{"id":2736,"date":"2010-02-01T23:02:00","date_gmt":"2010-02-01T22:02:00","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/02\/01\/alle-farben-der-sonne-und-der-nacht\/"},"modified":"2010-02-01T23:02:00","modified_gmt":"2010-02-01T22:02:00","slug":"alle-farben-der-sonne-und-der-nacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=2736","title":{"rendered":"Alle Farben der Sonne und der Nacht"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Alle Farben der Sonne und der Nacht&#8221;, hat die 1916, in Prag geborene Lenka Reinerova, ihren 2003 bei Aufbau erschienen Erinnerungsband, der zwei wichtige Kapitel ihres Lebens schildert, genannt, obwohl ein Freund ihr davon abriet, da man meinen k\u00f6nnte, ein Buch \u00fcber van Gogh in die Hand zu bekommen.<br \/>\nDabei geht es in dem Band der letzten deutsch schreibenden Literatin  Prags, die 2008 dort gestorbenen ist, um etwas ganz anderes. Beschreibt sie doch, wie sie, an einem Fr\u00fchlingstag im Jahre 1952, sie war gerade aus dem Rundfunk entlassen worden,  beteiligte sich an einer Arbeitsbrigade f\u00fcr ein noch sch\u00f6neres Prag und wollte am Abend mit ihrem Mann ins Kino gehen, pl\u00f6tzlich verhaftet wurde und f\u00fcnfzehn Monate in Untersuchungsgef\u00e4ngnis verbrachte, obwohl sie eine gl\u00e4ubige Kommunistin war, die sich, seit dem sie in ihrer Jugend aus Geldmangel das Gymnasium verlassen und in das B\u00fcro einer Papiergro\u00dfhandlung eintreten mu\u00dfte, f\u00fcr eine bessere und sch\u00f6nere Zukunft eingesetzt hat.<br \/>\nDas Buch schildert in einer sehr  poetischen Sprache, die Verh\u00f6re in dem ber\u00fcchtigten Ruzyne Gef\u00e4ngnis, wo sie mit verbundenen Augen zu den Herren Referenten geholt wurde und Vergehen gestehen sollte, von denen sie keine Ahnung hatte, war sie doch nach Jahren des Exils und der Ermordung ihrer Familie, nach Prag zur\u00fcckgekommen, um ihre Ideen von einer besseren Welt zu verwirklichen, w\u00e4hrend die Stalins S\u00e4uberungsaktionen zum Opfer fiel&#8230;<br \/>\nSo beschreibt Lenka Reinerova, die kleinen  Bilder dieser f\u00fcnfzehn Monate Haft, erz\u00e4hlt von einer blonden Schreibkraft im rosa Sommerkleidchen, die versp\u00e4tet ins Vernehmungszimmer kommt, weil  sie  an dem hei\u00dfen Sommertag  noch einen Sprung ins Schwimmbad machen mu\u00dfte und daf\u00fcr dem Untersuchungsbeamten himbeerrote Limonade mitbringt, die sie mit ihm trinkt, w\u00e4hrend die Gefangene durstig \u00fcberbleibt.<br \/>\nDer dicke Vernehmungbeamte, der sich seinen Revolver nachbringen l\u00e4\u00dft und w\u00e4hrend der Vernehmung seine Sternchen auf der Uniform poliert, w\u00e4hrend er seine Gefangene zur Vernunft bringen und von ihr Gest\u00e4ndnisse haben will, wird der &#8220;chinesischer Gutsbesitzer&#8221; genannt, weil er so aussieht, wie der Verfolger des &#8220;M\u00e4dchen mit den wei\u00dfen Haaren&#8221;, dem Propagandafilm, den sie sich am Freitag ihrer Verhaftung ansehen wollte.<br \/>\nDann gibt es noch das &#8220;Prachtexemplar&#8221;, einen j\u00fcngeren Beamten, der aus ihr Gest\u00e4ndnisse herauspressen m\u00f6chte und so denkt sie \u00fcber ihr Leben nach und erz\u00e4hlt von  ihrer Jugend, in der sie, nachdem sie aus der Papiergro\u00dfhandlung entlassen wurde, Journalistin bei der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung wurde und dort, die aus Deutschland emigrierten Intellektuellen und Dichter, unter ihnen Bert Brecht und Helene Weigl zu betreuen hatte.<br \/>\nSie denkt auch an die jungen Kommunisten, die gleich ihr f\u00fcr den Frieden arbeiteten und gro\u00dfe Ideale hatten, aber in Auschwitz oder Birkenau, wie ihre Mutter und ihre Schwestern umgekommen sind, w\u00e4hrend sie schon einmal in Paris, in das sie 1939 emigirierte, verhaftet wurde und einige Zeit in einem Frauenlager in S\u00fcdfrankreich verbrachte, bevor sie ins Exil nach Mexiko entkommen konnte. Dann ist sie nach Prag zur\u00fcckgekommen und verbringt f\u00fcnfzehn schreckliche Monate in einer Einzelzelle oder mit der Antikommunistin Dana, darf weder lesen, noch Pakete empfangen und sehnt sich verzweifelt nach ihrer kleinen Tochter Anna, bis sie nach Stalins Tod, ihre Kleider, ein B\u00fcndel fremdes Geld, weil es inzwischen eine W\u00e4hrungsreform gegeben hat und ein Weihnachtsgeschenk ihres Mannes in die Hand gedr\u00fcckt bekommt und in die Freiheit entlassen wird.<br \/>\nMit fast bizarren Bildern, in denen immer wieder, sowohl die Farben der Nacht, als auch die der Sonne, ihre symboltr\u00e4chtige Bedeutung finden, hat die alte Dame f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter diese unverst\u00e4ndlichen Monate ihres Lebens beschrieben und an alle ihre Freunde gedacht, die dieses Schreckensregime nicht \u00fcberlebten.<br \/>\nAuf ihre pl\u00f6tzliche Entlassung folgte eine Verbannung in die Provinz und eine Rehabilitierung 1964. 1968 wurde sie aber aus der KP ausgeschlossen und mit Schreibverbot belegt, so da\u00df ihre Erinnerungsb\u00fccher erst ab 1989 erschienen sind und Lenka Rainerova als letzte Autorin mit dem ber\u00fchmten Prager Deutsch, die viele Dichter und Intellektuelle, wie Egon Erwin Kisch oder John Heartfield kannte, in die Literaturgeschichte einging.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Alle Farben der Sonne und der Nacht&#8221;, hat die 1916, in Prag geborene Lenka Reinerova, ihren 2003 bei Aufbau erschienen Erinnerungsband, der zwei wichtige Kapitel ihres Lebens schildert, genannt, obwohl ein Freund ihr davon abriet, da man meinen k\u00f6nnte, ein &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=2736\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-2736","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2736","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2736"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2736\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2736"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2736"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2736"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}