{"id":133900,"date":"2023-06-07T00:34:00","date_gmt":"2023-06-06T22:34:00","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=133900"},"modified":"2023-06-07T00:34:00","modified_gmt":"2023-06-06T22:34:00","slug":"morgentalk-am-hauptbahnhof","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=133900","title":{"rendered":"Morgentalk am Hauptbahnhof"},"content":{"rendered":"\n<p>Andreas Steiner, war wie meist nicht ausgeschlafen, als er kurz nach neun, die Wartezone des Hauptbahnhofs erreichte und sich suchend umblickte, um festzustellen, wie das mit den Securities war.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Ob die Bekannten mit denen er sich regelm\u00e4\u00dfig in der Wartezone traf, da die Notschlafstellen, die er regelm\u00e4\u00dfig ben\u00fctzte, um neun ihre Pforten schlossen und sie erst am Abend wieder er\u00f6ffnenten schon  anwesend waren, um den Tag dort zu verbringen oder totzuschlagen?&#8221;, fragte er sich und sch\u00fcttelte ver\u00e4rgert den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4rgerlich das war es. Er war ver\u00e4rgert und unzufrieden mit sich, hatte er in seinem zweiundvierzigj\u00e4hrigen Leben doch nicht mehr geschafft, als an der Flasche zu h\u00e4ngen, die N\u00e4chte in einer Notschlafstelle zu verbringen und die Tage meistens am Hauptbahnhof, wenn er dort von der Security nicht wegeschaucht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das stimmte nicht so ganz. Denn eigentlich hatte sein Leben recht erwartungsvoll begonnen. War er doch ein guter Sch\u00fcler gewesen, der das Gymnasium mit links geschafft hatte. Danach hatte er Soziologie und nicht Medizin, Jus oder an der Wirtschaftsuni, wie die Aufsteiger studiert, denn er war ein gesellschaftspolitisch engagierter Mensch, der die Welt ver\u00e4ndert wollte, was ihm aber, weil ihm fr\u00fch ein Kind passiert war, nicht gelungen war. Denn die Frau mit der einige Zeit zusammengelebt hatte, war sehr anspruchsvoll gewesen und hatte f\u00fcr sich und das das Kind hohe Forderungen gestellt, die er mit den befristeten Anstellungsverh\u00e4ltnissen, die als Soziloge zu bekommen waren, nicht schaffen konnte. So hatte er, bis die Frau ihm hinausgeschmissen hatte, seine Abend \u00f6fter mit Kollegen und Freunden in Beiseln verbracht, bis er zum Alkoholiker geworden war und Ingrids und des Jugendamts Unterhaltsforderungen erst recht nicht erf\u00fcllen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2020\/03\/15\/hassposting-an-corona-oder-veranstaltungsstop-ii\/\">Corona<\/a> hatte ihm dann den Rest gegeben. Da hatte er seine Wohnung verloren. Von Jobs war schon lange keine Rede mehr und so verbrachte er seine Tage regelm\u00e4\u00dfig in den Wartezonnen am Hauptbahnhof, unterhielt sich mit anderen Sandlern \u00fcber die Beschissenheit des Lebens und versuchte sich von den Securities, die ihn wegscheuchen wollte, nicht erwischen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Hallo, Andi! Auch wieder da, h\u00f6rte er die Stimme des \u00fcbergewichtigen Robert, der sich schon um halb zehn an seine Bierflasche klammerte und ihm zuwinkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ging es ihm etwas besser, denn es gelang ihm meistens sich noch ein paar Stunden zur\u00fcckhzuhalten und in den Notschlafstellen galt ohnehin striktes Alkoholverbot.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Auch wieder da? Der Erwin kommt auch und der Memet und mit ihm wollen wir vielleicht, damit sich die Securities, die sich immer aufregen und uns nach unseren Tickets fragen, nach Bratislava fahren! Kommst du mit? Machen wir eine kleine Spritztour? Da ist das Bier billiger und die Odnungsh\u00fcter lassen  uns auch in Ruhe?&#8221;, fragte der dicke Robert ihn und er sch\u00fcttelte unentschlossen den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Wei\u00df noch nicht! Keine Ahnung!&#8221;, antwortete er z\u00f6gernd und war fast froh, da\u00df er den schon erw\u00e4hnten Erwin auftauchen sah, der ebenfalls eine Bierdose in der Hand hielt und sie mit &#8220;Hallo, Freunde!&#8221;, begr\u00fc\u00dfte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;So sieht man sich wieder! Das ist eine Idee! Verbringen wir den heutigen Sonntag in Bratislava und saufen uns ein wenig an! Denn heute ist ein Feiertag, denn ihr habt gestern sicherlich den Parteitag der SP\u00d6 verfolgt, wo sie ihren neuen Vorsitzenden w\u00e4hlten! Was meinst du dazu, Andi? Du bist doch ein Studierter, ein Obersoziologe und kennst dich da sicher aus! Was sagst du zu der SP\u00d6, die einen neuen Vorsitzenden w\u00e4hlten und dabei eine Frau verscheuchten, weil sie die n\u00e4chste blau-schwarze Regierung verhindern wollen!