{"id":47551,"date":"2016-10-21T00:39:59","date_gmt":"2016-10-20T22:39:59","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=47551"},"modified":"2016-10-21T00:39:59","modified_gmt":"2016-10-20T22:39:59","slug":"die-auswandernden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=47551","title":{"rendered":"Die Auswandernden"},"content":{"rendered":"<p>Im Literaturbetrieb und beim <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/08\/13\/buchpreisgeplauder\/\">Longlistenlesen<\/a> erlebt man manchmal \u00dcberraschungen, obwohl ich ja eigentlich glaube mich dort ganz gut auszukennen, nachdem ich mich da\u00a0 schon seit <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/05\/24\/vierzig-jahre-matura-vierzig-jahre-schreiben\/\">\u00fcber vierzig Jahren daneben stehe<\/a>.<\/p>\n<p>So habe ich, als ich in der vorigen Woche \u00fcberlegte, was das wohl auf die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/11\/die-oesterreichische-kurzliste\/\">\u00f6sterreichische Shortlist <\/a>kommen w\u00fcrde, ganz ehrlich nicht im Entfernstesten an Peter Waterhouse gedacht.<\/p>\n<p>Ihn und <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/16\/gemischter-satz\/\">Daniela Emminger<\/a> habe ich weggelassen, sonst h\u00e4tte ich eigentlich alle acht als\u00a0 wahrscheinlich gesehen und was das Experimentelle betrifft, h\u00e4tte ich mir eher <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/05\/04\/sehr-politische-experimentelle-literaturstipendiaten\/\">Anne Cottens Verseops<\/a> gew\u00fcnscht, denn, als der 1956 in Berlin geborene und in Wien lebende, 2007 den &#8220;Erich Fried Preis&#8221; bekam, habe ich, glaube ich nicht sehr viel mit ihm und seinen B\u00fcchern anfangen k\u00f6nnen, denn das Experimentelle liegt mir nun einmal nicht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/10\/30\/reinhard-priessnitz-preis-2009\/\">2009 hat Michael Hammerschmid den &#8220;Prie\u00dfnitz-Preis&#8221;<\/a> bekommen und da hat Peter Waterhouse, die Laudatio gehalten, eine sehr sprachgenau, wie ich mich erinnern kann, die Wort f\u00fcr Wort, die Texte des Gewinners auseinandernahm und das ist jetzt mit den &#8220;Auswandernden&#8221;, das zweite \u00f6st Shortlistbuch das ich gelesen habe und wahrscheinlich auch lesen werde, passiert.<\/p>\n<p>Eine punktgenaue Auseinandersetzung und Auseinandernehmen der Sprache und das in Bezug zu einem gerade sehr aktuellen Thema und da\u00a0 habe ich gedacht, die experimentellen Sprachanalylytiker w\u00fcrden sich daf\u00fcr interessieren.<\/p>\n<p>\u00dcber die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/09\/06\/die-oesterreichische-debut-und-buchpreislonglist\/\">\u00f6sterreichischen Shortlist<\/a> habe ich in den Medien und in den Blogs noch nicht sehr viel gelesen, bei der deutschen wurde allgemein bedauert, da\u00df sie sich nicht mit der Fl\u00fcchtlingsproblematik auseinandersetzte und die B\u00fccher der jungen Deutschen, die aus dem Iran, Saudiarabien, etcetea kommen und dar\u00fcber schrieben links oder rechts liegen lie\u00df.<\/p>\n<p>Von Peter Waterhouse h\u00e4tte ich mir eine Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht erwartet und es ist auch ein sehr\u00a0 ungew\u00f6hnliches Buch, das da in dem kleinen <a href=\"http:\/\/www.starfruit-publications.de\/buecher\/waterhouse-meyer\/\">&#8220;Starfruit-Verlag&#8221;<\/a> erschienen ist und das ich f\u00fcr einen Kanditaten f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/02\/26\/schoenste-buecher-und-hoerspielgala\/\">&#8220;sch\u00f6nsten B\u00fccher \u00d6sterreichs<\/a>, Deutschlands&#8221; oder wo auch immer halten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Denn Peter Waterhouse ist nicht der alleinige Autor, Nanne Meyer steht auch noch darauf und die 1953 in Hamburg geborene, die Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Wei\u00dfensee ist, hat die Illustrationen dazu geliefert oder besser ein zweites Buch dazu gezeichnet, so da\u00df man durch die &#8220;Auswandernden&#8221;, wie durch ein Museum gehen kann.