{"id":46944,"date":"2016-09-25T09:03:58","date_gmt":"2016-09-25T07:03:58","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=46944"},"modified":"2016-09-25T09:03:58","modified_gmt":"2016-09-25T07:03:58","slug":"der-letzte-zeitungsleser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=46944","title":{"rendered":"Der letzte Zeitungsleser"},"content":{"rendered":"<p>Zur Abwechlung jetzt ein wenig in den Sachbuchbereich oder das Pl\u00e4dojer eines Chefredakteurs, <a href=\"http:\/\/www.kiwi-verlag.de\/buch\/der-letzte-zeitungsleser\/978-3-462-31624-7\/\">Michael Angele vom &#8220;Freitag&#8221; \u00fcber das Zeitungssterben,<\/a> nein nicht direkt \u00fcber dieses selbst, kein wirklicher Abgesang \u00fcber die Zeitung, die nach und nach von den Online-Ausgaben ersetzt wurden, so da\u00df es nur mehr den letzten Zeitungsleser gibt.<\/p>\n<p>Das ist h\u00f6chstwahrscheinlich genauso \u00fcbertrieben, wie das letzte Buch, denn in meinem Badezimmer t\u00fcrmen sich ja die B\u00fccherberge, die zur Frankfurter Buchmesse beziehungsweise f\u00fcr den Weihnachtsbaum erscheinen und dort liegen sie wahrscheinlich immer noch, weil man will ja die B\u00fccher\u00a0 riechen, tasten, schmecken, auch wenn ich vor einigen Jahren einen E-Bookreader bekommen habe.<\/p>\n<p>Dort lese ich nur selten, meistens nur, wenn ich von einem Verlag ein PDF bekommen habe und das ist mir jetzt mit Michael Angeles letzten &#8220;Zeitungsleser&#8221; so passiert.<\/p>\n<p>Am Cover prangt eine alte Zeitung und das Buch ist, wie einer der <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/review\/R23WD05GQFWF3I\/ref=cm_cr_dp_title?ie=UTF8&amp;ASIN=3869711280&amp;channel=detail-glance&amp;nodeID=299956&amp;store=books\">&#8220;Amazon-Rezensenten&#8221;<\/a> schreibt, herrlich schnell zu lesen, er schreibt von einer Stunde, ich habe mehrere gebraucht, es besteht aber nur aus einer Spalte mit einem breiten Rand links und rechts, so da\u00df man, wenn man die Printausgabe w\u00e4hlte, viel notieren kann.<\/p>\n<p>Ein paar Fotos gibt es auch dabei, denn man mu\u00df ja die Leserbindung herstellen, darf den Abonennten nicht \u00fcberfordern und, um seinen Geist nicht zu erm\u00fcden, braucht es immer wieder die Ablenkung des Bildes.<\/p>\n<p>Das meint der 1964 in der Schweiz geborene Journalist und Literaturwissenschaftler, der in Berlin leben d\u00fcrfte, durchaus kritisch und beginnen tut es mit der Literatur, n\u00e4mlich mit Thomas Bernhard, der wie Michael Angele nachweisen will, ein gro\u00dfer Zeitungsleser war.<\/p>\n<p>In &#8220;Wittgensteins Neffe&#8221;, hat er geschrieben, da\u00df er 1968 dreihundert Kilometer durch halb oder ganz Ober\u00f6sterreich gefahren ist, um eine Neue Z\u00fcrcher Zeitung zu bekommen. Wer tut das heute noch, wo man die NZZ ganz leicht online lesen kann? Aber Thomas Bernhard ist ja schon <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/02\/12\/12-februar\/\">1989 gestorben<\/a>, vorher hat er einen Leserbrief an eine\u00a0 ober\u00f6sterreichische Lokalzeitung geschrieben, um sich zu emp\u00f6ren, da\u00df die Gmundener Stra\u00dfenbahn eingestellt werden soll.<\/p>\n<p>Die f\u00e4hrt offenbar noch immer und Thomas Bernhard war, was ich, glaube ich, schon vorher h\u00f6rte, ein begnadeter Lesebriefschreiber, die gibt es heute\u00a0 auch nicht mehr oder nur mehr marginal, daf\u00fcr aber Kommentare, die wahre Shitstorms ausl\u00f6sen und Michael Angele stellte sich die Frage, warum es keine Studie \u00fcber &#8220;Thomas Bernhard als Zeitungsleser&#8221;\u00a0 gibt.<\/p>\n<p>Die sollte man anstellen, also fragt er bei\u00a0 Peymann und anderen nach, was sie davon halten?<\/p>\n<p>Die Antwort steht sp\u00e4ter im Text, denn erst gibt es allgemeine \u00dcberlegungen \u00fcber das Zeitungslesen und was wir alles verlieren w\u00fcrden, wenn es die nicht mehr g\u00e4be.<\/p>\n<p>Zum Beispiel das Lesen im Urlaub, da f\u00e4hrt man nach Griechenland, in die T\u00fcrkei oder wo auch immer und sucht am Kiosk die &#8220;Bild&#8221;, die &#8220;FAZ&#8221;, in meinem \u00f6sterreichischen Fall die Kronenzeitung und bekommt, die vom letzten Tag, meist auch zu \u00fcberh\u00f6hten Preisen, merke ich an. Nachrichten von gestern sind l\u00e4ngst veraltet, deshalb stirbt die Zeitung wahrscheinlich auch, aber wenn man auf Urlaub ist, ist das ein Gru\u00df der Heimat und man kauft sie trotzdem.<\/p>\n<p>Das erscheint mir bekannt und habe zwar nicht ich, aber der Alfred so getan und Thomas Bernhard, der ja internationaler war, kaufte sich sogar in Japan oder Russland Originalzeitungen, obwohl er die nicht lesen konnte.<\/p>\n<p>Das erz\u00e4hlt dann schon Claus Peymann, der obwohl \u00fcberarbeitet, Michael Angele einen Gespr\u00e4chstermin gab und dann einige Stunden von sich selbst erz\u00e4hlte, denn er ist auch ein begnadeter Zeitungsleser.