{"id":2760,"date":"2010-02-05T00:03:41","date_gmt":"2010-02-04T23:03:41","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=2760"},"modified":"2010-02-05T00:03:41","modified_gmt":"2010-02-04T23:03:41","slug":"die-welt-hat-ihre-erinnerung-verloren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=2760","title":{"rendered":"Die Welt hat ihre Erinnerung verloren"},"content":{"rendered":"<p>Noch einmal alte Schmiede, noch einmal Textvorstellungen. Diesmal  im Saal und Angelika Reitzer hatte f\u00fcr ihren zweiten Abend, die Welt als verlorene Erinnerung gew\u00e4hlt. Angelika Reitzer steht, denke ich, f\u00fcr  die starke Sprache und f\u00fcr Autoren, die schon einmal beim Bachmannwettbewerb gelesen haben oder das noch tun werden. So sa\u00df auch Andrea Grill im Publikum, die ja auch einmal dort gelesen hat, neben Barbara Zwiefelhofer vom Literaturhaus und auf dem B\u00fcchertisch lagen B\u00fccher vom Luftschachtverlag.<br \/>\nAngelika Reitzer hielt ein Einleitungsreferat, das sowohl sehr poetisch als auch theoretisch war. Dann begann Hanno Millesi. Ich bin ja irgendwie ein Fan von Hanno Millesi, wenn so etwas m\u00f6glich ist. Kennengelernt habe ich ihn vor Jahren bei einem dieser Wahnsinnssymposien, da hat er mich durch seinen starken Text, in dem er mit sehr beklemmenden Worten eine Kindheit, die zur Psychose f\u00fchren k\u00f6nnte, beschrieben hat, beeindruckt. Sehr beeindruckend auch der Text, den er beim Bachmannpreis gelesen hat. F\u00fcr den h\u00e4tte ich gestimmt und habe ihn f\u00fcr den besten gehalten, aber die \u00d6sterreicher gewinnen da ja nicht sehr viel, behaupte ich noch einmal, diesmal war er viel milder und ironisch sarkastisch.<br \/>\nEs geht, hat Angelika Reitzer eingeleitet bei &#8220;Alles Gute&#8221;, um ein Kalendarium und beginnt mit dem Geburtstag von Dorothy Parker. Denn die Ich-Figur feiert jedes Monat den Geburtstag oder auch den Todestag eines ihm sympathischen Dichters oder Dichterin und sauft sich zu dieser Gelegenheit meistens stilvoll an. Das Saufen in der Literatur ist schon \u00fcberwunden, hat Gustav Ernst in seinem letzten Buch zwar erkl\u00e4rt, Hanno Millesis Ich-Figur tut es aber immer noch und treibt an seinen Geburtstagstagen auch die seltsamsten Aktionen. So bleibt er den ganzen Tag nackt, um dem ersten, der ihn an diesem Tag besucht, in diesen Zustand die T\u00fcre aufzumachen, es kommt aber keiner oder er rezitiert jedem der anruft, ein Gedicht von Emily Dickinson. Er geht auch in den Supermarkt, um in die Tiefk\u00fchltruhe Gedichte auszusetzen, um einen Gegentrend gegen das stumpfsinnige Konsumieren zu setzen und dann tr\u00e4ufelt er noch im Liegen Orangensaft mit irgendeiner Sorte Schnaps in sich hinein, bis er ganz verklebt und besoffen ist, so weit, des Dichters grandiose Dichtergeburtstagshuldigungen.<br \/>\nDann kam Johannes Weinberger an die Reihe, 1975 geboren, von dem ich bisher nicht viel mehr als seinen Namen kannte und der las seine &#8220;Vatertrilogie&#8221; und da hatte ich wieder einmal eines meiner Aha-Erlebnissse, wo ich am \u00dcberlegen war, ob ich nicht den Saal verlassen soll?