{"id":3755,"date":"2010-06-26T16:40:34","date_gmt":"2010-06-26T14:40:34","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=3755"},"modified":"2010-06-26T16:40:34","modified_gmt":"2010-06-26T14:40:34","slug":"bachmannlesen-iii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=3755","title":{"rendered":"Bachmannlesen III"},"content":{"rendered":"<p>Heute folgten noch vier Lesungen und zwei m\u00f6gliche Favoriten zu Dorothee Elmiger und Aleks Scholz, die wir schon haben, wie ich h\u00f6ren konnte, n\u00e4mlich  Peter Wawerzinek und Verena Rossbacher.<br \/>\nAn Verena Rossbacher h\u00e4tte ich auch gedacht, w\u00e4hrend mir Peter Wawerzinek, ein  unbekannter Autor war, der zu Beginn gelesen hat und sich von den Mitte Zwanzig-bis Mitte Drei\u00dfigj\u00e4hrigen, die sonst gelesen haben, schon durch sein Alter unterschied, wurde er doch 1954 in Rostock geboren und hat schon 1991 in Klagenfurt gelesen und  einen der kleineren Preise gewonnen.<br \/>\nSchon der Einleitungsfilm ist interessant. Geht da doch einer mit einem alten Schulranzen in ein ehemaliges Kinderheim und schaut sich alte Fotos an, in denen ein Elternpaar mit einem Baby gezeigt werden. Dann habe ich mir noch die Homepage mit der Biografie angeschaut, in der zu lesen ist, da\u00df der Autor in einem Kinderheim aufgewachsen ist, weil seine Eltern in den Westen gingen und das Kind zur\u00fcckgelassen haben. Der Text hie\u00df &#8220;Ich finde dich&#8221; und war ein Kapitel aus dem Roman &#8220;Rabenliebe&#8221;.<br \/>\nVorher sagte der Autor noch, da\u00df der Text einer Frau gewidmet ist, die sich derzeit im Spital befindet und der er gute Besserung w\u00fcnscht. Dann ging es los mit Schnee und Nebel, Kr\u00e4hen und T\u00fcren tauchten als Metaphern auch noch auf und wurden von der Jury bem\u00e4ngelt und ich dachte, da ich den Text zus\u00e4tzlich mitlas, wieso verliest sich der Autor so oft, seinem Lebenslauf nach h\u00e4tte ich ihn f\u00fcr routinierter gehalten? Es war aber die reine Autobiografie, die Geschichte des verlassenen Kindes, eingerahmt in anderen Geschichten von aktuell vorkommenden Kindesmi\u00dfhandlungen, die ebenfalls bem\u00e4ngelt wurden und sch\u00f6ne haarscharf am Kitsch vorbeigeschramte Eichendorf Gedichtstrophen. Da f\u00e4hrt das verlassene Kind mit einem Bus oder  einem Motorrad ins  Kinderheim und w\u00fcnscht sich in seiner Fantasie, es w\u00e4re eine Limosine, die nat\u00fcrlich UDSSR Bauart ist, um nicht so armselig dazustehen und h\u00f6rt zu sprechen auf, ein paar Jahre lang, bis es sich zum Dichter entwickelt, der letzte Textabschnitt ist auch ein Auszug aus einem HNO Lehrbuch und endet mit dem Satz &#8220;Das Kind ist sein eigener Sprachp\u00e4dagoge&#8221; und sie ist da, die Tristesse des grauen DDR Alltags, eines neun Jahre nach dem Krieg geborenen, der schon die Erkenntnis hat, da\u00df es immer Kriege geben wird und immer Kindesmi\u00dfhandlungen und da f\u00e4llt mir ein, da\u00df die Geschichten, die wir im Spiegel von den jungen Frauen lesen, die ihre Kinder  in der Wohnung zur\u00fccklassen, um endlich mal in eine Disco zu gehen, meistens von ehemaligen DDR Bewohnerinnen stammen. Das wurde bem\u00e4ngelt und verteidigt und am Schlu\u00df hat der Autor noch gesagt, da\u00df es ihm ohnehin schwer genug gefallen ist, das zu schreiben und, da\u00df die Romantiker keine Ahnung haben, da\u00df wir sie  als kitschig empfinden.<br \/>\nEin Text, f\u00fcr den ich gestimmt habe, auch wenn er ohnehin einen Preis bekommt, sonst h\u00e4tte ich es f\u00fcr den Mann unter der Treppe getan. Dann kam Iris Schmidt mit einem Text, der auch &#8220;Schnee&#8221; hie\u00df und das war wohl ihr Pech, denn hier wurde die Diskussion von Burkhard Spinnen mit der Bermerkung, da\u00df er um eine kurze Diskussion bitte, ist der Text doch &#8220;ungelenk, unbeholfen, nichtig und mehr ist dazu nicht zu sagen!