{"id":45300,"date":"2016-07-26T00:25:23","date_gmt":"2016-07-25T22:25:23","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=45300"},"modified":"2016-07-26T00:25:23","modified_gmt":"2016-07-25T22:25:23","slug":"zu-lasten-der-brieftraeger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=45300","title":{"rendered":"Zu Lasten der Brieftr\u00e4ger"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein wahrer \u00f6sterreichischer Klassiker aus einem inzwischen klassischen und in dieser Form ebenfalls nicht mehr bestehenden <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/08\/08\/spurensuche\/\">&#8220;Residenz-Verlag&#8221;<\/a>, n\u00e4mlich das1974 erschienene &#8220;Zu Lasten der Brieftr\u00e4ger&#8221;, die Litanei in bester <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/02\/12\/12-februar\/\">&#8220;Bernhardscher&#8221;<\/a> oder vielleicht auch anderer Manier auf die Untugenden des sozialistischen bayrischen Nachkriegsstaates, geschrieben von dem sprachsinnigen, 1938 in Ober\u00f6sterreich geborenen Philologen und Universit\u00e4tsprofessor Alois Brandtstetter, der sein Deutsch aus dem FF versteht.<\/p>\n<p>Ein wahrer Klassiker und schon der Titel und wahrscheinlich nur der, ist inzwischen in aller Munde und weil Alfreds Vater ja Brieftr\u00e4ger war, hat er ihm, so geht die M\u00e4r, dieses Buch einmal zu Weihnachten geschenkt. Das, was ich jetzt gelesen habe, stammt allerdings aus Alfreds Bibliothek und ich kann das Buch 2016 wirklich allen nur empfehlen, die wissen wollen, was sich in den letzten vierzig Jahren bei uns und anderswo so alles ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Es ist kein Roman, wie auch <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/02\/25\/jonke-und-jung\/\">&#8220;Jung und Jung&#8221;<\/a> 1974 auf die Litanei hinaufdruckte, sondern ein Monolog, denn da erz\u00e4hlt einer, ein namenloser Ich-Erz\u00e4hler, seinem Postmeister von den Zust\u00e4nden in einem niederbayrischen Dorf.<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt ihm von den Taten, beziehungsweisen Untaten seiner drei Brieftr\u00e4ger, dem Ferdinand \u00dcrdinger, dem Karl Deuth und dem Franz Blumauer und da wird, ist Brandstetter ja ein wahrer Sprachvirtuose, alles durcheinandergew\u00fcrfelt und kein Stein, beziehungsweise Brief auf dem anderen gelassen.<\/p>\n<p>Denn die Postboten hatten schon in dem sozialistischen Wiederaufbauzeiten Rationalisierungsprobleme und eigentlich keine Zeit zum Zustellen, mu\u00dften sie die Post, die Karten und die Briefe zur Wahrung des Briefgeheimnisses doch vorher lesen und weil sich inzwischen ebenfalls die Zeiten ge\u00e4ndert hatten, hatten sie dem Entziffern der Kurrenth- oder S\u00fcterlinschriften ihre Probleme oder w\u00fcrden sie bekommen, wenn keine der Brieftr\u00e4ger diese Schriften mehr lesen w\u00fcrde k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So mu\u00dften sie sich das Austragen einteilen und konnten nicht wegen jeder Drucksache gleich aufs Land hinauslaufen, sondern gew\u00f6hnten es sich an, die Post gleich gesammelt zu \u00fcberbringen oder die Drucksorten, was Sache war und wie Brandtstetter listig nachweist, viel besser funktionierte und die Postboten so gleich zu Kanditaten eines Friedensnobelpreises machte, in den Fl\u00fc\u00dfen vorher zu entsorgen.<\/p>\n<p>Oder halt, das traf besonders f\u00fcr die Wahlwerbung zu, denn wozu b\u00f6ses Blut in die D\u00f6rfer bringen? Die Wahlwerbung wurden gar nicht erst zugestellt und so ein Volk, was wir uns in \u00d6sterreich derzeit ja <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/05\/22\/zur-bundespraesidentenwahl\/\">besonders zu Herzen nehmen k\u00f6nnen<\/a>, gar nicht erst gegeneinander aufgehetzt.<\/p>\n<p>Aber auch sonst war das Austragen der Briefe sehr beschwerlich, lagen ja mindestens sieben Wirtsh\u00e4user im Revier des Ferdinand \u00dcrdinger, des <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/04\/25\/joseph-roths-legende\/\">heiligen Trinkers<\/a> oder gleich vierzehn, wenn man den R\u00fcckweg einrechnet.