{"id":44699,"date":"2016-06-28T00:05:08","date_gmt":"2016-06-27T22:05:08","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=44699"},"modified":"2016-06-28T00:05:08","modified_gmt":"2016-06-27T22:05:08","slug":"jeder-stirbt-fuer-sich-allein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=44699","title":{"rendered":"Jeder stirbt f\u00fcr sich allein"},"content":{"rendered":"<p>Von Rudolf Ditzen, respektive Hans Fallada, 1893-1947, habe ich schon einiges gelesen, beziehungsweise in den Schr\u00e4nken gefunden.<\/p>\n<p>Das erste war <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/03\/02\/wer-einmal-aus-dem-blechnapf-frist\/\">&#8220;Wer einmal aus dem Blechnapf fri\u00dft&#8221;<\/a>, das habe ich wie <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/05\/09\/bauern-bonzen-und-bomben\/\">&#8220;Bauern, Bonzen und Bomben&#8221;<\/a> eher langatmig und schwer zu verstehen, gefunden.<\/p>\n<p>Von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/05\/30\/kleiner-mann-was-nun\/\">&#8220;Kleiner Mann, was nun?&#8221;<\/a>, das jetzt von &#8220;Aufbau&#8221; wieder aufgelegt wurde, habe ich sogar die &#8220;Rororo-TB-Ausgabe Nr 1, von 1950 und dann habe ich Anfang des Jahres noch eine <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/01\/06\/dies-herz-das-dir-gehoert\/\">Liebesgeschichte<\/a> von ihm gelesen, die habe ich nicht gefunden, sondern in einer der nicht mehr bestehenden Buchhandlungen auf der Wiederner Hauptstra\u00dfe, um zwei oder drei Euro gekauft.<\/p>\n<p>&#8220;Jeder stirbt f\u00fcr sich allein&#8221;, kurz nach dem Krieg geschrieben und vom sp\u00e4teren DDR-Kulturminister Johannes R. Becher in Auftrag gegeben, wurde vor kurzem, zum ersten Mal vollst\u00e4ndig von &#8220;Aufbau&#8221; wieder aufgelegt und ein gro\u00dfer Erfolg geworden.<\/p>\n<p>Jetzt ist es zu mir gekommen und ich kann nur best\u00e4tigen, es ist der beste Fallada, den ich gelesen habe.<\/p>\n<p>Lang ist es auch, siebenhundert Seiten, einige davon sind aber Anhang, aber flotter und packender geschrieben, als das, was ich bisher von ihm gelesen habe und es geht um ein brisantes Thema.<\/p>\n<p>Johannes R. Becher soll ihm die Unterlagen eines wahren Falles gebracht und den Widerstandsroman in Auftrag gegeben haben, wogegen sich Fallada erst einmal wehrte.<\/p>\n<p>Ein Ehepaar\u00a0 Hampel, beide um die f\u00fcnfzig, eine Berliner Arbeiterfamilie, die Postkarten gegen Hitler schrieben, in H\u00e4user legten und daf\u00fcr hingerichtet wurden, hat es gegeben. Fallada machte einen spannenden Roman daraus, in dem es auch noch einige Seitenstr\u00e4nge gibt, die eigene Geschichten sind.<\/p>\n<p>Ob sich das Ganze wirklich so zugetragen hat, wei\u00df ich nicht. Fallada schreibt im Vorwort, da\u00df er sich gar nicht sosehr mit den realen Fakten, um besser erfinden zu k\u00f6nnen, besch\u00e4ftigt hat und er hat erfunden, beziehungsweise geschrieben und es wirkt auch so, als h\u00e4tte es ihm Spa\u00df gemacht.<\/p>\n<p>Da tr\u00e4gt die Brieftr\u00e4gerin, Eva Kluge, 1940, als Frankreich gerade kapitulierte, Post in das Haus Jabloskistra\u00dfe 55, in dem oben am Dach eine alte J\u00fcdin, dann ein fr\u00fchpensionierter Gerichtsrat, eine Nazifamilie und das Ehepaar Quangel wohnt, beide Arbeiter, er bei der Arbeitsfront, sie bei der NS-Frauenschaft, der einzige Sohn im Feld und auch das nicht mehr, denn Eva Kluge bringt die Todesnachricht.<\/p>\n<p>Ein Schlag f\u00fcr die Mutter, der darauf ein zorniges &#8220;Du mit deinen F\u00fchrer!