{"id":143324,"date":"2024-04-18T10:00:41","date_gmt":"2024-04-18T08:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=143324"},"modified":"2024-04-18T10:00:41","modified_gmt":"2024-04-18T08:00:41","slug":"bert-brecht-an-die-nachgeborenen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=143324","title":{"rendered":"Bert Brecht *An die Nachgeborenen*"},"content":{"rendered":"\n<p>An die Nachgeborenen<\/p>\n\n\n\n<p>I<\/p>\n\n\n\n<p>Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!<br>Das arglose Wort ist t\u00f6richt. Eine glatte Stirn<br>Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende<br>Hat die furchtbare Nachricht<br>Nur noch nicht empfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was sind das f\u00fcr Zeiten, wo<br>Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber B\u00e4ume fast ein Verbrechen ist.<br>Weil es ein Schweigen \u00fcber so viele Untaten einschlie\u00dft!<br>Der dort ruhig \u00fcber die Stra\u00dfe geht<br>Ist wohl nicht mehr erreichbar f\u00fcr seine Freunde<br>Die in Not sind?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt<br>Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts<br>Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.<br>Zuf\u00e4llig bin ich verschont. (Wenn mein Gl\u00fcck aussetzt, bin ich verloren.)<\/p>\n\n\n\n<p>Man sagt mir: i\u00df und trink du! Sei froh, da\u00df du hast!<br>Aber wie kann ich essen und trinken, wenn<br>Ich dem Hungernden entrei\u00dfe, was ich esse, und<br>Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?<br>Und doch esse und trinke ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00e4re gerne auch weise.<br>In den alten B\u00fcchern steht, was weise ist:<br>Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit<br>Ohne Furcht verbringen<br>Auch ohne Gewalt auskommen<br>B\u00f6ses mit Gutem vergelten<br>Seine W\u00fcnsche nicht erf\u00fcllen, sondern vergessen<br>Gilt f\u00fcr weise.<br>Alles das kann ich nicht:<br>Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!<\/p>\n\n\n\n<p>II<\/p>\n\n\n\n<p>In die St\u00e4dte kam ich zur Zeit der Unordnung<br>Als da Hunger herrschte.<br>Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs<br>Und ich emp\u00f6rte mich mit ihnen.<br>So verging meine Zeit<br>Die auf Erden mir gegeben war.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Essen a\u00df ich zwischen den Schlachten<br>Schlafen legte ich mich unter die M\u00f6rder<br>Der Liebe pflegte ich achtlos<br>Und die Natur sah ich ohne Geduld.<br>So verging meine Zeit<br>Die auf Erden mir gegeben war.<br>Die Stra\u00dfen f\u00fchrten in den Sumpf zu meiner Zeit.<br>Die Sprache verriet mich dem Schl\u00e4chter.<br>Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden<br>Sa\u00dfen ohne mich sicherer, das hoffte ich.<br>So verging meine Zeit<br>Die auf Erden mir gegeben war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kr\u00e4fte waren gering. Das Ziel<br>Lag in gro\u00dfer Ferne<br>Es war deutlich sichtbar, wenn auch f\u00fcr mich<br>Kaum zu erreichen.<br>So verging meine Zeit<br>Die auf Erden mir gegeben war.<\/p>\n\n\n\n<p>III<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut<br>In der wir untergegangen sind<br>Gedenkt<br>Wenn ihr von unseren Schw\u00e4chen sprecht<br>Auch der finsteren Zeit<br>Der ihr entronnen seid.<\/p>\n\n\n\n<p>Gingen wir doch, \u00f6fter als die Schuhe die L\u00e4nder wechselnd<br>Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt<br>Wenn da nur Unrecht war und keine Emp\u00f6rung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei wissen wir doch:<br>Auch der Ha\u00df gegen die Niedrigkeit<br>verzerrt die Z\u00fcge.<br>Auch der Zorn \u00fcber das Unrecht<br>Macht die Stimme heiser. Ach, wir<br>Die wir den Boden bereiten wollten f\u00fcr Freundlichkeit<br>Konnten selber nicht freundlich sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr aber, wenn es so weit sein wird<br>Da\u00df der Mensch dem Menschen ein Helfer ist<br>Gedenkt unserer<br>Mit Nachsicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bertolt Brecht<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An die Nachgeborenen I Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!Das arglose Wort ist t\u00f6richt. Eine glatte StirnDeutet auf Unempfindlichkeit hin. Der LachendeHat die furchtbare NachrichtNur noch nicht empfangen. Was sind das f\u00fcr Zeiten, woEin Gespr\u00e4ch \u00fcber B\u00e4ume fast ein Verbrechen &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=143324\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-143324","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143324","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=143324"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143324\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=143324"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=143324"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=143324"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}