{"id":42774,"date":"2016-03-24T11:00:02","date_gmt":"2016-03-24T10:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=42774"},"modified":"2016-03-24T11:00:02","modified_gmt":"2016-03-24T10:00:02","slug":"unvollendete-symphonie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=42774","title":{"rendered":"Unvollendete Symphonie"},"content":{"rendered":"<p>Als es 2006 zum achtzigsten Geburtstag in Wien das gro\u00dfe Bachmann-Symposium gab, hat es am Sonntag auch eine F\u00fchrung auf Bachmanns-Spuren gegeben. Ein junger Mann hat uns das Wohnhaus im dritten Bezirk gezeigt und ist mit uns zum Cafe Raimund vis a vis dem Volkstheater gefahren.<\/p>\n<p>Dort hat er\u00a0 von einem 1951 erschienenen Schl\u00fc\u00dfelroman von Hans Weigel erz\u00e4hlt, den dieser, der ja im Cafe Raimund seinen Stammtisch hatte und dort die jungen Literaturtalente f\u00f6rderte und den Kommunismus zu verhindern versuchte, \u00fcber seine Beziehung zu der Dichterin geschrieben hat.<\/p>\n<p>Da bin ich auf den Roman neugierig geworden und habe ihn als es 2010 die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/02\/19\/silberbote\/\">offenen B\u00fccherschr\u00e4nke<\/a> gab zu suchen angefangen, da ich<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/11\/25\/die-ganze-wahrheit\/\"> Schl\u00fc\u00dfelromane<\/a> ja liebe und<a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_heimsuchung.html\"> vielleicht sogar selber solche schreibe.<\/a><\/p>\n<p>Beim <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/11\/29\/hans-weigel-symposium\/\">&#8220;Weigel-Symposium&#8221; <\/a>in der &#8220;Gesellschaft f\u00fcr Literatur&#8221; wurde der Roman dann erw\u00e4hnt, der 1991 wieder aufgelegt wurde und vor ein paar Monaten, war es schon vorigen November, habe ich das Radio aufgedreht und zwischen T\u00fcr und Angel geh\u00f6rt, da\u00df der Roman wieder aufgelegt wurde.<\/p>\n<p>Ich hab auch ein bi\u00dfchen danach gesucht, bin aber nur auf eine &#8220;Weigel-Biografie&#8221; gesto\u00dfen und habe geglaubt, ich h\u00e4tte mich verh\u00f6rt, bis ich dann in <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/03\/21\/buchmessenreport-2\/\">Leipzig<\/a>, ich glaube, in der Zeitschrift &#8220;Buchkultur&#8221; oder war es eine andere \u00f6sterreichische Postille, daraufgekommen bin, die<a href=\"http:\/\/www.editionatelier.at\/unvollendete-symphonie.html\"> &#8220;Edition Atelier&#8221;<\/a> hat in der von Alexander Kluy herausgegebenen Reihe &#8220;Wiener Literaturen&#8221; den Roman wieder aufgelegt.<\/p>\n<p>Ich habe angefragt und herausbekommen, da\u00df die Auflage schon fast vergriffen ist und nun das PDF gelesen, so da\u00df ich, da E-Books ja keine&#8221; richtigen B\u00fccher&#8221; sind, in den Schr\u00e4nken weiter nach den beiden fr\u00fcheren oder auch der neuen Ausgabe suchen werde.