{"id":43261,"date":"2016-04-29T00:15:47","date_gmt":"2016-04-28T22:15:47","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=43261"},"modified":"2016-04-29T00:15:47","modified_gmt":"2016-04-28T22:15:47","slug":"die-wahrheit-sagen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=43261","title":{"rendered":"Die Wahrheit sagen"},"content":{"rendered":"<p>Der, 2008 in Prag erschienene <a href=\"http:\/\/www.gekkoworld.de\/de\/\">&#8220;Brutale Roman \u00fcber die Liebe zum Leben&#8221; des 1969 geborenen, tschechischen Autors, Josef Formanek<\/a>, wurde jetzt doch ins Deutsche \u00fcbersetzt und mir von einem Literaturb\u00fcro zugesandt und erz\u00e4hlt auf etwa vierhundersiebzig Seiten, die Begegnungen eines Autors oder Journalisten, mit dem Namen Josef, der sehr mi\u00dftrauisch ist und manchmal eine etwas derbe Sprache hat, mit einem alten Mann, der viel Geld besitzt, in einer H\u00fctte \u00fcber einer M\u00fcllhalde lebt, den M\u00fcll sorf\u00e4ltig sortiert und ihn nach einer Frau namens Sophie fragt, der ihm sein Leben erz\u00e4hlt, damit er es aufschreiben kann.<\/p>\n<p>1924 wurde der, Bernhard Mares mit Namen in einer Wiener Stra\u00dfenbahn geboren, die Mutter wickelte ihn in die Jacke eines Fahrgastes ein, stieg aus und trug ihn zur n\u00e4chsten Kirche, um ihn mit Namen versehen, dort abzulegen. Gefunden wurde er vom Pfarrer und vom K\u00fcster, die sich in einer r\u00fchrenden Szene r\u00fchrig hilflos um den Kleinen k\u00fcmmern und ihn dann zur Schwester des K\u00fcsters aufs Land schicken. Die k\u00fcmmert sich auch um ihn, wird aber von einer eifers\u00fcchtigen Freundin angezeigt, so kommt die F\u00fcrsorgerin, holt wie bei bei <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/06\/14\/abschied-von-sidonie\/\">Erich Hackl<\/a>, den Kleinen ab, um ihn ins Waisenhaus zu stecken. Die Schwester geht darauf ins Wasser und der Kleine verwaist noch einmal, weil sie ihn jetzt ja nicht besuchen kann.<\/p>\n<p>Trost findet er in einem gestohlenen Wildwestb\u00fcchlein, als er ein anderes Buch klauen will, wird er noch der Oberin \u00fcberrascht, die ihn unter die Schenkel greift und in die Badewanne steckt. Er will ins Priesterseminar, wird aber dort, weil unehelich hinausgeschmissen. So geht er in seine &#8220;Heimat&#8221; \u00d6sterreich, ger\u00e4t nach Krems\/Stein in eine unbezahlte B\u00e4ckerlehre und als er dort ein SS-Werbeplakat, es ist das Jahr 1942, mit einem Soldat mit ausgestreckten Arm und mit &#8220;Komm in deine Familie!&#8221; oder so, sieht, meldet er sich freiwillig.<\/p>\n<p>Wird nach Russland und an die Front gefahren, sieht der Ermordung der Juden in einem Dorf, die in einen Friedhof getrieben werden, zu, sieht seine Kameraden sterben und die russische Armee sich n\u00e4hern.<\/p>\n<p>Um Uniformen abzuholen wird er nach Mauthausen geschickt, dort sieht er die j\u00fcdische Gefangene Sophie Runbinstein, verliebt sich in sie, beziehungsweise sieht er in ihr das M\u00e4dchen seiner Tr\u00e4ume.<\/p>\n<p>So freundet er sich mit dem Unterscharf\u00fchrer Mold an und Sophie gibt sich, um gerettet zu werden ihm hin. Er befreit sie und einige andere Frauen auch und nimmt ihr das Versprechen ab, jeden Mittwoch in einem Park in Krems auf ihn zu warten.<\/p>\n<p>Dann ger\u00e4t er in das <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/03\/20\/april-in-stein\/\">Gefangengenmassaker von Krems-Stein <\/a>und wird schlie\u00dflich Dolmetscher der roten Armee.<\/p>\n<p>Er trifft Sophie wieder, wird Zeuge ihrer Vergewaltigung durch die Russen und will einen, der das tat erschie\u00dfen, l\u00e4\u00dft es aber, als der ihm die Geschichte seiner Mutter erz\u00e4hlt. F\u00fcr die Russen soll er in Wien bei den Amerikanern dolmetschen, daf\u00fcr wird das Gastgeschenk gestohlen und als sich die Amerikaner auch M\u00e4dchen bringen lassen, wird er von dem, bei der er einmal in Krems wohnte, als SS-Mann enttarnt, wird gefangengenommen, von Nation zu Nation gereicht, bis er an einen verst\u00e4ndnisvollen tschechischen Offizier ger\u00e4t, der ihn entl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Er f\u00e4hrt in die Tschechei zur\u00fcck, geht zuerst zum Milit\u00e4r, macht dann kurzfristig bei der Kommunistischen Partei Karriere, erlebt dort, wie die Wahlen gef\u00e4lscht werden und hat Angst als ehemaliger SS-Mann verhaftet zu werden. So kommt es zu einem Fluchtversuch, er wird verhaftet, f\u00fcr Jahre in Gef\u00e4ngnisse gesteckt, wo er sich zwischen &#8220;die Wahrheit sagen&#8221;, Rebellion und f\u00fcr Verr\u00fccktgehalten werden, hin- und her hantelt. Er wird zwischendurch entlassen, nimmt Kontakt zu Sophie auf, die verheiratet ist und schreibt beziehungsweise bekommt von ihr auch Liebesbriefe.