{"id":43920,"date":"2016-05-14T00:37:32","date_gmt":"2016-05-13T22:37:32","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=43920"},"modified":"2016-05-14T00:37:32","modified_gmt":"2016-05-13T22:37:32","slug":"erstes-erlebnis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=43920","title":{"rendered":"Erstes Erlebnis"},"content":{"rendered":"<p>Gleich geht es weiter mit Stefan Zweig und seinen Novellen der Leidenschaft\u00a0 &#8220;Erstes Erlebnis-vier Geschichten aus Kinderland&#8221;, 1930 im &#8220;Insel-Verlag&#8221; in Leipzig erschienen.<\/p>\n<p>Ein Buch aus der 41- 46 Tausender Auflage, Stefan Zweig war ein sehr gelesener Autor, von denen viele vielleicht auch am 10. Mai 1933 in den deutschen St\u00e4dten brannten.<\/p>\n<p>Meines hat ein\u00a0 Dipl. Ing. aus dem sechsten Bezirk besessen und ich habe es, vielleicht eine Verlassenschaft, schon vor l\u00e4ngerer Zeit in einem der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/08\/21\/bucherschrank-geschichten\/\">Schr\u00e4nke<\/a> gefunden, man sieht, auch bei mir gibt es <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/09\/28\/lesespuren-spurenlese\/\">Lesespuren<\/a> und ein <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/05\/11\/frauenarchivtag\/\">Archiviere<\/a>n, so habe ich es bez\u00fcglich meines <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/04\/03\/vorbereitungen\/\">Stefan Zweigs Schwerpunkts<\/a> herausgeholt und mich in die alte Schrift eingelesen.<\/p>\n<p>&#8220;Vier Geschichten aus Kinderland&#8221;, das scheint mir etwas untertrieben, denn die meisten der Erz\u00e4hlungen handeln von Pubertierenden und sie behandeln, dann stimmt es wieder &#8220;Das erste Erlebnis&#8221; zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben und wir k\u00f6nnen raten, vergleichen und herausfinden, was in Zeiten der vielen Traumatisierungen nach einem m\u00f6glichen oder tats\u00e4chlichen Mi\u00dfbrauchs inzwischen<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/03\/05\/vorschau-auf-nika-weihnachtsfrau-oder-ein-dezember\/\"> anders<\/a> geworden ist.<\/p>\n<p>Das Buch ist Ellen Key, einer 1926 verstorbenenen schwedischen Reformp\u00e4dagogin, &#8220;In herzlichem Gedenken der hellen Herbsttage von Gagni di Lucca&#8221; gewidmet und beginnt mit einem Gedicht:<\/p>\n<p>&#8220;O Kindheit, wie ich hinter deinen Gittern,<\/p>\n<p>Du enger Kerker, oft in Tr\u00e4nen stand,<\/p>\n<p>Wenn drau\u00dfen er mit blau und goldnen Flittern<\/p>\n<p>vor\u00fcerzog, der Vogel Unbekannt&#8221;,<\/p>\n<p>da nichts anderes dabei vermerkt ist, nehme ich an, es ist von Stefan Zweig, sonst w\u00fcrde ich es Rilke zuschreiben, beziehungsweise es mich an den &#8220;Panther&#8221; erinnern.<\/p>\n<p>Es mit der &#8220;Geschichte in der D\u00e4mmerung&#8221;, wie die nachfolgende &#8220;Gouvernante&#8221;, schon in den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=43848&amp;preview=true\">&#8220;Novellen der Leidenschaft&#8221;<\/a> enthalten, aber dieses wurde erst 1966 von S Fischer, verlegt, meines war eine &#8220;Donaulandausgabe&#8221; und erinnert\u00a0 den &#8220;Brief einer Unbekannten&#8221; oder &#8220;An die Frau und Landschaft&#8221;<\/p>\n<p>Sie wird in der D\u00e4mmerung vom Erz\u00e4hler ertr\u00e4umt, hat er sie aus einem Buch gelesen oder von einem Bekannten erz\u00e4hlt bekommen? Da kommt jedenfalls das Bild eines