<\/p>\n<p>Es beginnt auch ganz banal, n\u00e4mlich mit einer Tafel, die angeblich oder tats\u00e4chlich im Einsiedlerpark h\u00e4ngt, ich m\u00fc\u00dfte da mal nachschauen, er ist ja gleich in meiner N\u00e4he, auf der &#8220;Am fr\u00fchen Morgen des 15. Oktober 1936 holte Johann Urban, Schuldiener in der Lehranstalt f\u00fcr Textilindustrie in der Spengergasse, im Postamt am Hundsturm das f\u00fcr die Geh\u00e4lter des Schulpersonals bestimmte Geld ab und durchquerte gerade den Einsiedlerpark, als ihm ein junger Mann wei\u00dfen Pfeffer ins Gesicht schleuderte.&#8221;, steht.<\/p>\n<p>Mit der Fl\u00fcchtlingsfrau Media, die mit einigen W\u00f6rterb\u00fcchern gerade Deutsch zu lernen beginnt und der der Autor oder Ich-Erz\u00e4hler dabei hilft, durchquert er den Park, bleibt vor der Tafel lange stehen,\u00a0 liest und liest, kommt dabei zu Adalbert Stifter und zu Hebbel und beginnt die Sprache auseinanderzunehmen.<\/p>\n<p>Denn, was wei\u00dft Flucht, ergreifen, begreifen, aufgreifen, wenn man genau hinaschaut, kommt man damit wahrscheinlich so durcheinander, wie es <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/10\/drehtuer\/\">Katja Lange M\u00fcllers Asta<\/a> tat, als sie nach zweiundzwanzig Helferjahren im Ausland wieder zur\u00fcck nach Deutschland geschoben wurde.<\/p>\n<p>Man sieht auch die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/17\/verpasste-preisverleihung\/\">deutsche Liste <\/a>ist aktuell und der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/09\/09\/widerfahrnis\/\">Preistr\u00e4ger<\/a> hat ja auch, wenn auch vielleicht sehr konstruiert und abgehoben sich mit dem Fl\u00fcchtlingsthema auseinandergesetzt.<\/p>\n<p>Media mu\u00df sich auch mit der Sprache auseinanderetzen, sagt &#8220;Pippi Langstrupfhose und schreibt in ihre Bewerbungsschreiben &#8220;Timm&#8221;, denn so hat sie das Wort &#8220;Team&#8221; verstanden.<\/p>\n<p>Von Stifter und\u00a0 Hebbel kommt Peter Waterhouse zu Charles Dickens und zur englischen Sprache, dem Namen nach hat er wohl auch englische Wurzeln und er kommt auch nach Bozen, weil er dort eine Lesung aus einem von ihm \u00fcbersetzen Gedichtbandes hat.<\/p>\n<p>Aber das passiert erst sp\u00e4ter in dem Buch, das immer wieder durch sehr sch\u00f6ne Illustrationsbl\u00f6cke unterbrochen wird, wo der Inhalt des Vorher beschriebenen visuell wiedergegeben wird.<\/p>\n<p>&#8220;Keine, kein, keine, ohne&#8221;, steht da mit den dazugeh\u00f6rigen Zeichnungen, das Messer oder Stock, das Blatt, eine Zwiebel ohne Zitrone, so genau ist das nicht zu erkennen und mit der Sprache hat man es auch nicht leicht.<\/p>\n<p>Peter Waterhouse geht inzwischen aber zum Asylgerichtshof nach Wiener Neustadt, h\u00e4lt dort, wenn ich mich nicht irre, im Rahmen des <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/01\/05\/etceterainterwiew-und-mit-sprache-unterwegs\/\">&#8220;Mit Sprache unterwegs Projekt&#8221;<\/a> eine Rede und wundert sich, da\u00df keine Richterinnen im Saal sa\u00dfen.<\/p>\n<p>Vorher hat er Medias Bescheide auseinandergenommen, die bevor sie mit ihrer Tochter das Land verlie\u00df, einen deutschen Satz auswendig lernte, um ihn den Grenzbeamten aufzusagen, die ihre Fluchtroute nat\u00fcrlich nicht nachvollziehen konnten.<\/p>\n<p>Vom Auswandern kommt man leicht zum \u00dcberqueren und \u00dcberfahren, zum Fuhrmann aus einem M\u00e4rchen oder einer Hebbel-Geschichte aus dem achtzehnten Jahrhundert, zu Zeiten der franz\u00f6sischen Revolution, leider fehlen in dem ansonst so sch\u00f6nen Buch, die Quellenangaben, was da jetzt wo zitiert wurde.