{"id":1665,"date":"2009-08-09T11:22:39","date_gmt":"2009-08-09T09:22:39","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=1665"},"modified":"2009-08-09T11:22:39","modified_gmt":"2009-08-09T09:22:39","slug":"der-ritt-auf-dem-tiger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=1665","title":{"rendered":"Der Ritt auf dem Tiger"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder eine Buchbesprechung, n\u00e4mlich Fritz Habecks 1958 erschienenener Roman &#8220;Der Ritt auf dem Tiger&#8221;, den ich im Herbst auf dem Spratzener Flohmarkt Robert Egelhofer um einen Euro abgekauft habe.<br \/>\nIn meiner B\u00fcchergilde-Bibliothek lagern noch ein paar andere Fritz Habeck B\u00fccher und ich glaube, der 1916 in Neulengbach geborene und 1997 in Baden verstorbene Jurist und Autor hat mich auch mit seinen Jugendb\u00fcchern begleitet. Jetzt habe ich mir diesen Roman hervorgenommen, der das Schicksal einer Wiener Generation, wie auf dem Umschlag steht, von 1880 bis 1955 erz\u00e4hlt.<br \/>\nUnd zwar geht es um die Familie Leichtfried, der Gro\u00dfvater einmal Priesterseminarist, die Gro\u00dfmutter urspr\u00fcglich Nonne, \u00fcbersiedeln nach Wien, wo Karl Leichtfried Volksschullehrer wird, Marie in ihrer K\u00fcche eine N\u00e4hstube errichtet und Sonntags in die Kalvarienbergkirche geht, w\u00e4hrend Sohn Martin ins Gymnasium soll und dort von seinem Lateinlehrer schikaniert wird, weil Arbeiterkinder bei der h\u00f6heren Bildung nichts verloren haben! Kommt mir bekannt vor! So beginnt Karl Leichtfried zu trinken, die Mutter stirbt, die Schwester Grete geht in den Telefondienst, hat den Kopf voller M\u00e4nner, wird sich sp\u00e4ter scheiden lassen und schlie\u00dflichen einen Bombenangriff nicht \u00fcberleben und Martin, der Komponist werden will und Jus studiert, verachtet die Welt und die Menschen, f\u00fchlt sich als Deutscher und tr\u00e4umt von der Vereinigung.<br \/>\nEs gibt eine herrliche Szene, wo Karl Leichtfried mit dem Nachbarn Erlebach, dessen Tochter Fanny Martin sp\u00e4ter heiraten wird, zum Heurigen geht und dort die Majest\u00e4t beleidigt, vernadert wird und von einem gem\u00fctlichen Beamten verwarnt wird, der ihm erz\u00e4hlt, &#8220;da\u00df die Jugend nicht alles besser wissen soll und der alte Kaiser nicht das Schlechteste ist!&#8221; und eine, wo Fanny, die Schopenhauer liest und sich als Frau verwirklichen will, eine Stelle als Kinderm\u00e4dchen in England sucht, sich bewirbt, auch eine Antwort von einer Missis Summerfield bekommt, die der Bruder Georg, der an der technischen Hochschule studiert, \u00fcbersetzen soll, das aber so w\u00f6rtlich tut, da\u00df die Gro\u00dfmutter Missis Summerfield f\u00fcr verr\u00fcckt h\u00e4lt und Vater Erlebach die unm\u00fcndige Tochter nicht ziehen lassen will.<br \/>\nDie praktische Fanny holt sich aber eine zweite \u00dcbersetzung, f\u00e4hrt nach England, lernt dort einen alten Schriftsteller kennen, von dem sie eine Kleinigkeit erbt, das sie in Aktien anlegt, die sie sp\u00e4ter verlieren wird.<br \/>\nDenn es kommt der erste Weltkrieg, Martin wird eingezogen und verletzt, verliert fast sein Bein und wird von der skeptischen j\u00fcdischen \u00c4rztin Ruth Flesch gerettet, die in Auschwitz ihr Leben verlieren wird, weil Fanny sie zwar vorher in ihrer Wohnung versteckte, ihr nationalsozialistischer Bruder sie dort aber findet.