{"id":118500,"date":"2022-06-25T00:00:00","date_gmt":"2022-06-24T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=118500"},"modified":"2022-06-25T00:00:00","modified_gmt":"2022-06-24T22:00:00","slug":"simon-bauers-bachmanntext","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=118500","title":{"rendered":"Simon Bauers Bachmanntext"},"content":{"rendered":"\n<p>Zum Auftakt des heurigen &#8220;Bachmann-Preises&#8221;, der wieder ganz, wie gewohnt in Klagenfurt stattfinden wird, gehe ich ein bi\u00dfchen in die Zukunft oder gebe eine Kostprobe aus den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2022\/03\/28\/die-gestohlenen-jahre\/\">&#8220;Gestohlenen Jahren&#8221;:<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2021\/05\/24\/gesund-frei-widerstandig\/\">&#8220;Eins, zwei, drei G, hipp, hipp, hurrah<\/a>, testen, testen, testen, positiv, negativ positiv. Nat\u00fcrlich haben wir das brav getan. Vier, f\u00fcnf, sechs, sieben und dann gab es noch zwei G in der Literatur. Geimpft oder genesen war da die Devise und sollte so sein. Ein hygienisch reiner Text und ganz sterile Immunit\u00e4t. Nur so darfst du dich bewerben und sollst du schreiben. Also, lieber Autor, liebe Autorin, la\u00df dich brav impfen, wenn du im Literaturbetrieb erfolgreich sein willst. Denn sonst bist du out und an den Rand gedr\u00e4ngt. Giltst als literarisch unterbelichtet und wenn du vielleicht auch noch auf eine dieser <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2021\/01\/17\/grosdemo\/\">Corona-Demo<\/a>s gehst, bist du endg\u00fcltig verloren. Giltst als rechter Nazi und wirst ausgeschieden. Also halte dich an unsere Regeln und <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2021\/08\/07\/impfzwang\/\">la\u00df dich dreimal impfen<\/a>. Dann kannst du deinen Text einreichen, darfst ihn vielleicht lesen und sogar gewinnen. Bei den Juroren ist das ebenfalls so. Da gilt auch ein lupenreiner Literaturgeschmack. Nur mehr solches ist gefragt und wird zugelassen. Die Sterilit\u00e4t der Literatur ist unser Forschungsgegenstand. Ist hipp hurrah modern geworden und ich w\u00e4re wieder einmal \u00fcbergeblieben, wenn ich schon geschrieben h\u00e4tte&#8221;, tippte Simon Bauer in den Laptop und atmete tief durch. So w\u00fcrde es gehen. So w\u00fcrde er den Text verfassen und sich damit um den hehren &#8220;Bachmann-Preis&#8221; bewerben von dem er sich erinnern konnte, da\u00df Angela ihm vor f\u00fcnf oder sechs Jahren erkl\u00e4rte, da\u00df das das Eingangstor f\u00fcr junge Autoren in die Literatur sei. Das hatte ihm damals im Gegensatz zu Angela, die er in Verdacht hatte, da\u00df sie heimlich schrieb, nicht sehr interessiert. Hatte nicht im Traum daran gedacht, Literat zu werden. Hatte das im Gegenteil, er gab seine Vorurteile zu, etwas f\u00fcr Schw\u00e4chlinge oder junge Frauen gehalten. Wirtschaftsjurist wollte er damals werden. Die Rektorin der WU hatte das aber verhindert und ihn Anfang Februar 2022 vertrieben. Ein paar Wochen vorher mu\u00dften die Teilnahmebedingungen f\u00fcr den begehrten Preis ausgeschrieben worden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Aber nur mit 2G. Etwas anderes ist nicht zugelassen und wollen wir nicht h\u00f6ren. Schon gar keinen Roman oder Erz\u00e4hlung, die sich kritisch mit der Covid-Situatuin auseinandersetzen. Das werden wird nicht h\u00f6ren. Also keine Schwurblerliteratur, denn die wollen wir nicht lesen und lassen sie nicht zu.