{"id":45319,"date":"2016-07-28T00:46:30","date_gmt":"2016-07-27T22:46:30","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=45319"},"modified":"2016-07-28T00:46:30","modified_gmt":"2016-07-27T22:46:30","slug":"die-stadt-anatol","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=45319","title":{"rendered":"Die Stadt Anatol"},"content":{"rendered":"<p>Nun kommt wieder eines der B\u00fccher von Alfreds B\u00fccherstapel.<\/p>\n<p>&#8220;Die Stadt Anatol&#8221;, des von 1879-1951 lebenden DDR-Schriftstellers Bernhard Kellermann, 1932 geschrieben, 1936 verfilmt, 1980 in dritter Auflage bei &#8220;Volk und Welt&#8221; erschienen.<\/p>\n<p>&#8220;Wikipedia&#8221; entnahm ich, da\u00df Bernhard Kellermann mit dem Roman &#8220;Der Tunnel&#8221; bekanntgeworden ist, 1920 den Roman &#8220;Der neunte November&#8221; geschrieben hat, womit er bei den Nazis in&#8221;Ungnade&#8221; fiel, worauf er aber weder emigrierte, noch Widerstand leistete, sondern fortan Trivialromane schrieb.<\/p>\n<p>In der DDR gr\u00fcndete er dann mit Johannes R. Becher einen Kulturbund, bekam auch den Nationalpreis.<\/p>\n<p>Ob es sich bei der &#8220;Stadt Anatol&#8221;, um einen der besagten Trivialromane handelt, ist mir nicht ganz klar geworden, die Verfilmung wird als Abenteuerfilm bezeichnet, mir scheint das Ganze eher eine Farce auf den Kapitalismus zu sein. Das verschlafene St\u00e4dtchen Anatol liegt irgendwo neben Europa, da auch von Belgrad und Bukarest die Rede ist, wird es wohl im Osten sein und im Klappentext steht etwas davon, &#8220;da\u00df man am Morgen, auch wenn man im besten Hotel abgestiegen ist, am Morgen beim Aufwachen das Geschw\u00e4tz von B\u00e4uerinnen und das Gequietsch von Schweineherden h\u00f6rt.&#8221;<\/p>\n<p>In diesem Hotel steigt\u00a0 der junge Ingenieur Jacques Gregor, ein Sohn der Stadt, der aber in Wien studierte und jetzt offenbar von Paris zur\u00fcckkommt und wird vom Hotelier zuerst fast hinausgeworfen, hat er doch seine letzte Zeche nicht bezahlt und seine Br\u00fcder, ein Rechtsanwalt und ein Gelehrter weigerten sich das f\u00fcr ihn zu tun.<\/p>\n<p>Das St\u00e4dtchen hat aber noch andere Bewohner, eine Baronin, die f\u00fcr ihre Tochter Sonja, den besten Ehemann sucht. Jacques Freund Janko, ein Offizier, der spielt und trinkt und hoch verschuldet ist und dann gibt es noch einen seltsamen Bauern und Einsiedler, dessen Tochter Franziska, was eigentlich sehr modern ist, den Vater anklagte, sie mi\u00dfbraucht zu haben.<\/p>\n<p>Er wurde aber freigesprochen, die Tochter f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt und ist\u00a0 im St\u00e4dtchen nicht gut angesehen. Sie hat bei einer Tante in Bukarest gelebt, jetzt kommt sie , nachdem der Vater\u00a0 gestorben ist, zur\u00fcck und wohnt im Hotel neben Jacques.<\/p>\n<p>Warum der \u00fcberhaupt in einem Hotel absteigt, ist mir nicht ganz klar geworden, er benimmt sich aber sehr geheimnisvoll, spaziert in der Stadt herum, nimmt Gesteinsproben und telegraphiert immer mit einem Berliner Bankhaus mit dem er Gesch\u00e4fte machen will.<\/p>\n<p>Er befreundet sich auch mit Franziska, die, als sehr b\u00e4uerlich, beziehungsweise ordin\u00e4r geschildert wird, ihn aber immer sp\u00f6ttisch anl\u00e4chelt, als w\u00fcrde sie ihn durchschauen.<\/p>\n<p>Von ihr will der Berliner Bankier, der nun doch mit Jaques Gesch\u00e4ften einverstanden ist, den Bauernhof ihres Vaters kaufen, sie weigert sich aber und verpachtet ihn nur, der Bruder Roul, will\u00a0 Jacques, damit er sich nicht mehr l\u00e4nger im St\u00e4dtchen herumtreibt und ihm Schande macht, Geld anbieten, damit er wieder ins Ausland geht.<\/p>\n<p>Dann kommt aber ein Telegramm und die Nachricht, da\u00df in dem Brunnen des Bauernhofes Erd\u00f6l gefunden wurde. Das St\u00e4dtchen ver\u00e4ndert sich \u00fcber Nacht und die Rechtsanw\u00e4lte und Bankbeamten haben viel zu tun. Neben dem Hotel wird ein Schild &#8220;Anatol Naphta AG-Alvensleben &amp; Co &#8211; Berlin -New York&#8221; aufgestellt.<\/p>\n<p>Spekulanten, Erd\u00f6larbeiter und Ingenieure kommen, der Hotelier Koroschek will neben dem &#8220;Trajan&#8221; ein neues Hotel ganz aus Glas aufstellen, der Kaufmann Rotkehl mit den beiden verheirateten T\u00f6chtern, die aber kurz nach der Hochzeit wieder\u00a0 zu ihm zur\u00fcckgekommen sind, will ein sechsst\u00f6ckiges Kaufhaus bauen und die Verg\u00fcgungsetablissements florieren.