{"id":1402,"date":"2009-06-06T11:58:08","date_gmt":"2009-06-06T09:58:08","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=1402"},"modified":"2009-06-06T11:58:08","modified_gmt":"2009-06-06T09:58:08","slug":"sophie-hungers-krisenwelt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=1402","title":{"rendered":"Sophie Hungers Krisenwelt"},"content":{"rendered":"<p>Wieder ein aktueller Schreibbericht, weil ich im Literaturgefl\u00fcster auch Ausk\u00fcnfte \u00fcber meine Schreibfortschritte geben will. Erstens ist das eine gute Dokumentation, zweitens freue ich mich immer \u00fcber die Schreibberichte der anderen. Deshalb finde ich Cornelia Travniceks Blog so interessant, weil man da hautnah am literarischen Geschehen mitnaschen kann.<br \/>\nAnni B\u00fcrkl f\u00fchrt ein literarisches Tagebuch, und wenn mir andere Autoren, in diesem Falle sind es Frauen, auf meine Frage, was sie gerade schreiben, antworten, dar\u00fcber spreche ich nicht, hat mich das immer sehr ge\u00e4rgert. Glauben sie, ich schreibe es ihnen etwa weg? Das geht gar nicht, bin ich mir sicher, auch wenn ich \u00fcber mein aktuelles Schreiben schreibe, m\u00fcssen der oder die, die es nachahmen wollen, selber kreativ werden und da kommt am Ende etwas anderes heraus.<br \/>\n\u00dcber die &#8220;Haus&#8221; Entstehung habe ich Anfangs des Jahres schon viel geschrieben und f\u00fcr mich war das sehr interessant. Die Dokumentation des gro\u00dfen Romans, der eine knappe Erz\u00e4hlung wurde, die in ein paar Tagen geliefert wird.<br \/>\nUnd das Schreiben ist da sehr schnell vor sich gegangen und ein bi\u00dfchen anders, als das, was ich sonst so schreibe. Ich war in ein paar Monaten fertig und habe mich dann leer und ausgebrannt gef\u00fchlt.<br \/>\nManische Schreibprozesse kenne ich auch, sie sind bei mir zwar selten. Bei dem Jugendbuch &#8220;Lore und Lena&#8221;, das 1993 entstanden ist, hat mich das Manuskript aber total berauscht und habe es bis aufs Klo mitgenommen und bei der Radfahrt mit dem Alfred und den Francs um den Neusiedlersee die Gruppe ein paar Mal verloren, weil ich so darauf konzentriert war. Das Buch ist zum Teil auch im Autobus, als ich mit dem akademischen Reisedienst vier Tage nach Lemberg und Krakau gefahren bin, entstanden und das ist die Parallelle zur Sophie Hunger, wo ich sehr aktiv in Italien war, f\u00fcnf Szenen in Bozen, zw\u00f6lf auf der Sizilienreise geschrieben habe. Dann habe ich mit dem Schreiben aufgeh\u00f6rt, weil ich es zuerst eintippen und durchlesen mu\u00dfte und das ist jetzt getan. Gestern bin ich fertiggeworden. Derzeit gibts im Rohkonzept dreiundf\u00fcnfzig Seiten und f\u00fcnfunddrei\u00dfig Szenen, wobei ich Szene vierunddrei\u00dfig noch schreiben mu\u00df. Anfang M\u00e4rz war ich v\u00f6llig ausgeschrieben. Ich habe zwar gleich wieder angefangen, irgendetwas treibt mich dazu,  ich bin ja eine besessen Schreibende, habe aber nicht recht gewu\u00dft, was.<br \/>\nSo klar wie beim &#8220;Haus&#8221;, das ich auf dem Campingplatz von Tatranska Lomnica und auf einigen Bergtouren konziperte und dann ein halbes Jahr liegenlie\u00df, bis ich es in ein paar Wochen heruntergeschrieben habe, war es nicht.<br \/>\nDie Idee, da\u00df ich \u00fcber die Wirtschaftskrise schreiben will, ist zwar bald gekommen und ich trage auch ein paar Themen in mir, die ich immer wieder anschreibe, aber noch offen sind.<br \/>\nEin bi\u00dfchen habe ich mich in den Literaturquiz gefl\u00fcchtet und ein paar Wochen vor Ostern bei einem Recherchegang  ein paar Handlungspunkte festgelegt. Der Name Sophie Hunger ist mir auf der Fahrt nach Leipzig eingefallen, als ich vom Spaziergang nach Hause gekommen bin, habe ich eine \u00e4ltere Frau mit zwei kleinen M\u00e4dchen gesehen, das war das Vorbild f\u00fcr die Hertha Werner, die sich um ihre Enkelt\u00f6chter k\u00fcmmert, weil die Mutter ein Messie ist, die von ihrem Mann verlassen wurde.<br \/>\nMeine psychotherapeutischen Fallerfahrungen spielen nat\u00fcrlich auch eine Rolle, das ist sicher eine Ressource, die ich noch nicht gesehen habe, als mich in den sp\u00e4ten Achtzigerjahren Friedl Jary f\u00fcr Radio \u00d6sterreich International in einem Interview darauf ansprach. Und der Postpool interessiert mich nat\u00fcrlich auch. Das ist ja ein Wahnsinn,  wie da mit Menschen umgegangen wird.