{"id":2381,"date":"2009-12-20T22:26:54","date_gmt":"2009-12-20T21:26:54","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=2381"},"modified":"2009-12-20T22:26:54","modified_gmt":"2009-12-20T21:26:54","slug":"kannitverstan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=2381","title":{"rendered":"Kannitverstan"},"content":{"rendered":"<p>Es ist nicht  leicht zu verstehen, das Textprojekt \u00fcber die Folgen von Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen, von Ruth Asp\u00f6ck, wie am Buchr\u00fccken steht.<br \/>\nEigentlich ist es eine Art Entwicklungsroman, die Geschichte von Jeremy-John, des Mannes aus gutem Haus, in dessen Leben B\u00fccher eine gro\u00dfe Rolle spielen. Man gab ihm vor jeder Mahlzeit zwei, die er sich unter die Oberarme zu klemmen hatte, bevor er zum Besteck greifen durfte.<br \/>\nDann gabs noch eine Heerschar von Erziehern, die um den Heranwachsenden herumschw\u00e4nzelten und ihm alle seine W\u00fcnsche nur ein wenig sp\u00e4ter erf\u00fcllten, weil ein Kind aus gutem Haus das Warten lernen mu\u00df, bzw. ihm erkl\u00e4rten, da\u00df er sich von den Kindern, die sich au\u00dferhalb des ummauerten Parks befanden, fernzuhalten hat.<br \/>\n&#8220;Aha&#8221;, denkt man und an das vorvorvorige Jahrhundert. Dann f\u00e4hrt Jeremy-John aber mit dem Auto seines Vaters, sp\u00e4ter mit dem Fahrrad in die Schule und man erkennt, da\u00df die Geschichte in der Jetztzeit spielt.<br \/>\nDer junge Mann aus gutem Haus studiert zuerst Rechtswissenschaft, reist viel herum, wird  Redakteur und Schriftsteller, beginnt sich politisch zu bet\u00e4tigen, hat gro\u00dfe Ideen von Rebellion und Weltverbesserung im Kopf, obwohl er, wohl wegen seiner verkorksten Erziehung, distanziert und einsam, nur das Allernotwendigste spricht und mit sich selber Domino spielt.<br \/>\nTrotzdem gibt es Beziehungen in seinem Leben, zuerst die Tanzpartnerin Johanna, dann noch eine junge Frau, die er als Jus-Student kennenlernt, sp\u00e4ter heiratet er Sonja, bekommt von ihr einen Sohn und eine Tochter, beginnt in der Erziehung der Kinder v\u00f6llig zu versagen, so da\u00df Sonja mit ihnen in den ersten Stock der gro\u00dfen Villa zieht, w\u00e4hrend Jeremy unten bleibt, wo er von Gelegenheitsauftr\u00e4gen als Redakteur, einem n\u00e4chtlichen Postzusatzjob und der Pflege des gro\u00dfen Gartens lebt.<br \/>\nDie Verst\u00e4ndnisschwierigkeiten und Ungereimtheiten, das Kannitverstan, das aus einer Novelle von Peter Hebel stammt, aus der jedem Kapitel ein paar Zeilen vorangestellt werden, ziehen sich durch das ganze, ebenfalls sehr distanziert und bed\u00e4chtig geschriebene Buch, in dem eine Unzahl von Personen und Ideen vorkommen, bzw. angerissen werden.<br \/>\nEin Thema ist die Schrulligkeit und Lebensunt\u00fcchtigkeit des Helden, der mit seiner Umwelt nicht zurecht kommt, sich von ihr kontrolliert und verfolgt f\u00fchlt, aber dennoch gro\u00dfe Ver\u00e4nderungs- und Verbesserungspl\u00e4ne schwingt.<br \/>\nSo gr\u00fcndet er beispielsweise eine Leihbibliothek in einer ehemaligen Bank, um die Welt zu verbessern oder plant, w\u00e4hrend seine Seele vollends eingekapselt ist, die Menschen in Modellpartnerschaften zusammenzubringen.<br \/>\nRomanpl\u00e4ne gibt es auch, spielen doch B\u00fccher im Leben des  Mannes aus gutem Haus, der sich schon als Kind am liebsten in der Bibliothek der Eltern aufhielt, eine gro\u00dfe Rolle und es sind drei bekannte Werke aus der Weltliteratur, die ihn durchs Leben begleiten:<br \/>\nEichendorffs &#8220;Leben eines Taugenichts&#8221;, Thomas Morus &#8220;Utopia&#8221; und Mark Twains &#8220;Huckleberry Finn&#8221; .<br \/>\nSo geht es hin in vierzehn Kapiteln und einem Auftakt. Jeremy taumelt durch das Leben, macht Pl\u00e4ne, scheitert und beginnt von vorn, bis er  als Mittf\u00fcnfziger, als die Eltern gestorben, der Kontakt mit Sonja gering und unerfreulich geworden, die Kinder am Weg ins eigene Leben sind, in der Redaktion die ehemalige Tanzpartnerin Johanna wiedertrifft, mit der er, da ja noch ein St\u00fcck des Lebens vor ihm liegt, vielleicht ein besseres Leben beginnt &#8230;<br \/>\nSehr fundiert, das 2005 erschienene Buch zum ewigen Thema menschlicher Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse, mit dem sich die 1947 geborene Autorin und Verlegerin Ruth Asp\u00f6ck an ein engagiertes Publikum wendet. Interessant, da\u00df die Feministin f\u00fcr ihren Entwicklungsroman einen m\u00e4nnlichen Helden w\u00e4hlte. Es stellte sich mir auch wieder die Frage nach autobiografischen Elementen, bzw. w\u00fcrde ich gerne wissen, ob es ein Vorbild f\u00fcr Jeremy-John gibt?<br \/>\nIch habe das Buch, da ich die Autorin gut kenne, aufmerksam gelesen, auch wenn ich manchmal dachte, da\u00df es, wie es in den Schreibwerkst\u00e4tten hei\u00dft, beim Beschreiben statt Zeigen geblieben  und die Personen und die Handlung nicht wirklich ausgearbeitet sind. Vieles ist widerspr\u00fcchlich, wird nur angerissen und als Materialsammlung vorgelegt, aus der man den spannenden Roman, der einen in die angedeuteten Fragen und Probleme wirft, vielleicht erst schreiben mu\u00df.<br \/>\nDer ach so spannende narrative Roman aus Amerika a la Jonathan Franzen oder Jonathan Littell, von dem wir momentan alle so fasziniert sind, ist aber auch eine Modeerscheinung. Also passt es vielleicht wieder.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nicht leicht zu verstehen, das Textprojekt \u00fcber die Folgen von Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen, von Ruth Asp\u00f6ck, wie am Buchr\u00fccken steht. Eigentlich ist es eine Art Entwicklungsroman, die Geschichte von Jeremy-John, des Mannes aus gutem Haus, in dessen Leben B\u00fccher eine &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=2381\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-2381","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2381","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2381"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2381\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2381"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2381"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2381"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}