f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen Knaben, der in Schottland in der D\u00e4mmerung die Treppen eines Schlo\u00dfes hinabsteigt und in den Garten geht, dort hat er eine erotische Begnung. Eine Frauengestalt schmiegt sich an ihn, k\u00fc\u00dft und herzt ihn und verschwindet. Er forscht unter den anwesenden Frauen, eine Gr\u00e4fin, eine Tante, drei Cousinen nach, wer es gewesen sein k\u00f6nnte? In der n\u00e4chsten Nacht trifft er sie wieder und presst das Medaillon ihres Armbandes in seine Haut, es ist achteckig und seine Cousine Margot tr\u00e4gt am n\u00e4chsten Morgen ein solches, er spricht sie beim Ausritt darauf an, sie reagiert unwirsch, meint er w\u00e4re ungezogen, ihre Schwester Elisabeth reagiert besorgter und am Abend kommt es zur n\u00e4chsten Begegnung und weil in Margots Zimmer\u00a0 noch Licht brennt, steigt er auf einen Baum, um mit ihr zu sprechen, f\u00e4llt aber hinunter, bricht sich das Bein und die Schwestern\u00a0 besuchen ihn dann in den Wochen, wo er in seinem Zimmer stillsitzen mu\u00df. Einmal, er hat die Augen geschlo\u00dfen, es kommt eine Besucherin und streicht \u00fcber seine Hand, als er sie \u00f6ffnet, erkennt er mit Schrecken, es ist Elisabeth und nicht Margot, die eine liebt er, die andere ihn. Der Sommeraufenthalt ist bald vor\u00fcber, die beiden Schwestern heiraten sp\u00e4ter und Bob irrt rastlos durch die Welt.<\/p>\n<p>&#8220;Die Gouvernante&#8221; hat mich bis auf ihren etwas r\u00fchrseligen Schlu\u00df sehr gepackt, denn klarer kann man vielleicht nicht in die Schlafzimmer der b\u00fcrgerllichen Wohnungen mit ihren verschiedenen St\u00e4nde blicken, zu Beginn des vorigen Jahrhunderts blicken.<\/p>\n<p>Das sind zwei namenlose Kinder, zwei M\u00e4dchen zw\u00f6lf und dreizehn Jahre alt, liegen im Bett und sprechen von ihrem &#8220;Fr\u00e4ulein&#8221;, das ebenfalls keinen Namen hat. Den hat nur der Cousin Otto, ein Student, der in der Familie wohnt und dem, plaudern die beiden M\u00e4dchen aus, scheint das Fr\u00e4ulein zu gefallen, kommt er doch oft zu ihnen, wenn sie mit ihr in den Prater, im Stadtpark oder Volksgarten spazierengehen. Dann erlauschen sie ein Gespr\u00e4ch zwischen ihm und ihr und die \u00c4ltere kennt sich nicht aus, denn das Fr\u00e4ulein spricht von einem Kind, das sie hat. Wo ist es, denn das haben ja nur die verheirateten Frauen und sie ist mit Otto ja gar nicht verheiratet. Der zieht auch bald aus, um ungest\u00f6rt zu Ende zu studieren,\u00a0 die Mutter bittet das Fr\u00e4ulein in ihr Zimmer und entl\u00e4\u00dft die &#8220;unmoralische Person&#8221;. Die ist verst\u00f6rt, die Kinder sind es auch, beschlie\u00dfen noch vor dem Fr\u00fchst\u00fcck aufzustehen und ihr einen Strau\u00df wei\u00dfer Rosen in ihr Zimmer zu legen, weil sie ja, wenn sie von der Schule kommen, schon fort sein k\u00f6nnte. Allein, das Zimmer ist leer, die Sachen durcheinender geworfen, es gibt einen Abschiedbrief. Jetzt reagiert auch die Mutter, Otto wird geholt und den Kindern wird wieder nichts rechtes erkl\u00e4rt, so da\u00df sie sich verst\u00f6rt von den L\u00fcgen der Erwachsenen abwenden, aber selbst schon etwas unwahr werden und sich vielleicht sp\u00e4ter in ihrer Hochzeitnacht, die Geheimnisse erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Stefan Zweig hat ja auch in der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/05\/06\/die-welt-von-gestern\/\">&#8220;Welt von Gestern&#8221;<\/a> sehr deutlich von den Unterschieden in der Erziehung der m\u00e4nnlichen und weiblichen Jugend geschrieben. Den heranwachsenden Knaben werden h\u00fcbsche Dienstm\u00e4dchen engagiert, damit sie sich nicht im Bordell anstecken m\u00fc\u00dfen, den M\u00e4dchen kann passieren, da\u00df sie in der Hochzeitsnacht erschrocken nach Hause laufen und &#8220;Er hat versucht mich zu entkleiden!