<\/p>\n<p>Es wird aber auch von einer Freundin, einer Rechenk\u00fcnstlerin erz\u00e4hlt, die sich ihr Todesdatum genau ausrechnete und dann wirklich punktgenau ein paar Tage vor oder nach dem 4. 4. 2002 gestorben ist und der Erz\u00e4hlter wachte eine Zeit danach jeweils um vier uhr fr\u00fch auf und konnte nicht\u00a0 mehr schlafen.<\/p>\n<p>Vom Greifen zum Ergreifen, Begreifen, Auswandern und Zur\u00fcckdringen, man sieht, man kann sich mit der aktuellen Situation auf verschiedene Art und Weise auseinandersetzen, man kann, wie ich es mit meiner <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_sommer.html\">Fl\u00fcchtlingstrilogie <\/a><a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_nika.html\">getan<\/a> <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_selma.html\">habe<\/a>, realistisch davon erz\u00e4hlen, man kann aber auch mit einer Zeichnerin eine Sprachanalyse daraus machen, kann vom Schuldiener Johann Urban, von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/06\/04\/mein-stifter\/\">Adalbert Stifter,<\/a> Charles Dickens und anderen erz\u00e4hlen und dann immer wieder die absurde Sprache der Asylbescheide aufzugreifen und zu untersuchen.<\/p>\n<p>Ein interessantes Buch, das ich durch die<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/15\/der-buchpreis-und-tendenzen-der-oesterreichischen-gegenwartsliteratur\/\"> Shortlist-Juroren<\/a> kennenlernen durfte, wof\u00fcr ich herzlich danke, weil es sonst h\u00f6chstwahrscheinlich an mir vorbei gegangen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Als Buchpreisbuch w\u00fcnsche ich es mir nicht, denn daf\u00fcr habe ich ja schon <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/06\/03\/von-friederike-mayrocker-zu-ceja-stojka\/\">eine Kanditain<\/a>, die heute auch beim <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/19\/grillparzer-in-die-moderne\/\">&#8220;Grillparzer Symposium&#8221;<\/a> liest, wo bei der gestrigen Auftaktveranstaltung f\u00fcr mich \u00fcberraschend der sehr kritische Literaturprofessor Arno Dusini auf das Buch hingewiesen hat, obwohl er sich vorher \u00fcber den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/07\/03\/der-vierzigste-bachmannpreis\/\">&#8220;Bachmannpreis&#8221; <\/a>\u00e4rgerte, aber dort haben ja heuer Tomer Gardi mit seinem Broken German und die vielleicht auch sehr experimentelle Stefanie Sargnagel gelesen und den Preis hat eine Autorin gewonnen, die auch nicht Deutsch zur Muttersprache hat.<\/p>\n<p>Ob es ein Buch f\u00fcr die ber\u00fchmte Schwiegermutter ist, glaube ich nicht, der ist es wohl zu experimentell und vielleicht auch zu schwierig zu lesen und das bef\u00fcrchte ich ganz ehrlich auch bei den B\u00fccherbloggern und bin nicht ganz sicher, ob die, die Geduld aufbringen werden, sich durch die zweihundertf\u00fcnfzig Seiten zu lesen, wo nicht viel passiert, es keinen Plot gibt, aber die Sprache auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt wird.<\/p>\n<p>Man kann aber, wenn einem das zu anstrengend ist, sich immer wieder durch die wirklich sch\u00f6nen Zeichnung lesen. In jedem Sinn also die gro\u00dfe \u00dcberraschung auf der \u00f6st List ich kann das Buch wirklich jeden nur empfehlen und werde jetzt mit dem letzten Buch auf der \u00f6sterreichischen Liste, dem Longlist Buch von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2013\/06\/19\/wie-im-echten-lebenkathrin-roggla\/\">Kathrin R\u00f6ggla <\/a>weitermachen, die auch eine sehr experimentelle Sprachk\u00fcnstlerin mit gesellschaftlichen Ansatz ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Literaturbetrieb und beim Longlistenlesen erlebt man manchmal \u00dcberraschungen, obwohl ich ja eigentlich glaube mich dort ganz gut auszukennen, nachdem ich mich da\u00a0 schon seit \u00fcber vierzig Jahren daneben stehe. 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