{"id":1257,"date":"2009-05-10T11:55:03","date_gmt":"2009-05-10T09:55:03","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=1257"},"modified":"2009-05-10T11:55:03","modified_gmt":"2009-05-10T09:55:03","slug":"karl-und-das-zwanzigste-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=1257","title":{"rendered":"Karl und das zwanzigste Jahrhundert"},"content":{"rendered":"<p>Als ich vor einigen Jahren Rudolf Brunngrabers &#8220;Heroin&#8221; gelesen habe, das ich au\u00dfer &#8220;Zucker aus Cuba&#8221; und &#8220;Radium&#8221; aus dem B\u00fccherschrank meiner Eltern erbte, habe ich gedacht, da\u00df ein so sachbuchartiger Roman ohne rechten Plot und Spannungssteigerung heute wohl nicht mehr verlegt werden w\u00fcrde.<br \/>\nEr war aber bis zu den F\u00fcnfzigerjahren, glaube ich, sehr bekannt und habe auch alte Hefte der B\u00fcchergilde Gutenberg bzw. Ausschnitte daraus, in denen sein Name sehr oft vorkommt.<br \/>\n &#8220;Zucker aus Cuba&#8221; habe ich ebenfalls gelesen, da gibt es dann mehr Handlung und das ist wahrscheinlich auch der bekannteste Roman. Ruth Asp\u00f6ck hat ihn in ihrer Edition &#8220;Die Donau hinunter&#8221;  noch einmal aufgelegt, ist mit der Brunngraber Tochter Erika befreundet, die auch ein St\u00fcck auf der Radreise vor zwei Jahren mitgefahren ist und immer wieder zu Ruths Veranstaltungen kommt und Ruth wollte, hat sie mir gesagt,  auch eine Brunngraber Biografie schreiben, was sicher wichtig w\u00e4re, denn wenn man  bei Google nachschaut, findet man nicht sehr viel, au\u00dfer den Hinweis, da\u00df Teile der Biografie noch nicht erforscht sind.<br \/>\nDurch den B\u00fccherkasten meiner Eltern bin ich schon sehr fr\u00fch mit dem Namen in Ber\u00fchrung gekommen, habe irgendwann auch von &#8220;Karl und das zwanzigste Jahrhundert&#8221; geh\u00f6rt, mir das Buch von Valerie Szabo-Lorenz, wie schon beschrieben, ausgeborgt, gelesen und zur\u00fcckgegeben.<br \/>\nSehr viel ist, glaube ich, von meiner ersten Badewannenlekt\u00fcre in Harland bei St. P\u00f6lten nicht h\u00e4ngengeblieben. Es ist durch die schon beschriebenen Punkte  nicht leicht zu lesen, obwohl es sehr viel Hintergrundinformation bietet.<br \/>\nUnd der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, die Drei\u00dfigerjahre und wie es zu dem Weiteren gekommen ist, hat mich immer schon interessiert.<br \/>\nJetzt bin ich durch die Besch\u00e4ftigung mit meiner neuen Romanarbeit, bzw. durch ein Radiokolleg vor ein paar Wochen wieder auf das Buch gesto\u00dfen, wollte es mir von Ruth ausborgen und Alfred hat es mir bestellt und so habe ich jetzt die Steidl Ausgabe, aus dem Jahr 1999, nicht die aus der B\u00fcchergilde Gutenberg, die ich wahrscheinlich damals gelesen habe.<br \/>\nMein zweiter Eindruck, des 1933 erschienenen Romans, des 1901-1960 lebenden Autors, historisch interessant, aber ein uns nicht mehr vertrauter Stil,  der Versuch mit sehr pappmacheartig wirkenden Protagonisten aufzuzeigen, da\u00df der Einzelne gegen\u00fcber der Geschichte hilflos ist.<br \/>\nVielleicht ist Brunngraber deshalb in Vergessenheit geraten, wurde er doch, wie auf der R\u00fcckseite steht und mir auch  Ruth erz\u00e4hlte, durch dieses Buch bekannt.<br \/>\nEs beginnt mit einer seitenlangen Analyse der Wirtschaftsdaten aus dem damaligen Amerika und geht erst dann zu dem pers\u00f6nlichen Schicksal des Karl Lakners \u00fcber, der von all dem, von Carl G. Barth,  Rockefeller etc., keine Ahnnung hat, als er 1893 in einem Findelhaus in Hernals zur Welt kommt. Es gibt die als das kleine Weib, genannte Mutter, die sich ihr Leben lang abplagt und fast dabei verhungert, obwohl Karl nach ihrem Tod in einer Schachtel, die inzwischen wertlos gewordenen Geldscheine findet, die er aus dem Weltkrieg brav nach Hause schickte und den versoffenen Vater, der als Stra\u00dfenbahnschaffner regelm\u00e4\u00dfig die zwanzig Gulden Fahrgeld vertrinkt, die er am n\u00e4chsten Dienstag bei seiner Dienststelle abliefern mu\u00df.