{"id":1749,"date":"2009-08-23T23:23:06","date_gmt":"2009-08-23T21:23:06","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=1749"},"modified":"2009-08-23T23:23:06","modified_gmt":"2009-08-23T21:23:06","slug":"die-gleichgultigen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=1749","title":{"rendered":"Die Gleichg\u00fcltigen"},"content":{"rendered":"<p>Auf der Hofp\u00fcrglh\u00fctte habe ich an diesem Wander-Wochenende &#8220;Die Gleichg\u00fcltigen&#8221;, des 1907 geborenen und 1999 verstorbenen, italienischen Dichters Alberto Moravia zu Ende gelesen, eine Aufbau-Verlag Ausgabe aus dem Jahr 1979, die Alfred von seinen DDR Aufenthalten nach Hause brachte, ein besonderes Detail der Lesegeschichte des 1929 erschienenen Debutromanes eines Zweiundzwangj\u00e4hrigen, der mit dieser psychologischen Charakterstudie \u00fcber Nacht ber\u00fchmt wurde.<br \/>\nIm Klappentext der DDR Ausgabe wird angemerkt, da\u00df der Roman, obwohl er mit keinem Wort die Politik erw\u00e4hnt, als gr\u00fcndliche Verdammung der faschistischen Diktatur zu verstehen ist und ich war, wie schon geschrieben, von den starken Bildern und der pr\u00e4zisen Beschreibung der Mutter Mariagrazia, die mit ihren Kindern, der f\u00fcnfundzwanzig\u00e4hrigen Tochter Carla, dem wahrscheinlich  j\u00fcngeren Sohn Michele, ihrem Liebhaber Leo und ihrer dicken Freundin Lisa, in einer gutb\u00fcrgerlichen Villa, am Rande Roms, ein gutb\u00fcrgerliches Leben zu leben versucht, sehr beeindruckt.<br \/>\nMan speist, plaudert, zieht sich um und plant die Abendgestaltung, Tantztees, Theaterbesuche, B\u00e4lle, obwohl das nicht so einfach ist, denn das Pirandello St\u00fcck &#8220;Sechs Personen suchen einen Autor&#8221; w\u00e4re zwar sehr interessant, kann aber von Mariagrazia nicht besucht werden, da es sich um eine Volksvorstellung handelt.<br \/>\nMariagrazia spricht ihren Liebhaber, den offensichtlich wohlhabenden Gesch\u00e4fts- und Lebemann Leo Merumeci per &#8220;Sie&#8221; und mit seinen  Nachnamen an, gleichwohl macht sie ihm st\u00e4ndig Vorhaltungen und ist sehr eifers\u00fcchtig.<br \/>\nBerechtigt, denn der Liebhaber hat nichts anderes im Kopf, als die sch\u00f6ne Carla zu verf\u00fchren, die ihrerseits an ihrem Geburtstag beschlie\u00dft, ihr Leben zu ver\u00e4ndern, aus den b\u00fcrgerlichen Bahnen auszubrechen und sich Leo hinzugeben. Dann gibt es noch Michele, Student wahrscheinlich, der herausbekommen hat, da\u00df die Familie ruiniert, d.h. von Leo abh\u00e4ngig ist und ihm das mit einer Hypothek belastete Haus, wahrscheinlich \u00fcberlassen mu\u00df &#8230;<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag wird Carlas Geburtstag gefeiert, Leo kommt mit einem teuren Geschenk und zwei Flaschen Sekt, mit denen er Carla betrunken machen will, um sie leichter in sein Bett zu bekommen.<br \/>\nEs wird getafelt und die Geburtstagstorte gegessen, die Mutter w\u00fcnscht sich einen reichen Ehemann f\u00fcr die Tochter, aber wer heiratet ein armes M\u00e4dchen?<br \/>\nDa gibt es zwar die reiche Familie Berardi mit ihren Sohn Pippo, die die Mutter auf ihren Ball einl\u00e4dt, aber Carla will sich ja mit Leo im G\u00e4rtnerh\u00e4uschen treffen, der spinnt im Kopf die sch\u00f6nsten Phantasien der Verf\u00fchrung, die in der Realit\u00e4t daran scheitern, da\u00df die betrunkene Carla kotzen und die Verf\u00fchrung bis nach dem Abendessen verschoben werden mu\u00df.