{"id":47276,"date":"2016-10-10T12:43:44","date_gmt":"2016-10-10T10:43:44","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=47276"},"modified":"2016-10-10T12:43:44","modified_gmt":"2016-10-10T10:43:44","slug":"drehtuer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=47276","title":{"rendered":"Dreht\u00fcr"},"content":{"rendered":"<p>Buch siebzehn der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/08\/23\/ueberraschende-longlisttitel\/\">LL<\/a> ist auch mein f\u00fcnftes auf der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/09\/20\/die-sechs-deutschen-shortlistbuecher\/\">SL<\/a>, das geht jetzt Schlag f\u00fcr Schlag, auf die echte ist es nicht gekommen, obwohl es ein Episodenroman ist, der glaube ich, die Kriterien erf\u00fcllt, die manche Blogger auf der <a href=\"http:\/\/www.buchpreisblog.de\/2016\/09\/20\/von-der-suche-nach-dem-sinn-des-lebens-eine-polemik-zum-deutschen-buchpreis-2016\/\">Liste vermi\u00dften<\/a>, den sozialen Anspruch und die gesellschaftliche Relevanz, statt des eweigen Jammers um den Tod und das Sterben der sich in der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/05\/die-erziehung-des-mannes\/\">Mildlifekrie<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/09\/09\/widerfahrnis\/\">befindenden<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?s=rauschzeit\">\u00e4lteren Herrn.<\/a><\/p>\n<p>Das hei\u00dft, vielleicht geht es auch darum, obwohl es von keinem Mann geschrieben wurde, die 1951 in Ostberlin geborene <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/12\/08\/bose-schafe\/\">Katja Lange-M\u00fcller,<\/a> die 1986 den Bachmannpreis gewonnen hat und die ich einmal im Rahmen einer der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2011\/05\/09\/die-enten-die-frauen-und-die-wahrheit\/\">Studentenlesungen im Literaturhaus<\/a> h\u00f6rte, ist eine von den sechs Frauen auf der langen Liste und ihre Heldin, die Krankenschwester Asta Arnold, ist genauso alt, wie sie, n\u00e4mlich f\u00fcnfundsechzig und\u00a0 zur Krankenschwester wurde\u00a0 Katja Lange-M\u00fcller, glaube ich, auch ausgebildet.<\/p>\n<p>Der Unterschied befindet sich aber in der Idee und die finde ich sehr sehr originell, es ist kein Roman w\u00fcrde ich wieder sagen, sondern, wie bei <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/09\/03\/ein-langes-jahr\/\">Eva Schmidt, <\/a>eine Ansammlung von Episoden, aber die sind eigentlich nicht zusammenhanglos, sondern dr\u00fccken die pure Tragik des Lebens aus und die kann eine, wenn man so dar\u00fcber nachdenkt,\u00a0 eigentlich umhauen, so da\u00df ich, wie <a href=\"http:\/\/www.buchpreisblog.de\/2016\/09\/22\/katja-lange-mueller-drehtuer\/\">einige andere auch <\/a>nicht verstehen kann, wieso das Buch nicht auf die Shortlist kam, auf meiner w\u00e4re es und es ist sogar neben oder vor <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/09\/23\/das-pfingstwunder\/\">Sibylle Lewitscharoff <\/a>mein Favorit.<\/p>\n<p>Das Ganze spielt sich am Flughafen von M\u00fcnchen ab, wo ja nicht nur\u00a0 Asylwerber stranden und von der Polizei aufgegriffen werden, sondern sich auch eine umgekehrte R\u00fcckkehr abspielen kann.<\/p>\n<p>Die Krankenschwester, Asta Arnold f\u00fcnfundsechzig, kommt vom jahrelangen Hilfseinsatz aus Nicaragua zur\u00fcck. Nicht freiwillig, weil sie nicht mehr einsatzf\u00e4hig war, sondern vermehrt Fehlleistungen brachte wurde sie mit einem Einway-Ticket sozusagen in Pension geschickt und Detail am Rande, weil das Geld nur bis M\u00fcnschen reichte, dorthin, obwohl sie eigentlich in Berlin oder Leipzig wohnhaft ist.