&#8221;, rufen.<\/p>\n<p>Ein bi\u00dfchen fies erscheint heute vielleicht die &#8220;Sommernovellette&#8221; eine kleine Geschichte, die der Erz\u00e4hler in Italien von einem \u00e4lteren Herrn berichtet bekam. Der scheint sehr anspruchsvoll und auch gelangweilt, sucht niemals die gleichen Orte auf, aber in dieser Pension war er schon vor Jahren. Damals wohnten dort zwei Damen mit einer heranwachsenden Sechzehnj\u00e4hrigen, die sich sichtlich langweilte und in den ewig gleichen zwei Gedichtb\u00e4nden &#8220;Goethe und<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rudolf_Baumbach\"> Baumbach<\/a>&#8220;, nie von ihm geh\u00f6rt, bl\u00e4tterte. Da &#8220;erbarmte&#8221; er sich ihrer oder machte sich einen Scherz .Er schrieb ihr Liebesbriefe und beobachtete darauf am Tisch ihre Reaktion und das Wunder geschah, sie bl\u00fchte auf. Er trieb das Spiel weiter, erfand den Liebhaber in den Nachtbarort, so da\u00df sie die ankommenden Schiffe zu beobachten begann. Sp\u00e4ter mu\u00dfte sie abreisen und wird wahrscheinlich auch geheiratet haben und der Erz\u00e4hler meint, da\u00df sein Interesse nicht dem M\u00e4dchen oder dem jungen Mann der dann tats\u00e4chlich mit einem der Schiffe ankam, gegolten h\u00e4tte, sondern der Psyche des Briefschreibers und da\u00df er die Novelle mit ihm weitergeschrieben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Dazwischen gibt es die l\u00e4ngste Novelle &#8220;Das brennende Geheimnis&#8221;, das auch in der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=H_Xviz-NDgg\">&#8220;Arte-Dokumentation&#8221;<\/a> erw\u00e4hnt wurde, 1911 erschienen, 1933 als die B\u00fccher brannten, schreibt Zweig, glaube ich, in der Welt von gestern, lief der Film gerade in den Beriner Kinos und die Menschen str\u00f6mten hin.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Hoffentlich die Treue! Sie ist kein leerer\u00a0 Wahn!&#8221;, hat jemand, der Diplomingenieur oder seine Frau vielleicht, in Kurrentschrift dar\u00fcber geschrieben und man kann die Geschichte hundert Jahre sp\u00e4ter, sicher wieder in sehr vielen Schichten betrachten und interpretieren.<\/p>\n<p>Da f\u00e4hrt ein Baron\u00a0 in den Fr\u00fchjahrsurlaub auf den Semmering, langweilt sich, schaut die G\u00e4steliste durch, da ert\u00f6nt auf einmal eine weibliche Stimme ruft\u00a0 &#8220;mit affektieren Akzent&#8221; &#8220;Mais tais -toi docc, Edgar!&#8221;, das ist die Mama, die mit dem kr\u00e4nklichen Sohn, selbstverst\u00e4ndlich nur franz\u00f6sisch spricht, obwohl sie offenbar, den damals \u00fcblichen weiblichen Bildungsanspr\u00fcchen entsprechend, gar nicht so gut kann und der Jagdinstinkt ist geweckt. Aber wie kann er an die Frau heran, die sich ein Ansprechen, wieder nach den damaligen Sitten verbieten w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Er versucht es \u00fcber den Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen, der sich in der Einsamkeit der Bergwelt ohnehin schon langweilt, geht mit ihm spazieren, verspricht ihm einen Hund und kommt so, wie gew\u00fcnscht mit der Mutter in Kontakt. Entt\u00e4uscht wird der Kleine, als die Beiden am n\u00e4chsten Tag dann keine Zeit mehr f\u00fcr ihn haben, ihn auf die Post schicken und, als er zur\u00fcckkommt, sieht er sie in den Wagen steigen, obwohl die Mutter ihm zu warten versprochen hat.