<br \/>\nW\u00e4hrend man sich auf den Ball bei den Berardis vorbereitet, zerstreitet sich die eifers\u00fcchtige Mutter mit Lisa, die Michele, den sie verf\u00fchren will, erz\u00e4hlt, da\u00df sie Carla auf Leos Scho\u00df sitzen sah.<br \/>\nDer kauft sich einen Revolver, schmiedet den Plan, Leo umzubringen und phantasiert, wie er sich vor Gericht verteidigen wird, bevor er in Leos Wohnung f\u00e4hrt und dort prompt Carla im Schlafzimmer trifft. Er schie\u00dft, nur leider hat er die Patronen vergessen, Leo bietet Carla die Heirat an, die sie auch bereit ist, anzunehmen, aber jetzt will Michele sie daran hindern, hat er ja in seinen Phantasien, um die Villa und den Wohlstand nicht zu verlieren, Leo Carla l\u00e4ngst als Geliebte angeboten.<br \/>\nEin starkens Buch in einer starken Sprache, mit sehr beeindruckenden  immer noch aktuell erscheinenden Bildern, obwohl sich  inzwischen nicht nur das Frauenbild, sondern auch der reale Sozialismus  ver\u00e4ndert hat.<br \/>\nMoravias M\u00e4nnerphantasien spiegeln zwar durch und auch seine Vorstellung von Moral, interessant ist aber trotzdem, da\u00df Carla  nicht nur als verf\u00fchrtes Opfer, sondern auch in ihrer Lust an der Verf\u00fchrung beschrieben wird.<br \/>\nEin bi\u00dfchen langatmig wirkt das Buch vielleicht.  Zuviele Beschreibungen, zuviele Phantasien, wo wir heute ja viel schneller und viel abgebr\u00fchter sind.<br \/>\nDie psychologische Studie mit ihren starken Bildern besticht aber immer noch und auch die starke Gesellschaftskritik, die es schafft, die Mi\u00dfst\u00e4nde aufzuzeigen, ohne das Wort Politik zu erw\u00e4hnen. Moravia macht es  in Andeutungen, in dem er in einem Nebensatz erw\u00e4hnt, da\u00df sich die bankrotte, in Geldfragen unerfahrene, boshafte, z\u00e4nkische Mutter, nicht unters  Volk mischen und sich daher auch in keine Mietwohnung begeben will.<br \/>\nDer b\u00fcrgerliche Schein wird mit allen Mitteln, auch mit denen der Illusion, versucht aufrecht zu erhalten. Es wird verf\u00fchrt, gelogen und betrogen in dieser Gesellschaft der Gleichg\u00fcltigen, am Ende  verkleiden sich  alle in ihre sch\u00f6nsten Masken und fahren zum Ball, um ihr Leben und ihre Liebhaber zu genie\u00dfen.<br \/>\nUnd weil wir wieder eine Wirtschaftskrise haben und sich die Gesellschaft, wie man h\u00f6rt,  zu einem konservativen Bild zur\u00fcckentwickelt, ist dieser 1929 geschriebene Roman wirklich zu empfehlen, so da\u00df ich nur raten kann, nachzusehen, ob er nicht  ungelesen im  B\u00fccherregal steht, bzw. sich antiquarisch oder auch in einer aktuellen Ausgabe erwerben l\u00e4\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Hofp\u00fcrglh\u00fctte habe ich an diesem Wander-Wochenende &#8220;Die Gleichg\u00fcltigen&#8221;, des 1907 geborenen und 1999 verstorbenen, italienischen Dichters Alberto Moravia zu Ende gelesen, eine Aufbau-Verlag Ausgabe aus dem Jahr 1979, die Alfred von seinen DDR Aufenthalten nach Hause brachte, ein &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=1749\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-1749","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1749","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1749"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1749\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1749"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1749"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1749"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}