{"id":2523,"date":"2009-12-30T23:03:58","date_gmt":"2009-12-30T22:03:58","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=2523"},"modified":"2009-12-30T23:03:58","modified_gmt":"2009-12-30T22:03:58","slug":"bitterfotze","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=2523","title":{"rendered":"Bitterfotze"},"content":{"rendered":"<p>Bitterfotze, der 2007 in Schweden und 2009 auf Deutsch erschienene Bestseller, der 1974 geborenen Maria Sveland ist ein interessantes Buch oder auch nicht, denn das Buch habe ich ja nicht, sondern in den letzten Tagen von der H\u00f6rbuchstimme Tanja Fornaro vorgelesen bekommen, was f\u00fcr mich auch eine interessante Erfahrung ist.<br \/>\nDie Drei\u00dfigj\u00e4hrige ausgebrannte bitterfotzige Sara, Mutter des zweij\u00e4hrigen Sigge, setzt sich an einem J\u00e4nnermorgen in ein Flugzeug, um f\u00fcr eine Woche nach Teneriffa zu fliegen und sich dort von ihrem Ehealltag und vom Muttersein ihres geliebten Kindes zu erholen. Im Gep\u00e4ck hat sie Erica Jongs &#8220;Angst vorm Fliegen&#8221;, den in den Siebzigerjahren geschriebenen Bestsellerroman, einer ber\u00fchmten Feministin  und sinniert vor sich hin.<br \/>\nEine Woche, beziehungsweise sechs CDs lang \u00fcber ihr ganzes in den Siebzigerjahren in Schweden begonnenes Leben, tut sie das. Der Roman ist flott erz\u00e4hlt, beziehungsweise geschrieben, manchmal klingt er lehrbuchhaft und dozierend. Manchmal wirkt Sara selbstbewu\u00dft,  dann wieder unsicher und so dumm, da\u00df man sich wundern k\u00f6nnte, da\u00df das eine in den Siebzigerjahren in einem so fortschrittlichem Land Geborene erz\u00e4hlt.<br \/>\nSara ist jedenfalls ausgebrannt und ersch\u00f6pft vom Muttersein,  nimmt deshalb Auszeit und alle wundern sich, da\u00df sie das tut.<br \/>\nDas Flugangstm\u00e4dchen, das neben ihr im Flugzeug sitzt und wahrscheinlich auch die Rentner und die P\u00e4rchen in dem Hotel, in dem sie wohnt und eine Woche lang, die Leute um sie herum scharf beobachtet. Der Gatte Johan wundert sich am wenigstens dar\u00fcber und ihr Therapeut hat sie in diesen Urlaub geschickt und so geht er dahin, Saras Monolog durch ihr drei\u00dfigj\u00e4hriges Leben. Durch die ungl\u00fcckliche Ehe ihrer Eltern, die Mutter stand immer mit den R\u00fccken zu den Kindern vor der Abwasch oder packte diese auf das alte rote Fahrrad, um sie in die Kindertagesst\u00e4tte zu transportieren. Der Vater trank und br\u00fcllte und war, obwohl ihn Sara ha\u00dfte, eigentlich da, als sie mit vierzehn, die erste Nacht bei einem Einundzwanzigj\u00e4hrigen verbrachte, um sie von dort abzuholen und er kam auch in den Park, als Sara sich verfolgt f\u00fchlte, trotzdem litt Sara unter dem Streit der Eltern und freute sich, als sie sich endlich, als sie schon achtzehn war, zur Scheidung entschlossen.<br \/>\nSara war ein starkes M\u00e4dchen, hatte fr\u00fchzeitig Sex und wurde von den Gleichaltrigen als Hure beschimpft, weil sie zu knutschen anfing und sich nicht verf\u00fchren lie\u00df.<br \/>\nSie hat auch den besten Johan verf\u00fchrt und in einem gelben Regenmantel geheiratet und wollte ihren \u00fcber alles geliebten Sigge. Dann war sie aber doch sehr allein, weil der Geliebte gerade dann seine  Inszenierungen irgendwo au\u00dferhalb machen mu\u00dfte, als Sigge  geboren wurde,  einen Kaiserschnitt gab es auch und das Stillen klappte nicht, was die Stilltanten im Spital nicht verstanden und so sitzt Sara zwei Jahre sp\u00e4ter in dem Hotel in Teneriffa, hat Schuldgef\u00fchle, was sie f\u00fcr eine schlechte Mutter ist und sinniert \u00fcber  die schlechten Lehrer, die den M\u00e4dchen einredeten, unf\u00e4hig f\u00fcr Mathematik und Physik zu sein, bzw., da\u00df in den Schulb\u00fcchern deshalb keine weiblichen Dichterinnen stehen, weil es die nicht gibt, bzw. unwichtig sind.<br \/>\nSara macht ihr Abitur, geht nach Stockholm zum Studieren und arbeitet als Reporterin, wo sie die jahrhundertlange Unterdr\u00fcckung der Frau am eigenen Leib erf\u00e4hrt. Dann gibt es noch einige B\u00fccher, die sie in ihre Woche Auszeit begleiten, eines ist von Susanne Brogger &#8220;Und erl\u00f6se uns von der Liebe&#8221;, bzw. &#8220;Verzweiflung \u00fcber Kleinfamilie&#8221;.