<\/p>\n<p>Die Erstausgabe, die sich auch Hans Weigel, als er das Buch kurz vor seinem Tod 1991 wieder herausgab, ausborgen mu\u00dfte, w\u00e4re nat\u00fcrlich sch\u00f6n und wie Ronja von R\u00f6nne in Leipzig auf dem &#8220;blauen Sofa&#8221; alle warnte, sich ihr <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/03\/17\/wir-kommen\/\">Buch<\/a> zu kaufen, wenn sie sich einen Skandal erwarten, mu\u00df auch ich das bei denen tun, die etwas \u00fcber die Bachmann darbei lesen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>In der zweiten Auflage hat Weigel ja geoutet, da\u00df das Vorbild der weiblichen Ich-Erz\u00e4hlerin, eine junge Malerin, seine Kollegin Ingeborg Bachmann war und er hat wohl sicher seine Beziehung, seinen Schmerz und seine Kr\u00e4nkung darin aufgearbeitet, vom Leben der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/01\/02\/mythos-bachmann\/\">Bachmann<\/a>, die damals noch ein junges M\u00e4dchen war, sie hat 1951, als <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/06\/10\/yoga-schreib-cafe-und-radiofamilie\/\">Rundfunkredakteurin f\u00fcr den Sender &#8220;Rot wei\u00df Rot&#8221;<\/a> gearbeitet und dabei Drehb\u00fccher f\u00fcr die &#8220;Familie Floriani&#8221;, ein Buch, das ich inzwischen gefunden habe, geschrieben, bekommt man aber nichts mit.<\/p>\n<p>Die &#8220;Unvollendete Symphonie&#8221; ist, denke ich vor allem und daf\u00fcr w\u00fcrde ich das Buch empfehlen, eine der besten Schilderungen des Nachkriegswien, wo noch der Hunger herrscht, es keinen Bohnenkaffee gibt, man mit Marken bezahlen mu\u00df und alle in den Stra\u00dfenbahnen rauchten, wenn sie am Schmarzmarkt Zigaretten ergatterten, obwohl das verboten war.<\/p>\n<p>Das Interessante daran ist auch, da\u00df Weigel, wie er 1991 in seinen Nachwort schrieb, sich das Experiment leistete, aus der Perspektive einer weiblichen Ich-Erz\u00e4hlerin zu schreiben und so tauchen wir in das Nachkriegswien des Hungers und des gerade \u00dcberlebt habens, in die Zeit nach 1945, wo, die Ich-Erz\u00e4hlerin gerade zum Studium nach Wien gekommen ist, in einem kalten Zimmer lebt und bei Freunden den \u00e4lteren Peter Taussig kennenlernte, der von Z\u00fcrich\u00a0 nach Wien zur\u00fcckgekommen ist.<\/p>\n<p>Denn er ist Jude und mu\u00dfte, wie Weigel in die Schweiz emigrieren und die Freunde fragten ihn auch, ob er verr\u00fcckt ist, wieder zur\u00fcckzukommen?<\/p>\n<p>Er kann aber nicht anders, er ist ein echter Wiener, wie man auch an der Stelle merken kann, wo es einen Exkurs \u00fcber das Wienerlied &#8220;Erst wenns aus wirds sein&#8221; gibt und ich kann nicht verhehlen, da\u00df ich, die ich,\u00a0 Weigel bisher f\u00fcr einen eher mittelm\u00e4\u00dfigen Schriftsteller &#8220;Den gr\u00fcnen Stern&#8221; und &#8220;Niemandsland&#8221; habe gelesen, gehalten habe, beeindruckt von seinen hervorragenden Schilderungen des Nachkriegswien, sowie seines\u00a0 lockeren Plauderton war. Aber es schreibt ja die junge, irgendwo habe ich &#8220;naive&#8221; Frau gelesen und so schildert Weigel die, die sp\u00e4ter ber\u00fchmt geworden ist, auch, weshalb ich auch glaube, da\u00df sie nicht zu erkennen ist.<\/p>\n<p>Denn Hans Weigels Ich-Erz\u00e4hlerin kommt nach Wien, f\u00e4ngt zu studieren kann, verliebt sich in den \u00c4lteren, irrt tagelang durch Wien herum und als sie sich zuf\u00e4llig wiedertreffen, er springt von der Stra\u00dfenbahn und rennt ihr nach, wird es kompliziert, denn sie hat eine Verabredeung und was macht man jetzt?<\/p>\n<p>Handys hat es noch keine gegeben, nur &#8220;Telephonzellen&#8221; ohne &#8220;Telephonb\u00fccher&#8221; und als man doch eines findet, ist keiner zu Haus. Man nimmt ein St\u00fcck Papier, schreibt eine Nachricht und dr\u00fcckt es einen Passanten mit einer Schachtel Zigaretten in die Hand.