<br \/>\nAber vorerst vermittelt die rothaarige \u00c4rztin die Ehe zwischen Fanny und Martin, Martin wird vom Kriegsdienst entlassen und, wie er es der Mutter am Sterbebett versprochen hat, zum hinkenden roten Richter, der sich erst lange in einem Ort namens Lettenbach herumschlagen mu\u00df, es sich dort mit den Honoratioren verscherzt und als Richter so wenig verdient, da\u00df Fanny ein Kurzwarengesch\u00e4ft errichten mu\u00df, was sie als Richtersgattin eigentlich nicht darf.<br \/>\nDer Sohn Erich Goeffry wird geboren und \u00d6sterreich von den Deutschen besetzt. Zuerst war da aber noch der Austrofaschismus und Erich, der gern Krieg spielte, beteiligte sich am 12. Februar, die Familie wohnt inzwischen im Karl-Marx-Hof und wird von seinem Vater zur\u00fcckgeholt, sp\u00e4ter wird er eingezogen, lernt die Berlinerin Gerda kennen, die das S\u00f6hnchen Tillmann gebiert, w\u00e4hrend Martin Strafrichter wird, der keine Todesurteile unterschreibt, was den Verurteilten zwar nichts hilft und Martin, als der Spuk vor\u00fcber ist,  sich aber immer noch als Deutscher f\u00fchlt, niemand glauben will, da\u00df er kein Nationalsozialist war.<br \/>\nEr war ein Philosoph, las und schrieb, verliert aber die Ergebnisse seiner Forschungen durch die Kriegswirren und Erich zieht, von der amerikanischen Gefangenschaft zur\u00fcckgekommen, mit seiner Gerda nach Essen, wo ihn Martin und Fanny 1955 besuchen, sich in dem Stahlwerk, wo er Direktor ist, herumf\u00fchren lassen, den Bungalow mit Fernsehapparat und der besten Architektur bewundern, in dem Erich mit seiner Familie wohnt und Martin wird, als er sich Essen auch zu Fu\u00df anschauen will, siebzigj\u00e4hrig, von einem Vierzehnj\u00e4hrigen zusammengeschlagen, weil, wie der Kulturkritiker Ralph Abt in einer Zeitung zynisch nachweisen will, &#8220;Die sogenannten \u00dcbergriffe Jugendlicher nur auf das Konto der Erwachsenen und ihrer \u00fcberlebten autorit\u00e4ten Vorstellungen zu erkl\u00e4ren sind!&#8221;<br \/>\nWas das sechzig Jahre alte Buch wieder sehr aktuell erscheinen l\u00e4\u00dft, wurde ja vor ein paar Tagen ein Vierzehnj\u00e4hriger bei einem Einbruch im Merkur-Markt Krems von der \u00fcberforderten Polizei erschossen und die Kommentare in den Zeitungen lauteten sehr \u00e4hnlich.<br \/>\nMartin erleidet einen Sch\u00e4delbruch, der Arzt ist skeptisch, er h\u00e4lt sich aber selber eine Todenrede, in der er den Zustand dieser Welt beschw\u00f6rt, die ihren Protagonisten nichts erspart und wie ein Ritt auf dem Tiger ist.<br \/>\n&#8220;Am Ende wirst du unweigerlich aufgefressen!&#8221; und \u00fcberlebt, so da\u00df er im letzten Kapitel mit seinem Enkel Till fischen geht.<br \/>\nEin interessantes Buch, vor allem f\u00fcr eine, die sich sehr f\u00fcr die Vergangenheit interessiert und die erste Wirtschaftskrise mit der zweiten vergleichen will und erstaunlich aktuell und lebendig geschrieben.<br \/>\nEin paar andere Habeck B\u00fccher warten noch auf mich, aber jetzt gehts wahrscheinlich doch zum &#8220;Lagerfeuer&#8221;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt wieder eine Buchbesprechung, n\u00e4mlich Fritz Habecks 1958 erschienenener Roman &#8220;Der Ritt auf dem Tiger&#8221;, den ich im Herbst auf dem Spratzener Flohmarkt Robert Egelhofer um einen Euro abgekauft habe. 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