<\/p>\n<p>Und so sa\u00df er dann dort und traf sich mit seinem Kameraden, zu denen auch der Ortsgendarm Valentin Naderhirn\u00a0 geh\u00f6rte, zum Kartenspielen, aber vorhin las er ihnen die besten St\u00fccke aus deiner Post vor, die Liebes- oder die Amtsbriefe und wenn sich dann ein Ortsunkundiger \u00fcber die Verletzung des Amtsgeheimnis beschwerte und nach dem Gendarmen rief, war dieser gleich zu Amtshandeln an der Stelle, wobei er manchmal die Uniform verwechselte und den Querulanten aus dem Lokal verwies.<\/p>\n<p>Mit den Paketen, die zu Weihnachten zugestellt werden sollten, wurde\u00e4hnlich verfahren, denn &#8220;Mit Packeln darst nicht fackeln!&#8221;, sagt Karl Deuth, der Philosoph und Senisible unter den Drein.<\/p>\n<p>So wurden die, wo &#8220;Vorsicht Glas!&#8221; draufstand, gleich probehalber und, um das zu \u00fcberpr\u00fcfen, denn es wird ja soviel geschummelt und \u00fcbertrieben, vom Tisch geworfen und der Hausfrau konnte es dann leicht passieren, da\u00df sie statt eines Porzellangeschirr von der Schwiegermutter, ein &#8220;Glockenspiel&#8221;, das hei\u00dft einen Scherbenhaufen zugestellt bekam, wobei Karl Deuth, der Feinsinnige, dann die schuld auf die Bahn und die besoffenen Bahnbeamten, die dort hantieren, zu schieben wu\u00dfte.<\/p>\n<p>Und so weiter und so fort, \u00fcber zweihundert Seiten, wird geschimpft oder eigentlich nur erz\u00e4hlt, in feinster, sch\u00f6ner Sprachen mit vielen lateinischen Brocken, die Mi\u00dfst\u00e4nde aufgez\u00e4hlt, die damals, 1974, sicher eine Farce und eine \u00dcbertreibung waren, aber in Zeiten, wie diesen, wo wir vor einer Wahlwiederholung stehen, weil da zu fr\u00fch, zu sp\u00e4t oder mit nicht ordentlicher Besetzung h\u00f6chstwahrscheinlich ohnehin richtig ausgez\u00e4hlt wurde oder man sich seine Pakete inzwischen nicht mehr von der Post, sondern vom n\u00e4chsten Schneider oder &#8220;Kleintierprofi&#8221; abholen kann, weil die Post inzwischen l\u00e4ngst privatisiert wurde und ihre einstmals unk\u00fcndbaren Beamten zu Hort- oder Heimerzieher umgeschult, beziehungsweise gleich in Fr\u00fchpension geschickt hat, kann man sich dar\u00fcber wundern, lachen, schmunzeln, \u00e4rgern, staunen, etcetera.<\/p>\n<p>Aber auch \u00fcber anderer wird hergezogen, \u00fcber die Tierbeschau zum Beispiel. Da geht der Tierarzt mit dem Fleischhauer durch die Reihen der geschlachteten Rinder- und Schweineh\u00e4lten, macht seine Nase zu und dr\u00fcckt seinen Unbedenklichkeitsstempel darauf und nachher bekommt er zum Lohn und zum Dank f\u00fcr seine Gef\u00e4lligkeit ein sch\u00f6nes Fleischpaket.<\/p>\n<p>Der Gemischtwarenh\u00e4ndler mu\u00df herhalten und die Bauverordnung und besonders wird \u00fcber die Lehrer und das <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/12\/28\/auf-den-spuren-mayor-bronsteins\/\">Schulwesen<\/a> hergezogen.<\/p>\n<p>K\u00f6stlich, das Kapitel \u00fcber die Mengenlehre, wo er Erz\u00e4hler dem Postmeister diese erkl\u00e4rt. Der Direktor, der fr\u00fcher Oberlehrer hie\u00df und heute kein Instrumente mehr spielen kann, hat eine Menge von f\u00fcnfzehn Lehrern mit einer Teilmenge von zehn weiblichen und f\u00fcnf m\u00e4nnlichen, wobei sich die weibliche Teilmenge, wieder in eine von schwangeren und karenzirten unterteilt und bei dieser oder der Hauptmenge gibt es nur mehr eine sehr kleine Menge, die was von Literatur, Musik, oder bildender Kunst versteht, so da\u00df es zu einem wahren Lottogewinn wird, welche Sch\u00fcber mit welchen Bildungsgrad, nachher die Schule verlassen und auf eine Lehrstelle warten.<\/p>\n<p>Auch da kann man inzwischen, die wundersch\u00f6nsten <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_selma.html\">Vergleiche<\/a> ziehen und in Seufzer oder auch Heulen ausbrechen, aber es geht noch weiter.