{"id":2319,"date":"2009-12-08T06:30:40","date_gmt":"2009-12-08T05:30:40","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=2319"},"modified":"2009-12-08T06:30:40","modified_gmt":"2009-12-08T05:30:40","slug":"paradiso","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=2319","title":{"rendered":"Paradiso"},"content":{"rendered":"<p>Da soll einer mit seiner Freundin nach Portugal fliegen und wartet, weil die Freundin das Auto zu Schrott gefahren hat, bei der Tankstelle in Potsdam auf die Mitfahrgelegenheit.<br \/>\nSo beginnt der Kultroman &#8220;Paradiso&#8221; des 1977 geborenen Thomas Klupp, der auch ein j\u00fcngerer Autor ist, jedenfalls hat das Buch einen sehr trendigen Ton, aber vielleicht ist das auch die Sprache, der Schreibschulen von Hildesheim und Klagenfurt, die in dem flott dahingeschriebenen Roadmovie zu sp\u00fcren ist.<br \/>\nDer Held ist der f\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrige Alex und der ist \u00e4lter als er wirkt, denn eigentlich ist es eine Pubert\u00e4ts- und Ich-Findungsgeschichte, die da leicht und locker vor sich hin entwickelt wird.<br \/>\nAlex steht jedenfalls bei der Autobahnrastst\u00e4tte und schwitzt, das T-Shirt klebt an seinem K\u00f6rper und das ist schlimm, denn Alex hat eine empfindliche Haut und neigt zu Psoriasis, der rosaroten Schuppenflechte, die er sich nur durch Dermatop aus der Welt schmieren kann.<br \/>\nAlex studiert das Drehbuchschreiben an der Potsdamer Filmhochschule, deshalb flunkert er sich auch durchs Leben und denkt sich en passant die tollsten Drehb\u00fccher aus. Er ist das Kind  reicher Eltern, der Vater hat ein Dentallabor mit ungef\u00e4hr f\u00fcnfzig Mitarbeitern und wirft deshalb flott mit Hunderteuroscheinen um sich und philosophiert sich flott durchs Leben, das f\u00fcr ihn aus Gewinnen und Verlieren besteht.<br \/>\nWeil Johanna also sein Auto kaputt gefahren hat, soll ihn ein Starnberger F\u00f6rster in einem gelben Passat nach M\u00fcnchen mitnehmen, der aber nicht kommt, stattdessen erscheint der Loser Konrad mit seinem silbernen Audi und nimmt ihn bis zum n\u00e4chsten Autobahnkreuz mit, dann kommt der Lastwagenfahrer Roland mit dem Messer, erz\u00e4hlt Alex von seiner Svetlana, die er an einer Bed und Breakfast Adresse in der Tschechei kennengelernt und die ihn in den Scho\u00df der katholischen Kirche gef\u00fchrt hat und l\u00e4dt Alex an der n\u00e4chsten Autobahnrastst\u00e4tte ab, wo er im Erotikshop landet, dort kommen die Erinnerungen an das Heimatst\u00e4dtchen Weiden, wo es Simon und Leni, den Freund und die Freundin gibt, die Alex wegen Johanna verlassen hat und die Alex veranlassen Johanna anzurufen, um ihr von einem Auffahrunfall zu erz\u00e4hlen und sich von der filmenden Medizinstudentin Patricia nach Weiden chauffieren zu lassen. Dort l\u00e4dt sie ihn auf ein Bier ein, Alex klettert aber aus dem Toilettenfenster, um das j\u00e4hrliche Filterfest zu besuchen, das diesmal am Paradiso, einer langgestreckten Kaolingrube mit feinen wei\u00dfen Sand, gefeiert wird.  Dort kommt es zur Katastrophe, dem Konflikt und dem H\u00f6hepunkt, wie er in jedem Filmdrehbuch steht. Denn Simon und Leni sind ebenfalls da. Simon, der Freund, dem Alex schon zwei SMS geschickt hat, da\u00df er ihn unbedingt wiedersehen will und Leni, die er verlassen hat, nachdem ihn die Schauspielerin Johanna auf den Mund k\u00fc\u00dfte, aber eigentlich auch nicht wirklich. Jedenfalls m\u00f6chte Alex am See zu Leni zur\u00fcck und fickt sie auch auf der Wiese, um ihr kurz darauf zu erkl\u00e4ren, da\u00df er leider doch nicht bei ihr bleiben kann, weil er mit Ludek Stephanek, aus der Filmhochschule noch mal f\u00fcr zwei Wochen nach Krakau mu\u00df.