{"id":42518,"date":"2016-03-17T00:20:10","date_gmt":"2016-03-16T23:20:10","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=42518"},"modified":"2016-03-17T00:20:10","modified_gmt":"2016-03-16T23:20:10","slug":"wir-kommen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=42518","title":{"rendered":"Wir kommen"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Marja ist nicht tot. Wenn Marja gestorben w\u00e4re, h\u00e4tte sie mir doch davor Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen.&#8221;<\/p>\n<p>So beginnt der Debutroman einer Vierundzwanzigj\u00e4hrigen, von der Joachim Lottmann am Buchr\u00fccken schreibt &#8220;Endlich eine neue Stimme in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur&#8221;.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Wir-kommen-Ronja-von-R%C3%B6nne\/dp\/3351036329\">&#8220;Amazon&#8221;<\/a> sieht das vielleicht ein bi\u00dfchen anders,\u00a0 denn da gibts sowohl f\u00fcnf, als auch ein Stern-Rezensionen, die mit den f\u00fcnf sind zwar in der Mehrzahl, aber &#8220;Heiliger Moses, wie\u00a0 belanglos ist dieser Text!&#8221; oder &#8220;wie \u00f6de und schlecht Trash Literatur sein kann, beweist Ronja von R\u00f6nne mit diesen Buch unerbittlich&#8221;, schreiben die Ein Stern Bef\u00fcrworter und ich habe mich, ich gestehe es, auf dieses Buch sehr gefreut, denn ich habe ja etwas \u00fcber f\u00fcr Debutromane von sehr jungen Frauen, die bald schon meine Enkelt\u00f6chter sein k\u00f6nnten und verfolge, den Werdegang, der jungen Berlinerin, seit sie im vorigen Jahr f\u00fcr das <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/05\/30\/frauenpower-beim-bachmannpreis\/\">Bachmannlesen<\/a> eingeladen wurde.<\/p>\n<p>Da habe ich dann auf ihren Blog zuerst etwas, wie man am Schnellsten sein Haustier umbringt, gelesen und dann, da\u00df sie den Feminismus hasse und er sie anekeln w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das Erstere hat au\u00dfer mir, glaube ich, niemanden aufgeregt, das Zweitere hat\u00a0 einen Shitstorm angeregt und beim <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/07\/05\/neununddreisigstes-bachmannlesen\/\">Bachmannlesen<\/a> ist sie nicht gut weggekommen. Popliteratur wurde er genannt und das man, was da so\u00a0 von der jungen Frau mit dem braven blauen Kleid mit wei\u00dfen Kragen vor sich hingeschnoddrert wurde, l\u00e4ngst schon geh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>Mir hat der Text aber gefallen und nachdem ich dann noch irgenwie in die <a href=\"http:\/\/www.aufbau-verlag.de\/index.php\/literatur-unterhaltung\/romane-erzahlungen\/wir-kommen.html\">&#8220;Aufbau-Bloggerkartei&#8221;<\/a> geraten bin, habe ich das Buch, jetzt lesen k\u00f6nnen, auf das sich Tobias Nazemi glaube ich auch schon sehr freute, hat er doch zwei Monate vor Erscheinen auf ihren Blogtext, <a href=\"http:\/\/sudelheft.blogspot.co.at\/2016\/01\/so-ist-schreiben.html\">&#8220;So ist Schreiben&#8221;<\/a> hingewiesen und ihr auch den<a href=\"https:\/\/buchrevier.com\/2016\/02\/21\/ronja-von-roenne-leserbrief\/\"> dritten seiner &#8220;Leserbriefe&#8221;<\/a> gewidmet.<\/p>\n<p>Jetzt bin ich gespannt, wie es ihm, ich glaube, einem F\u00fcnzigj\u00e4hrigen, der sich in dem Brief\u00a0 als &#8220;Altherren-Groupie&#8221; bezeichnete, gefallen hat und ich bin, glaube ich, zweigeteilt. Das hei\u00dft, auf der ersten H\u00e4lfte sehr begeistert, sp\u00e4ter ist dann das Streichholz, das auf dem gelb blauen Cover zu sehen ist, irgendwie erloschen und irgendwo bei den Rezensionen habe ich auch gelesen, da\u00df die Geschichte keinen Plot hat.<\/p>\n<p>Da war ich noch auf der ersten H\u00e4lfte und h\u00e4tte dem nicht zugestimmt, obwohl ich mir auch da, \u00e4hnlich wie Tobias Nazemi, bei <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/09\/20\/winters-garten\/\">Valerie Fritsch<\/a>, schon sehr viele, wenn auch nicht unbedingt sch\u00f6ne, aber doch in ihrer lapidaren Grausamkeit und H\u00e4rte h\u00f6chst beeindruckende S\u00e4tze angestrichen habe.