{"id":1491,"date":"2009-06-30T02:29:25","date_gmt":"2009-06-30T00:29:25","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=1491"},"modified":"2009-06-30T02:29:25","modified_gmt":"2009-06-30T00:29:25","slug":"traumtinte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=1491","title":{"rendered":"Wundersch\u00f6ner Tintentraum"},"content":{"rendered":"<p>Die Tr\u00e4ume sind im Kopf, die Tinte auf dem Schreibtisch, daneben liegt ein Kugelschreiber, der Laptop ist schon startbereit.<br \/>\nDie Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, schrieb Ingeborg Bachmann vor Jahren, heute ist sie es dem Kritiker, dem Publikum und Burkhard Spinnen und der See ist tief und weit. Beim sch\u00f6nsten Betriebsausflug der Literatur ist er herrlich zu durchschwimmen, wenn man das kann und eingeladen wurde, zur Beckmesserei der Meistersingerriege.<br \/>\nAber das werden ja nur vierzehn Auserw\u00e4hlte Jahr f\u00fcr Jahr aus hunderten oder tausenden Texten von Autoren, die sich die Finger wundgeschrieben haben, mit der Tinte aus den Tr\u00e4umen, mit der Tinte aus dem Kopf.<br \/>\nDie Tinte blau, azurro, wie der W\u00f6rthersee, aber den sieht man nicht in der Nacht, beim  Wettschwimmen nach dem Empfang in Maria Loretto.<br \/>\nDie Tr\u00e4ume aus dem Kopf zu Worten und Sprache geformt. Zu einer wundersch\u00f6nen Sprache und dem Bilderreigen, den narzistischen Allmachtsphantasien einer wahren Schriftstellerseele.<br \/>\nRealismus gegen Postmoderne, angetreten in Klagenfurt und der Bl\u00e4tterregen am n\u00e4chsten Morgen ist voll mit den Zynismen der \u00fcbers\u00e4ttigten Gro\u00dfkritiker, die alles schon geh\u00f6rt und  hundertmal gelesen haben und es nat\u00fcrlich  besser wissen!<br \/>\nDie Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, die Tr\u00e4ume sind es nicht. Die wundersch\u00f6nen Tr\u00e4ume des auf der Wiese liegen und beim Kirschenessen mit den Worten spielen. Dabei die Bilder im Kopf entstehen lassen, wie Seifenblasen, die in den Himmel fliegen oder Luftballone in den W\u00f6rtersee.<br \/>\nW\u00e4hrenddessen die Tschetschenen, Georgier und Kosovaren die Lastw\u00e4gen besteigen, nachdem die Banknoten, in der Welt der wundersch\u00f6nen Dinge, im schmalen Quader zur blauen Stunde den Besitzer wechselten.<br \/>\n &#8220;Good night and good luck!&#8221;, bekommen sie zu h\u00f6ren und ab, die Laster ins Wunderland des kollektiven Wirs, das zwar realistisch, aber nicht mehr zul\u00e4ssig ist.<br \/>\nDenn es ist nicht tragbar eine Geschichte so zu erz\u00e4hlen, dem Kritiker nicht zumutbar!<br \/>\nDas wollen wir nicht h\u00f6ren, mahnen streng die Kritikerlippen.<br \/>\nSo einen Austriazismus der Umgangssprache mu\u00df man schon stilisieren, um im sch\u00f6nen W\u00f6rtersee Geltung zu finden oder ist es umgekehrt?<br \/>\nNat\u00fcrlich, selbstverst\u00e4ndlich, das wei\u00df man schon, da\u00df die Leiberln und die Sackerln von der Quadratur des Kreises stammen, von einem esoterisch angehauchten Wunderkind, das es wagte, ohne Ver\u00f6ffentlichung im sch\u00f6nen Klagenfurt zu erscheinen und es dann nicht nur auf die Shortliste, sondern auch zu der zweitgr\u00f6\u00dften Publikumsgunst zu schaffen.<br \/>\nJa, d\u00fcrfen das die Schreiberlinge?, h\u00e4tte der alte Kaiser sicherlich gefragt. Fragen wir es Franz Josef von Trotta in den drei Wegen zum See?<br \/>\nAber um die geht es nicht mit der Tinte aus den Tr\u00e4umen in dem Kopf. Der Traumtinte einer Schreibwerkstatt, w\u00e4hrend die Bl\u00e4tterliebe zu Papier geworden  und aufgegessen ist.<br \/>\nVerspeist im wahrsten W\u00f6rtersinn von einem literaturbesessenen Wortakrobaten.<br \/>\nNa wenn schon, schreibt der Kritiker. Das ist l\u00e4ngsterkalteter Aktionismus aus den Achtzigerjahren und nicht mehr originell. Aufgew\u00e4rmt, \u00fcbergelassen und angebrannt. Das interessiert uns nicht, der Jahrgang hat versagt, der Wein ist nicht gelungen, hat nicht gebracht, was von ihm erwartet wurde.<br \/>\nImmer nur der Realismus der deutsch-deutschen Ostdebatte. Dann kommt noch der Realismus des nicht Sterbenk\u00f6nnens, am Kitsch haarscharf vorbeigeschrammt, der uns in beklemmend schaurigen Bildern den Spiegel vor den Kopf h\u00e4lt.