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Vorsucht war zu diesem Zeitpunkt h\u00f6chstwahrscheinlich schon unbegr\u00fcndet, denn die hoffnungsvollen Jungautoren und Jungautorinnen, zu denen vielleicht auch ein paar Sprachkunststudeten z\u00e4hlten, waren vermutlich schon so traumatisiert oder angepasst, da\u00df sie nicht im Traum daran dachten, sich kritischh zu diesem Thema zu \u00e4u\u00dfern. Schrieben stattdessen \u00fcber die Erlebnisse ihrer Gro\u00df- und Urgro\u00dfeltern, die diese vor langer Zeit in Sibirien einmal erlebten oder von Blumen und Bienchen. Setzen sich vielleicht \u00fcberhaupt nur mit der Sprache auseinander und geimpft waren sie, wenn sie irgendwo lesen oder ein Stipendium in Anspruch nehmen wollten, sowieso. Das war schon lange selbstverst\u00e4ndlich und keine Frage wert. Die paar Au\u00dfenseiter, die ihre Poetry Slams auf Antima\u00dfnahmen-Demos vortrugen waren out und kamen diesbez\u00fcglich nicht in Frage. Die reichten h\u00f6chstwahrscheinlich gar nicht ein. Drohten h\u00f6chstens sich den Wettbewerb zu entziehen. Den w\u00fcrden sie selbstverst\u00e4ndlich boykottieren, hatten sie vielleicht auf ihren Blog oder auf Facebook, geschrieben. Aber ihn hatte das damals nicht interessiert.  Wenn er ehrlich war, hatte er im J\u00e4nner 2022 von den versch\u00e4rften Teilnahmebedingungen nichts mitbekommen und keine Ahnung gehabt, da\u00df er einen diesbez\u00fcglichen Text verlassen sollte. Die Zeiten hatten sich ge\u00e4ndert. Jetzt konnte, durfte, sollte er dar\u00fcber schreiben. Damals war es verboten gewesen und hatte ihn auch nicht besch\u00e4ftigt. Denn im Juni 2022 , wo der Wettbewerb stattgefunden hatte, war er durch Slowenien getingelt und hatte keine Ahnung von dem Geschehen gehabt. Es hatte ihn so wenig interessiert, da\u00df er die hehre Veranstaltung nicht einmal boykottierte und sich die Lesungen der vollgeimpften Jungautoren, die von Blumen, Bienen und in sch\u00f6ner Sprache von den Erlebnissen ihrer Gro\u00dfv\u00e4ter im zweiten Weltkrieg berichteten, nicht angeh\u00f6rt. Die waren wohl ordnungsgem\u00e4\u00df auf die neue Art und Weise abgewickelt worden, obwohl es da schon wieder Sommerlockerungen gegeben hatte. Kein Wort von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2021\/02\/24\/das-corona-texte-buch\/\">Corona<\/a> und der Ma\u00dfnahmenpolitik. Vom Angriffskrieg der Russen in der Ukraine, der zu diesem Zeitpunkt stattgefunden hatte, war wahrscheinlich schon geschrieben worden. Aber nicht von den Jungautoren, die ihren <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/12\/21\/positiv-negativ-positiv\/\">2G konformen Text<\/a> schon vor Kriegsbeginn einreichen hatten m\u00fcssen. Die jungen Autoren und Autorinnen hatten gel\u00e4chelt und gestrahlt und die Siegerin oder der Sieger, da hatte er noch immer keine Ahnung, wer das gewesen war und musste sich erst informieren, hatte wahrscheinlich mit einer schwarzen oder wei\u00dfen FFP2-Maske versehen, den Juror, der die Laudatio hielt, ein K\u00fcsschen auf die Wange gedr\u00fcckt und von ihm ein solches entgegengenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gratuliere f\u00fcr das keimfreie St\u00fcck 2G-Literatur! So soll es sein und wollen wir es haben!