{"id":43420,"date":"2016-04-20T10:03:50","date_gmt":"2016-04-20T08:03:50","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=43420"},"modified":"2016-04-20T10:03:50","modified_gmt":"2016-04-20T08:03:50","slug":"ungeduld-des-herzens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=43420","title":{"rendered":"Ungeduld des Herzens"},"content":{"rendered":"<p>Passend zur gestrigen<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/04\/19\/eine-gedenktafel-fuer-soma-morgenstern\/\"> &#8220;Soma Morgenstern-Gedenkveranstaltung&#8221;<\/a> Stefan Zweigs 1939 erschienener, ich glaube, einziger fertig gestellter Roman &#8220;Die Ungeduld des Herzens&#8221;, wie <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/07\/25\/radetzkymarsch\/\">Joseph Roths &#8220;Radetzkymarsch&#8221;<\/a> warscheinlich auch ein Abgesang an die Monarchie, spielt das Buch ja 1914 in einer kleinen Garnisonstadt, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges und wird vor Ausbruch des zweiten, dem Erz\u00e4hler von einem Offizier berichtet. Es ist aber, denke ich etwas verhaltener, hat mich, was eigentlich selten geschieht, sehr beeindruckt, obwohl manche Stellen nach heutigen Geschmack eindeutig kitschig sind, andere dagegen so offen, da\u00df man sich wundert, da\u00df das 1939 schon geschrieben wurde.<\/p>\n<p>Ich habs ja, glaube ich, schon einmal geschrieben, da\u00df ich in <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/01\/21\/zwischendurch\/\">&#8220;Von Tag zu Tag&#8221; einmal die Besprechung eines Buches \u00fcber die neuere \u00f6sterreichische Literatur und da sagen h\u00f6rte<\/a>, da\u00df die Autoren Peter Rosegger und Stefan Zweig aus dem Kanon der bedeutenden Schriftsteller gestrichen und daf\u00fcr Michael Felder aufgenommen h\u00e4tten. Von Felder habe ich seine<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/09\/27\/aus-meinem-leben\/\"> Augobiografie<\/a> gelesen, von Rosegger vor Jahren &#8220;Jakob der letzte&#8221; und war tief beeindruckt von dem meiner Meinung nach ersten Roman \u00fcber den Umweltschutz.<\/p>\n<p>Von Zweig habe ich bis jetzt die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/05\/19\/schachnovelle\/\">&#8220;Schachnovelle&#8221;<\/a> und vor Jahren, noch als Hauptsch\u00fclerin, die Biografie &#8220;Maria Antoinette&#8221; und etwas sp\u00e4ter &#8220;Die Welt von Gestern&#8221; aus dem B\u00fcchertschrank meiner Eltern gelesen und eine &#8220;Arte-Doko&#8221; geh\u00f6rt, die mich <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/04\/11\/weiter-mit-dem-damendoppelpingpong\/\">veranla\u00dfte<\/a>, aus meinen Best\u00e4nden, die Zweig-B\u00fccher herauszuholen und den geplanten Vicki Baum-Schwerpunkt noch eine Weile aufzuschieben.<\/p>\n<p>Die &#8220;Ungeduld des Herzens&#8221; habe ich mir aus Harland mitgenommen, eine &#8220;Donauland-Ausgabe&#8221;, ob ich sie mir einmal zu Weihnachten w\u00fcnschte oder im elterlichen B\u00fccherkasten war, wei\u00df ich nicht so genau, aber wieder ein ungelesenes Buch, das nach Jahren zur Ehre kommt und f\u00fcr mich ein weiteres Pl\u00e4ydoyer f\u00fcr das B\u00fcchersammeln ist.<\/p>\n<p>Es ist, glaube ich, auch ein Meisterst\u00fcck des Erz\u00e4hlens, denn sehr verwinkelt und sehr geplant, mehrere Novellen hineingepackt, mehere Ebenen und es beginnt, 1938 oder 39, wo der Erz\u00e4hler in einem Cafe einen Offizier trifft, der ihm\u00a0 Angesichts des kommenden Krieges seine Geschichte von der l\u00e4ngstvergangenene gestrigen Welt erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die &#8220;Ungeduld des Herzens&#8221;, ist eine Metapher f\u00fcr das Mitleid. Zweig schreibt vom Falschen und vom Echten. Der f\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrige Leutnant, Anton Hofmiller, hat wohl das Falsche, als er, Sohn armer Leute, der in seiner Garnison immer neben den reichen Kameraden steht und sich sein Geld einteilen mu\u00df, zum reichen Herrn von Kekesfalva zum Abendessen in sein Schlo\u00df gebeten wird.