<\/p>\n<p>Nun steht sie vor der Dreht\u00fcre, die in die vermeintliche Freiheit f\u00fchrt, mu\u00df noch auf ihr Gep\u00e4ck warten, raucht eine Zigarette nach der anderen, Euro,s um sich etwas zu essen zu kaufen hat sie nicht und sie hat auch Schwierigkeiten mit dem Vaterland und der Muutersprache, was, angesichts der Tatsache, da\u00df sie zweiundzwanzig Jahre im Ausland war, verst\u00e4ndlich ist.<\/p>\n<p>Sie hat jauch schon vorher ihr Vaterland verloren, gibt es die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/09\/skizze-eines-sommers\/\">DDR<\/a> ja nicht mehr.<\/p>\n<p>So steht sie da, denkt an ihren Namen, sie hei\u00dft Asta, wie ein Sch\u00e4ferhund oder Asta Nielsen und sieht jedesmal, wenn sie daran denkt, da\u00df sie etwas essen oder unternehmen sollte, einen Menschen, der sie an einen Bekannten oder eine Episode ihres Lebens erinnert.<\/p>\n<p>Das Themen Helfen wird auch angeschnitten. Wozu macht man das, wenn ohnehin alles links und rechts herum, den Bachh herunter geht? Hat man ein Helfersyndrom? Asta, die noch in der DDR zur Krankenschwester ausgebildet wurde, h\u00f6chstwahrscheinlich, denn der Erste den sie sieht, erinnert sie an einen Koreaner, den sie als junge Frau, in den Siebzigerjahren, von der Stra\u00dfe aufgegabelt hat, in ihr Zimmer brachte und weil er Zahnweh hatte, mit Tabletten versorgte. Am n\u00e4chsten Morgen l\u00e4uten dann die Angeh\u00f6rigen der Nordkoreanischen Botschaft, die dicht neben ihrer Wohnung angesiedelt ist, bei ihr, verneigen sich und \u00fcberreichen einen Strau\u00df Rosen f\u00fcr die erbrachte Hilfsbereitschaft.<\/p>\n<p>Man sieht Katja Lange- M\u00fcller hat Humor oder auch eine geh\u00f6rige Portion Sarkasmus und daf\u00fcr ist sie auch ber\u00fchmt geworden.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Episode ist l\u00e4nger und passt eigentlich und genau genommen nicht ganz in die Geschichte hinein, daf\u00fcr ist sie aber h\u00f6chst beeindruckend und vielleicht sogar der Autorin selbst passiert.<\/p>\n<p>Es ist n\u00e4mlich die Geschichte einer Kollegin, einer Tamara, die auch als Erz\u00e4hlerin auftritt, die, bevor sie Krankenschwester wurde, Romane geschrieben hat und eine Kurzgeschichte, die von einer Singer-N\u00e4hmaschine handelt, die soll sie im Rahmen der Frankfurter Buchmesser einer Delegation indischer Schriftsteller vorlesen und wird daraufhin von einer indischen Feministin nach Indien eingeladen. Das Flugticket wird auch hier nicht ganz und zu sp\u00e4t bezahlt. Sie soll aber vor zweihundert verst\u00fcmmelten Frauen lesen, die ver\u00e4tzte Gesichter haben, weil ihre Schwiegerm\u00fctter sie in Feuer stie\u00dfen und nur Singer-N\u00e4hmaschinen k\u00f6nnen sie vor dem Verhungern retten. So soll Tamara solche auftreiben.<\/p>\n<p>Wieder eine Geschichte, um das Helfen, die Asta durch den Kopf geht, w\u00e4hrend sie \u00fcberlegt, ob sie in den Supermarkt gehen und sich etwas zu Essen kaufen soll.<\/p>\n<p>Sie kann es nicht, der Kulturschock, beziehungsweise, die Sozialphobie oder einLogophobie, die sie sich diagnostiziert, hindern sie daran.<\/p>\n<p>So kreist sie munter weiter in der Flughafenhalle, wird an ihren Ex-Freund und einen Urlaub in einem tunesischen Touristenressort erinnert, wo sie eine schwangere Katze namens &#8220;Fettkn\u00e4uel&#8221; fand, die sie aufp\u00e4ppelte und mit Essen versorgte, um ihren Freund zu \u00e4rgern, schlie\u00dflich verschwand die Katze und lie\u00df sie mit ihren sieben Jungen zur\u00fcck, die nun sie versorgte, aber ihr Abreisedatum war auch schon l\u00e4ngst festgelegt.<\/p>\n<p>Ein Schauspieler der einen Naziarzt spielte, der nicht t\u00f6ten konnte, weil er immer, wenn er in die Augen seines Opfers sah, in Ohnmacht fiel, kommt vor und noch einiges anderes.