{"id":4699,"date":"2010-11-01T09:44:14","date_gmt":"2010-11-01T08:44:14","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=4699"},"modified":"2010-11-01T09:44:14","modified_gmt":"2010-11-01T08:44:14","slug":"juli-august-september","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=4699","title":{"rendered":"Juli, August, September"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt kommt die Besprechung des Tagebuchbandes Juli 1994, August 1995, September 1996 von Helmut Krausser.<br \/>\n&#8220;In diesen wunderbaren Skizzen aus dem Intellektuellenleben begegnet man alles was dieses Leben eben wunderbar macht&#8221;, schreibt &#8220;Die Welt&#8221;  auf der Buchr\u00fcckseite. Gefunden habe ich das rororo Taschenbuch im Juli 2008 in der Thalia-Abverkaufliste in der Kremsergasse in St. P\u00f6lten,  zu lesen habe ich es noch am Ende dieser Sommerfrische begonnen, was die Besprechung ein wenig schwierig macht.<br \/>\nDenn die Monatstageb\u00fccher eines deutschen Schriftsteller, Dichter und B\u00fchnenautors in dem unter Datum Wochentag mit Buchstaben abgek\u00fcrzte Namen und dann die verschiedensten Gedanken, Ansichten und Ereignisse stehen, macht das Verst\u00e4ndnis schwierig, wenn man die Biografie nicht gut kennt.<br \/>\nWozu gibt es Wikipedia? Was h\u00e4tte ich nur fr\u00fcher gemacht? In dem alten B\u00fcchergilde Lexikon aus dem B\u00fccherkasten meiner Eltern h\u00e4tte ich den Namen Krausser nicht gefunden. Also Helmut Krausser ist am  11. Juli 1964 in  Esslingen am Neckar geboren, lebt heute in Rom und Potsdam. 1994-1996 d\u00fcrfte er in M\u00fcnchen gelebt haben, zumindest habe ich es so verstanden, genauer ausgef\u00fchrt war es, glaube ich, nicht. Seit 1991 ist er mit Beatrice Renauer verheiratet. Sehr wohl, eine Beatrice, Bea, B. kommt in den Eintragungen sehr oft vor. Es gibt Romane, Erz\u00e4hlungen, Lyrik, Novellen, B\u00fchnenwerke, H\u00f6rspiele, Cds, Vertonungen von Gedichten, Musikaufzeichnungen, die Monatstageb\u00fccher gibt es von 1991-2004 und ich kenne auch den Autor, zumindestens habe ich ihn 2009 bei Rund um die Burg aus &#8220;Einsamkeit und Sex und Mitleid&#8221; lesen geh\u00f6rt, ein Roman der mich sehr beeindruckt hat, weil er sehr offen \u00fcber Sex,Crime und Drogen berichtet.<br \/>\nIm Sommer habe ich den ersten Monat, 1994 gelesen, dann das Buch liegengelassen, dieses Wochenende war der August und September daran und habe, w\u00fcrde ich sagen, einen Kurzeinblick in ein Dichter bzw. Intellektuellenleben bekommen. Der deutsche Dichter ist etwa zehn Jahre j\u00fcnger als ich und schwebt schon in den h\u00f6chsten Sph\u00e4ren, schimpft \u00fcber die Mittelm\u00e4\u00dfigkeit, verteidigt aber, wenn ich es richtig verstanden habe, den Realismus gegen\u00fcber dem Experimentellen, er ist aber auch ein Schachspieler, interessiert sich f\u00fcr Fu\u00dfball und Stierk\u00e4mpfe, i\u00dft gerne Fisch und qu\u00e4lt sich mit den Kritikern und deren Borniertheit sehr herum.<br \/>\nIn den ersten Jahren schreibt er den 1996 erschienenen Roman &#8220;Thanatos&#8221;, \u00e4rgert sich \u00fcber einen Probeleser, der ihm das Manuskript nicht zur\u00fcckgibt, weil er es f\u00fcr seinen Sohn aufbehalten will, das Finanzamt verlangt die Grundri\u00dfe seiner Wohnung, Beatrice macht sich fluchend an das Ausmessen, das Arbeitszimmer wird dann nicht als solches anerkannt, weil es einen Durchgang gibt, im dritten Teil ist das Buch schon erschienen, Beatrice f\u00fchrt ein Buch \u00fcber die Verisse, 16 % der Kritiken warens schlecht, Krausser \u00e4rgert sich sehr \u00fcber den Spiegel, der Veri\u00df ist schon vor Erscheinen des Buchs erschienen, dann wollten es die Buchhandlungen nicht mehr bestellen. &#8220;Das hat uns sicher 5000 St\u00fcck gekostet.&#8221;<br \/>\nEs gibt eine Zusammenarbeit mit dem Komponisten Moritz Eggert, der einige Krausser Gedichte vertonte, &#8221; Ohne Vertrag und Bezahlung arbeite ich  nie mehr, nicht einmal f\u00fcr Moritz&#8221;, im September 1996 kommt er von einem Wien Besuch zur\u00fcck, dar\u00fcber hat er vier morbid-moribunde Gedichtentw\u00fcrfe geschrieben, zwei davon sind in dem Buch abgedruckt, es geht in diesem Monat noch weiter nach Italien und Frankreich. In Italien besucht er Moritz in der Villa Massimo, der dort offenbar mit dem&#8221; supersensiblen Suhrkampnachbar&#8221; Thomas Hettche ein Stipendium hat. In Frankreich vorher hat er das  Ockermuseum in Roussillon besucht, f\u00e4hrt dort vor\u00fcber, wo Camus begraben liebt und schw\u00e4rmt von  &#8220;Pommes de Terre Romarin a la Sade&#8221;, der wilde Rosmarin, den er ausgr\u00e4bt, schmeckt hier n\u00e4mlich intensiver, als der auf seinem Balkon.  