{"id":1471,"date":"2009-06-26T17:45:53","date_gmt":"2009-06-26T15:45:53","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=1471"},"modified":"2009-06-26T17:45:53","modified_gmt":"2009-06-26T15:45:53","slug":"2-bachmann-lesetag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=1471","title":{"rendered":"2. Bachmann-Lesetag"},"content":{"rendered":"<p>Es ist schon ein Dilemma mit der Literatur oder, wie hei\u00dft schnell die Mehrzahl? Weil ja  schon wirklich alles hunderttausend Mal geschrieben wurde und die vierzehn Autoren und Autorinnen unter ein paar Hundert als die Besten ausgew\u00e4hlt wurden. So sitzen sie nun da und lesen ihre Texte und das ist der \u00fcbers\u00e4ttigten Jury dann auch nicht recht.<br \/>\nHerr Spinnen hat das Alles bei sich selber schon erlebt und geschrieben, der letzte Ankick fehlte und dies oder das ist nun wirklich Literarisch nicht gelungen, ist zu platt, zu trivial, hat den eigenen Anspruch nicht erreicht und so weiter und so fort &#8230;<br \/>\nDa tue ich mir mit meinem sehr offenen Literaturbegriff und meiner Neugier, die,  ich staune selbst dar\u00fcber, nach sechsunddrei\u00dfig Jahren erfolglosen Schreibens immer noch vorhanden ist, wahrscheinlich leichter.<br \/>\nDenn ich gebe mir auch dieses Block-Seminar mit Begeisterung und egal, was man in den Zeitungen oder auf der ORF-Seite demn\u00e4chst lesen kann, das waren heute alles sehr intensive Texte mit \u00e4u\u00dferst brisanten Themen und sprachlich mehr oder weniger k\u00fcnstlich bzw. nat\u00fcrlich erz\u00e4hlt.<br \/>\nEs begann mit Linda Stift, der Cousine von Andrea, die auf ihrem Blog mitzitterte und von der ich sp\u00e4testens nach &#8220;Stierhunger&#8221; sehr begeistert war. Das erste Buch hat mich nicht so ganz beeindruckt, aber auch die Geschichte mit den siamesischen Zwillingen ist sehr dicht erz\u00e4hlt.<br \/>\nKarin Fleischanderl hat sie eingeladen und sich sehr f\u00fcr sie eingesetzt und dann ging es  los &#8220;Mit der Welt der sch\u00f6nen Dinge&#8221;.<br \/>\nMan \u00fcbergibt das Geld im schmalen Quader, schaltet das Handy ab und steigt ein, in den Lastwagen, Rampe zu und da drinnen sind die K\u00fcbel f\u00fcr die Notdurft und es stinkt auch f\u00fcrchterlich.<br \/>\nEinen Moment habe ich an den Film &#8220;Der letzte Zug&#8221; gedacht, bis mir klar wurde, da geht es um zuk\u00fcnftige Asylwerber bzw. Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge mit allen ihren Hoffnungen von der sch\u00f6nen neuen Welt. Sie haben sich neu eingekleidet und tr\u00e4umen nun davon, w\u00e4hrend sie im Dunklen durch die Gegend rattern und irgendwann auch die K\u00fcbel ben\u00fctzen m\u00fcssen, die Frauen genieren sich zuerst, die M\u00e4nner essen ihre Jausenbrote und trinken Schnaps und das alles geschieht im &#8220;Wir&#8221; und man wei\u00df nicht immer so genau, geht es jetzt um einen Mann oder um eine Frau, um Bosnier, Georgier oder Tschetschenen?<br \/>\nAber Hand aufs Herz, wissen wir viel mehr von den Leuten, die ein paar Tage sp\u00e4ter aus dem Lastwagen kraxeln und wollen wir es wissen?<br \/>\nDer Jury hat das aber nicht gepasst und den Text unzul\u00e4ssig genannt. Linda Stift war, glaube ich, ein paar Mal, dem Weinen nahe und Karin Fleischanderl hat sich verzweifelt bem\u00fcht zu erkl\u00e4ren, da\u00df es zwischen Literatur und Realit\u00e4t einen Unterschied gibt und ich habe gerade dieses kollektive &#8220;Wir&#8221; als das Gelungene an dem Text gefunden.<br \/>\nDann kam ein etwas anderer Text, n\u00e4mlich der des Physikers Ralf B\u00f6nt &#8220;Der Fotoeffekt&#8221;, eine neue Art &#8220;Der Vermessung der Welt&#8221;. Und irgendwie, obwohl es schon hundert Jahre fr\u00fcher spielt, zum heutigen Generalthema passte, ging es doch um den Ged\u00e4chtnisverlust durch Quecksilber, den man sich halt zuzog, wenn man damals die Fotografie erfinden wollte.