<\/p>\n<p>Dazwischen kreist Asta herum,\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ZBQ26h2-x2I\">j\u00fcngere Leser fragen sich vielleicht, was das Ganze soll<\/a> und sehen keinen Zusammenhang in der Geschichte, ich schon, denn ich denke an die Bruatilt\u00e4lit\u00e4t des Lebens, die Krankenschwestern nach jahrelangen Auslandsaufenthalt einfach zur\u00fcckschicken, weil sie nicht mehr k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es in Deutschland einen Rentenanspruch, aber den mu\u00df man erst beanstragen. Dazu mu\u00df Asta den Kulturschock \u00fcberwinden, die Sprache wiederfinden, sich in den Bus oder Zug nach Leipzig oder Berlin setzen und zuerst in ein Hotel und dann in ein ensprechendes Amt gehen.<\/p>\n<p>Sie ist nicht dazu imstande, obwohl sie das k\u00f6nnte und die Asylwerber, die auf der anderen Seite stehen, werden vom Staat\u00a0 gehindert, der lustig diskutiert, ob f\u00fcnf Euro in der Stunde f\u00fcr den Hilfseinsatz nicht vielleicht viel zu viel f\u00fcr einen Asylsuchenden sind?<\/p>\n<p>Am Ende, als sie schon beschlo\u00dfen hat , doch wieder nach Nicuargua zur\u00fcckzufliegen und sich dort mit einer eigenen kleinen Hilfsstation selbstst\u00e4ndig zu machen, mu\u00df sie doch aufs Klo, diagnostiziert sichselbst einen Herzinfarkt oder Schlaganfall und liegt die Tasche mit den vorher im Duty free Shop eingekauften Zigarettenp\u00e4ckchen am Boden:<\/p>\n<p>&#8220;Asta schiebt sich ihre Umh\u00e4ngetasche unter den Kopf und die rechte Hand zwischen die Br\u00fcste, mit der linken umklammert sie die Duty-free-T\u00fcte. Da sind noch neun P\u00e4ckchen Camel drin, denkt sie, acht volle und eine angerissene, hundertneunsiebzig Zigaretten. Schade, da\u00df ich die nicht mehr rauchen kann&#8230;&#8221;<\/p>\n<p>Vielleicht irrt sie sich,\u00a0 wird gefunden und in ein Krankenhaus gebracht, bekommt eine Rente und eine Sozialwohnung und das Leben, der verzweifelten Helferin geht noch zwanzig oder f\u00fcnfundzwangig Jahre weiter. Von Burnout, Demenz oder Alzheimer war in anderen Besprechungen auch die Rede.<\/p>\n<p>Wir wissen es nicht so genau, was ich wei\u00df ist, da\u00df das ein sehr beeindruckendes Buch ist, das genau mit dieser episodenhaften Erz\u00e4hlweise von dem Elend unseres Lebens ezr\u00e4hlt. Ein h\u00f6chst gesellschaftskritischer Roman, der uns vielleicht daf\u00fcr entsch\u00e4digt, da\u00df keines der Debutromane der jungen Fl\u00fcchtlinge aus Saudiarabien oder\u00a0 dem Iran, die in diesem Jahr erschienen sind, auf die lange Liste kamen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buch siebzehn der LL ist auch mein f\u00fcnftes auf der SL, das geht jetzt Schlag f\u00fcr Schlag, auf die echte ist es nicht gekommen, obwohl es ein Episodenroman ist, der glaube ich, die Kriterien erf\u00fcllt, die manche Blogger auf der &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=47276\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,5],"tags":[1323,1441,3114,3148,3724],"class_list":["post-47276","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","category-buchpreisbloggen","tag-dbp-2016","tag-deutsches-lesen","tag-katja-lange-mueller","tag-kiepenheuer-witsch","tag-longlistenlesen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47276","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=47276"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47276\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=47276"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=47276"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=47276"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}