<\/p>\n<p>1969 wird er entlassen, geht nach Deutschland, wird dort Taxifahrer, f\u00fchrt ein Restaurant, kommt zu Geld und f\u00e4ngt ein Verh\u00e4ltnis mit seiner zweiten Liebe, der alten Hure Gitty an, dann fliegt er nach S\u00fcdamerika, um nach seiner Mutter zu suchen, deren Grab er findet, an dem er sich betrinkt und in einer bizarren Szene eine Begnung mit einem Denkmal hat.<\/p>\n<p>Die Mutter war J\u00fcdin, also ist der SS-Mann auch ein solcher, was wieder die Bizarrtheit des Lebens zeigt, geht er nach Tschechien zur\u00fcck, bezieht das Haus bei der M\u00fcllhalde, beginnt nach Sophie zu suchen und dem Schriftsteller Josef Formanek, oder Pepi wie er ihn nennt, sein Leben zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Das Buch, das manchmal ein wenig langatmig wirkt, ist zweigeteilt. Die Lebensgeschichte des Bernhard Mares, wechselt sich mit den Reisen, die er mit Formanek macht und dessen Leben ab.<\/p>\n<p>So geht der nach dem\u00a0 Tsunami von 2005 nach Indonesien, um dort zu helfen und ein Trinker ist er auch<\/p>\n<p>Es wird in dem Buch, um die Wahrheit und wie sie manchmal scheinen kann, viel philosophiert, aber auch geflucht und wahrscheinlich auch geflunkert.<\/p>\n<p>Am Ende stirbt der alte Mann, in seinem vierundachtzigsten Lebensjahr, aber nicht in Wien, wie ihm eine Wahrsagerin prohezeite, sondern im Zug nach Hamburg, auf dem Weg in ein Waisenhaus, das er mit seinem Geld unterst\u00fctzte und zwischen den elf Kapiteln, gibt es immer mehr oder weniger lange fett gedruckte Motti, die ans Stra\u00dfenbahnfahren erinnern.<\/p>\n<p>&#8220;An alle, die noch im Wagen sind: N\u00e4chste Station! Wie sie hei\u00dft? Das ist ein Geheimnis!&#8221;, lautet eines davon.<\/p>\n<p>Das Buch ist mit &#8220;Habis, Herbst 2008 datiert&#8221;.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/radiergummi.wordpress.com\/2016\/04\/13\/josef-formanek-die-wahrheit-sagen\/\">&#8220;aus.gelesen&#8221;<\/a> hat es schon gelesen und auf der Rezension kann man auch einen Link zur Leipziger Buchmesse finden, wo Josef Formanek am Stand der Tschechen gelesen hat und gehofft wird, das das Buch bald eine deutsche \u00dcbersetzung findet.<\/p>\n<p>Das ist jetzt geschehehen. Es ist nicht das erste Buch \u00fcber den Holocaust, aber eines, das zeigt, wie verwinkelt das Leben und wie schwer es wahrscheinlich manchmal mit der Wahrheit ist, denn &#8220;der Mensch denkt, das Schicksal lenkt&#8221;, hei\u00dft es ja auf Seite 468.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der, 2008 in Prag erschienene &#8220;Brutale Roman \u00fcber die Liebe zum Leben&#8221; des 1969 geborenen, tschechischen Autors, Josef Formanek, wurde jetzt doch ins Deutsche \u00fcbersetzt und mir von einem Literaturb\u00fcro zugesandt und erz\u00e4hlt auf etwa vierhundersiebzig Seiten, die Begegnungen eines &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=43261\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[1427,2957,5860,6419],"class_list":["post-43261","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-deutsche-neuerscheinung","tag-josef-formanek","tag-tschechische-literatur","tag-zweiter-weltkrieg"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43261","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=43261"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43261\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=43261"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=43261"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=43261"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}