In Lucca begeistert ihn das Geburtshaus von Giacomo Puccini und der Fl\u00fcgel auf dem Turandot komponiert wurde. Er dr\u00fcckt auch auf eine Taste, es kommt aber kein Ton heraus. Was er nicht mag ist Thomas Mann, \u00fcber dessen Ikonisierung mokiert er sich mehrmals, er mag, glaube ich, aber auch nicht Schlafes Bruder:&#8221; Mittelm\u00e4\u00dfiges Buch, schlechter Film, beschissene Oper&#8221; und  Franzzobel, schreibt er doch am Mittwoch den 16. August:&#8221; Einen Text wie Franzobels Siegertext in Klagenfurt schreibt man &#8211; an einer guten Bar &#8211; in 40 Minuten. Radek: Sowas haben wir mit 17 gemacht. Klagenfurt dieses Jahr bedeutete sowieso das Ende seiner selbst. Die wenigen guten Texte (von H\u00e4ndl, Oswald und Knapp) gingen (wie fast schon \u00fcblich) leer aus, man hat wohl beschlossen, in Kl.k\u00fcnftig experimentelle Nachwuchsliteratur zu machen, was anderes ist wohl auch nicht mehr m\u00f6glich.&#8221;<br \/>\nJetzt m\u00fc\u00dfte ich im Bachmannpreisarchiv nachsehen, ob Helmut Krausser in diesem Jahr in Klagenfurt gelesen hat. Als ich 1996 dort war, habe ich von Margit Hahn oder war es jemand anderer, erfahren, da\u00df Radek Knapp nicht gut weggekommen ist und dar\u00fcber sehr entt\u00e4uscht war.<br \/>\nHelmut Krausser schrieb aber noch ein Monat weiter \u00fcber die Lust und den Frust des Literaturbetriebes. 1996 geht es \u00fcber den EU-Literaturpreis. Rushdie und Ransmayr haben ihn bekommen. &#8220;Letzteren m\u00fc\u00dfte ich eigentlich von Herzen unterst\u00fctzen, er erz\u00e4hlt, bem\u00fcht sich dabei um Stil und Sprache, achtet die Tradition , ohne r\u00fcckst\u00e4ndig zu sein. Aber wenn dabei so eine Krankheit entsteht, wie die Morbus Kitahara, dauernd stilistische Anf\u00e4ngerfehler, dazu diese Langeweile&#8230;Ich kam nur bis Seite 100, vielleicht wirds dann besser, schon m\u00f6glich&#8221;<br \/>\nDann bekommt er noch heraus, wer die diesj\u00e4hrigen deutschen Nominierten waren. &#8220;Das &#8220;Taschentuch&#8221; von Kronauer und die &#8220;Ringe des Saturn&#8221; von  W.G. Seebald. Wo sie dies Zeug nur immer rausziehn?&#8221; Und kein Krausser, wo doch &#8220;Thanatos nach Walser  das meistbesprochene deutsche Buch des Fr\u00fchjahrs war.&#8221;<br \/>\nDaf\u00fcr hat Felizitas den Aspekte-Preis gekriegt. Da kann ich nur raten, ob es um Felizitas Hoppe handelte oder bei Wikipedia nachsehen. Und &#8220;Die Behauptung nach Joyce k\u00f6nne nicht mehr auktorial erz\u00e4hlen, stammt von jenen, die weder auktorial noch sonstwie erz\u00e4hlen k\u00f6nnen.&#8221;<br \/>\nAu\u00dferdem gibts noch die Teletext Emnid-Umfrage \u00fcber die beliebtesten deutschen Autoren: Grass, Simmel, Heidenreich, Konsalik, Lenz, D\u00f6rrie,ect. mit der Anmerkung &#8220;Merkw\u00fcrdig, was da alles unter die Sparte Autoren gerechnet wird, blo\u00df weil es seine Produkte auch in Buchform verkauft.&#8221;<br \/>\nNun ja, man kann aber vielleicht schon Literaturgeschichte in Tagebuchform erfahren, f\u00fcr die psychologisch Interessierten ist es sicher spannend, die Meinungen des 1964 geborenen deutschen Dichters kennenzulernen. Man kann ja anderer sein und Krausser schlie\u00dft am Montag den 30. September mit den Worten &#8220;Morgen abend beginnt schon wieder die Buchmesse. Werde hinfahren mit gemischten Gef\u00fchl, werde Freunde treffen, auch Feinde, die aber nicht t\u00f6dlich genug. Werde, Toy, dem Teufel zuliebe, das elend-eitle Spiel mitspielen, um die Meisterschaft im Schattenvorauswurf.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt kommt die Besprechung des Tagebuchbandes Juli 1994, August 1995, September 1996 von Helmut Krausser. &#8220;In diesen wunderbaren Skizzen aus dem Intellektuellenleben begegnet man alles was dieses Leben eben wunderbar macht&#8221;, schreibt &#8220;Die Welt&#8221; auf der Buchr\u00fcckseite. 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