{"id":1681,"date":"2009-08-13T18:37:00","date_gmt":"2009-08-13T16:37:00","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=1681"},"modified":"2009-08-13T18:37:00","modified_gmt":"2009-08-13T16:37:00","slug":"lagerfeuer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=1681","title":{"rendered":"Lagerfeuer"},"content":{"rendered":"<p>Nach der gestrigen Diskussion mit meiner Stammleserin Maria Heidegger und einigen Vorerfahrungen, werde ich aus der Sophie doch eine Marie machen, klingt ja auch sehr sch\u00f6n und dann habe ich &#8220;Lagerfeuer&#8221; ausgelesen.<br \/>\n&#8220;Lagerfeuer&#8221; ist der dritte Roman der 1970 in Ostberlin geborenen Julia Franck, die 1978 mit ihrer Familie in den Westen kam und einige Zeit im Notaufnahmelager Marienfelde lebte, 2000 hat sie beim Bachmannpreis gewonnen, 2007 war sie mit der &#8220;Mittagsfrau&#8221; Gewinnerin des deutschen Buchpreises. Diesen Roman habe ich zu Ostern gelesen und dann kenne ich noch den Geschichtenband &#8220;Bauchlandung&#8221; von ihr.<br \/>\nJedes der B\u00fccher, hat, glaube ich, einen eigenen Stil. Ostberlin und die ehemalige DDR spielen in allen eine gro\u00dfe Rolle und &#8220;Lagerfeuer&#8221; w\u00fcrde ich als Episodenroman bezeichnen, gibt es da ja vier Handlungsstr\u00e4nge, vier Ich-Erz\u00e4hler, die die Geschichte von dem Lager Marienfelde in abwechselnden Kapiteln mit sch\u00f6n klingenden Titeln vorantreiben.<br \/>\nSo ist &#8220;Nelly Senff f\u00e4hrt \u00fcber eine Br\u00fccke&#8221;  das erste. Nelly Senff ist auch die Hauptperson. Eine sch\u00f6ne junge Frau, die mit ihren zwei Kindern und einem Mann namens Gerd die DDR verl\u00e4\u00dft und im Aufnahmelager landet.<br \/>\nVorher wird sie verh\u00f6rt, untersucht und ausgezogen und nach dem Passieren der Grenze wiederum von den Geheimdiensten empfangen. Sie lebt im Lager mit wenig Geld, mu\u00df zur Arbeitsvermittlungsstelle und ihren Kindern erkl\u00e4ren, da\u00df sie ihnen nicht immerfort neue Schuhe und Barbiepuppen kaufen kann.<br \/>\nEs gibt sehr realistische Schilderungen des Lagerlebens und der Schwierigkeiten, die die Leute haben, die in diesem Fall vom Osten kommen, am eindrucksvollsten wird das in dem Kapitel beschrieben, in dem  Nellys Sohn Aleksej von seinen Mitsch\u00fclern als Ostpocke beschimpft und zusammengeschlagen wird, ins Krankenhaus mu\u00df und sie vom Arzt belehrt wird, da\u00df Aleksej Untergewicht und L\u00e4use hat, er ihr den Hergang der Geschichte nicht glauben und zur Anzeige bringen will, weil Dr. Bender, wie Nelly es nennt, in einer anderen Welt lebt, dann erscheint eine elegante Dame im Reitanzug mit ihrem Sohn Olivier, der sich bei Aleksej entschuldigen soll, obwohl er bei der Sache gar nicht angefangen hat und legt ein P\u00e4ckchen mit Schleife auf das Krankenbett, in der eine Pipi Langstrumpf Kassette ist, aber leider gibt es im ganzen Lager kein Abspielger\u00e4t.<br \/>\nDie anderen Ich-Erz\u00e4hler sind die dicke Pelz tragende Polin Krystyna Jablonowska, die ihr Cello verkaufte und mit ihrem Vater und Bruder Jerzy nach Marienfelde kam, weil man nur im Westen seinen Krebs behandeln kann. Jerzy stirbt trotzdem, Krystyna wird Aushilfe in einem Schnellrestaurant und verl\u00e4\u00dft den alten Vater, der den ganzen Tag im Etagenbett liegt und von seiner Vergangenheit als Eint\u00e4nzer tr\u00e4umt.