{"id":135234,"date":"2023-07-09T01:25:46","date_gmt":"2023-07-08T23:25:46","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=135234"},"modified":"2023-07-09T01:25:46","modified_gmt":"2023-07-08T23:25:46","slug":"eine-nacht-die-vor-700-jahren-begann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=135234","title":{"rendered":"Eine Nacht, die vor 700 Jahren begann"},"content":{"rendered":"\n<p>Jetzt kommt ein Buch auf das ich bei der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2023\/01\/12\/diogenes-bloggertreff-und-fruhjahrsprogrammvorschau\/\">&#8220;Diogenes-Fr\u00fchjahrsvorschau&#8221;<\/a> gekommen ist und das im Juni das \u00d61-Buch des Monats war. Ein Buch, das in den F\u00fcnfzigerjahren in Mexiko geschrieben wurde, siebzig Jahre in den USA auf einen Dachboden lag, dann entdeckt wurde und von der Tochter des 1901 in Budapest geborenen Janos Szekely herausgegeben wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Szekely, der Drehbuchschreiber war und den ebenfalls bei &#8220;Diogenes&#8221; erschienenen Roman &#8220;Verlockung&#8221; geschrieben hat, ist 1938 in die USA emigriert, dann vor der Mc Carthy-\u00c4\u00e4ra nach Mexiko gegangen und schlie\u00dflich in die DDR emigriert, wo er 1958 in Ostberlin starb. <\/p>\n\n\n\n<p>Das allein ist schon interessant. Sein Roman, der in einem  offenbar fiktiven ungarischen Dorf  im Sommer 1944 spielt, ist es aus und schlie\u00dft fast nahtlos an P<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2023\/07\/01\/das-lugenlabyrinth\/\">aul Binnerts &#8220;L\u00fcgenlayrinth&#8221;<\/a> an oder auch nicht, denn eigentlich geht es in dem Buch gar nicht so sehr um den Holocaust, sondern um die Unterdr\u00fcckung der ungarischen Bauern, die, wie der Titel schon sagt, vor siebenhundert Jahren begann, denn da wurden die Bauern von den ungarischen Aristokraten unterdr\u00fcckt,  zu Leibeigenen erkl\u00e4rt und mussten zu einem Hungerlohn arbeiten und das hat sich im Jahr 1944, wo die Nazis, die Juden und die Zigeuner, ja, so hat das damals gehei\u00dfen und hei\u00dft es auch im Buch, obwohl das da zweimal entschuldigt wird, deportieren, nicht sehr ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>So beginnt das Buch auch damit, da\u00df der Zigeunerprimas Marci Balogh, der VI, der sehr selbstbewu\u00dft, aber auch sehr skrupellos ist, in das Haus des Bauern Garas kommt, dort die Wanderzigeunerin Julka sucht und sie sehr beschimpft. <\/p>\n\n\n\n<p>Erst in den n\u00e4chsten Kapiteln erf\u00e4hrt man warum. Julka und Marci waren schon auf dem Todesmarsch, sind aber entkommen und haben nun bei Garas Unterschlupf gefunden und Julka ist die Geliebte beider geworden. F\u00fcr Kost und Quartier teilt sie mit dem Bauern das Bett und f\u00fchrt ihm den Haushalt und in den n\u00e4chsten Kapiteln wird erstaunlich einf\u00fchlsvoll der Werdegang Julkas erkl\u00e4rt, die sich durch ihr Leben schlafen  und stehlen mu\u00df, denn was soll sie denn anderes machen, wenn sie keine Arbeit findet?  Sie liest aus der Hand, sagt die Zukunft den &#8220;Gn\u00e4digen Herren und Frauen&#8221; heraus und w\u00fcnscht sich dabei nur eines, einen braven Ehemann und viele Kinder, f\u00fcr die kochen und putzen darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird in dem siebenhunndert Seiten Buch, das ein Nachwort von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/31\/und-was-hat-das-mit-mir-zu-tun\/\">Sacha Batthyany <\/a>hat, der Graf beschrieben, der die Bauern zur Fronarbeit zwingt, der aber im Wahrheit verschuldet ist und von der Bank lebt und sein Schlo\u00df geh\u00f6rt eigentlich dem Nationalsozialisten Lorant Barankay, dem Massenm\u00f6rder, der st\u00e4ndig betrunken ist, seine Frau, Exzellenz genannt, die von unten kommt, lebt im Nebenschl\u00f6\u00dfchen und und das ist wohl ein bisschen unglaubw\u00fcrdig oder wahrscheinlich ein Schelmenst\u00fcck von Janos Szekely, die Geliebte von Marci, der zwischendurch, w\u00e4hrend der Bauer arbeitet, auch Julka besucht und nun in diesem Szenario, es gibt noch eine Familie Rosenberg und eine Stern, die ehemals den Laden und das Gasthaus f\u00fchrten und sich nun verstecken m\u00fcssen, beschlie\u00dfen die Bauern  zu streiken und versuchen das dem Grafen beizubringen.<\/p>\n\n\n\n<p> Es gibt dann noch einige Nebenhandlungen und Verwicklungen und am Schlu\u00df werden alle deportiert, entkommen aber dem Viehwaggon und gehen in einer guten oder ungewissen Zukunft entgegen, was auch ein bisschen phantastisch beschrieben wird und ich habe, obwohl ich das  <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2023\/05\/31\/die-verwandelten\/\">gar nicht mehr wollte<\/a>, ein sehr interessantes Buch gelesen, zu dem ich wieder sehr lange gebraucht habe, das mich und das ist auch sehr interessant, immer auch ein bisschen an unsere chaotische Gegenwart erinnert hat und noch etwas ist interessant und da bin ich wieder bei dem Wort &#8220;Zigeuener,&#8221;, das in dem Buch h\u00e4ufig verwendet werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich, denn die Nazis werden zu ihnen nicht Sinti oder Roma gesagt haben und in den Neunzehnf\u00fcnfzigerjahren war das Wort auch der offizielle Sprachgebrauch,  der Verlag entschuldigte sich, da\u00df sie nicht wu\u00dften welcher Volksgruppe Marci und Julka angeh\u00f6rten und interessant ist da, da\u00df das Manuskript, das auf dem amerikanischen Dachboden gefunden wurde in Englisch war,  obwohl  es Szeklely seiner Frau auf Ungarisch diktiert wurde,  die es dann abtippte und jetzt von Ulrich Blumenbach aus dem Englischen \u00fcbersetzt  wurde und da steht statt Gipsy nun Zigeuner. Die &#8220;Neger&#8221;  sind aber als Schwarze \u00fcbersetzt und interessant finde ich das deshalb, weil ja <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2019\/12\/21\/unhaltbare-zustaende\/\">Alain Claude Sulzer <\/a>vor kurzem Probleme mit der Verlagsf\u00f6rderung hatte, weil in seinen Roman auch das Wort &#8220;Zigeuner&#8221; vorkommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein Buch auf das ich bei der &#8220;Diogenes-Fr\u00fchjahrsvorschau&#8221; gekommen ist und das im Juni das \u00d61-Buch des Monats war. Ein Buch, das in den F\u00fcnfzigerjahren in Mexiko geschrieben wurde, siebzig Jahre in den USA auf einen Dachboden lag, &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=135234\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1534,2889,4235,5390,5924],"class_list":["post-135234","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-diogenes","tag-janos-szekely","tag-neuentdeckung","tag-sommer-1944","tag-ungarn"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/135234","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=135234"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/135234\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=135234"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=135234"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=135234"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}