{"id":46169,"date":"2016-08-20T00:38:56","date_gmt":"2016-08-19T22:38:56","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=46169"},"modified":"2016-08-20T00:38:56","modified_gmt":"2016-08-19T22:38:56","slug":"als-gaebe-es-mich-nicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=46169","title":{"rendered":"Als g\u00e4be es mich nicht"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein Buch aus dem <a href=\"http:\/\/www.aufbau-verlag.de\/index.php\/als-gabe-es-mich-nicht.html\">&#8220;Aufbau-Verlag&#8221;, die neu herausgekommene Taschenbuchausgabe von Slavenka Drakulics &#8220;Als g\u00e4be es mich nicht&#8221;<\/a>, 1999 m\u00f6glicherweise im schwedischen Exil geschrieben, denn die 1949 in Kroatien geborene Autorin, die in Kroatien, Wien und Stockholm lebt, hat \u00fcber den Krieg geschrieben, beziehungsweise \u00fcber die Traumatisierungen und Verletzungen, die man dort unschuldig erlebt und gipfelt vorsichtig in der Frage, wie das dann mit dem Weiterleben, dem Verzeihen, dem Vergessen, dem Wiederanfang ist?<\/p>\n<p>S. ist eine junge bosnische Lehrerin, die im Februar 1993 im Stockholmer Karolinska Krankenhaus liegt und einen Sohn auf die Welt bringt, den sie nie sehen und ihm auch keinen Namen geben will, denn er ist die Folge einer Vergewaltigung im Lager, in dessen &#8220;Frauenraum&#8221; man S. aus ihrem Dorf, wo sie aushilfsweise unterrichtet hat, gebracht hat.<\/p>\n<p>Jetzt liegt sie da in den hygienisch sauberen wei\u00dfen Krankenhauslaken und denkt \u00fcber ihr Leben nach. An die Stunden in Sarajevo, wo sie mit ihren Eltern und der Schwester lebte, an das Ausgehen am Wochenende, die heimlichen K\u00fc\u00dfe, etcetera.<\/p>\n<p>Dann kam der Krieg,\u00a0 die Eltern und die Schwester sind aus ihrem Haus weggeholt worden. S., es gibt in dem Buch nur die Anfangsbuchstaben der Namen, was das Lesen etwas schwer macht, wohl aber die Distanz und vielleicht auch die gebotene Anonymit\u00e4t ausdr\u00fcckt, war da schon im Dorf am Land und kochte gerade Kaffee, als ein Soldat erschien und sie zur Sammelstelle brachte.<\/p>\n<p>Sie bietet ihm davon an und packt schnell ihre Sachen in einen Rucksack, die sch\u00f6nen Schuhe mit denen sie vielleicht tanzen war, ein rotes Kleid, Schmuck, ein Fotoalbum, ein Heft, denn sie ist ja Lehrerin.<\/p>\n<p>Sie wird mit anderen Frauen in einem Bus ins Lager gebracht, kommt dort in den &#8220;Frauenraum&#8221;, ihr Schmuck wird gestohlen, sp\u00e4ter er\u00e4hrt sie, da\u00df es eine Frau aus dem Nachbardorf war, die ihre Tochter damit sch\u00fctzen wollte, was ohnehin nicht gelang.<\/p>\n<p>Denn nichts gelingt in dem Lager, wo man seine W\u00fcrde verliert und von den M\u00e4nnern h\u00f6rt, die sich ihre eigenen Gr\u00e4ber graben, erschossen und die Leichen verbrannt werden, so da\u00df ihnen am Morgen vom Geruch schlecht wird.<\/p>\n<p>&#8220;Regt euch nicht auf, es wird nur M\u00fcll verbrannt!&#8221;, sagt die zahnlose W\u00e4chterin, die ihre &#8220;M\u00e4dchen&#8221; an sich liebevoll versorgt und ihnen auch mal Seife und Leckerbissen bringt. S. findet eine Schminktasche und beginnt sich grell zu schminken, denn wenn man es &#8220;freiwillig tut, verliert man seine W\u00fcrde nicht!&#8221;<\/p>\n<p>Die anderen verstehen diese Dissoziationsversuche nicht und sind entb\u00f6hrt und weil S. eine gebildete Frau und aus der Stadt ist, darf sie w\u00f6chentlich zum Kommandanten, bekommt besseres Essen, etcetera.<\/p>\n<p>Sie wohnt auch einer Geburt bei und sieht, wie die Gro\u00dfmutter, das Kind ihrer vergewaltigten Tochter sofort in einen Sack steckt und vergr\u00e4bt. Da bekommt sie eine Ahnung, da\u00df sie vielleicht auch schwanger sein k\u00f6nnte, denn sie hatte schon lange ihre Regel nicht, ist auch etwas dicker geworden.<\/p>\n<p>Gewi\u00dfheit kommt erst im Zagreber Fl\u00fcchtlingslager, in das man sie bringt, die \u00c4rztin, die ihr Entsetzen sieht, tr\u00f6stet sie mit der M\u00f6glichkeit einer Adoption, denn sie ist schon im f\u00fcnften Monat, f\u00fcr eine Abtreibung also zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Sie stellt einen Ausreiseantrag nach Schweden, spricht dort mit einer Psychologin, bekommt eine Best\u00e4tigung, da\u00df sie das Kind weggeben und nach der Geburt nicht sehen will.