<br \/>\nLeni f\u00e4hrt beleidigt ab und als Simon den Freund zur Rede stellt, schl\u00e4gt er ihn zusammen, k\u00fc\u00dft ihn noch auf die Stirn bevor er ihn liegenl\u00e4\u00dft, um mit dem Auto des Vaters nach M\u00fcnchen zu fahren. Nur leider hat er vorher zuviel Speed erwischt, so verwechselt er die G\u00e4nge und rutscht \u00fcber schlammige Wiesen in den Sonntagsgottesdienst, weil er vorher im Radio einen Pfarrer h\u00f6rte,  dessen Sendungsbewu\u00dftsein den besoffenen reuig Unzufriedenen begeistert hat, so zieht er in der Kirche einen Hunderteuroschein aus der Tasche, um sich zum Flughafen bringen zu lassen, weil er dort, wie er erz\u00e4hlt, mit seiner Freundin nach Jerusalem will. Es bleibt aber schon bei Johanna und Lissabon, auch wenn sich Alex kurz bevor er auf sie zugeht, um mit ihr durch das Gate zu schreiten, noch in einem Buchladen versteckt.<br \/>\nWirklich flott dahererz\u00e4hlt, das todkomische Roadmovie eines Lebensk\u00fcnstlers, wie auf der Buchr\u00fcckseite steht. Der Einflu\u00df von Hildesheim ist zu sp\u00fcren, die Jugendlichkeit und die Zeitenwende. So ist Alex einmal \u00fcber die Grenze nach Tschechien gefahren, um sich f\u00fcr hundert Mark von Rozana in ihrem M\u00e4dchenzimmer entjungfern zu lassen und die Typen, die er auf seiner Autobahntour von Potsdam nach M\u00fcnchen trifft, studieren alle an den Kunsthochschulen und Alex plaudert flott daher, von seinen Filmen, die er drehen, den M\u00e4dchen, die er flachlegen will und fl\u00fcchtet aus dem Autobahnerotikshop, weil er dort einen seiner Filmhochschullehrer zu erkennen glaubte.<br \/>\nAlex fl\u00fcchtet \u00fcberhaupt sehr viel und hat auch schon viel Mist gebaut in seinem jungen Leben, von dem er sich in seinen Endlosmonologen st\u00e4ndig befreien will und reflektiert hochgestochen, um in Panik zu geraten, wenn er an seinem K\u00f6rper wieder einen roten Punkt entdeckt. Herrlich leicht dahingeschwafelt, die Pubert\u00e4tsn\u00f6te eines junges Mittelschichtsohnes zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts, w\u00fcrde ich fast denken, wenn mir dieser Alex nicht doch zu unsympathisch w\u00e4re.<br \/>\nIst das ja wieder einer, der in einigen hundert Seiten vor sich hinschwafelt, wie man leben soll und das Buch dabei zum Bestseller macht, weil wir das ja lesen wollen.<br \/>\nWenn die Psychotherapeutin in mir nat\u00fcrlich auch die N\u00f6te des jungen Mannes mit den roten Flecken und der Angst vor den Frauen und dem Leben versteht, da aber nicht alle jungen M\u00e4nner, die Autos ihrer V\u00e4ter zu Schrott fahren k\u00f6nnen und von ihnen zu Teileigentt\u00fcmern von Containerschiffen gemacht werden und die wahren Probleme wahrscheinlich woanders liegen, h\u00e4lt sich mein Mitleid doch in Grenzen, wenn das Buch auch flott und leicht zu lesen war und ich  Einblicke in mir bisher Unbekanntes bekommen habe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da soll einer mit seiner Freundin nach Portugal fliegen und wartet, weil die Freundin das Auto zu Schrott gefahren hat, bei der Tankstelle in Potsdam auf die Mitfahrgelegenheit. 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