{"id":3596,"date":"2010-06-02T19:35:51","date_gmt":"2010-06-02T17:35:51","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=3596"},"modified":"2010-06-02T19:35:51","modified_gmt":"2010-06-02T17:35:51","slug":"erica-und-ihre-geschwister","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=3596","title":{"rendered":"Erica und ihre Geschwister"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Erica und ihre Geschwister&#8221; von Elio Vittorini, ist eines von den Wagenbach Taschenb\u00fcchern mit denen ich meine Ein-Euro-Buchlandungsk\u00e4ufe vor drei Jahren begonnen habe und mit dem ich meinen kleinen Sizilienschwerpunkt fortsetzen will.<br \/>\nEin interessantes Buch, des 1908 in Syrakus geborenen und 1966, in Mailand verstorbenen systemkritischen Schriftstellers, der, wie ich Wikipedia entnehme, zu den wichtigsten Vertretern des literarischen Neorealismus z\u00e4hlt.<br \/>\n1936 ist das Buch bei Guilio Einaudi editori in Turin erschienen, steht in der Wagenbach Taschenbuchausgabe von 2001, Wikipedia kann ich entnehmen, da\u00df das Buch 1952- 1955 vervollst\u00e4ndigt wurde, 1956 auf Italienisch und 1984 auf Deutsch erschien und ist eine Geschichte \u00fcber die bittere Armut der italienischen Arbeiter nach dem Weltkrieg und der Wandlung eines Kindes in die Prostituion, um seine Geschwister zu ern\u00e4hren, zu denen es eigentlich keine Beziehung hat.<br \/>\nDie kleine Erica ist jedenfalls nach dem Krieg in einem kalten Winter in die gro\u00dfe Stadt gekommen und tr\u00e4umt ein Leben vom Gl\u00fcck im Winter und V\u00f6geln im Schnee, w\u00e4hrend sie mit ihren Eltern, der Schwester und dem Br\u00fcderchen in zwei Zimmern eines Hauses im Erdgescho\u00df wohnt und es als sch\u00f6nste Zeit empfindet, wenn die Mutter, die W\u00e4sche im Zimmer zum Trocknen aufh\u00e4ngt, weil sie dann Zeit zum M\u00e4rchenerz\u00e4hlen hat.<br \/>\nDer Vater arbeitet als Monteur in einem H\u00fcttenwerk, es folgt die Zeit der Lohnverk\u00fcrzung und des Stellenabbaus, so da\u00df die phantasiebegabte Erica in der Nacht ins Schlafzimmer der Eltern hineinzulauschen beginnt und sich davor f\u00fcrchtet, da\u00df die, die Kinder wie bei H\u00e4nsel und Gretel in einem M\u00e4rchenwald aussetzen k\u00f6nnten. Sie beginnt sich dagegen zu wappnen, sammelt Steine, pr\u00e4gt sich die Wege ein und wird  immer gr\u00f6\u00dfer und kr\u00e4ftiger, so da\u00df sie mit dem neuen roten Kleid, da\u00df sie von der Mutter bekommt,  keine Angst mehr zu haben braucht.<br \/>\nDer Vater verliert indessen seine Stelle und beginnt in die Fremde hinauszuziehen, die Mutter bleibt der Kinder wegen zur\u00fcck und verdingt sich als Geschirrw\u00e4scherin, bei einer Familie im Vorderhaus, wird aber bald vom Vater gerufen, so da\u00df sie der inzwischen Vierzehnj\u00e4hrigen, die Geschwister anvertraut, einen Sack Polentamehl, Kohle, Holz und Petroleum in das Abbruchhaus, auf dem zum Verkauf stehenden Baugrund, in dem die Familie inzwischen wohnt, einlagert, eine Henne kauft sie auch und bezahlt beim Fleischer und beim B\u00e4cker, die Schulden, so da\u00df Erica die n\u00e4chste Zeit das Suppenfleisch und das Brot anschreiben lassen kann, dann dr\u00fcckt sie ihr eineinhalb Lire in die Hand und steigt in den Zug, die Erica f\u00fcr eine Tasse Milchkaffee ausgibt, von dem das Meiste der kleine Bruder trinkt.<br \/>\nErica putzt und w\u00e4scht, versorgt die Geschwister, ist sicher die Mutter nicht mehr wiederzusehen und auch froh dar\u00fcber und wird als n\u00e4chstes von den Nachbarinnen, um die Henne, die Kohlen und die Polenta betrogen, w\u00e4hrend sie noch hoffnungsvolle Briefe an die Mutter schreibt.<br \/>\nDie Geschwister gehen in die Schule und spielen den Rest des Tages im Freien und das Essen wird knapp. Die Nachbarinnen machen Versuche, sie als Dienstm\u00e4dchen auszun\u00fctzen, das dicke M\u00e4dchen, das mit einem Kind in der Umgebung wohnt, versucht sie dagegen aufzuhetzen, es wird auch von irgendwelchen Hilfsorganisationen gesprochen, an die sich die von den Eltern Verlassene wenden kann. Die Scham hindert Erica aber daran, eine Tasse der gestohlenen Polenta zur\u00fcckzunehmen, sie will auch keine Hilfsangebote, sondern bindet sich ein rotes T\u00fcchlein in die Haare und stellt sich an das Fenster, um die Soldaten und Serganten drei Stunden am Tag hineinzulassen und tut das so diskret, da\u00df die Nachbarinnen nichts daran aussetzen k\u00f6nnen, obwohl sie die Arbeit, die sie nun verrichtet, um sich und ihre Geschwister zu ern\u00e4hren, als  schrecklicher empfindet, als w\u00fcrde sie sich enthaupten lassen&#8230;<br \/>\nDie Geschichte eines M\u00e4dchens, dem es trotz aller Dem\u00fctigungen gelingt, sich seinen kindlichen Mut und seine unersch\u00fctterliche Zuversicht zu bewahren, steht auf der Buchr\u00fcckseite, ganz so habe ich das nicht empfunden.<br \/>\nGeschrieben ist diese Sozialkritik in einer sehr symbolhaften, fast m\u00e4rchenhaft anmutenden, distanzierten Sprache, in der die Systemanklage des Nach- und Zwischenkriegsitalien  drastisch und fast unwirklich klingt, obwohl ich mir bei der Literatur im Herbst, vor eineinhalb Jahren sagen habe lassen, da\u00df das in der Ukraine, wo die Eltern, in den reichen Westen arbeiten gehen und die Kinder bei irgendwelchen \u00fcberforderten Gro\u00dfm\u00fcttern zur\u00fccklassen, so passieren soll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Erica und ihre Geschwister&#8221; von Elio Vittorini, ist eines von den Wagenbach Taschenb\u00fcchern mit denen ich meine Ein-Euro-Buchlandungsk\u00e4ufe vor drei Jahren begonnen habe und mit dem ich meinen kleinen Sizilienschwerpunkt fortsetzen will. 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