<\/p>\n<p>Die Schwestern an der Entbindungsstation verstehen sie aber nicht oder es kommt zu einem Mi\u00dfverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Das Bettchen mit dem kleinen Knaben steht jedenfalls neben ihr, er wird ihr auch an die Brust gelegt, sie weigert sich zu stillen, obwohl die Milch ausschie\u00dft. Die Nachbarin erbarmt sich seiner, aber dann in der Nacht, als er schreit, nimmt sie ihn doch zu sich, legt ihm an und die Tr\u00e4nen schie\u00dfen ihr \u00fcber das Gesicht.<\/p>\n<p>So endet das d\u00fcnne zweihundertzwanzig Seiten Buch, das ber\u00fchrt und sehr beeindruckend ist.<\/p>\n<p>Denn das alles ist in den Neunzigerjahren, als ich t\u00e4glich mit dem Zug von St. P\u00f6lten nach Wien fuhr, um meinen Vater zu betreuen, geschehen.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge aus dem Balkankrieg hat man gesehen und hat davon gewu\u00dft oder auch nicht, da\u00df die Frauen massenhaft vergewaltigt wurden, damals vielleicht noch nicht so sehr.<\/p>\n<p>Slavenka Drakulic, von der ich schon &#8220;Das Liebesopfer&#8221; gelesen hat, erz\u00e4hlt das alles in einer sehr sch\u00f6nen dichten Sprache, bei der immer beeindruckende Wendungen auffallen.<\/p>\n<p>&#8220;Und nur das Blut ist wichtig, das rechte Blut der Soldaten gegen\u00fcber dem falschen Blut der Frauen&#8221; oder &#8220;F\u00fcr S. ist klar, auch jene sind Gefangene, ohe Individualit\u00e4t, ohe Gesicht. Ihre K\u00f6rper, ihr Wille geh\u00f6ren ebenfallls nicht ihnen, sondern der Armee, dem Anf\u00fchrer, der Nation&#8221;, die aufhorchen und nachdenken lassen.<\/p>\n<p>&#8220;Was kann das Kind daf\u00fcr?&#8221;, fragt, G. eine ehmalige Schulkollegin, die\u00a0 am Stockholmer Flughafen die Angekommenen empf\u00e4ngt und dolmetscht. Sie nimmt sie zu sich in ihre Wohnung, besorgt ihr eine Aufenthaltserlaubnis, eine Wohnung und k\u00fcmmert sich um sie und klar, das Kind kann nichts daf\u00fcr und ist auch nicht Schuld an dem Krieg und all dem anderen Elend der Welt.<\/p>\n<p>Ein leichtes Leben wird es wahrscheinlich trotzdem nicht haben, egal, ob es in einer Stockholmer Adoptivfamilie oder doch bei seiner Mutter, die mit ihren Traumatisierungen fertig werden mu\u00df, aufw\u00e4chst.<\/p>\n<p>Ein beeindruckendes Buch und sehr zum Lesen zu empfehlen, vor allem jeden, die meinen, da\u00df es jetzt siebzig Jahre bei uns keinen Krieg gegeben hat, w\u00fcrde ich es an das Herz legen und es war auch interessant f\u00fcr mich, da ich ja erst vor kurzem nach <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/05\/21\/literarische-reisevorbereitungen\/\">kroatischer Literatur <\/a>gesucht habe und da schon daraufgekommen bin, da\u00df die nicht so leicht zu finden ist, weil die kroatischen Autoren oft in <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/05\/\">Serbien geboren sind oder ihre Geschichten in Bosnien oder Slowenien<\/a> handeln und es ist vielleicht auch nicht so ganz geeignet, als Einstiegslekt\u00fcre f\u00fcr meinen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/08\/18\/der-grosse-roman\/\">neuen Sommerroman<\/a> oder doch vielleicht, denn ich bin ja erst durch <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/06\/12\/kroatienurlaub\/\">Bosnien gefahren<\/a>, wo alles frisch aufgebaut wird und die Kriegsspuren und die Verw\u00fcstungen, vielleicht doch zu sehen sind und der junge Mann w\u00e4re jetzt dreiundzwanzig Jahre alt und da S. ja nicht nur ein Einzelschicksal war, sondern das damals vielen Frauen so passierte, bin ich \u00e4hnlichen jungen M\u00e4nnern und Frauen h\u00f6chstwahrscheinlich auch schon begegnet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt ein Buch aus dem &#8220;Aufbau-Verlag&#8221;, die neu herausgekommene Taschenbuchausgabe von Slavenka Drakulics &#8220;Als g\u00e4be es mich nicht&#8221;, 1999 m\u00f6glicherweise im schwedischen Exil geschrieben, denn die 1949 in Kroatien geborene Autorin, die in Kroatien, Wien und Stockholm lebt, hat &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=46169\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[26,430,3296,3333,5367],"class_list":["post-46169","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-neuerscheinung","tag-aufbau-taschenbuch","tag-kriegsroman","tag-kroatische-literatur","tag-slavenka-drakulic"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46169","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=46169"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46169\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=46169"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=46169"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=46169"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}