<\/p>\n<p>Der oben zitierte Buchanfang geh\u00f6rt dazu und dann hat die Verhaltenstherapeutin, die sich wahrscheinlich schon seit Ronja von R\u00f6nne auf der Welt ist mit Panikatacken besch\u00e4ftigt, kurz geglaubt, die jetzt wirklich begriffen zu haben. &#8220;Und pl\u00f6tzlich wurde ich nachts von einer Panik geweckt, die nichts mit der Anbgst zu tun hat, die man von Klausuren kennt, einer Panik, die mir jedesmal das Gef\u00fchl gibt, gleich zu ersticken, nur dass das Ersticken nie eintritt, die Angst davor aber stundenlang anh\u00e4lt, bis man schlie\u00dflich mit einer Plastikt\u00fcte nachhelfen will.&#8221;<\/p>\n<p>Das ist es, was mich wahrscheinlich auch begeistert, dieser, wie Lottmann es nennt &#8220;schnoddriger Ton&#8221;, wo ich mir aber nur nicht sicher war, ob der jetzt authentisch mit der Autorin ist, denn das w\u00fcrde ich ihr nicht w\u00fcnschen, das sie das Leben so erlebt, wie sie es beschreibt. Wenn er aber, was ihr zu w\u00fcnschen w\u00e4re,\u00a0 erfunden w\u00e4re, w\u00e4ren die Leser verarscht worden und das ist es wahrscheinlich auch, was gegen sie polemisiert und die junge Frau k\u00e4mpft trotzig schnoddrig gegen die Geister an, die sie selbst herbeigerufen hat, damit sie mit dreiundzwanzig in Klagenfurt lesen kann und mit vierundzwanzig bei &#8220;Aufbau&#8221; erscheint&#8230;<\/p>\n<p>Aber das mu\u00df man auch erst k\u00f6nnen und Ronja von R\u00f6nne kann es so zu schreiben, da\u00df einem die Luft wegbleibt, ob der Grausamkeit dieses Lebens, auch wenn ich sie bei einigen Plattheiten erwischte, die ihr bestimmt nicht selber eingefallen sind, wie das\u00a0 Kind, das nie redet und dann pl\u00f6tzlich fragt, wieso kein Zucker im Kakao w\u00e4re und der erstaunten Menge, wieso es das jetzt pl\u00f6tzlich t\u00e4te, antwortet, das der bisher immer vorhanden war!<\/p>\n<p>Das ist ein Witz, den ich in der Stottererberatung manchmal erz\u00e4hle. Ronja von R\u00f6nne legt ihn in anderen Worten der kleinen Emma-Lou in den Mund, aber sch\u00f6n der Reihe nach, um auch hier zu spoilern.<\/p>\n<p>Da ist Nora, vielleicht so alt, wie die Autorin, ich w\u00fcrde sie mir \u00e4lter vorstellen, sie ist Regisseurin in irgendeiner Fersehedokushow, wo sie mit dicken Frauen oder so, einkaufen gehen soll, aber jetzt sucht sie Maja, ihre Freundin aus den Kindertagen, an deren Tod sie nicht glauben kann. Vielleicht bekommt sie deshalb, die Panikattacken und geht aus diesen Grund zum Therapeuten. Der f\u00e4hrt aber bald auf Urlaub und dr\u00fcckt ihr daher ein blau gelbes Heft mit einem brennenden Streichholz, genau wie das Cover des Buches, auf diese Idee mu\u00df man erst kommen, in die Hand und sagt, sie soll alles aufschreiben (damit er sich die weitere Therapie erspart).<\/p>\n<p>Sie tut das auch und so k\u00f6nnen wir jetzt &#8220;Wir kommen&#8221; lesen und uns dar\u00fcber streiten, ob es\u00a0 einen oder f\u00fcnf Sterne verdient, beziehungsweise vielleicht gar <a href=\"http:\/\/literatourismus.net\/2016\/03\/ronja-von-roenne-wir-kommen\/\">mittelm\u00e4\u00dfig<\/a> ist?<\/p>\n<p>Nora lebt jedenfalls in einer Vierergemeinschaft oder sie hat mit Karl gelebt, dann ist aber Leonie mit ihrer schweigsamen Tochter Emma-Lou dahergekommen,\u00a0 Karl ist mir ihr im Schlafzimmer verschwunden und hat Nora vielleicht vorher noch zugerufen, da\u00df sie das locker sehen soll. Auch da habe ich wahrscheinlich einen bedeutungsschweren Satz notiert und an den Partnertausch der wilden Siebzigerjahre, als Ronja von R\u00f6nne noch nicht auf der Welt war und an die M\u00fchl-Kommune gedacht.<\/p>\n<p>Es taucht aber auch ein Jonas auf und mit dem freundet Nora sich dann an, obwohl der gar nicht so viel von ihr zu halten scheint und sich seltsamerweise mehr, um die schweigsame F\u00fcnfj\u00e4hrige k\u00fcmmert.