<br \/>\nDie Todessehnsucht der aufgeschlitzten Fischk\u00f6pfe ist zwar das, was uns erwarten wird, in den n\u00e4chsten Jahren, aber heute wollen wir es nicht h\u00f6ren. Nicht hinsehen, weil es uns erschreckt!<br \/>\nAufstehen von der Wiese mit der Wirklichkeit der eigenen, realen Hand, die Haare aus dem Gesicht gestrichen und weggeeilt. Das Wollen und Nichtk\u00f6nnen, weil man sich zu sehr in die Debatte eingelassen hat, da\u00df das Morphium nicht mehr wirkt!<br \/>\nDer Schu\u00df ist nach hinten abgegangen, w\u00e4hrend die Pistole auf den Boden f\u00e4llt, weil ein Zug vor\u00fcberf\u00e4hrt in den kleinsten Bahnhof der Welt der Wirklichkeit, mit der Tinte aus dem Kopf, denn auch das kann die Schreibstadt bieten.<br \/>\nDie Experimente der sch\u00f6nen Worte sind vorbei, heute wollen wir uns dem Realismus widmen und auch nicht. Wir wollen es nicht h\u00f6ren!  Denn nat\u00fcrlich hat der sch\u00f6ne junge Arzt den Preis gewonnen, der mit seinem schnellen Auto in sein geistiges Refugium braust, um die Freiheit der Literatur der starren Intensivmedizin vorzuziehen.<br \/>\nKeine Angst, raunt das Wortgeraschel im Bl\u00e4tterwirbel, wir entkommen nicht der Realit\u00e4t des eigenen Sterbens und wenn wir uns die Wahrheit in den sch\u00f6nen Worten zumuten wollen, haben wir schon viel gelernt.<br \/>\nMit den packendenTodessymbolen einer fahlen Landschaft sind sie gekommen, im sch\u00f6nen Klagenfurt am W\u00f6rtersee, wo man sich seit zweiunddrei\u00dfig Jahren  zum j\u00e4hrlichen Betriebsausflug trifft, um den auserw\u00e4hlten Worten von vierzehn Autoren zuzuh\u00f6ren.<br \/>\nAuserw\u00e4hlt aus ein paar hundert oder tausend Texten, im \u00fcberhitzten Klangtheater oder in der Laube beim Marillenmampfen und Bratw\u00fcrstel essen, wenn vielleicht ein paar Austriazismen am Jahrestag der deutsch-deutschen Einheit zugelassen werden, w\u00e4hrend die abgelehnten Jungautoren vor den Fernsehger\u00e4ten kauern, um den Worten zuzuh\u00f6ren oder sie auch selber auszudenken.<br \/>\nAus den Tr\u00e4umen in den Kopf, auf das Papier zu bringen mit der Tinte, dunkelblau, wie nicht einmal der W\u00f6rthersee und die Sprache kommen lassen, wortgewaltig, wunderbar, um die Kritiker zu erschlagen.<br \/>\nMit dem Papierflieger die bornierte Kritikerstirn treffen, mit der Bl\u00e4tterliebe in den Wortsalat. Die S\u00e4tze in die Kritikerohren geschleudert, wo sie tagelang noch feststecken sollen, in den Ohren und im Hirn.<br \/>\nDas Manuskript ist aufgegessen und im R\u00f6ntgenbild das Blatt gefunden. Papier im hungrigen Autorenmagen, die Worte im Kritikerhirn sind zu Papier geworden und am Anfang gestanden.<br \/>\nAm Beginn die Stille, schreibt der Autor, aus den Tr\u00e4umen eines Fototeilchens mit der Tinte, w\u00e4hrend sich die \u00dcbergebliebenen mit den Fingern die Handmulden blutig dr\u00fccken vor Wut und Zorn. Kritikerworte h\u00f6ren, die nichts verstanden haben, w\u00e4hrend es doch sch\u00f6n war so zu schreiben.<br \/>\nWundersch\u00f6n mit der linken und der rechten Hand, den Federkiel in das Tintenfa\u00df getaucht und die Tr\u00e4ume aufgeschrieben. Herrlich antiquierte Traumtinte flie\u00dfen lassen f\u00fcr die Schreibwerkstatt. Aus den Tr\u00e4umen Wortgebilde formen, die wie Luftballons gegen den Himmel fliegen. In Klagenfurt den See umrunden, zu dem drei Wege f\u00fchren, aber die Bachmann ist ja weggezogen aus der Stadt und hat sie auch nicht sehr geliebt.<br \/>\nAus der Stadt gegangen und die sch\u00f6nen Worte zur\u00fcckgelassen. Die Tinte ist \u00fcbergeblieben, die Traumtinte der <a href=\"http:\/\/www.schreibwerkstatt.de\/schreibwettbewerb-t10941.html\">Schreibwerkstatt<\/a>, die ein bis zweitausend  sch\u00f6ne Worte fordert, die nicht mehr mit der Hand geschrieben werden, weder mit der rechten noch der linken. So befindet sich die Tinte nur mehr in den Tonerschachteln und der Link flie\u00dft papierlos in die Schreibwerkstatt, w\u00e4hrend die Luftballons schon im Himmel sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tr\u00e4ume sind im Kopf, die Tinte auf dem Schreibtisch, daneben liegt ein Kugelschreiber, der Laptop ist schon startbereit. 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