{"id":2312,"date":"2009-12-06T12:02:58","date_gmt":"2009-12-06T11:02:58","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=2312"},"modified":"2009-12-06T12:02:58","modified_gmt":"2009-12-06T11:02:58","slug":"drift","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=2312","title":{"rendered":"Drift"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Drift&#8221; von Judith Gruber-Rizy ist ein Buch \u00fcber Beziehungen, Ambivalenzen, Kommunikationsschwierigkeiten und der bed\u00e4chtigen wundersch\u00f6nen Landschaftsbeschreibungen.<br \/>\nWie immer in den Romanen Judith Gruber-Rizys hei\u00dft das Erz\u00e4hler-Ich Rosa, wobei sich als einer Bekannten, die Frage nach der Autobiografie, der N\u00e4he und der Distanz davon, nat\u00fcrlich aufdr\u00e4ngt. Auch das steht in dem Buch, in dem der Erz\u00e4hlstrang zwischen der Ich-Erz\u00e4hlerin und Rosa hin- und herschwingt.<br \/>\nDie Ich-Erz\u00e4hlerin, die sich mit ihren verschiedenen Freundinnen trifft, von ihnen genervt oder auch gelobt wird, m\u00f6chte eine Liebesgeschichte, eine Kindheitsgeschichte, einen Text \u00fcber Schriftstellerinnen schreiben, um ihn in der gro\u00dfen Tageszeitung zu ver\u00f6ffentlichen und daf\u00fcr gutes Geld zu bekommen. &#8211; Aber nein, das waren die bed\u00e4chtig sch\u00f6nen Landschaftsbeschreibungen und so schwankt Frau hin- und her in den Ambivalenzen und den Beziehungseinsichten von Rosa, der begabten, flei\u00dfigen, gr\u00fcndlichen Sch\u00fclerin, die gern stark sein m\u00f6chte und sich die St\u00e4rke in einem starken Frauenleben w\u00fcnscht.<br \/>\nUnd doch kommt es schon zu Beginn zu einer Querlage, als Rosa in ihr Leben driftet, in einen Frauenhaushalt kommt sie hinein, wo es eine Gro\u00dfmutter, eine Mutter, eine Tante gibt und einen Vater, von dem sich die Protagonistin sicher ist, da\u00df die Heirat der sch\u00f6nen starken Mutter mit demselben ein Fehler war, weil dem Vater nichts mehr anderes eingefallen ist, als die Mutter ihrer Familie und ihrem eigenbestimmten Leben zu entziehen.<br \/>\nOder doch nat\u00fcrlich, denn als Rosa sechs Jahre ist, entzieht sich der Vater der Mutter und der Tochter, um mit einer Bekannten in die Berge zu wandern und von dort eine Woche lang nicht mehr zur\u00fcckzukommen, was die Mutter in Angst und Schrecken versetzte, der Vater aber fr\u00f6hlich von einem Sommerschnee erz\u00e4hlt, der ihn eine Woche lang in der Bergh\u00fctte mit der Freundin festhielt, was sich bei Rosa zu einem sch\u00f6nen starken Vater-Heldenbild formte, um bitter entt\u00e4uscht zu werden, als sie die L\u00fcge in der Vater Geschichte erkannte und deshalb der Mutter auch nie die Schw\u00e4che verzieh, da\u00df sie sich vom Vater trotz seiner Frauengeschichten, Rosas wegen nicht trennen konnte, h\u00e4tte Rosa doch so gern eine starke Mutter gehabt und deshalb ha\u00dft sie ihren Vater, als erwachsene Frau, die sich von der Vaterwelt in die starke Welt der Frauen zur\u00fcckziehen m\u00f6chte, um in der Arbeit \u00fcber ihr Kindheitsbuch daraufzukommen, da\u00df sich das M\u00e4dchen Rosa die blonden Z\u00f6pfe abgeschnitten hat und sich in die alte abgeschabte Motorrad-Lederjacke des Vaters einh\u00fcllte, um seinen \u00d6l-Rauch-Leder-Geruch einzuatmen und ein Aha-Erlebnis zu haben, als die Schulfreundin Lilo der erwachsenen Rosa berichtet, da\u00df sie sie immer um ihre Vater-Beziehung beneidet hatte, weil der Vater f\u00fcr Rosa da war und sie auf die Berge und zum Schifahren mitgenommen hat, obwohl Rosa schifahren ha\u00dfte und sich vor den Bergen gef\u00fcrchtet hat. Sch\u00f6ne Bilder und sch\u00f6ne Geschichten, die der Romanschreiberin durch den Kopf gehen, wenn sie an ihre Kindheit denkt.<br \/>\nSch\u00f6n nicht, nur sch\u00f6n erz\u00e4hlt in einer langsamen, bed\u00e4chtigen Landschaftssprache und dennoch h\u00fcllen sich gerade dadurch die Ambivalenzen der Beziehungsschwierigkeiten auf.