<\/p>\n<p>Er kommt wegen einer dienstlichen Angelegenheit zu sp\u00e4t, kann sich so \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse wahrscheinlich nicht orientieren und fordert, als es zum Tanzen geht, die Tochter des Gastgebers auf. Die erstarrt, denn sie ist gel\u00e4hmt, was er nicht wu\u00dfte, er st\u00fcrzt entsetzt davon, wird aber wieder in das Schlo\u00df gebeten und ist von der Freundlichkeit, die ihm entgegenstr\u00f6mt, sehr ger\u00fchrt.<\/p>\n<p>T\u00e4glich besucht er fortan die Gel\u00e4hmte, ein siebzehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen und es passiert, was passieren mu\u00df, sie verliebt sich in ihm.<\/p>\n<p>Der Vater bittet Hoffmiller mit dem Arzt Dr. Condor zu sprechen, wie hoffnungsvoll oder hoffnungslos die Krankengeschichte wirklich ist? Einem Fremden wird der Arzt die Wahrheit eher sagen und Hoffmiller verspricht es , ohne was man hier wohl tun sollte, die Frage zu stellen und was passiert, wenn die Sache aussichtslos ist?<\/p>\n<p>Der Arzt f\u00fchrt Hofmiller in eine Weinstube und erz\u00e4hlt ihm erst lang und breit die Geschichte, da\u00df Kekesfalva kein wirklicher Adeliger, sondern ein ehemals armer Jude ist, der die Gesellschafterin einer F\u00fcrstin, der das Schlo\u00df fr\u00fcher geh\u00f6rte und die aus Zorn auf ihre erbschlechenden Verwandten, das Schlo\u00df ihr vererbte, um\u00a0 ihren Besitz prellen wollte. Dann heiratet er sie doch, es wird eine gute Ehe und als sie stirbt, vertraut er dem Arzt die Geschichte an.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Gesundheit der geliebten Tochter w\u00fcrde der alte herzkranke Mann alles tun und der Arzt weicht auf die Frage &#8220;Hoffnungslos? aus, denn was ist das?<\/p>\n<p>Als er Medizin studierte galt der Diabetes als hoffnungslos, inzwischen kkann man ihn mit Insulin behandeln. Es gibt also nur noch nicht zu behandelnde Krankheiten und dann erz\u00e4hlt er von einem Fall von der Heilung einer L\u00e4hmung von der er geh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>Hofmiller f\u00e4hrt zum Vater und tut nun etwas, was ich unlogisch finde und aus heutiger Sicht nicht verstehen kann. Er redet ihm die Heilung ein.<\/p>\n<p>&#8220;Es gibt Hoffnung, sie wird mit der neuen Kur bestimmt gesund!&#8221;,\u00a0 etcetera. Das hat fatale Folgen, denn der Vater und die Tochter haben nun falsche Hoffnungen und Edith schreibt ihm einen langen Brief \u00fcber ihre Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>Hofmiller will den Dienst quittieren, um aus der Bedr\u00e4ngung herauszukommen, besucht aber vorher den Arzt in Wien und dessen blinde Frau, die der geheiratet hat, weil er sie nicht heilen konnte.<\/p>\n<p>Der Arzt sagt, man mu\u00df alles aufkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>&#8220;Halt, halt!&#8221;, antwortet Hofmiller wieder.<\/p>\n<p>&#8220;Nur nicht zu fr\u00fch die Hoffnung zerst\u00f6ren!&#8221;, denn es gibt ja auch psychische Kr\u00e4fte, sowie Sigmund Freud, f\u00fcge ich hinzu und Stefan Zweig war, glaube ich, von seinen Schriften sehr begeistert.<\/p>\n<p>So geht das Spiel weiter. Edith soll in die Schweiz zur Kur und Hofmiller sie bis dahin jeden Tag besuchen. Die Kranke droht mit Selbstmord, wenn man ihr nicht zu Willen ist. Der Vater kommt zu Hofmiller und bittet ihn auf Knien, doch sein Kind zu retten und so kommt es zu einer heimlichen Verlobung, beziehungsweise zu einem \u00f6ffentlichen Ku\u00df von Hofmiller, der wieder von seinem Mitleid hin-und hergeri\u00dfen wird.