<br \/>\nDa hatte ich dann schon drei Handlungsstr\u00e4nge. Sophie Hunger wird als freiberufliche Lektorin freigesetzt, so einen Handlungsbeginn gibt es schon bei der &#8220;Begrenzten Frau&#8221;. Aber man schreibt immer denselben Roman, ein Leben lang, das ist das Motto zur &#8220;Die Zusteigerin oder die Reise nach Odessa&#8221;. Dann kam von meinen Literaturquizorgien der Einfall mich mit Vampiren oder anderen Fantasyfiguren zu besch\u00e4ftigen. Die Idee eine Sucht zu beschreiben, ist auch interessant, davon bin ich aber abgekommen. Die Arbeiterbibliothek der Drei\u00dfigerjahre des vorigen Jahrhunderts, die ich von meinem Vater erbte, habe ich auch schon beschrieben. Dann kam das Brunngraber Buch und inzwischen begibt sich die arbeitslose Sophie von ihrem selbstgew\u00e4hlten Winterschlaf auf den Donaukanal und kn\u00fcpft eine Freundschaft zu dem alten Mann, der sich Karl Lakner nennt und aus meiner Wunschvampirin ist die Friedhofsrednerin Franka Stein geworden.<br \/>\nDann gibt es die Seitenstr\u00e4nge, den ausrangierten Postbeamten Felix Baum, der wenig Erfahrungen mit Frauen hat und bei seiner Mutter wohnt, Valerie aber auf ihrer Suche nach Hubert begleitet. Die Idee habe ich von der letzten Reise mitgenommen, den Namen Oswald habe ich gew\u00e4hlt, weil ich in Bozen den Oswaldweg gegangen bin.<br \/>\nDas ist es, alles noch ein wenig vage, die Schneeflockenmethode, die Jackeline Nagel auf ihren <a href=\"http:\/\/schriftsteller-werden.de\">schriftstellerwerden.de<\/a> so propagiert, funktioniert bei mir nicht wirklich. Ich bin eher eine spontane, aber auch schnelle Schreiberin.  Die mit einer Idee beginnt, die ich in mein Notizbuch aufschreibe und sich Szene f\u00fcr Szene vorw\u00e4rtstastet, aber immer nur vier oder f\u00fcnf im Voraus, so da\u00df sich alles noch ver\u00e4ndern kann und das passiert bei diesem Text besonders stark.<br \/>\nDa\u00df ich einen Handlungsfaden brauche, habe ich schon geschrieben. Beim Wiener Stadtroman war es der Tag, zerlegt im Viertelstundenrhythmus, bei der &#8220;Radiosonate&#8221; das einsame Jahr. Hier k\u00f6nnte es Valeries Suche nach Hubert sein, als sie in Budapest angekommen ist, ruft ihre Mutter an und sagt, Hubert kommt zu dir zur\u00fcck und sie antwortet &#8220;Danke sch\u00f6n!&#8221;<br \/>\nWie es mit der Gro\u00dfmutter und Sophie Hunger weitergeht, wei\u00df ich noch nicht so ganz. Vor allem bei den Karl Lakner Szenen h\u00e4nge ich noch ziemlich in der Luft und mu\u00df meine Kreativit\u00e4t spielen lassen.<br \/>\nWas mir in Italien auf jeden Fall gelungen ist, abgesehen von der Titelfindung, vorher ist es unter &#8220;Wirtschaftsroman&#8221; gelaufen, ist, da\u00df ich wieder ein bi\u00dfchen Lust an der Sache bekommen habe. Vorher war ja das Burnout. Anni B\u00fcrkl, aber auch Jacqueline Nagel haben das in ihren Blogs beschrieben. Vorsicht bei den Szenen, die langweilen.  W\u00e4hrend ich mir jetzt vorstellen kann, das Ganze im Sinne des Nanowrimowritings mit  ein bi\u00dfchen Freude und Neugier kommen zu lassen. Trotz anderer Meinungen, bin ich inzwischen schon ein bi\u00dfchen selbstbewu\u00dft und denke, da\u00df ich schreiben kann und ich schreibe ja sehr viel und auch die Tatsache, da\u00df ich jetzt schon fast ein Jahr beinahe t\u00e4glich einen literarischen Artikel fabriziere, ist sicherlich sehr hilfreich.<br \/>\nIch merke ja an meinen Mails oder Befunden, da\u00df mir das leichter, als meinen nicht schreibenden Kollegen f\u00e4llt und es gibt auch die Meinung, alle zehntausend Seiten kommt ein Qualit\u00e4tsvorw\u00e4rtssprung.<br \/>\nAlso auf eine neue spannende Arbeit, bei der ich die immer noch vorhandenen Zensoren im Kopf, weiter loswerden will und mir, was sicher wichtig ist, Zeit lasse, die Figuren und die Handlung kommen zu lassen und nicht vorschnell abzubrechen.<br \/>\nAlfred ist heute wieder f\u00fcr zwei Wochen mit seinem Freund Karl nach Italien gefahren, da kann ich mich neben meiner psychotherapeutischen Praxis in eine Schreibklausur  begeben und da ich das Geschriebene jetzt auch immer ausdrucken und durchlesen kann, bin ich an der Weiterarbeit nicht behindert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder ein aktueller Schreibbericht, weil ich im Literaturgefl\u00fcster auch Ausk\u00fcnfte \u00fcber meine Schreibfortschritte geben will. 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