{"id":45919,"date":"2016-08-17T00:23:25","date_gmt":"2016-08-16T22:23:25","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=45919"},"modified":"2016-08-17T00:23:25","modified_gmt":"2016-08-16T22:23:25","slug":"der-tod-des-vergil","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=45919","title":{"rendered":"Der Tod des Vergil"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt etwas <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/08\/07\/klassenliteratur\/\">Anspruchsvolles<\/a> aus dem Harlander B\u00fccherstapel, beziehungsweise eines von Alfreds DDR B\u00fcchern, n\u00e4mlich der 1981 bei &#8220;Volk und Welt&#8221; erschienene Roman des 1886 in Wien geborenen und 1951 im amerikanischen Exil verstorbenen Hermann Broch &#8220;Der Tod des Vergils&#8221;, von dem ich noch &#8220;die &#8220;Schuldlosen&#8221; in meinem Bibliothekskatalog stehen habe und m\u00f6glicherweise habe ich es auch vor langer langer Zeit <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/08\/01\/unnuetzes-hamburgwissen\/\">in Hamburg bei meinem Workcamp-Aufenthalt in St. Georg gelesen <\/a>und nicht verstanden.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise war ich auch einmal bei einer Broch-Veranstaltung im Literaturhaus oder in der &#8220;Gesellschaft der Literatur.&#8221;<\/p>\n<p>Der Dichter arbeitete jedenfalls eine Zeitlang in der elterlichen Textilfirma, konvertierte vom Judentum zum Katholizismus, wurde danach freier Schriftsteller und 1938 nach &#8220;dem Anschlu\u00df&#8221; in Bad Aussee inhaftiert, bevor er\u00a0 durch Vermittlung von James Joyces und Thomas Mann zuerst nach England, dann nach Amerika emigirierte.<\/p>\n<p>Dort hat er\u00a0 bis 1945 an dem Roman geschrieben von dem es mehrere Fassungen gibt und der in meiner DDR Ausgabe von dem 2014 verstorbenen Lektor oder Verlagsmitarbeiter\u00a0 Dietrich Simon von dem es ein sehr umfassendes Nachwort gibt, als &#8220;einer der betroffensten antifaschistischen Romane&#8221; bezeichnet wird und die letzten Stunden des r\u00f6mischen Dichters schildert.<\/p>\n<p>Er ist in vier Teile gegliedert und im ersten &#8220;Wasser &#8211; Die Ankunft&#8221; kehrt der schwer kranke Publius Vergilius Maro, ein Bauernsohn aus Mantua, auf Wunsch des Kaiser Augustus von Griechenland nach Brundisium zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Er liegt in seinem Mantel, neben sich einen Koffer in dem sich das Manuskript seiner &#8220;An\u00e4is&#8221; befindet, das er fertigstellen soll,\u00a0 im Schiff und wird dann in den Palast getragen, wo\u00a0 des Kaisers Geburtstag gefeiert wird. Da wird er von einem geheimnisvollen\u00a0 Knaben begleitet, der sich nicht von ihm trennen will,\u00a0 denkt an seine Mutter, sowie an seine Kindheit und wird auf dem Weg in den Palast, wo er mit einer S\u00e4nfte hingetragen wird, von der Menge angep\u00f6belt.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil &#8220;Feuer &#8211; der Abstieg&#8221;, liegt er alleine in seinem Zimmer, der Knabe hat ihn verlassen, sein ihm zugeteilter Sklave ist im Zimmer nebenan und denkt in einem rauschartigen und f\u00fcr den Leser wahrscheinlich schwer verst\u00e4ndlichen Monolog \u00fcber \u00fcber sein Leben nach.<\/p>\n<p>Am Fenster stehend sieht er drei p\u00f6belhafte Gestalten, die von &#8220;Wein, Mehl und Knoblauch&#8221; reden und dabei Kaiser Augustus beschimpfen, sowie ihre Notdurft verrichten.