{"id":1159,"date":"2009-04-20T22:35:16","date_gmt":"2009-04-20T20:35:16","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=1159"},"modified":"2009-04-20T22:35:16","modified_gmt":"2009-04-20T20:35:16","slug":"scardanelli","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=1159","title":{"rendered":"Scardanelli"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Mit Unterth\u00e4nigkeit, Scardanelli!&#8221;, soll Friedrich H\u00f6lderlin seine letzten Briefe unterzeichnet haben. So steht es im Alte Schmiede-Programm und so hat es heute dort eine Frau einer anderen erkl\u00e4rt. Und Marcel Beyer hat sein Er\u00f6ffnungsreferat immer wieder mit den S\u00e4tzen &#8220;Wenn ich Scardanelli lese, dann denke ich an &#8230;!&#8221; eingeleitet. Ich hatte um sechs Uhr eine Stunde. Um sieben stellte in der alten Schmiede Friederike Mayr\u00f6cker ihren neuen Gedichtband vor. Und ich wu\u00dfte, das hei\u00dft, da\u00df ich, wenn ich die zwei Stationen mit einmal umsteigen mit der U-Bahn fahre und  f\u00fcnf oder zehn Minuten versp\u00e4tet hinkomme, irgendwo eingepfercht unter Menschenmassen am Gang stehe und nichts sehen werde.<br \/>\nSo war es bei der Saisoner\u00f6ffnung 2007, w\u00fcrde ich einmal sch\u00e4tzen, da  ist es mir \u00e4hnlich gegangen. Ich habe mich zentimeterweise nach vorn gedr\u00e4ngt und bin am Schlu\u00df noch lange geblieben, habe die Leute, die mich nicht oder schon gr\u00fc\u00dften, an mir vorbeigehen lassen und das Mayr\u00f6ckerische Stammpublikum beobachtet. Elfriede Gerstl war dabei, damals und hat ein paar Tage sp\u00e4ter gelesen, da war es dann nicht ganz so voll und eine Klientin von mir hat ihr eine Rose gebracht.<br \/>\nElfriede Gerstl fehlte also und ich glaube auch Herbert J. Wimmer, die anderen waren da. Angelika Kaufmann, Elfriede Haslehner, Julian Schutting, Bodo Hell, neben letzterem bin ich gestanden, als es mir gelungen war, mich bis zum Saaleingang zu dr\u00e4ngen, als die Mayr\u00f6cker dann ein ihm gewidmetes Gedicht gelesen hat, habe ich ihn hautnah beobachten k\u00f6nnen.<br \/>\n&#8220;Scardanelli&#8221; ist ein Gedichtband mit H\u00f6lderlin Bezug, vierzig Gedichte, die imaginierte Begegnungen mit dem gro\u00dfen Dichter schildern, der sechsundrei\u00dfig Jahre in einer Turmstube in T\u00fcbingen lebte, entnehme ich dem Programm.<br \/>\nMarcel Beyer sprach in seiner Einleitung von bella donna, der schwarzen Tollkirsche,  der Kunst der Heilkr\u00e4uter und der Apotheker. Ein Gedicht, das Frau Mayr\u00f6cker las, handelte vom Sterben und davon, da\u00df sie eine Rose und keine Kr\u00e4nze haben m\u00f6chte und eigentlich noch nicht sterben will, weil das Leben zu kurz f\u00fcr alles ist, was noch  zu machen ist.<br \/>\nEines war nat\u00fcrlich wieder E. J. gewidmet. Ich stand neben einer Frau, an die sich zwei kleine M\u00e4dchen dr\u00fcckten, die mehr oder weniger geduldig zuh\u00f6rten, w\u00e4hrend die Studentinnen teilweise am Boden sa\u00dfen und als sich der alte Mann, der seine Tage im Wienerwald verbringt und dort offenbar auch Kr\u00e4uter sammelt, mit diesen im Rucksack und seinen Wanderstock durch die Menge dr\u00e4ngte, offenbar in dem Bestreben wegen seiner Gebrechlichkeit doch einen Sitzplatz zu bekommen, ist ihm das nicht gegl\u00fcckt, er wurde nur an das andere Ende geschickt. Aufgeregt hat sich aber niemand und ich denke, er, der Au\u00dfenseiter, der zum literarischen Stammpublikum z\u00e4hlt, hat genau zu diesen Texten und in diese Stimmung gepasst.<br \/>\nH\u00f6lderlin war wahrscheinlich auch ein Au\u00dfenseiter und ein literarisches Original, Frau Mayr\u00f6cker ist eine gro\u00dfe Dichterin und neben mir stand Anfangs eine Rucksacktr\u00e4gerin, die zwei Buttons stecken hatte, &#8220;Ich bin das Publikum&#8221; und &#8220;Ich kann lesen&#8221; ist darauf gestanden.<br \/>\nSoweit ein paar Gedankensplitter zu einem gro\u00dfen Abend, der sehr kurz war oder auch nicht, denn ich bin, w\u00e4hrend Friederike Mayr\u00f6cker signierte, noch lang herumgestanden und habe mit einer Frau gesprochen, die ich vom Lesetheater kenne, die vom dramatischen Zentrum kommt, wo sie die K\u00f6rperarbeit erlernte, die sie jetzt den Frauen zur Selbstverteidigung in Volkshochschulen beibringt.<br \/>\nIch kann nat\u00fcrlich ein paar Friederike Mayr\u00f6cker Bonmots beisteuern, die ja ganz in der N\u00e4he, n\u00e4mlich in der Zentagasse wohnt und deren Zettelwohnung inzwischen Legende und Ausstellungsst\u00fcck ist.<br \/>\nIch kenne sie von der GAV und von Lesungen, war bei ihrem Fest vor einigen Jahren in M\u00fcrzzuschlag bzw. Neuberg an der M\u00fcrz, das inzwischen  schon Legende ist. Die Feste f\u00fcr Ernst Jandl, Gerhard R\u00fchm und Friederike Mayr\u00f6cker, die ich erleben durfte. Sie hat ihr Buch &#8220;br\u00fctt oder die seufzenden G\u00e4rten&#8221; vorgestellt, Wendelin Schmidt Dengler hat eingeleitet und es gibt ein paar sch\u00f6ne Fotos. Bei einem stehe ich unter einem Mayr\u00f6cker-Bild in der Mayr\u00f6cker Ausstellung im Kunsthaus M\u00fcrz, das hat der inzwischen verstorbene Johann Barth geknipst, der ein gro\u00dfer Fotograf war.<br \/>\nIch habe ein paar  Mayr\u00f6cker-B\u00fccher und einem meiner B\u00fccher ein Motto von ihr vorangestellt: &#8220;Da hat man sich sein gesamtes Leben f\u00fcr die  Literatur eingesetzt und es kommt noch immer nichts heraus dabei!&#8221;.<br \/>\nDas ist ein Satz, der passt, f\u00fcr mich jedenfalls. F\u00fcr Frau Mayr\u00f6cker nicht. Sie hat einen gro\u00dfen Fankreis und wenn man nicht rechtzeitig erscheint, bekommt man keinen Platz.<br \/>\nDas wu\u00dfte ich, bin trotzdem gekommen und bereue es auch nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Mit Unterth\u00e4nigkeit, Scardanelli!&#8221;, soll Friedrich H\u00f6lderlin seine letzten Briefe unterzeichnet haben. So steht es im Alte Schmiede-Programm und so hat es heute dort eine Frau einer anderen erkl\u00e4rt. 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