&#8221;, zu Otto Quangel, einem M\u00f6beltischler, entf\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Das ist die Wende beziehungsweise der Auftakt, denn Otto Quangel f\u00e4ngt zuerst zu denken und dann zu schreiben an.<\/p>\n<p>Die Frau, des wortkargen Mannes unterst\u00fctzt ihn dabei und bevor sie das tun, entledigen sich beide ihrer NS-Positionen.<\/p>\n<p>Eva Kluge tut das auch, tritt aus der Partei aus und fl\u00fcchtet aufs Land, denn sie hat einen widerlichen Ehemann, den Enno Kluge und einen Sohn, der ihr bei der SS Schande machte und das ist schon die Nebengeschichte.<\/p>\n<p>Denn da geht es auch, um zwei kleine Gauner, den Spitzel Backhausen und den arbeitsscheuen Enno, der aber ein Pechvogel ist, denn er ist ausgerechnet beim Arzt, um sich wieder einmal krank schreiben zu lassen, als dort eine dieser Karten &#8220;Mutter, Hitler hat dir deinen Sohn ermordet!&#8221;, eingeworfen wird und die Sprechstundenhilfe ist ohnehin spitz auf ihn, holt die Polizei und verd\u00e4chtigt ihn.<\/p>\n<p>Kommissar Escherich, ein alter Hase, erkennt zwar sofort den Irrtum, ist aber selber in Bedr\u00e4ngnis, denn sein Gestapo-Vorgesetzter macht gro\u00dfen Druck und will sich nicht seiner Polizeiarbeit, mit F\u00e4hnchen, die Standorte, wo die Karte gefunden werden, denn das Berlin zwischen 1940und 1942 ist so ver\u00e4ngstigt und jeder etwas zu verbergen, da\u00df fast alle Karten sofort abgeliefert werden,\u00a0 zu markieren und so den T\u00e4ter einzukreisen.<\/p>\n<p>Er braucht einen schnellen Erfolg, so zwingt er den feigen Enno zu einer Unterschrift und treibt ihn schlie\u00dflich in den Selbstmord. Diese Stelle gef\u00e4llt mir weniger, aber sonst glaube ich, da\u00df Fallada ein ausgezeichnetes Bild \u00fcber das Leben der kleinen Leute in den Berlin, wo alle &#8220;Heil, Hitler!&#8221;, sagen mu\u00dften und es keinen Widerstand gegeben durfte, gelungen ist.<\/p>\n<p>Es gibt den Widerstand doch, er ist aber leise und leider unwirksam und die Gestapo ist roh und verkommen, die S\u00f6hne bringen ihre V\u00e4ter in die Psychiatrie und lassen sie niederspritzen und jeder beraubt und bespitzelt jeden.<\/p>\n<p>Die Quangels haben aber zwei Jahre Gl\u00fcck und k\u00f6nnen ihre Karten ziemlich unbemerkt niederlegen, bis ihnen Fehler passieren und der Kommissar dank seiner F\u00e4hnchen entdeckt, da\u00df der T\u00e4ter in der Jablonskistra\u00dfe wohnen mu\u00df.<\/p>\n<p>So werden Otto und Anna verhaftet, Trudel Herweg, die fr\u00fchere Braut des gefallenen Ottos, eine aufrechte Arbeiterin wird auch noch in den Fall verwickelt, sie erwischt den Fastschwiegervater beim Karten auslegen und ihr nunmehriger Ehemann wird auch noch mit einem Koffer eines ehemaligen Widerstandk\u00e4mpfers entdeckt.<\/p>\n<p>Lange wird dann noch die Zeit im Gef\u00e4ngnis, die Verh\u00f6re, bis zum Urteil, beschrieben.<\/p>\n<p>Fallada ist wahrscheinlich ein eher umst\u00e4ndlicher Schreiber, hat aber selber angemerkt, da\u00df ihm damit sein bestes oder wieder ein gutes Buch gelungen ist, das ich zum Lesen sehr empfehlen kann, denn man bekommt ein ausgezeichnet Bild dar\u00fcber, wie es damals gewesen war, so da\u00df man besser versteht, warum das alles geschehen konnte und sich keiner wehrte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Rudolf Ditzen, respektive Hans Fallada, 1893-1947, habe ich schon einiges gelesen, beziehungsweise in den Schr\u00e4nken gefunden. 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