<br \/>\nIn Teneriffa geht Sara spazieren, macht ihre Beobachtungen als Single im Pensionistenhotel und eine sehr starke Erfahrung mit der Fitnesstrainerin, bevor sie entdeckt, da\u00df sie vielleicht schwanger ist und mit ihrem fast ausgelesenen Buch, an der Seite des Flugangstm\u00e4dchens wieder nach Stockholm, zu Johan und ihrem Sigge fliegt. Ein paar starke Spr\u00fcche bzw. dozierende Erkenntnisse \u00fcber den Sinn des Lebens bzw. Unterschied zwischen Mann und Frau begleiten sie dabei.<br \/>\nEs ist ein interessantes Buch \u00fcber die Erkenntnis, da\u00df die Emanzipation der Frau im emanzipierten Schweden, bei den jetzt Drei\u00dfigj\u00e4hrigen  doch nicht so gelungen ist, wie man vielleicht glaubte, weil ich mir beim H\u00f6ren, \u00f6fter dachte, das wei\u00df man doch alles schon und mich auch wunderte, da\u00df die starke Sara in dieselben Fallen tappte und ihrem Johan nicht widerspricht und auch sehr interessant, da\u00df am Buch und CD-Cover eine gl\u00fcckliche Mutter mit Kind aus den F\u00fcnzigerjahren abgebildet ist und noch viel mehr, da\u00df ich das H\u00f6rbuch von meiner 1984 geborenen Tochter geschenkt bekommen habe, die das Buch offenbar von einer ihrer Freundinnen bekam. Und in den Siebzigerjahren, ein paar Jahre sp\u00e4ter, als Maria Sveland geboren wurde, wurde ich im Bund demokratischer Frauen feminisiert und habe das mit skandinavischen B\u00fcchern wie &#8220;Wie vergewaltige ich einen Mann&#8221; von M\u00e4rta Tikkanen oder Gerd Brantenberg &#8220;Die T\u00f6chter Egalias&#8221; getan.<br \/>\nSind die jetzt Drei\u00dfigj\u00e4hrigen also fortschrittlich oder r\u00fcckschrittlich? Wahrscheinlich beides, wie das ber\u00fchmte Glas Wasser, denn offenbar hat das Buch, wie eine Welle eingeschlagen und Diskussionen ausgel\u00f6st, die ich schon f\u00fcr \u00fcberwunden glaubte, andererseits herscht in ihm eindeutig ein sehr lockerer Ton, was sich f\u00fcr mich darin ausdr\u00fcckt, da\u00df sich alle mit &#8220;du&#8221; anreden. Die Stewardess die Flugg\u00e4ste, die Stilltanten die M\u00fctter, usw.<br \/>\nDas ist im Schwedischen vielleicht so, aber auch in der deutschen \u00dcbersetzung und irgendwo habe ich gelesen, da\u00df es ein Buch \u00fcber den Feminismus der Siebzigerjahre ist.<br \/>\nInteressant, wie das die jungen Frauen empfinden und die, die ihre Kinder freiwillig mit Kaiserschnitt auf die Welt bringen und f\u00fcr mich als 1953 Geborene, interessant zu h\u00f6ren, was eine einundzwanzig Jahre j\u00fcngere Frau, von den Siebzigerjahren denkt und wie sie ihre Sozilisation erlebte.<br \/>\nInteressant auch, den Roman von der eigenen Tochter geschenkt bekommen zu haben und auch die H\u00f6rbucherfahrung, die f\u00fcr mich etwas eher Unpraktisches ist. Denn ein Buch ist ein Buch, ist ein Buch&#8230;<br \/>\nMan kann es die Badewanne mitnehmen,  es an- und unterstreichen, was ich, seit dem ich \u00fcber alle B\u00fccher, die ich lese,  schreibe, ja sehr viel tue.<br \/>\nAm Schlu\u00df der Hinweis, was mich am Scheitern der Frauenrevolution von 1970 am meisten traurig macht, n\u00e4mlich, da\u00df der von Elfriede Haslehner und anderen gegr\u00fcndeten Wiener Frauenverlag zuerst zu einer Milena wurde und nun \u00fcberhaupt keiner mehr ist. Dann, da\u00df soviele Frauen mehr oder weniger freiwillig einen Kaiserschnitt \u00fcber sich ergehen lassen, w\u00e4hrend ich 1984 eine relativ sch\u00f6ne Hausgeburt hatte und den tollen Mann, der die Rechtschreibfehler verbessert, mich in der EDV ber\u00e4t, die Fotos ins Literaturgefl\u00fcster stellt, sehr gut und viel kocht, was nicht nicht nur Cornelia Travnicek verwundert hat, habe ich auch!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bitterfotze, der 2007 in Schweden und 2009 auf Deutsch erschienene Bestseller, der 1974 geborenen Maria Sveland ist ein interessantes Buch oder auch nicht, denn das Buch habe ich ja nicht, sondern in den letzten Tagen von der H\u00f6rbuchstimme Tanja Fornaro &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=2523\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-2523","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2523","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2523"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2523\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2523"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2523"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2523"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}