<\/p>\n<p>Die Zeitung wird nur am Wochenende \u00fcberleben, meint Michael Angele und f\u00fchrt die Zeitungsleser an, die sich die Samstagzeitung kaufen, das sind in Deutschland, die dicken mit den vielen Beilagen, die zerteilen sie dann Samstags, um sie f\u00fcr den Sonntag aufzuheben. Aber da gibt es schon die Sonntagzeitung und man kommt nicht dazu.<\/p>\n<p>Also\u00a0 ist viel Zeitung ungelesen geblieben, das ist wahrscheinlich genauso, wie bei den B\u00fcchern. Es gibt aber auch Sammler beziehungsweise Messies, wie das auch hei\u00dfen oder in diesen Begriff \u00fcbergehen kann. Also ganze Wohnungen vollgestopft mit Zeitungsstapeln, so da\u00df man im schlimmsten Fall, weder Tisch noch Bett ben\u00fctzen kann.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch die Leser. Michael Angele f\u00fchrt ein paar Beispiele von treuen und weniger treuen an, seine Eltern kaufen beispielsweise regelm\u00e4\u00dfig eine solche, schimpfen \u00fcber sie, denken aber trotzdem nicht daran das Abonnent zu k\u00fcndigen.<\/p>\n<p>Das ist die Lesertreue und jetzt merkt Angele noch an, da\u00df die Redaktionen ihre Leser untersch\u00e4tzen und ihnen alles in der &#8220;Frage zum Tage&#8221; zerkl\u00e4ren w\u00fcrden, was ihn st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich da gibt es wohl dem Drang zum Mittelma\u00df und <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/07\/31\/leichte-sprache-leichter-lesen\/\">leichten Lesen<\/a>, damit allle alles verstehen und dann sind einige emp\u00f6rt, schimpfen und k\u00fcndigen trotzdem nicht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/07\/10\/jugend-eines-schriftstellers\/\">Peter Handke<\/a> wird noch angef\u00fchrt, <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/03\/15\/bernhard-und-handke-in-der-osterreichischen-literatur\/\">Thomas Bernhards gro\u00dfer Konkurrent,<\/a> aber ist der nicht <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/05\/12\/das-doderer-buch\/\">Doderer<\/a> gewesen? Der mag, schrieb er im &#8220;Nachmittag eines Schriftstellers&#8221; keine Zeitungen, war also kein Zeitungsleser, Claus Peymann zitierte ihm trotzdem immer die guten Kritiken und meinte, sie h\u00e4tten ihm gefreut.<\/p>\n<p>Ein interessantes Buch und ein sehr liebevolles Pl\u00e4doyer einer aussterbenden Spezie. Mag sein, denn der Alfred liest seit einiger Zeit den &#8220;Standard&#8221; auch online und die Wochenendausgaben, die wir\u00a0 fr\u00fcher Samstag kauften, werden seltener. Fr\u00fcher habe ich mir regelm\u00e4\u00dfig die Gratiszeitungen mitgenommen und die kostenlosen Probeabos abonniert. Das tue ich auch nicht mehr und wenn sich die Zeitungsstapel ansammeln, mu\u00df man sie entsorgen, das geht gar nichts anders, bei den B\u00fcchern tue ich das nicht, ganz im <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/08\/21\/bucherschrank-geschichten\/\">Gegenteil.<\/a><\/p>\n<p>Trotzdem sind die Kioske immer noch voll von Zeitungen, auch wenn in den Redaktionen, wie ich immer h\u00f6re gek\u00fcndigt wird, Zeitungen eingehen und man entweder gar nicht oder online liest, gibt es sie noch und der letzte Zeitungsleser zum Gl\u00fcck oder Gottseidank Utopie und Michael Angele liest ja auch online, hat sogar, glaube ich, ein solches Magazin oder Zeitung herausgegeben und sein Buch habe ich wie schon geschrieben, als PDF auf dem Computer nicht im Reader, der hinter mir am B\u00fccherstapel liegt, gelesen, habe einiges an Literatur und \u00fcber Thomas Bernhard, beziehungsweise das Wiener und andere Kaffeeh\u00e4user, dabei mitbekommen und jetzt kann ich, wenn ich will, mich auf das Klo begeben, wo ja der &#8220;Wochenend-Standard&#8221;, den wir gestern kauften, liegt, denn den habe ich, ich gestehe es, nur durchgebl\u00e4ttert. Ich h\u00e4tte also, wenn nicht nur das <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/08\/13\/buchpreisgeplauder\/\">LL-lesen<\/a>, das Mittagessen auf der Rudolfsh\u00f6he und das nachmitt\u00e4gliche Stumfest\u00a0 warten w\u00fcrde, noch sehr viel zu lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Abwechlung jetzt ein wenig in den Sachbuchbereich oder das Pl\u00e4dojer eines Chefredakteurs, Michael Angele vom &#8220;Freitag&#8221; \u00fcber das Zeitungssterben, nein nicht direkt \u00fcber dieses selbst, kein wirklicher Abgesang \u00fcber die Zeitung, die nach und nach von den Online-Ausgaben ersetzt &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=46944\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[4006,4381,5752,6376],"class_list":["post-46944","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-michael-angele","tag-online-magazine","tag-thomas-bernhard","tag-zeitungssterben"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46944","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=46944"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/46944\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=46944"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=46944"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=46944"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}