<br \/>\nIst doch die Mutter stark, als sie Rosa mit dem schwarzen Damenrad, mit dem der Vater sie zur Mutter schickte, zur\u00fcckschickt, wof\u00fcr sie  das sch\u00f6nste teuerste Rad bekommt mit dem sie durch die herrliche Landschaft radelt und sich trotzdem nicht daran erfreuen kann, weil sie den Ersatz bekam.<br \/>\nDas Leben ist schwer und, da\u00df man nicht ungekr\u00e4nkt durchkommt, lehrt uns die Psychoanalyse und wir alle haben wohl unsere ganz pers\u00f6nlichen Vater-Mutter-Kr\u00e4nkungsgeschichten und Rosa hat diese Kr\u00e4nkungen auch mit ihren zwei M\u00e4nnern, kurz K. und R. genannt, erlebt.<br \/>\nK., der Dichter, der die kreative St\u00e4rke Rosas zu zerst\u00f6ren suchte, als er sich einbildete mit ihr einen Kriminalroman zu schreiben, dabei alles besser wu\u00dfte, um ihr schlie\u00dflich zehn Seiten zu diktieren und sich danach abzuwenden und dann das Bild des Phallus, in dem Rosa nur die Nase des Cyrano de Bergerac erkannte und von K. daf\u00fcr ausgelacht wurde. Aber eine Nase ist eine Nase, eine Nase, eine Nase &#8230;<br \/>\nUnd auch die Frage der Weiblichkeit spielt f\u00fcr Rosas Ich-Findung eine wichtige Rolle, was soll Frau nur tun, sich bis zur Magersucht hinunterhungern oder sich die \u00fcppigen Formen einer Venus von Willendorf auf den Schreibtisch stellen?<br \/>\nDa habe ich ja k\u00fcrzlich erst ein Buch \u00fcber das Essen und den Hunger einer wirklich viel j\u00fcngeren Frau gelesen, woraus zu schlie\u00dfen ist, da\u00df wir es immer noch sehr schwer haben mit dem Annehmen unserer weiblichen, m\u00e4nnlichen, starken und schwachen Teilen, den Vater- und den Mutterbildern, um vielleicht irgendwann draufzukommen, da\u00df  beides im Leben wichtig ist.<br \/>\nJudith Gruber-Rizy tut es  mit ihren Rosa-B\u00fcchern und macht es sich nicht leicht damit, denn sie erkennt diese Ambivalenzen, setzt sich damit auseinander und es ist auch interessant zu sehen, da\u00df es trotz der K. Geschichte eine Schriftstellerbeziehung in ihrem Leben gibt.<br \/>\nZwei andere &#8220;Rosa&#8221;-B\u00fccher gibt es auch, &#8220;Aurach&#8221;, 2002, in der Bibliothek der Provinz erschienen und &#8220;Einm\u00fcndung&#8221;, Kitab, 2008. In &#8220;Aurach&#8221;, das ich 2002 gelesen habe, geht es ebenfalls um eine Mutter-Tochter-Beziehung, hier wird die Ambivalenz in viel fantastischeren Formen beschrieben.<br \/>\n&#8220;Einm\u00fcndung&#8221; habe ich nicht gelesen, nur verschiedene Lesungen daraus geh\u00f6rt, hier wird die Ambivalenz Rosa zu der starken-schwachen Mutter und deren NS-Vergangenheit thematisiert.<br \/>\nInteressante Aspekte eines, wie ich finde, leisen, flei\u00dfigen Frauenschreibens und da ich Judith Gruber-Rizy und Helmut Rizy gestern bei dem Fest des Republikanischen Clubs getroffen habe, habe ich mit ihr ein wenig \u00fcber ihre Rosas plaudern k\u00f6nnen, was, wie sie mir sagte, ein sch\u00f6ner, starker Frauenname ist.<br \/>\nIch kenne Judith Gruber-Rizy, die  bem\u00fchte, gr\u00fcndliche, schon lange und habe \u00fcber ihre Biografie in fr\u00fcheren Artikeln geschrieben. Ich bin ein Fan von ihr, was umgekehrt, wie ich f\u00fcrchte, nicht der Fall ist. Sie hat sich aber einige meiner B\u00fccher angeschaut und sehr sch\u00f6ne Klappentexte daf\u00fcr geschrieben und nat\u00fcrlich ist es zu bedauern, da\u00df ihre B\u00fccher in kleinen Verlagen erscheinen und nicht soviel Aufmerksamkeit erzielen, wie sie bekommen sollten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Drift&#8221; von Judith Gruber-Rizy ist ein Buch \u00fcber Beziehungen, Ambivalenzen, Kommunikationsschwierigkeiten und der bed\u00e4chtigen wundersch\u00f6nen Landschaftsbeschreibungen. 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