&#8221;, fragte er ihn und Andreas Steiner sch\u00fcttelte erneut den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Doch!&#8221;, korrigierte er sich dann.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Den Parteitag  habe ich im Fernsehen verfolgt, nat\u00fcrlich,  klar und bei der Mitgliederversammlung habe ich auch gew\u00e4hlt, bin ich doch ein Parteimitglied! Bin immer noch, ein aufrechter Sozialist, der immer noch an das Gute glaubt, auch wenn  mir, wie auch euch, sehr viel schief gelaufen ist, deshalb bin ich auch ver\u00e4rgert  und glaube nicht, da\u00df das billige Bier in Bratislava meinen Frust vertreiben kann! Deshalb bleibe ich,  auch lieber hier und lasse euch allein verreisen!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Was hast du Andi?&#8221;, mischte sich der dicke Robert jetzt wieder ein. <\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Warum bist du ver\u00e4rgert? Weil der Doskozil, der scharfe Polizist und nicht der linke Babler gewonnen hat? Mich hat das gefreut, denn einen Linken will ich nicht als Parteivorsitzenden, obwohl ich ohnehin nicht mehr w\u00e4hlen geh! Aber jetzt habe ich jetzt vergessen, du bist ein Studierter und daher ein Marxist und daher entt\u00e4uscht, da\u00df der Rechte und nicht der Linke gewonnen hat!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Aber der wird die n\u00e4chste schwarz-blaue Regierung verhindern, hat er geschworen, wenn er Bunderskanhzler wird!&#8221;, mischte sich jetzt wieder Erwin ein, der sein Bier ausgetrunken und die Dose in den Mistk\u00fcbel geschmissen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber lassen wir das Politisieren und vertsch\u00fc\u00dfen und zum Fahrscheinautomat! Sehe ich doch die Security anmarschieren, die  sicher unsere Fahrkarten sehen will! Die wollen  wir nicht entt\u00e4uschen! Wir k\u00f6nnen sie aber, wenn euch das freut,  ihrer Meinung zum  Parteitag und dem neuen  Vorsitzenden fragen! Das wird ein Spa\u00df ihre Meinung zu h\u00f6ren und wenn ihnen dazu noch ein gewesener Sohziologe seine erkl\u00e4rt, wird das besonders lustig!&#8221;, sagte er Andreas Steiner herausfordernd ansehend, der wieder den Kopf sch\u00fcttelte und sitzen blieb, w\u00e4hrend sich der dicke Robert  und der glatzk\u00f6pfige Erwin zu den Fahrscheinautomaten entfernten, denn es hatte ihn wirklich sehr ver\u00e4rgert, da\u00df sich wieder der konservative Kanditat und nicht der, der versprochen hatte, sich f\u00fcr alle einzusetzen und daf\u00fcr zu sorgen, da\u00df alle armen Kinder, ihr t\u00e4gliches Mittagessen bekamen, die Wahl gewonnen hatten, was vielleicht f\u00fcr ihn und das Kind, um das er sich, obwohl er ihm nicht viel helfen konnte, gut gewesen w\u00e4re, obwohl es anders rum besser gewesen w\u00e4re, aber vielleicht kann sich das noch \u00e4ndern&#8230;.<\/p>\n\n\n\n<p>So das ist ein Text, den ich Sonntagabend aus Impressionen die ich am Beginn unserer Main-Radreise am Hauptbahnhof und den Ergebnissen der SP\u00d6-Vorsitzenden-Wahl am 3. Juni zusammengestellt habe. Dann ist  am Montag den f\u00fcnften \u00fcberraschend ein Fehler der Ausz\u00e4hlung bekanntgegeben worden, so da\u00df es inzwischen einen anderen Vorsitzenden gibt, wor\u00fcber ich vielleicht bei Gelegenheit einen satirischen Text schreiben kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas Steiner, war wie meist nicht ausgeschlafen, als er kurz nach neun, die Wartezone des Hauptbahnhofs erreichte und sich suchend umblickte, um festzustellen, wie das mit den Securities war. &#8220;Ob die Bekannten mit denen er sich regelm\u00e4\u00dfig in der Wartezone &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=133900\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[5465,6095],"class_list":["post-133900","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-textbeispiel","tag-spoe-parteitag","tag-vorsitzendenwahl"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133900","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=133900"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133900\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=133900"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=133900"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=133900"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}