\u00e4dchen Mariechen versorgt, vom Vater angeschw\u00e4rmt, tr\u00e4gt aber komische H\u00fcte, sammelt nutzlose Sachen und behandelt ihre T\u00f6chter sehr brutal.<br \/>\nDer Vater, der eine Druckerei betreibt, in der er die Gedichte seiner Freunde druckt, zieht in den ersten Weltkrieg, verliert dort Bein und Auge und sehnt sich nach seiner Frau, die seine Briefe nicht beantwortet.<br \/>\nEr kommt zum Sterben heim, die T\u00f6chter sind zwischen fast erwachsen, Helene f\u00fcnfzehn, Martha einige Jahre \u00e4lter.<br \/>\nDie Mutter liegt im Bett und weigert sich den Vater zu sehen. Helene f\u00fchrt die Druckerei und m\u00f6chte in Berlin studieren.<br \/>\nMartha, die inzwischen Krankenschwester geworden ist, schmuggelt Morphium vom OP nach Hause und versorgt den Vater und sich selbst damit und nach des Vaters Tod, fahren beide Schwestern mit dem Auto des Professors zuerst nach Dresden, um weiter mit dem Zug, das wilde Berlin der Zwanzigerjahre bei ihrer Tante Fanny zu erobern.<br \/>\nHelene arbeitet dort in einer Apotheke, w\u00e4hrend Martha mit ihrer Freundin Leontine, die inzwischen \u00c4rztin geworden ist,  dem Kokain verf\u00e4llt und Helene nicht recht wei\u00df, ob sie den Studenten Carl Wertheimer heiraten soll, bis der dann stirbt und das dritte Reich, Helene, die keinen Ariernachweis erbringen kann, in die Arme des Wilhelm Sehmisch treibt, der sie Alice nennt, ihr Papiere besorgt und sie auch heiratet, aber tief erschrickt, als er erkennt, da\u00df sie keine Jungfrau mehr ist, schlie\u00dflich hat sie ja drei Jahre, w\u00e4hrend sie f\u00fcr ihr Abitur lernte, in Carls Zimmer mitgewohnt.<br \/>\nSo da\u00df ihr Wilhelm schlie\u00dflich doch erlaubt, als Krankenschwester zu arbeiten, als sie schwanger wird, bzw. sie dazu zwingt und danach verschwindet und nur noch  Geld f\u00fcr den kleinen Peter schickt, der von Schwester Alice sieben Jahre lang, allein und ziemlich m\u00fchsam gro\u00df aufgezogen wird.<br \/>\nAls der Krieg zu Ende ist, packt sie ihm den Koffer, um ihm zu dem unbekannten Onkel zu schicken, w\u00e4hrend sie sich auf die Suche nach ihrer Schwester in ihr fr\u00fcheres Leben macht.<br \/>\nEs passiert sehr viel in dieser Geschichte einer starken oder auch schwachen Frau, die sowohl sympathisch als auch unsympathisch wirkt und wahrscheinlich mehr die ganze Epoche, als eine einzige Person beschreibt.<br \/>\nF\u00fcr die, die es nicht erlebt haben, werden von einer Autorin, die auch erst viel sp\u00e4ter geboren wurde, in einer  poetisch sch\u00f6nen Sprache, die von Veilchen und von B\u00fccher handelt, in der es aber auch  manchmal nach Urin stinkt, die ersten vierzig Jahre des vorigen Jahrhunderts beschrieben.<br \/>\nDas wilde Berlin der Zwanzigerjahre mit allen seinen Ausschweifungen, aber auch der Wunsch nach Frauenemanzipation und Frauenbildung,  das Grauen des ersten Weltkriegs und ein wenig schw\u00e4cher die Klischees der der NS-Zeit und Helene bzw. Alice wankt und schwankt in allem eifrig aber auch sehr passiv mit und wir, die wir das lesen, haben  danach unsere Geschichte und die unserer Eltern vielleicht ein bi\u00dfchen besser verstanden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist eine fast klischeehafte Geschichte, der sch\u00f6n konstruierte Roman, mit dem die 1970 geborene Julia Franck, 2007 den deutschen Buchpreis bekommen hat, um eine, wie im Klappentext steht, faszinierende Frau, die vielleicht die Gro\u00dfmutter der Autorin ist. 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