<\/p>\n<p>Dann werden die Sterne, die Sch\u00f6nheit, die Liebe und die Verg\u00e4nglichkeit angerufen und es geht auch, um Schuld und Meineid.<\/p>\n<p>Dietrich Simon deutet in seinem Nachwort etwas an, da\u00df der Dichter Broch, den Gestapo Verh\u00f6ren nicht Stand gehalten h\u00e4tte und, da\u00df der &#8220;Tod des Vergils&#8221;, an dem er allerdings schon seit 1936 gearbeitet hat, die Reaktion darauf sei.<\/p>\n<p>Vordergr\u00fcndig geht es, um die Vollendung des Werkes &#8220;An\u00e4is&#8221;, die sich der Sterbende nicht zutraut und von der Vernichtung desselben spricht.<\/p>\n<p>Im Buch steht der Satz &#8220;Der heilsbringende F\u00fchrer hat n\u00e4mlich die Sprache der Sch\u00f6nheit abgestreift, er ist unter ihre kalte Oberfl\u00e4che, unter die Oberfl\u00e4che der Dichtung gelangt.&#8221;<\/p>\n<p>Bei &#8220;Wikipedia lese ich &#8220;da\u00df der tugendhafte &#8220;An\u00e4sis&#8221; Virgil mi\u00dflungen ist und der Dichter an seiner K\u00fcnstlerschaft zweifelt.&#8221;<\/p>\n<p>Das geschieht in einem wahren Monolog der Todesahnung, von den Qualen des Scheintodes und der Vernichtung wird phantasiert, bis der Knabe wieder auftaucht, sich nun\u00a0 Lysanias nennt und ihm gegen seinen Willen einen Schlaftrunk zubereitet, den er schlie\u00dflich trinkt.<\/p>\n<p>Der Knabe liest ihm die Verse aus seiner &#8220;An\u00e4sis&#8221; vor und Virgil beginnt &#8220;seine Augen der Liebe zu \u00f6ffnen&#8221;, bzw. &#8220;in die Sch\u00f6pfung einzutreten&#8221;.<\/p>\n<p>Im dritten Teil &#8220;Erde &#8211; Die Erwartung&#8221; erscheinen Vergils Freunde und wollen nichts von seiner Idee zu sterben und die &#8220;An\u00e4is&#8221; zu verbrennen wissen, sie holen im Gegenteil einen Arzt, der Vergil f\u00fcr den Besuch Augustus aufp\u00e4ppeln soll.<\/p>\n<p>Der erscheint dann auch und es gibt eine lange Diskussion \u00fcber die G\u00f6tter und die Welt und dar\u00fcber, wem ein Kunstwerk geh\u00f6rt, dem Staat, dem K\u00fcnstler und hat der das Recht es zu vernichten, wenn er es schon dem Augustus gewidmet hat und es daher der Stadt Rom geh\u00f6rt?<\/p>\n<p>Unterst\u00fctzt wird das Gespr\u00e4ch durch Einw\u00fcrfe der Geliebten und des Sklaven, Visionen Vergils, der Knabe erscheint auch wieder und als Augustus vorwirft, Vergil w\u00fcrde ihn hassen und das Werk deshalb vernichten wollen, weil er es nicht ihm zueignen will, gibt der nach und macht sein Testament.<\/p>\n<p>Dann geht es in &#8220;\u00c4ther &#8211; Die Heimkehr&#8221; in den Kahn und mit dem F\u00e4hrmann und dem Knaben, der sich vom Sklaven in einen Engel verwandelt, voran. Alle Personen verschwimmen dem Vergil, die Geliebte wird zur Mutter und zur Schwester, es geht ins Pflanzen- und ins Tierreich hin\u00fcber und am Ende ist auch die Sprache nicht mehr festzuhalten &#8220;unerfa\u00dflich unaussprechbar war es f\u00fcr ihn, denn er war jenseits der Sprache&#8221;.