<br \/>\nKeine sehr gl\u00fcckliche Jungend also im Margareten des Vorvorkriegswien. Karl arbeitet, was er nur kann, in einem Blumengesch\u00e4ft und f\u00fcr eine Pfandleihanstalt und m\u00f6chte Lehrer werden, weil, wie er bei der Aufnahmspr\u00fcfung schreibt, am Ende immer ein reines Herz, ein frommer Wille und eine hohe Idee \u00fcberbleibt.<br \/>\nBrunngraber wird uns im Laufe des Romanes zeigen, wie es damit den Bach hinuntergeht.<br \/>\nAber vorerst absolviert Karl mit Not und M\u00fche das Lehrerseminar, der Staubsauger wird   erfunden und die Vitamine, er bekommt vom Lande Nieder\u00f6sterreich keine Anstellung, weil man keine Lehrer braucht, obwohl er sich bei Eintritt in die Schule verpflichten mu\u00dfte, sechs Jahre lang als Lehrer t\u00e4tig zu sein. Zum Gl\u00fcck kommt der Krieg, den Karl bejaht, wie sp\u00e4ter auch den Anschlu\u00df \u00d6sterreichs an Deutschland, weil man da vielleicht nicht so schnell verhungert und in diesem geht es vorerst auch bergauf. Karl wird Oberleutnant und verwundet und als er 1918 zur\u00fcckkommt, sind die Eltern verstorben, er findet die wertlosen Banknoten und Lehrer braucht die Stadt Wien auch nicht mehr, weil  kriegsbedingt keine Kinder geboren wurden.<br \/>\nEs folgt ein Intermezzo in Schweden und eine M\u00e4nnerfreundschaft, bis es dann in dem  &#8220;Der gepflasterte Weg zur H\u00f6lle&#8221; benannten Abschnitt zum bitteren Finale kommt. Karl schreibt Gesuche und inseriert um zwanzig Schilling, seine gute Ausbildung, die Kriegserfahrung, er war sogar Fliegeroffizier, spricht drei Sprachen und kann gut zeichnen und rennt sich die F\u00fc\u00dfe ab, von einer Arbeitslosenstelle zu der n\u00e4chsten, von der er aber auch nur negative Bescheide bekommt, versetzt den Wintermantel und quartiert sich bei Witwen ein, die er, nachdem sie statt Geld, Liebe von ihm wollen, versch\u00e4mt verl\u00e4\u00dft, um zuletzt bei einem Maler wegen seiner schielenden Augen nackt Modell zu stehen und sich f\u00fcr die Annahme des n\u00f6tigen Wintermantels so sehr sch\u00e4mt, da\u00df er schlie\u00dflich mit den f\u00fcnf Schillingen einer mitleidigen Prostituierten in den Selbstmord rennt.<br \/>\nEin drastischer Roman, der knapp und klar die Vorboten von dem beschreibt und  wissenschaftlich zu erkl\u00e4ren versucht, was sp\u00e4ter geschehen ist. Was fehlt, ist wie  beschrieben, die Handlung.<br \/>\nHeute m\u00fc\u00dfte das Elend sicherlich viel spannender, wahrscheinlich in einer Krimihandlung aufpoliert sein, um Leser zu finden. Man kann aber gut den Unterschied zu der Krise heute sehen. Verglichen mit den Drei\u00dfigerjahren,  geht es uns ja traumhaft gut, wir sind vom Verhungern und der Obdachlosigkeit meilenweit entfernt, werden nur psychologisch durch die Angstger\u00fcchte zugem\u00fcllt, die meisten jedenfalls und in diesem \u00d6sterreich bzw. Europa.<br \/>\nTrotzdem sind es gerade die endlosen Wirtschaftsberichte, die die Krise heute verst\u00e4ndlicher machen. Schade, da\u00df das Buch so vergessen ist, Geschichte l\u00e4\u00dft sich daraus lernen, das spannende Schreiben wahrscheinlich nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich vor einigen Jahren Rudolf Brunngrabers &#8220;Heroin&#8221; gelesen habe, das ich au\u00dfer &#8220;Zucker aus Cuba&#8221; und &#8220;Radium&#8221; aus dem B\u00fccherschrank meiner Eltern erbte, habe ich gedacht, da\u00df ein so sachbuchartiger Roman ohne rechten Plot und Spannungssteigerung heute wohl nicht &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=1257\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-1257","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1257","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1257"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1257\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1257"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1257"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1257"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}