{"id":42341,"date":"2016-03-07T00:07:28","date_gmt":"2016-03-06T23:07:28","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=42341"},"modified":"2016-03-07T00:07:28","modified_gmt":"2016-03-06T23:07:28","slug":"vielen-dank-fuer-das-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=42341","title":{"rendered":"Vielen Dank f\u00fcr das Leben"},"content":{"rendered":"<p>Die 1962 in Weimar geborene und in Z\u00fcrich lebende Sibylle Berg hat mit &#8220;Vielen Dank f\u00fcr das Leben&#8221;, ein alptraumhaftes Szenario \u00fcber das menschliche Leben geschrieben, das auf der einen Seite dicht und eindringlich, auf der anderen vielleicht etwas \u00fcbertrieben verworren ist.<\/p>\n<p>Daraufgesto\u00dfen bin ich im Zuge meiner <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/02\/06\/zurueckgeworfen\/\">&#8220;Paul und Paula- Recherche&#8221;<\/a>, denn da habe ich mich ja erkundigt, was ich in Bezug &#8220;Transgender&#8221; noch lesen k\u00f6nnte? Habe es empfohlen bekommen, nachgegooglet und bin auf dem ersten Blick gar nicht auf die Problematik gesto\u00dfen, denn die\u00a0 Intersexualit\u00e4t der Hauptperson, wird in dem Alptraumszenario\u00a0 irgendwie nur mitgeschleift\u00a0 und wenn man das Buch gelesen hat, ist man wahrscheinlich so depressiv, da\u00df man die Welt, wie hier geschildert, am liebsten\u00a0 verlassen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Ich bin ja vor einigen Jahren in die Kartei der &#8220;Cornelia von Goethe Akademie&#8221; geraten und habe auf einer der Buchmessen einen diesbez\u00fcglichen Schreibratgeber, &#8220;N\u00e4hk\u00e4stchen des Schreiben&#8221; hei\u00dft er, glaube ich, gefunden und bin da auf Sybille Berg und ihren Erstroman &#8220;Ein paar Leute suchen das Gl\u00fcck und lachen sich tot&#8221; gesto\u00dfen, der da sehr gelobt wurde.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter habe ich den Kolumnen Band <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/05\/15\/6983\/\">&#8220;Gold&#8221; <\/a>gefunden und auf der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/08\/25\/lesebuch-zur-longlist-deutschen-buchpreis-09\/\">LL ist sie 2009 mit &#8220;Ein Mann schl\u00e4ft&#8221;<\/a> auch\u00a0 gestanden.<\/p>\n<p>Voriges Jahr habe ich sie in Leipzig am <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/03\/16\/leipzig-gebloggt\/\">blauen Sofa \u00fcber &#8220;Der Tag als meine Frau einen Mann fand&#8221;<\/a>\u00a0 reden geh\u00f6rt und gedacht &#8220;Was ist das f\u00fcr ein merkw\u00fcrdiges Buch oder kaprizi\u00f6se Autorin?&#8221; und das stimmt wahrscheinlich auch f\u00fcr den 2012 bei &#8220;Hanser&#8221; erschienenen Roman, obwohl er mich sehr beeindruckt hat, denn Sibyille Berg zeigt mit klaren Worten und einer sehr starken Sprache die menschlichen Grausamenkeiten und Absudit\u00e4ten. \u00dcbertreibt zum Gl\u00fcck nat\u00fcrlich ma\u00dflos dabei, denn sonst m\u00fc\u00dfte man wahrscheinlich noch depressiver werden und das, was sie da \u00fcber das Aufwachsen des oder der kleinen Toto in der DDR erz\u00e4hlt, k\u00f6nnte genausogut in einem katholischen Heim in Irland oder Wien geschehen sein.<\/p>\n<p>Da wird ein Kind in einer kalten DDR-Klinik von einer kalten Hebamme im kalten Jahr 1966 geboren. Die Mutter ist eine Trinkerin, hat keinen Mann und das Kind hat kein eindeutiges Geschlecht. Es wird der Mutter, ich glaube sie hat keinen Namen, vom Arzt \u00fcbergeben, der ihr sagt, sie mu\u00df sich f\u00fcr ein Geschlecht entscheiden, so w\u00e4hlt sie Junge, nennt ihn Toto, nimmt ihn mit nach Hause und l\u00e4\u00dft das stille ruhige Kind gleich allein, um sich Alkohol zu besorgen. Dann kauft sie schon Windeln und Milchpulver, denn in der DDR stillte man damals nicht und nimmt ihn auch auf ihren Job als Altenpflegerin in entfernte D\u00f6rfer zu abgetakelten Alkoholikern mit (man sieht Sibylle Berg Welt ist mehr als trist) und gibt ihm etwas sp\u00e4ter in ein Kinderheim ab, wo die Kinder von Republikfl\u00fcchtlingen und Alkoholiker aufwachsen.<\/p>\n<p>Dort wird Toto von den anderen Kindern und der Erzieherin Genossin Hagen diskriminiert, wegen des zweideutigen Geschlechts, mu\u00df er allein duschen, als er gedankenlos eine Blume abbricht, wird er zum Dieb an der Volksgemeinschaft gebrandtmarktund als er alt genug ist, um in den Stock zu ziehen, wo die Knaben und die M\u00e4dchen vereint oder getrennt sind, verkauft ihn die Erzieherin an ein ebenfalls trinkendes Bauernpaar.