<\/p>\n<p>Leonie ist Ern\u00e4hrungsberaterin, die ihren Kopf schon mal an W\u00e4nde schl\u00e4gt, Jonas Graphiker, Karl Sachbuchautor, der eine Sekte gr\u00fcnden will. Er hat aber auch ein Haus am Meer und dorthin fahren nun die vier. Karl schl\u00e4gt vor, da\u00df alle ihre Handys und Laptops in eine M\u00fcllt\u00fcte schmei\u00dfen sollen, beh\u00e4lt aber den seinen, Jonas dreht deshalb durch und verl\u00e4\u00dft\u00a0 mit Enmma-Lou die Villa und Nora tut das auch mit Karls Auto und f\u00e4hrt in das Dorf, in dem sie mit Maja aufgewachsen ist und erinnert sich an ihre Kindertage, wo sich die beiden M\u00e4dchen vor Kaufhhofparkpl\u00e4tzen herumtrieben, beziehungsweise auf den Autod\u00e4chern der einkaufenden Frauen herumsprangen und wenn die sich beschwerten und die Polizei holten, fing Maja zu kreischen an und wimmerte &#8220;Die Frau da, die Frau da, hat uns bedroht, wir haben uns nicht hinuntergetraut. Sie hat gesagt, sie will uns streicheln, und wir sollen mit ihr mitfahren und ob wir\u00a0 Kaubonbons wollen!&#8221;<\/p>\n<p>Maja, die Tochter einer Alkoholikerin, w\u00e4hrend Nora eher aus einer &#8220;stinknormalen&#8221; Familie zu stammen scheint, tut das auch bei M\u00e4nnern so, wenn, die sich weigern, ihr das was sie begehrt, zu kaufen und Ronja von R\u00f6nne hat uns wieder einmal\u00a0 demonstriert, wie m\u00e4chtig Kinder sind und wie sehr die kleinen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/06\/13\/lolita\/\">Lolitas,<\/a> die Erwachsenen qu\u00e4len k\u00f6nnen, die aber nat\u00fcrlich h\u00f6chstwahrscheinlich auch \u00fcberfordert sind.<\/p>\n<p>Es gibt auch eine Schildkr\u00f6te, um die sich Nora k\u00fcmmern soll und sie mit in das Strandhaus schleppt und tagelang nicht bemerkt, da\u00df sie schon gestorben ist. Erst Jonas, der sich mit der kleinen Emma-Lou, die, wir wir allm\u00e4hlich begreifen, nicht von ihm mi\u00dfbraucht wird, sondern seine Tochter ist, die falsche Idylle verlassen will, macht sie darauf aufmerksam und so f\u00e4hrt Nora noch einmal mit Karls Auto weg und setzt sich\u00a0 mit einem Becher Kafee in eine Autobahngastst\u00e4dte, um zu schreiben und zu schreiben und vielleicht doch zu kapieren, da\u00df Maja sich nicht mehr melden wird und ihre Kindheit vor\u00fcber ist&#8230;<\/p>\n<p>Richtig, Plot, das habe ich im zweiten Teil begriffen, gibt es wahrscheinlich keinen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/08\/08\/axolotl-roadkill\/\">und <\/a><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/12\/18\/der-russe-ist-einer-der-birken-liebt\/\">auch<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/12\/29\/meine-schone-schwester\/\">nichts<\/a>, was wir von der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2008\/12\/01\/krankheit-der-jugend\/\">Jeunesse dore<\/a>, des fr\u00fchen einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht schon geh\u00f6rt h\u00e4tten, aber Ronja von R\u00f6nne, das hat sich best\u00e4tigt, kann schreiben.<\/p>\n<p>Sie kann sich wahrscheinlich auch sehr inszenieren. Es bleibt nur zu hoffen, da\u00df sie nicht wirklich, ein Streichholz ist, das an zwei Enden brennt und ich bin mir jetzt nicht sicher, ob das eine Metapher aus ihrem Buch oder aus dem von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/03\/13\/der-sommer-in-dem-f-scott-fitzgerald-beinahe-einen-kellner-zersaegte\/\">Emily Waltons \u00fcber Scott Fitzgeralds Sommer 1926 an der Cote d` Azur <\/a>ist, wo auch wilde Strandparties gefeiert wurden und die \u00dcberforderung, wenn auch anders, genauso stark war.<\/p>\n<p>Zu hoffen, bleibt auch, da\u00df die junge Frau damit im Herbst auf die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/07\/09\/deutscher-buchpreis\/\">LL<\/a> kommt, denn dann h\u00e4tte ich ein Buch weniger zu lesen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Marja ist nicht tot. Wenn Marja gestorben w\u00e4re, h\u00e4tte sie mir doch davor Bescheid gesagt. 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