<br \/>\nDenn der Vater, um den es ging, schob im sch\u00f6nsten Monolog, der sprachlich gelungensten S\u00e4tze, Worte vor sich her in denen das Blut nur so um sich spritze, an der Zunge tote Fliegen im Reis klebten und der Vater das Kind in den Bauch der Mutter schieben, unter Wasser dr\u00fccken oder ihm zu Weihnachten eine B\u00e4renfalle schenken m\u00f6chte, um sich von seinem knautschigen Schnarchen zu befreien. Die beklemmenste Aggression in die wundersch\u00f6nsten Worten eingepackt und man sitzt da, h\u00f6rt zu und klatscht am Schlu\u00df und das will ich  nicht. Dann dachte ich, da\u00df das die Beschreibung einer Psychose ist und an Hanno Millesis Kindertexte, die ja umgekehrt beklemmend waren und dachte, ich werde den Autor fragen, ob er nicht f\u00fcrchtet, da\u00df er im Falle einer Scheidung, das Sorgerecht wahrscheinlich nicht zugesprochen bekommt?<br \/>\nDa mu\u00dfte ich lachen und konnte sitzenbleiben. Der Autor erz\u00e4hlte in der Diskussion etwas von seiner Psychotherapie, in der viel hochgekommen w\u00e4re und, da\u00df das Unterdr\u00fccken von Aggression auch nicht gut sein kann. Nat\u00fcrlich nicht. Dennoch denke ich, da\u00df ich mir das zwar in einer Therapiestunde, aber nicht in der alten Schmiede h\u00f6ren will, auch wenn es noch so sch\u00f6n geformte S\u00e4tze sind.<br \/>\nDann kam die \u00dcberraschung des Abends, n\u00e4mlich die 1989 in Graz geborene Valerie Fritsch, eine sch\u00f6ne junge Frau mit einer hohen Stimme, die von einer \u00c4rztin las, die fr\u00fcher einmal Hure war, in  wundersch\u00f6nen Wortkaskaden, wie Andrea Winkler oder Richard Obermayr voll von Metaphern und Bildern, aber auch mit gelegentlichen S\u00e4tzen wie, in der Dusche ist das Wasser hei\u00df. Ohne jeden Zweifel geballte Sprachgewalt. Die Bachmannpreisleserin von \u00fcbermorgen vielleicht, die dann \u00e4hnlich daneben, wie Andrea Winkler oder Angelika Reitzer stehen wird, aber viel weniger beklemmend war, als die Wortbilder der beiden M\u00e4nner, die ohne jeden Zweifel auch Sprachk\u00fcnstler sind.<br \/>\nAngelika Reitzer fragte nach der Recherche, ob sie f\u00fcr die \u00c4rztin in Paris, die fr\u00fcher einmal Hure war, viel nachgegooglet h\u00e4tte? Nein, antwortete die junge Frau mit den blonden Haaren und den Handschuhen ohne Finger, da gehe ich schon direkt an den Ort und habe zwei Tage im Bordell verbracht und dort viel geplaudert. Der Besitzer hat mich auch zum Essen einladen wollen, ich mochte aber nicht, er war mir unsympathisch. Naiv oder arrogant? Mit zwanzig kann man das vielleicht sein.<br \/>\nAls ich zwanzig war, habe ich auch eine Erz\u00e4hlung geschrieben, die in Paris spielte und von einer Hure handelte, die an den Nachmittagen in ein Kloster gegangen ist und sich dort um arme Kinder k\u00fcmmerte. Ein Bordell habe ich daf\u00fcr nicht besucht. Das h\u00e4tte ich mich nicht getraut. Daf\u00fcr war sie sprachlich nicht so sch\u00f6n, allerdings habe ich mit den reinen Wortschw\u00e4llen meine Schwierigkeiten, aber sicher drei  interessante Autoren geh\u00f6rt, was das aber mit verlorener Welterinnerung zu tun hat, habe ich nicht ganz verstanden? <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch einmal alte Schmiede, noch einmal Textvorstellungen. Diesmal im Saal und Angelika Reitzer hatte f\u00fcr ihren zweiten Abend, die Welt als verlorene Erinnerung gew\u00e4hlt. 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