<\/p>\n<p>Toto nimmt das allein gleichm\u00fctig hin, er dissoziert w\u00fcrden die Psychologen sagen. Im Heim hat er viel gelesen Dostojewski, Zola, etcetera und ich frage mich nur, wie kommt ein Heim, das den Kindern, die Teddyb\u00e4ren wegnimmt, damit sie \u1e31eine Gef\u00fchle entwickeln, zu einer solchen Bibliothek?<\/p>\n<p>Am Land, beim K\u00fchemelken f\u00e4ngt er zu singen an und als er die Grundschule abschlie\u00dft, verl\u00e4\u00dft er die Pflegefamlie und geht einfach die Landstra\u00dfe eintlang. Da kommt ein Bus mit westdeutschen Abweichlern, die den Sozialismus studieren wollen und die bringen Toto \u00fcber die Grenze. Er bleibt eine Weile in deren WG, dann zieht er von Knepe zu Kneipe, putzt dort und schenkt aus, unterh\u00e4lt die G\u00e4ste aber auch mit seinem hohen Gesang.<\/p>\n<p>Der dicke Junge, der wie ein M\u00e4dchen aussieht, er wird an eine Musikschule empfohlen, f\u00e4llt bei der Aufnahmspr\u00fcfung aber durch, weil die Idioten dort sein Talent nicht erkennen und hantelt sich weiter durch dieses wunderbare Leben, bis in das Jahr 2000 hinein.<\/p>\n<p>Ein Kasimir kommt auch immer wieder vor,\u00a0 in den hatte sich Toto schon im Heim verliebt. Der ging noch vor ihm oder ihr in den Westen, wird Hedgefondmanager und verfolgt Totos Leben. Das hei\u00dft, er vermittelt ihm zu einer Nierentransplantation, denn der dicke Junge ist auch so selbstlos, da\u00df er niemanden etwas abschlagen kann. Da wird dann Toto zum M\u00e4dchen gemacht, was aber auch nicht viel n\u00fctzt. Es nimmt sie zwar ein Krankenpfleger nach Hause und sie reist mit ihm nach Asien.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wird Toto Metallarbeiterin und ebenfalls\u00a0 Altenpflegerin und in dem Teil, der bis in das Jahr 2030 geht, fahren Toto und Kasimir\u00a0 nach Paris.<\/p>\n<p>Da hat sich die Welt dann wieder ver\u00e4ndert, der Kommunismus ist durch den Kapitalismus ersetzt worden und die Welt teilt sich in die Reichen und die Arbeitslosen. Die Mittelschicht gibt es nicht mehr und aus der Stadt Paris wurde die in die Vorst\u00e4dte verdr\u00e4ngt. In die Stadt kommen die Touristen aus der Unterschicht und die neue Welt ist so sch\u00f6n und heil, wie die von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/12\/12\/schone-neue-welt\/\">Aldous Huxley<\/a>.<\/p>\n<p>Man darf nicht rauchen, i\u00dft kein Fleisch und in der Nacht holt die Polizei, die Obdachlosen ab und bringt sie in ein sch\u00f6nes neues Pflegeheim.<\/p>\n<p>Igendwann, nachdem Kasimir sie verlassen hat, kommt auch Toto dorthin und f\u00e4ngt, ruhig gestellt durch Tabletten zu singen an. So sch\u00f6n, da\u00df ein Aufnahmeteam von den \u00c4rtzen geholt wird. Sie stirbt dann irgendwann, ihre Lieder, steht im letzten Kapitel, das wie viele die \u00dcberschrift &#8220;Und weiter&#8221; tr\u00e4gt, &#8220;wurden eine Woche sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlicht. Ihr Verkauf war ein unglaublicher Mi\u00dferfolg&#8221;.<\/p>\n<p>Man sieht Sibylle Berg kann es nicht lassen mit dem Pessimismus in ihrem, wie am Buchr\u00fccken steht &#8220;w\u00fctenden schrillen Roman \u00fcber das einzige, was im Leben z\u00e4hlt.&#8221;<\/p>\n<p>Sie scheint nicht viel dazuzuz\u00e4hlen und l\u00e4\u00dft die Leserin, ich habe es schon geschrieben,\u00a0 ratlos und betroffen zur\u00fcck, die denkt &#8220;Na darauf, kann ich auch verzichten!&#8221; (Das Leben nicht aufs Buch)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 1962 in Weimar geborene und in Z\u00fcrich lebende Sibylle Berg hat mit &#8220;Vielen Dank f\u00fcr das Leben&#8221;, ein alptraumhaftes Szenario \u00fcber das menschliche Leben geschrieben, das auf der einen Seite dicht und eindringlich, auf der anderen vielleicht etwas \u00fcbertrieben &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=42341\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[549,2519,5310],"class_list":["post-42341","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-aeltere-buecher","tag-hanser-verlag","tag-sibylle-berg"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42341","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=42341"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/42341\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=42341"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=42341"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=42341"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}