<\/p>\n<p>Ein Kinopalast namens &#8220;Traumland&#8221; entsteht, man sieht Bernhard Kellermann ist wirklich sehr modern, der Buchh\u00e4ndler breitet B\u00fccher \u00fcber Sex und Verh\u00fctung in die Schaufenster und die jungen Frauen, M\u00e4dchen aus b\u00fcrgerlichen Familien stehen davor Schlange und der Doktor Wossidlo, Sohn des Apothekers beginnt eine Abtreibungsklinik, zu moderaten Preisen, zu betreiben.<\/p>\n<p>Auch die Schwindler kommen und sch\u00fctten Erd\u00f6l \u00fcber den Friedhof und Janko wird von seinem Bruder Boris, der auch eine Erd\u00f6lgesellschaft gegr\u00fcndet hat, nach dem Tod des Vaters aus dem Haus geworfen, der gewinnt aber pl\u00f6tzlich durch die Erd\u00f6lspkulationen Riesensummen und wirbt, um Sonja weiter, die aber sehr fromm und keusch,\u00a0 zuerst von ihren Verehrern nichts wissen will.<\/p>\n<p>K\u00f6stlich, die Ver\u00e4nderung von Jaques Bruder Roul, dem Notar, dem sein P\u00fcppchen Olga, die sehr eifers\u00fcchtige Ehefrau, aus dem Hause treibt, als er eine Bardame, die sich nun auch in dem verschlafenen St\u00e4dtchen angesiedelt hat, beraten will.<\/p>\n<p>So gibt es Geschichte um Geschichte und auf und abs. Bauern werden zu Millon\u00e4ren und andere werden von Spekulanten aus dem Haus getrieben.<\/p>\n<p>Die Baronin verliert ihr Geld und geht mit dem von Janko auf Reisen, der sich pl\u00f6tzlich zum Guten zu ver\u00e4ndern scheint und sich dann doch wieder in die Bordelle zum Spielen und zum Trinken begibt.<\/p>\n<p>Boris Erd\u00f6lgesellschaft macht bakrott und nun mu\u00df er sich an den Bruder wenden und die von Jacques gegr\u00fcndete, wechselte die Besitzer und die neuen werfen auch ihn, der, wie Franziska, die sich zur feinen Dame gewandelt hat, die Geschehnisse durch einen sp\u00f6ttischen Schleier sieht, hinaus.<\/p>\n<p>Janko verlobt sich schlie\u00dflich doch mit Sonja, will sie in Wien heiraten und baut ihr schon ein Haus aus Gold und Marmor, mit, wie sie es sich w\u00fcnscht,einem Musikzimmer und einer Bibliothek, dann wird er aber ermordet. Jaques hat die Stadt verlassen und die Spekulanten und moralsch Herabgekommenen bleiben in Anatol zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Am Schlu\u00df gibt es noch eine Notiz, beziehungsweise eine Erkl\u00e4rung des Verlags, da\u00df es Bernhard Kellermann nicht nur um einen &#8220;Erd\u00f6lroman&#8221; gegangen ist, obwohl er sich die Funde, die es in Rum\u00e4nien und Baku gegegeben hat, sehr wohl angesehen hat.<\/p>\n<p>&#8220;Nicht das \u00d6l sei der Held des Roman, sondern die kleine, stille Balkanstadt, am Rande der Zivilisation\u00a0 gelegen: der Held, das sind ihre B\u00fcrger. Die soziale Struktur der Provinzstadt wird gesprengt, die gesellschaftlichen Schichtungen verwerfen sich, die moralischen und ethischen Grundmauern, die fest, wie Felsen schienen, gehen in die Br\u00fcche.<\/p>\n<p>Diese symptomatische Vorgang, die Auswirkungen des technischen Fortschrittes unter kapitalistischen Bedingungen, ist das eigentliche Thema des Romans. Kellermann kommt zu denm Schlu\u00df: &#8220;Solange die Bodensch\u00e4tze der privaten Spekulation ausgeliefert sind, werden die Menschen nicht anders handeln, als die Leute in Anatol.&#8221;<\/p>\n<p>Was wohl ein Grund daf\u00fcr ist, da\u00df das Buch aus denNeunzehnhundertdrei\u00dfigerjahren 1980, in der DDR, die es ja schon lange nicht mehr gibt, erschienen ist.<\/p>\n<p>Bernhard Kellermann ist inzwischen wahrscheinlich auch verge\u00dfen und der Roman nur mehr im Antiquariat erh\u00e4ltlich. Die Spekulationsgesch\u00e4fte des Kapitalismus gehen aber lustig weiter, wenn sie auch heute eine andere Form angenommen haben und die Spekulanten anderen Namen tragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun kommt wieder eines der B\u00fccher von Alfreds B\u00fccherstapel. &#8220;Die Stadt Anatol&#8221;, des von 1879-1951 lebenden DDR-Schriftstellers Bernhard Kellermann, 1932 geschrieben, 1936 verfilmt, 1980 in dritter Auflage bei &#8220;Volk und Welt&#8221; erschienen. &#8220;Wikipedia&#8221; entnahm ich, da\u00df Bernhard Kellermann mit dem &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=45319\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[550,777,1351,6068],"class_list":["post-45319","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-aeltere-buecher-lesen","tag-bernhard-kellermann","tag-ddr-roman","tag-volk-und-welt-1980"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45319","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=45319"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45319\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=45319"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=45319"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=45319"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}