{"id":2241,"date":"2009-11-22T22:43:22","date_gmt":"2009-11-22T21:43:22","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=2241"},"modified":"2009-11-22T22:43:22","modified_gmt":"2009-11-22T21:43:22","slug":"atemschaukel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=2241","title":{"rendered":"Atemschaukel"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich heute mit dem Durchkorrigieren von &#8220;Heimsuchung oder halb eins&#8221; fertig war, jetzt hat es 49.086 Worte und 84 Seiten mit 38 Szenen, also gar nicht so wenig, habe ich mich nach dem Ex Libris und dem Ausdrucken von Jacky Vellguths Nanowrimo-Wochenbericht mit Herta M\u00fcllers &#8220;Atemschaukel&#8221; in die Badewanne begeben.<br \/>\nDas Buch hat ja eine eigene Geschichte. N\u00e4mlich zuerst die Nominierung auf die deutschen Buchpreislisten. Ich habe Herta M\u00fcller f\u00fcr die Favoritin gehalten, dann ist der Nobelpreis dazwischen gekommen, vorher gab es schon Rezensionen und Besprechungen im Ex Libris, so da\u00df ich immer ein bi\u00dfchen dar\u00fcber wu\u00dfte. Danach gab es die Behauptung, die ich auf deutschen Blogs mehrmals las, kein Mensch w\u00fcrde Herta M\u00fcller kennen.  Was mich verwunderte, da mir der Name sehr lang und sehr genau bekannt war und ich bin gar keine Expertin der deutschen Literatur.<br \/>\nIch habe mir das Buch zum Geburtstag gew\u00fcnscht, kam wegen dem Nanowrimo nicht zum Lesen, aber Herta M\u00fcller h\u00e4tte ja bei der Literatur im Herbst auftreten sollen, Ilija Trojanow hat  ein St\u00fcck daraus vogestellt und zwar die Stelle, bei der ich damals zuf\u00e4llig gerade war und dann kommt das Buch auch in meiner Nanowrimo-Geschichte vor, gibt es da ja drei namenlose Szenen und ein bi\u00dfchen Blog Bezug.<br \/>\nAlso hat es mit dem Lesen meines ersten Novemberbuchs gut gepasst und das ist auch sehr beeindruckend.<br \/>\nDie Geschichte der zur sowetischen Zwangsarbeit bzw. Wiederaufbau deportierten Rum\u00e4nen. Herta M\u00fcllers Mutter war f\u00fcnf Jahre in einem solchen Lager.  Oskar Pastior wurde mit siebzehn hindeportiert.<br \/>\n2001 begann sich Herta M\u00fcller mit dem Thema zu besch\u00e4ftigen und traf sich regelm\u00e4\u00dfig mit Pastior zu Gespr\u00e4chen. Sie wollten das Buch gemeinsam schreiben und haben 2004 die ehemaligen Zwangsarbeitslager in der Ukraine bereist. 2006 ist Oskar Pastior \u00fcberraschend w\u00e4hrend der Frankfurter Buchmesse gestorben. Herta M\u00fcller hat das Buch dann allein geschrieben.<br \/>\nDer Ich-Erz\u00e4hler ist ein siebzehnj\u00e4hriger junger Mann namens Leopold Auberg. Es besteht aus vierundsechzig Abschnitten mit sehr poetischen  \u00dcberschriften und l\u00e4\u00dft sich grob in drei Teile, dem Vor- und Nachher und dem eher breiten Lagerteil einteilen und  lebt von der starken Sprache. Ich habe ein paar Buchmessen Interviews geh\u00f6rt, wo Herta M\u00fcller dar\u00fcber genauer Auskunft gab.<br \/>\nSo kommen die Methaphern der &#8220;Atemschaukel&#8221; vor, die &#8220;Herzschaufel&#8221; und der &#8220;Hungerengel&#8221;, der immer wieder als zentrale Figur eine eigene Gestalt, einen eigenen Charakter und eigene Stimme bekommt.<br \/>\nEs zentrieren sich  bestimmte Personen um die Ich-Figur, die eigentlich ziemlich geschlechtsneutral erscheint. Der Kapo Tur Prikulitsch, der Leopold Auberg seinen Seidenschal stiehlt ohne daf\u00fcr, wie ausgemacht mit Salz und Zucker zu bezahlen, seine Helferin Bea Zakel, \u00fcber die er die Passierscheine bezieht, der Advokat Paul Gast, der seiner sterbenden Frau Heidrun das Essen stiehlt und nach ihrem Tod ihren Mantel mit dem abgewetzten Bubikragen der S\u00e4ngerin Ilona Mich \u00fcbergibt, damit sie ihn unter ihre Decke l\u00e4\u00dft und ber\u00fchrend, die  schwachsinnige  Planton-Kathi, die alle besch\u00fctzen und bewahren, so sehr man sich auch sonst die Brotration stiehlt.<br \/>\nEine gro\u00dfe Rolle spielen die poetischen Beschreibungen des Hungers und die Phantasien, die sich die Zwangsarbeiter, die erst im dritten Jahr Geld f\u00fcr ihre Arbeit bekommen, \u00fcber das Essen machen.<br \/>\nSo gibt es drei Sorten Brot im Lager, das die Kaderfrau Fenja unter einem hygienisch wei\u00dfen Tuch bewahrt, das allt\u00e4glich siebenb\u00fcrgische, dann das Vollkornbrot von Hitlers goldenen \u00c4hren und zuletzt das russische, es gibt auch drei verschiedenene Ratioenen, f\u00fcr Leicht-, Normal- und Schwerarbeiter, man ern\u00e4hrte sich von Kapustasuppe in der kein Kraut zu finden ist und hatte zu entscheiden, ob man seine Brotration gleich zum Fr\u00fchst\u00fcck a\u00df oder sie standhaft \u00fcber den ganzen Tag verteilte, es gab den Brotraub und das Brotgericht. Vor allem aber die wundersch\u00f6nen Beschreibungen, was man in Friedenszeiten alles so gegessen hat: Ischler, Mohrenk\u00f6pfe, Savarins, Cremeschnitten, Erdbeereis im Silberbecher, Schokoladeeis im Porzellansch\u00e4lchen etc. und dann noch das Kartoffelmen\u00fc in drei G\u00e4ngen, wobei man die Kartoffelschalen beliebig, als Vorspeise, Hauptgericht und Dessert verteilen konnte und das ganze Elend von f\u00fcnf Jahren Zwangsarbeit, von Hunger, K\u00e4lte und Erfrieren wird in  einer wundersch\u00f6nen poetischen Sprache  geschildert, wo der Hungerengel die st\u00e4rksten Schatten wirft, die Gro\u00dfmutter an den Ich-Erz\u00e4hler glaubt, der all das vielleicht nur \u00fcberlebte, weil er immer  ihre Worte &#8220;Du kommst zur\u00fcck!&#8221; h\u00f6rt.<br \/>\nRealistischer als der  Lagerteil wird das  Vor- und das Nachher erz\u00e4hlt, wo auch wahrscheinlich die Lebensgeschichte Oskar Pastiors enthalten ist, die Herta M\u00fcller, wie sie in ihrem Nachwort beschreibt, in vier Heften handschriftlicher Notizen gesammelt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich heute mit dem Durchkorrigieren von &#8220;Heimsuchung oder halb eins&#8221; fertig war, jetzt hat es 49.086 Worte und 84 Seiten mit 38 Szenen, also gar nicht so wenig, habe ich mich nach dem Ex Libris und dem Ausdrucken von &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=2241\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-2241","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2241","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2241"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2241\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2241"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2241"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2241"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}