&#8221;, die Geschichte von dem Pharmavertreter Karl M\u00fcller, der durch den Schnee zu einem verlassenen Hotel f\u00e4hrt, den Weg dahin kaum findet, dann von einer vollbusigen Wirtstochter bedr\u00e4ngt wird, in der Nacht h\u00f6rt er Knarren und Schritte, am Morgen springt der Wagen nicht an, das Hotel wird verschlossen, das Taxi kommt nicht und als er den Ort zu Fu\u00df suchen geht, findet er die beiden, die ihm am Vortag den Weg zeigten, tot in einem Unterschlupf und ihnen geh\u00f6rte auch der verlassene Wagen, der neben seinem auf dem Hotelparkplatz stand. Von  nichts Eigenst\u00e4ndigen und &#8220;Stephen King f\u00fcr Arme&#8221; wurde da gesprochen und  der Karl als Kafka Bezug gedeutet und ich hab mir gedacht, da\u00df der Text so \u00e4hnlich, wie der von Kathrin Passig konstruiert war, mit dem sie vor ein paar Jahren mit Hilfe ihrer Zentralen Intellgenz Agentur, den Preis gewonnen hat. Aber es war schon Mittag, die Juroren wollten offenbar essen gehen und brauchten wohl  ihr &#8220;Opfertier&#8221;, wie Cornelia Travnicek auf Twitter treffend bemerkt.<br \/>\nEs folgten noch der Schauspieler  Christian Fries, der vor einem Notenst\u00e4nder Ausschnitte aus dem Kurzroman &#8220;Der Reich`sche Ansatz&#8221; bot, der von einem Schauspielsch\u00fcler handelt, dessen Eltern sich trennen, der, was, wie ich gestern  h\u00f6rte, f\u00fcr den Preis nie gut sein kann, auch deftige Sexszenen einbaute und dann noch viel von Philosophie und Psychoanalyse las. Der wurde auch sehr kritisch abgehandelt und dann kam, wie ich dachte, wieder ein Wunderkind und wir brauchen morgen nur noch schauen, wie sich die Preise verteilen. Das wird vielleicht auch sein, ich selber aber hatte meine Schwierigkeiten mit der sprachlichen Virtuosit\u00e4t bzw. Abgehobenheit des Textes. Manierismus pur nannten es die Juroren, ein Text, der mit hunderttausend Bildern und einer wahnsinnigen Sprachgewalt daher rast, von Engeln, K\u00fcrbissen und schwangeren Murmeln spricht und dabei auch noch, was ich ihm vor allem vorwerfe, blasphemisch wird, wenn  im &#8220;Alphabet der Indizien&#8221; der Erzengel Gabriel &#8220;Komm zu mir Marie, meine S\u00fc\u00dfe, machen wir ein Kind&#8221;, zu Maria sagt.<br \/>\nDamit habe ich meine Schwierigkeiten, ansonsten denke ich nicht, wie die Juroren, da\u00df wiedermal soviele schlechte Texte vorgetragen wurden und ich glaube auch, da\u00df Verena Rossbacher, das Feuer hat, da\u00df sich Karin Fleischanderl gestern sehnlichst w\u00fcnschte.<br \/>\nDie Geschichte mit den vielen sprachlich gut gebauten Texten von den vielen Literaturinstitutsabsoventen stimmt wohl, auch wenn ich die Themenauswahl sehr vielf\u00e4ltig gefunden habe. Ich bin ja eine, die immer viele Favoriten hat, weil sie vieles zul\u00e4\u00dft und viel  f\u00fcr interessant h\u00e4lt. Peter Wawerzineks Text halte ich in seiner Vielschichtigkeit f\u00fcr den besten, das habe ich auch in meiner Publikumpreisbegr\u00fcndung geschrieben.<br \/>\nAber auch sonst haben mir einige Texte  gut gefallen, der von Judith Zander, die wahrscheinlich morgen in die Shortliste kommt, auch der von Sabrina Janesch trotz ihrer K\u00e4uzchen Metaphern, Max Scharniggs Text hat mir gefallen, der von Christopher Kloeble und von Daniel Mezger. Auch der von Iris Schmidt, vielleicht h\u00e4tte ich f\u00fcr sie stimmen sollen, auch wenn ich die Einw\u00e4nde verstehen kann und es  ist wieder herausgekommen, da\u00df es so etwas, wie den &#8220;Bachmannpreisfavoriten&#8221; gibt und  man ihn, wenn man es  geschickt anstellt, konstruieren kann. Nicht umsonst ist Aleks Scholz  Mitarbeiter der Zentralen \u00cdntelligenz Agentur und der wird ja vermutlich der neue Bachmannpreistr\u00e4ger und das ist eigentlich sehr traurig, obwohl diese drei Tage wieder sch\u00f6n und lehrreich waren. Es mir, wenn ich dort gelesen h\u00e4tte, sicher so, wie Iris Schmidt gegangen w\u00e4re, die ja schon einige Ver\u00f6ffentlichungen und Preise hat, sonst w\u00e4re sie gar nicht eingeladen worden.<br \/>\nEs ist auch wichtig nochmals zu betonen, da\u00df es viel mehr als diese vierzehn Autoren gibt und es ist nat\u00fcrlich wieder schade, da\u00df nur so wenige \u00d6sterreicher eingeladen werden und besonders seltsam finde ich es, wenn sich Karin Fleischanderl bei Burkhard Spinnen beklagt, da\u00df er immer Autoren vorschl\u00e4gt, die einen \u00f6sterreichischen Akzent oder Sprache haben.<br \/>\nUnd jetzt bin ich gespannt, ob die Preistr\u00e4ger Scholz, Elmiger, Wawerzinek, Rossbacher oder vielleicht doch Judith Zander hei\u00dfen werden? <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute folgten noch vier Lesungen und zwei m\u00f6gliche Favoriten zu Dorothee Elmiger und Aleks Scholz, die wir schon haben, wie ich h\u00f6ren konnte, n\u00e4mlich Peter Wawerzinek und Verena Rossbacher. 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