{"id":1945,"date":"2009-09-14T00:01:15","date_gmt":"2009-09-13T22:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=1945"},"modified":"2009-09-14T00:01:15","modified_gmt":"2009-09-13T22:01:15","slug":"ich-bin-ein-hugel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=1945","title":{"rendered":"Ich bin ein H\u00fcgel"},"content":{"rendered":"<p>Ein Bericht \u00fcber Friederike Kretzens &#8220;Ich bin ein H\u00fcgel&#8221;, eines meiner Ein-Euro-Buchlandungsb\u00fccher, mit dem ich gerade fertiggeworden bin. Rezension, Besprechung, Leseeindruck?<br \/>\nDa gibt es ja ein Buch des Literaturwissenschaftlers Stephan Pomolka &#8220;Kritiken schreiben&#8221;, das <a href=\"http:\/\/leselustfrust.wordpress.com\">Leselustfrust <\/a>gelesen hat und daran hat sich eine rege Diskussion entfacht, was Blogger eigentlich schreiben?<br \/>\nIch bin darauf gekommen, da\u00df ich meine Besprechungen zwar Rezensionen nenne, weil das kompetent klingt, sie aber als spontan subjektive Leseeindr\u00fccke verstehe. Wo ich leicht und locker \u00fcber das Gelesene dar\u00fcberfl\u00fcstern will. Berufskritikerin bin ich ja keine.<br \/>\nWohl kann aber die Autorin aus den B\u00fcchern anderer f\u00fcr ihr Schreiben lernen und soll sie solcherart lesen und da eignet sich &#8220;Ich bin ein H\u00fcgel&#8221; auch bestens.<br \/>\nIst die 1956 in Leverkusen geborene Friederike Kretzen, die Soziologie und Ethnologie studierte, w\u00e4hrend ihres Studiums eine Theatergruppe aufbaute und sp\u00e4ter Regieassistentin und Dramaturgin war, ja seit einigen Jahren Tutorin beim Klagenfurter Literaturkurs.<br \/>\nDas 1998 erschienene Buch, ich habe die dtv-Ausgabe von 2001, die Bezeichnung Roman, f\u00e4llt mir etwas schwer, ist die Pubert\u00e4tsgeschichte eines dicken Kindes von armen Eltern, das in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, eine h\u00f6here T\u00f6chterschule einer westdeutschen Chemiemetropole besucht. Eines dicken und unansehnlichen M\u00e4dchens, dessen Vater an Tuberkulose leidet, weil ihm zehn Jahre nach dem Krieg eine Kugel aus der Schulter herausgewachsen ist, so da\u00df eine Lungenfunktion stillgelegt werden mu\u00dfte.<br \/>\nDeshalb stehen am Speicher nicht nur die Koffer mit den hellgr\u00fcnen Bett\u00fcchern, die zur Aussteuer der Mutter geh\u00f6ren, sondern auch die v\u00e4terlichen R\u00f6ntgenaufnahmen mit den schwarzen L\u00f6chern und w\u00e4hrend die Ich-Erz\u00e4hlerin die Aufmerksamkeit der Mutter sucht, weil die nur Zeit f\u00fcr das F\u00fcttern des Papageis hat, w\u00fcnscht sie sich, da\u00df ihr jemand sagen w\u00fcrde, sie sei sehr nett!<br \/>\nSie w\u00e4re auch gern in einem Internat und w\u00fcrde reiten lernen oder,  wie Hanni und Nanni aus ihren M\u00e4dchenb\u00fcchern, Tee trinken und Sardellenbr\u00f6tchen essen.<br \/>\nBesucht aber, wie bereits erw\u00e4hnt, die h\u00f6here Schule f\u00fcr Frauenbildung, wo sie Franz\u00f6sisch, Kochen, Fechten und Handarbeiten lernt und  sich ziemlich einsam unter den \u00c4rztet\u00f6chtern mit dem Mathematiklehrer Schreck, der einmal Offizier gewesen ist  &#8220;Sp\u00e4ter meine Damen k\u00f6nnt ihr eure Rechenaufgaben euren M\u00e4nnern \u00fcberlassen, jetzt versuchen Sie es selber!&#8221; und der Deutschlehrerin, die ihre Gedichtinterpretationen \u00fcbertrieben findet, herumqu\u00e4lt, w\u00e4hrend die Griechin Vicki &#8220;Ein Schiff wird kommen!&#8221;, singt, der Sinn der Mondfahrt zu begr\u00fcnden ist und Lex Barker in den Winnetou-Filmen  brilliert.<br \/>\nDie Cousine hat ein paar uneheliche Kinder, die Mutter passt auf sie auf und die \u00e4lter gewordene Heldin k\u00e4mpft f\u00fcr ein Jugendzentrum, bringt in den Theater der Jugend-Auff\u00fchrungen Bruno Ganz zur Verzweiflung, weil der als Prinz von Homburg sein eigenes Grab ausheben soll und kommt auch mit Trotzkisten in Ber\u00fchrung.<br \/>\nTrotz dieser Realit\u00e4t wird das einf\u00fchlsame Protokoll einer weiblichen Jugend von M\u00e4rchenbildern begleitet, das Pferd Fallada erscheint beispielsweise, w\u00e4hrend die Namenlose mit Freund Bernhard den damaligen Kultfilm &#8220;Panzerkreuzer Potemkin&#8221; anschauen geht.<br \/>\nDie Mutter ist ein Berg, der Vater ebenso, sie selber bekanntlich ein H\u00fcgel, dick und unansehnlich und am Ende stirbt der Vater, so da\u00df sich die H\u00fcgel zu kleinen Fischen transformieren, die schon fr\u00fcher eine Rolle spielten.<br \/>\nEin sehr poetischer Prosatext, in einer metaphernreichen Sprache, die  manchmal etwas ganz Normales erz\u00e4hlt. Eine deutsche Nachkriegsjugend zwischen Weltkriegstraumen und 1968. Ein einziger Ich-Monolog, zu Klagenfurt sehr passend.<br \/>\n&#8220;Verbl\u00fcffende Bilder, ungew\u00f6hnliche Metaphern, schr\u00e4ge Pointen und damit zugleich vor unseren Augen ein merk-w\u00fcrdiger Erfahrungsbericht des kleinb\u00fcrgerlichen Alltags in Westdeutschland&#8221;, hat Birgit Schwaner, die ebenfalls sehr poetische Autorenkollegin, in der Wiener Zeitung geschrieben.<br \/>\nDie realistische Schreiberin tut sich bekannterweise nicht ganz leicht damit, trotzdem hatten die sch\u00f6nen Worte ihre Wirkung und das kleinb\u00fcrgerliche Nachkriegsleben ist sehr dicht herausgekommen. Am Anfang hat die Psychologin zwar die Schilderung einer E\u00dfst\u00f6rung erwartet, bis sie begriffen hat, da\u00df es hier um etwas anderes geht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Bericht \u00fcber Friederike Kretzens &#8220;Ich bin ein H\u00fcgel&#8221;, eines meiner Ein-Euro-Buchlandungsb\u00fccher, mit dem ich gerade fertiggeworden bin. Rezension, Besprechung, Leseeindruck? 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