&#8221;, hatte damals wohl der Veranstalter gesagt. Das war jetzt vorbei und l\u00e4ngst vor\u00fcber. Als w\u00e4re es nur ein schlechter Traum gewesen. Man konnte, durfte, sollte dar\u00fcber schreiben. Die Traumatisierungen \u00fcberwinden und das w\u00fcrde er tun, dachte Simon und blickte in den Laptop, der sich mit seinem Text gef\u00fcllt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Karl Kasterer konnte sich freuen und er w\u00fcrde nach Barbara suchen, wenn er nach Wien zu seiner Lesung kam oder vielleicht schon fr\u00fcher. Er w\u00fcrde an Moritz schreiben, der vielleicht noch in der Albertgasse wohnte oder vielleicht auch nicht. Denn die Jahre waren vor\u00fcbergegangen und Moritz und Angela wahrscheinlich mit ihrem Studium fertig, wie das vermutlich auch Barbara war. Die war an ihrer Adresse nicht mehr zu erreichen. Das hatte er in den letzten Jahren irgendwann herausgefunden und geh\u00f6rt, da\u00df ihre Eltern gestorben waren und sie bei ihrer Tante oder Gro\u00dfmutter lebte, von denen er keine Adresse hatte oder wieder falsch. Die Gro\u00dfmutter war Allgemeinmedizinerin. Ihre Ordination w\u00e4re also zu finden. Aber h\u00f6chstwahrscheinlich gab es die Praxis nicht mehr, denn die Gro\u00dfmutter in Pension, wenn nicht Barbara ihre Praxis \u00fcbernommen hatte. Aber ihren Turnus konnte sie noch nicht abgeschlossen haben. So schnell ging sich das nicht aus, dachte er und blickte noch einmal auf den Schirm.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Eins, zwei, drei, vier oder f\u00fcnf G. Wie das auch bei der Impfung war, obwohl wir jetzt schon wissen, da\u00df die vielleicht doch nicht ganz h\u00e4lt, was versprochen worden war. Geimpft, geboostert oder genesen. Nur so kann es sein. Nur so d\u00fcrfen die sch\u00f6nen Worte zu uns dringen. Cero-Covid ist angesagt und unser Ziel, obwohl sogar die Chinesen und die Australier herausgefunden haben, da\u00df das vielleicht nicht m\u00f6glich ist und Omikron, das noch im Juni 2022 herrschte, auch die Geimpften ansteckend. Vielleicht verbreitete sich das Virus also auch im  hehren ORF-Theatersaal. Da aber die jungen Leute nicht schwer erkrankten, machte das nichts aus und da sie alle geimpft und geboostert waren, sowieso nicht. Also viele sterile sch\u00f6ne Worte. Null-Covid der Literatur ist die Losung. Geimpft, geboostert und genesen. Positiv, negativ, positiv soll es sein und ich halte mich ebenfalls daran oder auch nicht. Denn ich bin ein Au\u00dfenseiter, der Literatur und immer noch ungeimpft. Sitze aber trotzdem vor Ihnen, lese Ihnen vor und freue mich, wenn es Ihnen gef\u00e4llt!&#8221;, tippte Simon Bauer in den Laptop und schaute zufrieden vor sich hin.<\/p>\n\n\n\n<p>Und hier gibt es schon einen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/06\/30\/traumtinte\/\">&#8220;Bachmannpreis-Text&#8221;,<\/a> der sich auf 2009 bezieht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Auftakt des heurigen &#8220;Bachmann-Preises&#8221;, der wieder ganz, wie gewohnt in Klagenfurt stattfinden wird, gehe ich ein bi\u00dfchen in die Zukunft oder gebe eine Kostprobe aus den &#8220;Gestohlenen Jahren&#8221;: &#8220;Eins, zwei, drei G, hipp, hipp, hurrah, testen, testen, testen, positiv, &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=118500\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[732,2376],"class_list":["post-118500","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-textbeispiel","tag-bchmann-preis","tag-gestohlene-jahre"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118500","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=118500"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118500\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=118500"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=118500"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=118500"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}