<\/p>\n<p>So haben wir uns auf f\u00fcnfhundert Seiten durch die letzten Stunden des r\u00f6mischen Dichters gelesen, eine Geschichte, wie ich bei &#8220;Amazon&#8221; gelesen habe, eigentlich ganz einfach ist. Der Sterbende kommt in sein Heimatland zur\u00fcck, ringt mit\u00a0 seiner Vergangenheit, seinen Fehlern und Unvollkommenheiten, nimmt Abschied von der Welt und entschwebt. Das Werk bleibt zur\u00fcck und Hermann Broch hat sich damit in vielen Jahren vielleicht einiges von der Seele, in einer manchmal sehr verdichteten Sprache, die dann wieder erstaunlich alltagsnah erscheint, so gibt es Dialoge und eigentlich auch eine Handlung, die vielleicht f\u00fcr die f\u00fcnfhundert Seiten in denen sie erz\u00e4hlt wird, zu lang und langweilig wird, geschrieben.<\/p>\n<p>Vierzehn Tage habe ich mit Unterbrechungen, ich habe das Buch sogar nach <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/08\/14\/nach-innsbruck-zu-den-festwochen-der-alten-musik\/\">Innsbruck<\/a> mitgenommen und ein St\u00fcckchen im Zug gelesen, gebraucht und bin wahrlich in das Leben des Vergils und des Hermann Brochs hineingeworfen worden, ber\u00fchrt hat mich daran, die ich das Buch eigentlich f\u00fcr einen &#8220;schwer verdaulichen Knochen&#8221; gehalten habe, die Lebensgeschichte von Hermann Broch und auch, da\u00df ich das Buch in einer DDR-Ausgabe gelesen habe, was vielleicht\u00a0 noch ein ganz besonderes Schmankerl ist.<\/p>\n<p>Beim Nachgooglen \u00fcber Dietrich Simon habe ich erfahren, da\u00df ihm die DDR-Einwohner einige bedeutende Werke der Weltliteratur zu verdanken haben und ich kann das Lesen des Romans sehr empfehlen, auch wenn ich mir in Zeiten, wie diesen, wo alles schnell gehen mu\u00df und die Geduld der Leser nicht mehr vorauszusetezen ist, vorstellen kann, da\u00df viele das Buch <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/07\/23\/unverstaendlich-schreiben\/\">wegschmei\u00dfen<\/a> werden, weil ihnen der Inhalt zu lang und zu sperrig erscheint.<\/p>\n<p>Es gilt aber als Weltliteratur, auch wenn ich beim &#8220;Amazon Ranking&#8221; eine ein oder zwei Stern Rezension gefunden habe, die meint, da\u00df sie das Getue um das Buch nicht recht versteht.<\/p>\n<p>Ich denke, da hat einer seine Lebenserfahrungen hinuntergeschrieben und es sind auch sehr sch\u00f6ne Wort- und Sprachsch\u00f6pfungen in dem Buch, auch der Dialog ziwschen dem Arzt und Vergil war sehr interessant zu lesen, soda\u00df ich das Buch auch den <a href=\"https:\/\/buchrevier.com\/2016\/08\/11\/interview-shida-bazyar\/\">anspruchsvollen Leser <\/a>ans Herz legen kann, die sich die Zeit f\u00fcrs Lesen nehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt etwas Anspruchsvolles aus dem Harlander B\u00fccherstapel, beziehungsweise eines von Alfreds DDR B\u00fcchern, n\u00e4mlich der 1981 bei &#8220;Volk und Welt&#8221; erschienene Roman des 1886 in Wien geborenen und 1951 im amerikanischen Exil verstorbenen Hermann Broch &#8220;Der Tod des Vergils&#8221;, &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=45919\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[550,1348,2619,6067],"class_list":["post-45919","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-aeltere-buecher-lesen","tag-ddr-ausgabe","tag-hermann-broch","tag-volk-und-welt"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45919","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=45919"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45919\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=45919"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=45919"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=45919"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}