<\/p>\n<p>Das weckt nun die Jagdinstinkte des Kinde, er ahnt das Geheimnis, das er offenbar noch gar nicht versteht, will ihm aber auf die Spur kommen, stellt den Baron, als die Zwei zur\u00fcckkommen in der &#8220;Hall&#8221; zur Rede, mu\u00df daraufhin allein im Zimmer speisen, springt aber aus dem Fenster und schlecht den Beiden nach und als die Mama dann doch, z\u00f6gernd nat\u00fcrlich, dem Baron in sein Zimmer folgen will, steht er bereit und schl\u00e4gt ihn nieder.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag, der Baron ist abgereist, soll er einen Entschuldigungsbrief schreiben, er tut es nicht, sondern f\u00e4hrt mit den zwanzig Kronen, die er mal bekommen hat, nach Baden zu der Gro\u00dfmama. Dort erwartet ihn der strenge Papa, auch ein Rechtsanwalt und stellt ihn zur Rede. Als er alles sagen will, sieht er hinter ihm das Gesicht der Mutter, die \u00e4ngstlich schaut und den Finger auf die Lippen legt. Da sagt er nichts und entschuldigt sich nur und f\u00e4ngt wahrscheinlich erst viel sp\u00e4ter zu begreifen an, da\u00df er die &#8220;Unschuld&#8221; der Mutter gerettet hat und die sich nun, wie Stefan Zweig weiter schreibt &#8220;ein Gel\u00f6bnis der alternden Frau (wahrscheinlich ist sie f\u00fcnfunddrei\u00dfig), da\u00df sie von nun ab nur ihm, ihrem Kinde geh\u00f6ren wollte, eine Absage an das Abenteuer, einen Abschied von all en eigenen Begeherlichkeiten&#8221; gibt.<\/p>\n<p>Interessant diese Talfahrt der erwachendenen, beziehungsweise erschlummernden Gef\u00fchle, das Erwachsenwerden der b\u00fcrgerlichen Kindheiten vor hundert Jahren und das Beobachten was sich alles inzwischen ge\u00e4ndert und vielleicht doch, wenn auch in ver\u00e4nderter Form, gleichgeblieben ist.<\/p>\n<p>Interessant auch die Auffmachung und die Zusammenstellung des Bandes, das Widmung f\u00fcr die Reformp\u00e4dagogin\u00a0 und das Gedicht an die Kindheit, denn es sind ja alles, irgendwo habe ich gelesen, an Schnitzler angelehnte, erotische Geschichten, die aus der Perspektive des Kindes erz\u00e4hlt wurden.<\/p>\n<p>Und dazu noch ein Bonmot aus den heutigen Tagen, vor ein paar Wochen bin ich im Literaturhaus beim Wein gestanden und habe einer Erz\u00e4hlung zugeh\u00f6rt, wo ein M\u00e4dchen den Stiefvater nur mit einem Anagramm anredet, also seinen Namen r\u00fcckw\u00e4rts ausspricht.<\/p>\n<p>&#8220;Sie lehnt ihn ab!&#8221;, habe ich interpretiert und noch dazu kreativ, antwortete die Erz\u00e4hlerin, hier hat der Junge, die &#8220;Ehre seiner Mutter verteidigt, was heute vielleicht ein wenig kitschig klingt und hat dabei auch, wie Zweig andeutet, die eigene Erotik gesp\u00fcrt und ist, wie er weiterschreibt, fr\u00fchzeitig erwachsen geworden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gleich geht es weiter mit Stefan Zweig und seinen Novellen der Leidenschaft\u00a0 &#8220;Erstes Erlebnis-vier Geschichten aus Kinderland&#8221;, 1930 im &#8220;Insel-Verlag&#8221; in Leipzig erschienen. 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