<\/p>\n<p>\u00dcber die Jagd wird hergezogen \u00fcber die Krankenstandkontrolleure und den Baron, dem alles im Dorf\u00a0 geh\u00f6rt, der eine H\u00fchnerfarm und eine Bierfabrik hat, deshalb der Blasmusik gerne mal ein Kr\u00fcgerl spenden kann und den Sozialisten Deuth, der auch die Dorfchronik schreib, gleich einmal zum heimlichen oder wiederbelebten Monarchisten macht.<\/p>\n<p>Und beben dem Alkoholiker \u00dcrdinger, dem Philosophen Deuth, haben wir\u00a0 noch den Frauenhelden Bl\u00fcminger, der seinen Dienst mit der Posttasche und der sch\u00f6nen Uniform so versteht, da\u00df er allen einsamen Witwen und\u00a0 Hausfrauen, die sch\u00f6nsten Komplimente macht und er deshalb seinen Dienst am liebsten auch am Sonntag ausf\u00fchren w\u00fcrde, aber da sind ja die Handelsvertreter und Fabriksarbeiter, also die Gatten der einsamen Damen, zu Haus.<\/p>\n<p>Und so weiter und so fort und k\u00f6stlich grausig \u00fcbertrieben. Spitzb\u00fcbisch von dem Philologen, der auf dem Bild am Klappentext gar nicht mehr zu erkennen ist, erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Inzwischen sieht, der emeritierte Universit\u00e4tsprofessor ganz anders aus und hat auch schon eine Fortsetzung seiner Brieftr\u00e4ger geschrieben.<\/p>\n<p>Inzwischen sind die Herren \u00dcrdinger, Blumauer und Deuth, in dem 2011, beim neuen &#8220;Residenz-Verlag&#8221; erschienenen &#8220;Zur Entlastung der Brieftr\u00e4ger&#8221; l\u00e4ngst in Pension und sitzen im Gasthaus, um \u00fcber die vergangenen\u00a0 und vielleicht auch neuen Seiten zu r\u00e4sonieren.<\/p>\n<p>Da war ich zu Zeiten der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/03\/18\/auf-nach-leipzig-und-gesellschaft-fur-literatur\/\">&#8220;Leipziger Buchmesse&#8221; bei einer Lesung in der &#8220;Gesellschaft der Literatur&#8221;<\/a> und das 2013 erschienene <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/08\/28\/kummer-ade\/\">&#8220;Kummer ade&#8221;<\/a> habe ich auch gelesen.<\/p>\n<p>Im Vorjahr erschien dann &#8220;Aluigis Abbild&#8221;, das habe ich leider nicht mehr bekommen, aber im Sinne meines <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/08\/19\/der-longlistenstart\/\">Buchpreislesens<\/a> h\u00f6chstwahrscheinlich keine Zeit dazu gehabt oder doch vielleicht, denn Brandtstetter zu lesen, lohnt sich, wie dieser &#8220;Oldie&#8221; zeigt besonders, weil man in dem feinsinnigen Sprachgeschimpfe gut erkennt, wie sich die Zeiten ge\u00e4ndert haben und besser sind sie, wie ich f\u00fcrchte, auf keinen Fall geworden, obwohl ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, da\u00df Alfreds Vater dieses Buch gefallen hat.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich hat er es aber, der, wenn er mit seinem Moped und seiner Uniform zu seiner Arbeit fuhr, auch schon mal einen toten Hasen auf der Stra\u00dfe fand, gar nicht gelesen, w\u00fcrde ich vermuten und bedaure sehr, da\u00df ich mir solange Zeit dazugelassen habe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein wahrer \u00f6sterreichischer Klassiker aus einem inzwischen klassischen und in dieser Form ebenfalls nicht mehr bestehenden &#8220;Residenz-Verlag&#8221;, n\u00e4mlich das1974 erschienene &#8220;Zu Lasten der Brieftr\u00e4ger&#8221;, die Litanei in bester &#8220;Bernhardscher&#8221; oder vielleicht auch anderer Manier auf die Untugenden des &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=45300\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[181,207,550,616],"class_list":["post-45300","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-alois-brandtstetter","tag-alter-residenz-verlag","tag-aeltere-buecher-lesen","tag-oesterreichischer-klassiker"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45300","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=45300"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45300\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=45300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=45300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=45300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}