<\/p>\n<p>&#8220;Sie k\u00f6nnen den Brief auch wegwerfen, aber wenn Sie mir Morgen eine Empfangsbest\u00e4tigung bringen, bekommen Sie noch eine!&#8221;<\/p>\n<p>Das habe ich noch nie so gelesen und die Erz\u00e4hlerin beschreibt auch ausf\u00fchrlich, wie sich alle damals nach Zigaretten und Kaffe sehnten, die neben Brot und Butter das wichtigste Lebensmittel waren.<\/p>\n<p>Der Peter Taussig ist auch ein reicher Mann und er f\u00f6rdert &#8220;seine Damen&#8221; auch mit Geschenken aus Paketen, die er aus aller Welt bekommt. Und weil er beil\u00e4ufig von &#8220;seinen Damen&#8221; spricht, mu\u00df sie sich auch &#8220;Herren&#8221; zulegen. Obwohl so\u00a0 arg ist es nicht damit, erst sp\u00e4ter wird es schwierig, als sie einen chaotischen jungen Wilden, Lyriker und Prosaschreiber kennenlernt und ihn in ihrem Zimmer schlafen l\u00e4\u00dft, weil sie ja die meiste Zeit bei Peter in der Gumpendorferstra\u00dfe ist.<\/p>\n<p>Sie schreibt ihren Bericht\u00a0 aus den F\u00fcnzigerjahren zur\u00fcck und reflektiert dabei ihre Beziehung zu Peter, wo sie mit ihm durch die Cafeh\u00e4user und die Heurigen zieht, auch nach Salzburg und nach Z\u00fcrich f\u00e4hrt, wo er seine Verwandten und Freunde hat, die sie, die Tochter eines NSDAP-Mitglieds, die nat\u00fcrlich beim BDM war, mi\u00dftrauisch mustern und nach ihrer Gesinnung fragen und sie erst in ihren Kreis aufnehmen, als sie ein &#8220;Dirndl&#8221; ablehnt, das ihr eine Emigrantin schenken will, weil das &#8220;narzistisch&#8221; war.<\/p>\n<p>Die &#8220;Unvollendete Symphonie&#8221; endet, als sie sich ihm entfremdet und verl\u00e4\u00dft. In dem Buch hei\u00dft es, da\u00df sie wohl erst dann vollendet ist, wenn der Verfasser stirbt. Die Bachmann hat Weigel wohl wegen Paul Celan, dem chaotischen Dichter verlassen, mit dem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/11\/30\/herzzeit\/\">sie auch nicht gl\u00fccklich geworden ist<\/a> und ist 1953 nach Rom gegangen.<\/p>\n<p>Weigel hat zu dieser Zeit noch einmal geheiratet und sp\u00e4ter mit Elfriede Ott zusammengelebt, die er kurz vor seinem Tod geheiratet hat und ich wei\u00df jetzt nicht mehr \u00fcber die Bachmann, als ich schon <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/11\/14\/die-gruppe-47\/\">fr\u00fcher wu\u00dfte,<\/a> aber mehr \u00fcber dieses Nachkriegs-Wien, in das ich ja zwei Jahre nach Erscheinen der Erstauflage geboren bin und auch, da\u00df Hans Weigel, den ich bisher f\u00fcr einen eher konservativen Kritiker und Brecht-Verhinderer hielt und ihn 1987 im NIG an der Seite, des oder viellecht noch der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/03\/12\/julian-schuttings-herrenrunde\/\">Schutting<\/a> gesehen habe, als die GAV zu einer gro\u00dfen Anti Waldheim-Lesung aufgerufen hat, an der ich mich auch beteiligt habe, vielleicht doch ein hervorragender Schriftsteller, wenn wahrscheinlich auch, nicht leicht zu handhabender Mann war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als es 2006 zum achtzigsten Geburtstag in Wien das gro\u00dfe Bachmann-Symposium gab, hat es am Sonntag auch eine F\u00fchrung auf Bachmanns-Spuren gegeben. 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