<\/p>\n<p>Dann geht er allerdings in eine Kneipe und in ein Kaffeehaus, um sich zu betrinken, trifft dort seine Kameraden, die ihm mit der Verlobung aufziehen. Er dementiert verzweifelt. Das ist eine L\u00fcge, also ein unehrenhaftes Verhalten und das ist f\u00fcr einen Offizier unw\u00fcrdig. Frauengeschichten und Saufen sind erlaubt, beziehungsweise wird es von den Vorgesetzten gedeckt. Das nicht, also ebenfalls Selbstmord, als einzig ehrenhafter Ausweg aus diesem Fall.<\/p>\n<p>Als er mit diesen Gedanken in die Kaserne wankt, wird er von seinem Vorgesetzten gema\u00dfregelt. Er erz\u00e4hlt ihm alles und der sagt &#8220;Unsinn!&#8221; und versetzt ihn an eine andere Stelle.<\/p>\n<p>Mit den Kameraden wird er sprechen, so da\u00df alles vertuscht werden kann. In Wien, steigt Hofmiller\u00a0 aus dem Zug, um mit Dr. Condor zu sprechen und als er ihn nicht antrifft, Handies hat es ja noch nicht gegeben, schreibt er ihm einen Brief, wo er ihn bittet zu Edith zu fahren und wenn sie will, wird er quittieren, sie heiraten, etc.<\/p>\n<p>In Br\u00fcnn will er nach Kekesfalva telegraphieren, aber so viele Leute stehen am Postamt und lesen wahrscheinlich schon die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers. In der Nacht wird er aufgeweckt, ein Telephongespr\u00e4ch, die Verbindung klappt aber nicht, das Telefonfr\u00e4ulein entschuldigt sich. Es ist jetzt soviel los und am Morgen erf\u00e4hrt er, alles war umsonst und ist zu sp\u00e4t gekommen. Edith hat seine Untreue erfahren und sich vom Balkon gest\u00fcrzt. Betroffen s\u00fctrzt er sich in den Krieg, wo alles nichtig wird, denn die Zahl der Menschen, die er dort t\u00f6tet, wof\u00fcr er noch einen Orden bekommt, sind unz\u00e4hlig. Nur einmal wird er noch in der Oper, wo er den Doktor und seine Frau trifft, an seine Schuld erinnert und jetzt soviel Jahre sp\u00e4ter, ist wieder alles anders, denn die Emigranten beginnen schon\u00a0 das Land zu verlassen.<\/p>\n<p>Im &#8220;Marbacher Literaturarchiv&#8221; habe ich gelesen, gibt oder gab es eine Sonderausstellung zu diesem Buch und da wurde auch die Frage diskutiert, wie weit der Roman autobiografisch ist? Etwas was mich eigentlich nicht so interessiert. F\u00fcr mich wurde die Frage beantwortet, da\u00df Stefan Zweig ein Schriftsteller ist, der in den Kanon geh\u00f6rt und dem man lesen sollte, um die Vergangenheit und die Geschichte \u00d6sterreichs der letzten hundert Jahre zu verstehen und das habe ich mit zwei Novellenb\u00e4nden, dem Portrait von &#8220;Joseph Fouche&#8221; und dem Wiederlesen der &#8220;Welt von Gestern&#8221;, auch vor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Passend zur gestrigen &#8220;Soma Morgenstern-Gedenkveranstaltung&#8221; Stefan Zweigs 1939 erschienener, ich glaube, einziger fertig gestellter Roman &#8220;Die Ungeduld des Herzens&#8221;, wie Joseph Roths &#8220;Radetzkymarsch&#8221; warscheinlich auch ein Abgesang an die Monarchie, spielt das Buch ja 1914 in einer kleinen Garnisonstadt, kurz &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=43420\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[549,1816,5543],"class_list":["post-43420","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-aeltere-buecher","tag-erster-und-zweiter-weltkrieg","tag-stefan-zweig-schwerpunkt"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43420","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=43420"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43420\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=43420"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=43420"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=43420"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}