{"id":130071,"date":"2023-03-11T00:56:00","date_gmt":"2023-03-10T23:56:00","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=130071"},"modified":"2023-03-11T00:56:00","modified_gmt":"2023-03-10T23:56:00","slug":"die-inkommensurablen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=130071","title":{"rendered":"Die Inkommensurablen"},"content":{"rendered":"\n<p>Es geht gleich weiter mit der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2023\/03\/01\/der-untergang-einer-kaiserstadt\/\">Weltkriegssliteratur<\/a> und der Kaiserstadt <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/12\/11\/wien-1914\/\">Wien im Juli 1914<\/a> am drei\u00dfigsten Juli um genau zu sein, am Vortag des Kriegseintritts, wo noch unz\u00e4hlige Trauungen stattfanden, die unz\u00e4hlige neunzehnj\u00e4bhrige M\u00e4dchen damit im Voraus zu Witwen machten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein spannender Roman gerade richtig in einer Zeit, wo ich als sogenannte naive Friedensschwurblerin, st\u00e4ndig Bertha von Suttners <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/08\/19\/die-waffen-nieder\/\">&#8220;Die Waffen nieder&#8221;<\/a> und Karl Kraus &#8220;Die letzten <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/12\/12\/die-letzten-tage-der-menschheit\/\">Tage der Menschheit&#8221;<\/a> zitiere.<\/p>\n\n\n\n<p>Richtig, die  1990 geborene Raphaela Edelbauer, eine Sprachkunstabsolvente, die ich auf der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/11\/12\/die-zehnte-buch-wien\/\">&#8220;Buch-<\/a>Wien&#8221; mit ihren ersten ersten experimentellen bei &#8220;Klever&#8221; erschienenen Buch kennenelernte, scheint wirklich eine sehr phantasievolle Autorin zu sein, die alle Grenzen sprengt und vielleicht auch die Zeichen der Zeit mit jeweils einen anderen Stil erkennt und phantastisch beschreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/oesterreichischer-buchpreis\/\">doppeltes<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/deutscher-buchpreis\/\">Buchpreisbuch<\/a>. <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/09\/28\/das-fluessige-land\/\">&#8220;Das fl\u00fcssige Land&#8221;<\/a> hat mir sehr gut gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2021\/04\/07\/dave\/\">&#8220;Dave&#8221;<\/a> mit dem sie den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2021\/11\/08\/preisverleinung-per-radio\/\">\u00d6st <\/a>gewonnen hat weniger und bei der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2023\/01\/19\/der-erste-weltkrieg-aus-raphaela-edelbauers-sicht\/\">Lesung im Literaturhaus <\/a>und dem Gespr\u00e4ch mit <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2018\/05\/01\/alles-muss-man-selber-machen\/\">Daniela Strigl<\/a>, habe ich gedacht hoffentlich macht sie der Erfolg jetzt nicht \u00fcberheblich. Dann bin ich in die Hauptb\u00fccherei zum &#8220;<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2023\/02\/16\/drei-verrissene-bucher\/\">tea for three&#8221;<\/a> gegangen und habe<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/06\/17\/kontinent-doderer\/\"> Klaus N\u00fcchtern<\/a> mit Daniela Strigl \u00fcber das Buch diskutieren geh\u00f6rt und war erstaunt, wie herablassend Klaus N\u00fcchtern das Buch besprach oder sich dar\u00fcber lustig machte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Ein schlechtes Buch!&#8221;, hat er geschimpft und Beispiele angef\u00fchrt und Daniela Strigl, die ich im Literaturhaus eher begeistert fand, hat nur schwach etwas von der expressiven Sprache verteidigt, die die Autorin offenbar f\u00fcr das Buch gefunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt habe ich es gelesen und ich mu\u00df sagen, es ist das Vergn\u00fcgen wert und mit dem Ersten Weltkrieg hat es eigentlich nicht viel oder gar nichts zu tun. <\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich es ist ja erst er letzte Julitag und da ist Wien offenbar au\u00dfer Rand und Band und das kann ich mir vorstellen, da\u00df das damals, wo ich einen knapp zweij\u00e4hrigen Vater und noch keine Mutter hatte, so war. Aber der lebte im Arbeiterbezirk Ottakring und hat von der diesbez\u00fclichen Aufregung vielleicht nicht viel mitbekommen, obwohl ich in seinen Nachla\u00df Postkarten fand, wo der Herr Anton Jantschak an den Herrn Otto und das Fr\u00e4ulein Gretl  <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_miranda.html\">Feldpostkarten<\/a> von der Front schickte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jetzt haben wir erst ende Juli  2014 und da kommt der sechzehnj\u00e4hrige Pferdeknecht Hans aus Tirol nach Wien und kommt da am S\u00fcdbahnhof an, was Klaus N\u00fcchtern sehr bem\u00e4ngelt hat, denn damals ist man wohl am Westbahnhof angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute w\u00e4re das nicht mehr falsch. Vielleicht hat Raphaela Edelbauer, die sich auf das Buch ja sehr gelehrig vorbereitet hat, das ausdr\u00fccken wollen, da\u00df sich alles \u00e4ndert und nichts so bleibt. Der Pferdeknecht kommt also von der Fahrt total \u00fcberm\u00fcdelt an und begibt sich, glaube ich, in die Garnison- oder Landesgerichtstra\u00dfe, um