<br \/>\nDann gibt es den geheimnisvollen Hans Pischke im Gl\u00fcck, der nie das Lager verl\u00e4\u00dft und nur selten pinkeln geht, weil er sich von seinen Nachbarn, einem Ehepaar mit Kind, gest\u00f6rt f\u00fchlt. Hans ist mi\u00dftrauisch und stellt dem Geheimdienst Fallen, wird von Grit Mehring vernadert, der Stasi angeh\u00f6rt zu haben, bekommt pl\u00f6tzlich eine vierzehnj\u00e4hrige Tochter, f\u00fcr die er sorgen soll,  f\u00e4ngt aber auch im Waschhaus ein neues Gl\u00fcck mit  Nelly an und als vierte Ich-Figur gibt es den CIA-Agenten,  John Bird, der mit seiner Frau Eunice nicht viel anfangen kann, von Nelly Senffs fruchtigen Geruch benebelt wird und von einer gro\u00dfen Karriere im Geheimdienst tr\u00e4umt.<br \/>\nWie schon erw\u00e4hnt, es gibt sehr realistische Szenen, in denen man sich das Lagerleben  gut vorstellen kann. Dann wird es aber immer wieder un\u00fcbersichtlich, so da\u00df es manchmal m\u00fchsam ist, der Handlung zu folgen.<br \/>\nDie Verfolgungsphantasien der Bewohner spielen eine gro\u00dfe Rolle, so taucht pl\u00f6tzlich ein geheimnisvoller Dr. Rothe vom B\u00e4renclub auf, der Nelly Senff helfen will, aber mit spitzen Gegenst\u00e4nden hantiert, Hans Pischke hilft der Nachbarin beim Sterben und Nelly Senff verschwindet mit John Bird in einem Hotel, obwohl der ja mit Lagerbewohnern keinen Kontakt haben darf und am Ende wird es ganz grotesk, da wird in Marienfelde n\u00e4mlich Weihnachten gefeiert.<br \/>\nEs gibt Gans f\u00fcr alle mit Rotkraut und Kl\u00f6\u00dfen soviel man mag, die Lagerbewohner str\u00f6men in die Kantine, am Eingang steht die Leiterin und reicht jeden die Hand und auf der B\u00fchne steht Dr. Rothe mit seiner Frau, die zuf\u00e4lligerweise Oliviers Mutter ist und verk\u00fcndet stolz, wem allen der B\u00e4renclub schon mit wieviel geholfen hat.<br \/>\nEs gibt einen Sack Geschenke f\u00fcr die Kinder, die sie bekommen, wenn sie vorher ein Gedicht aufsagen. Katja Senff singt von H\u00e4nsel und Gretel und der b\u00f6sen Hexe, Aleksey das &#8220;Lied von der Freude&#8221; und Hans Pischkes Tochter Dooren mu\u00df am Ende gar nichts mehr sagen, stolpert mit ihrem Geschenk \u00fcber den Weihnachtsbaum, so da\u00df dieser zu brennen beginnt und man erf\u00e4hrt, warum der Roman &#8220;Lagerfeuer&#8221; hei\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der gestrigen Diskussion mit meiner Stammleserin Maria Heidegger und einigen Vorerfahrungen, werde ich aus der Sophie doch eine Marie machen, klingt ja auch sehr sch\u00f6n und dann habe ich &#8220;Lagerfeuer&#8221; ausgelesen. &#8220;Lagerfeuer&#8221; ist der dritte Roman der 1970 in &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=1681\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-1681","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1681","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1681"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1681\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1681"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1681"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1681"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}