<br \/>\nDie Jury m\u00e4kelte an den sprachlichen Ausdr\u00fccken herum und gab sich dann auch eine  Bl\u00f6\u00dfe, weil sie nat\u00fcrlich nicht so viel von Physik wie Ralf B\u00f6nt versteht und &#8220;Hinter  der Wand&#8221; des in Spanien lebenden Musikers Karl-Gustav Ruch waren wir schon wieder bei einem brisanten Thema.<br \/>\nDa gab es in einem Zinshaus pl\u00f6tzlich seltsame Ger\u00e4usche und man wei\u00df nicht recht, sind das die Nachbarn, der erfolglose S\u00e4nger, Komponist bzw. \u00f6sterreichische Schriftsteller oder die alte Witwe, der entf\u00fchrte Bankdirektor, bzw. die schwarzafrikanischen, mohammedanischen Fl\u00fcchtlinge oder doch die Termiten, die ja angeblich jede spanische Brandmauer aush\u00f6hlen.<br \/>\nAm Nachmittag, nach einer kurzen Google-Urheberdiskussionspause, ging es weiter mit den gro\u00dfen Themen unserer Zeit, die die Literatur sprengen bzw. man dar\u00fcber streiten kann, ob es Kitsch wird, wenn man literarisch dar\u00fcber schreibt.<br \/>\nIn Jens Petersen &#8220;Bis da\u00df der Tod&#8221; chauffiert ein alter oder auch junger Mann namens Alex seine Frau Nana durch die gespenstisch kahle Landschaft in der es von Todessymbolen nur so wimmelt und spricht mit ihr, nur kann sie ihm nicht antworten, weil sie sich offenbar im Wachkoma befindet und es geht um das nicht Sterben k\u00f6nnen, bzw. was man vers\u00e4umt, wenn man diese F\u00e4lle nicht einer Klinik \u00fcberl\u00e4\u00dft. Die v\u00e4terliche M\u00fchle geht verloren und das Restaurant wird von seltsamen Pfadfindern bev\u00f6lkert. Und Alex zieht auch pl\u00f6tzlich eine Pistole aus der Tasche und hat auf einem Zettel aufgeschrieben, wie er vorgehen soll, obwohl er vorhin darauf hinwies, da\u00df er das schon einmal verabs\u00e4umte, als ihm klar wurde, da\u00df er Nanas Reaktion darauf, nicht berechnen kann. Am Schlu\u00df ist Nana tot, Alex Selbstmord wurde aber verhindert und er st\u00fcrzt in Panik davon.<br \/>\nDas hat nun mich ein wenig unbefriedigt zur\u00fcckgelassen, bzw. habe ich es aufgesetzt gefunden, weil man sich ein solches Ende von einem literarischen Text wohl erwartet und die Jury forderte auch noch das bi\u00dfchen mehr dazu.<br \/>\nOder nein, das war schon beim n\u00e4chsten Text, n\u00e4mlich dem von Andreas Sch\u00e4fers &#8220;Auszeit&#8221; in dem es zuf\u00e4llig um etwas \u00c4hnliches ging.<br \/>\nUm einen Piloten n\u00e4mlich, dessen Sohn ermordet wurde und der zu saufen beginnt, als er einen Kollegen sagen h\u00f6rte, &#8220;Also ich an seiner Stelle h\u00e4tte den M\u00f6rder umgebracht!&#8221;<br \/>\nAlles starke dichte Texte heute, das nackte Leben und nicht nur l\u00b4art pour l\u00b4art. Das war gestern bei dem Text &#8220;Bl\u00e4tterliebe&#8221;, dessen Autor heute prompt in allen Zeitungen steht und man dar\u00fcber r\u00e4tselt, ob der verspeiste Text echt oder doch aus Oblaten war?<br \/>\nIch finde es toll, was alles in Klagenfurt passiert und es war ja auch die Klagenfurter Rede aufregend und hat, wie ich gerade im Kulturjournal h\u00f6rte, sehr viel ausgel\u00f6st, obwohl die Politiker die Anklagen erstaunlich gelassen genommen h\u00e4tten.<br \/>\nDas war mein heutiger Kolloquium-Bericht und  heute habe ich  nichts mehr vor, auch nicht den Besuch des Donauinselfestes, das hei\u00dft, wenn ich es schaffe, kann ich mich nat\u00fcrlich mit meiner Schreibwerkstatt besch\u00e4ftigen, denn da habe ich ja jede Menge Anregungen bekommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon ein Dilemma mit der Literatur oder, wie hei\u00dft schnell die Mehrzahl? 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