bei Psychoanalytikerin Helene Ceresch in Analyse zu begeben, weil er paralsychologische Ph\u00e4nomene zu haben glaubt, denn oft wiederholt jemand genau den Satz, den er gerade denkt, was ihn beunruhigt. Er legt sich das ins Stiegenhaus, wird von der Analytikerin aufgeweckt, die ihn f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag bestellt und lernt da zwei andere junge Leute kennen, die mit ihm den letzten Tag des Friedens verbringen, n\u00e4mlich Klara, die, glaube ich, achtzehn ist und sich auf ihr Rigorosum in Mathematik vorbereitet und Adam, das ist ein Adeliger, der sich am n\u00e4chsten Tag melden mu\u00df  und sich vorher noch mit der Musik Sch\u00f6nberg besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Personenbeschreibung hat mich damals im Literaturhaus gest\u00f6rt und da habe ich zu Helene Hoffmann gesagt, da\u00df die Frauen, die sich 1914 auf ihr Rigorosum in Mathematik vorbereitet haben, h\u00f6chstwahrscheinlich aus j\u00fcdischen b\u00fcrgerlichen Familien stammten und sich dann ganz sicher nicht mit Tiroler Pferdeknechten abgegeben h\u00e4tten und die w\u00e4ren  h\u00f6chstwahrscheinlich auch nicht  mit ihren parapsychologischen Ph\u00e4nomenen zu einer Psychoanalytikerin gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt glaube ich, da\u00df das genau die Absicht der Autorin war, die Welt des vorletzten Tags geh\u00f6rig durcheinander zu bringen und auf den Kopf zu stellen und nat\u00fcrich war es nicht so oder doch?<\/p>\n\n\n\n<p> Das hat es da und dort wahrscheinlich alles gegeben. Die Sch\u00f6nberg Musik, die Mathematik, die &#8220;Inkommensurablen&#8221;, sind ein solches Ph\u00e4nomen, die Frauen- und Sugrafettenbeweegung und auch das Kanalsystem, wo die Obdachlosen ihre Heimstadt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/01\/19\/unter-den-armen-und-elenden-berlin\/\">Max Winter<\/a> hat Reportagen dar\u00fcber geschrieben und Raphaela Edelbauer hat sie und alles andere  genau studiert und stolpert nun mit ihren drei Helden durch die Stadt. Es geht als nach den Psychoanalytischen Stunden in das Palais von Adams Vater zu einem Diner. Dann gehts aber schon in den Untergrund und in die Zinskaserne, wo die kleine Klara aufgewachsen und nicht gestorben ist. Sie hat stattdessen ihr mathematisches Talent entdckt und Helene kennengelernt und die hat ein sogenanntes Traumcluster aufgebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird als auch in diese Favoritner Zinskaserne gehetzt, denn Klara mu\u00df f\u00fcr ihr Rigorosum Zeugnisse holen. Denn damals war es offenbar verboten, da\u00df zwei Frauen zusammen wohnten.<\/p>\n\n\n\n<p> Ja die Zeiten \u00e4ndern sich, obwohl, f\u00fcgt die Schwurblerin an, sie heute nicht viel weniger verr\u00fcckt sind, wenn auch ein wenig anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gehts zum Rigorosum. Hans ist noch immer todm\u00fcde und kommt nicht zum schlafen. Da werden sie aber von denen, die die M\u00e4nner in den Krieg einberufen wollen, am eintreten gehindert. Denn es gibt angeblich kein Rigosrosum mehr oder doch nat\u00fcrlich. denn Helene und f\u00fcnfzig andere Suffragetten warten schon, werden aber vom Floridsdorfer J\u00e4gerbund daran gehindert und vertrieben und so nimmt Helene Hans in ihr j\u00fcdisch st\u00e4mmiges j\u00fcdisches Elternhaus in Stammersdorf mit, hier scheint die Realit\u00e4t eher zu stimmen und da sieht er das Traumdlort des Traumclusters und erkennt, da\u00df Helene gar keine richtige Psychoanaltikerin ist. Das hatte ich mir da auch schon gedacht, da\u00df <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2017\/06\/25\/auf-den-spuren-sigmund-freuds\/\">Freud <\/a>das anders verstanden hat, denn alles ist nur Suggestion und der sitzen wir ja offenbar sehr gern auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein geniales Buch w\u00fcrde ich sagen, obwohl ich zwischendurch auch nicht ganz sicher war, ob ich Klaus N\u00fcchtern nicht vielleicht doch zustimmen sollte, denn ein bisschen verr\u00fcckt und verdreht ist es schon. Das war aber h\u00f6chstwahrscheinlich auch die Absicht der Autorin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es geht gleich weiter mit der Weltkriegssliteratur und der Kaiserstadt Wien im Juli 1914 am drei\u00dfigsten Juli um genau zu sein, am Vortag des Kriegseintritts, wo noch unz\u00e4hlige Trauungen stattfanden, die unz\u00e4hlige neunzehnj\u00e4bhrige M\u00e4dchen damit im Voraus zu Witwen machten. &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=130071\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1817,4732,6224],"class_list":["post-130071","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-erster-weltkrieg","tag-raphaela-edelbauer","tag-wien-2014"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/130071","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=130071"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/130071\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=130071"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=130071"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=130071"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}