{"id":4759,"date":"2010-11-07T09:13:23","date_gmt":"2010-11-07T08:13:23","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=4759"},"modified":"2010-11-07T09:13:23","modified_gmt":"2010-11-07T08:13:23","slug":"schicksal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=4759","title":{"rendered":"Schicksal"},"content":{"rendered":"<p>Tim Parks &#8220;Schicksal&#8221; k\u00f6nnte man auch &#8220;Ausl\u00f6schung&#8221; nennen, ist es doch ein Endlosmonolog eines Mannes, der seinen Sohn verlor, ganz nach Vorbild des alten Meisters, die S\u00e4tze &#8220;Das ist die Wahrheit&#8221; kommen mehrmals vor, das Wort &#8220;Ausl\u00f6schung&#8221; wird  genannt, aber vielleicht ist nur die \u00dcbersetzerin ein Bernhard-Fan, ist der 1951 in Manchester geborene Tim Parks ja Engl\u00e4nder und lebt als Autor und \u00dcbersetzer, unter anderen hat er Italo Calvino und Alberto Moravia \u00fcbersetzt, in Verona.<br \/>\nSo geht es auch dem Ich-Erz\u00e4hler Chris, der sich am Beginn des Romans in einem Hotel in London befindet, weil die \u00c4rzte seines Sohnes ihn und seiner Frau geraten haben, Italien zu verlassen, damit sich dieser von seiner Schizophrenie erholen kann. In der Rezeption des Hotel Knighbridges kommt die Nachricht vom Selbstmord Marcos, worauf er mit seiner Frau nach Italien zur\u00fcckfliegt.<br \/>\nChris monologisiert dabei endlos vor sich hin, h\u00f6rt Stimmen, erz\u00e4hlt sein Leben und uns den Roman, w\u00e4hrend Mara mit einem roten Mantel, gr\u00fcnen Hut und rosa geschminkt, das Flughafenpersonal veranla\u00dft, sie ohne Ticket ins Flugzeug zu lassen, die \u00dcberstellung des Sarges nach Rom und das Begr\u00e4bnis organisiert.<br \/>\nChris, der ein Buch \u00fcber den italienischen Nationalcharakter schreiben will und ein Interview mit dem ehemaligen Ministerpr\u00e4sidenten Andriotti organisiert, beschlie\u00dft seine Frau zu verlassen, w\u00e4hrend er mit ihr im Flugzeug sitzt. Er ist herzkrank, hat keine Tabletten bei sich und  auf dem Flughafen Schwierigkeiten zu urinieren und Stuhl zu lassen, daf\u00fcr entdeckt er ein Buch \u00fcber den italienischen Nationalcharakter im Flughafenshop, das sein Nebenbuhler geschrieben hat. Er hat seine Frau aber auch betrogen, im Hotel in Neapel, als seine Frau nach Rom zur\u00fcckfuhr, weil der zehnj\u00e4hrige Marco nicht mit seiner Schwester Paola bei der Gro\u00dfmutter schlafen wollte.<br \/>\nVielleicht ist das der Anfang der Geschichte, denn Mara hat Marco, der, wie ihr Vater hei\u00dft, sehr verw\u00f6hnt, nachdem sie glaubte keine Kinder bekommen zu k\u00f6nnen und daher die kleine Paola, die die Tochter einer Prostituierten ist, aus einem ukrainischen Waisenhaus holte.<br \/>\nDanach hat es, wie bei vielen Paaren geklappt, Marco wurde zum Mutters\u00f6hnchen, Paola war auf den Bruder eifers\u00fcchtig und begann ihre Adoptivmutter zu hassen. Chris wurde zum Starjournalist und begann in der Welt herumzureisen.<br \/>\nDer Anfang der Geschichte, als Marco die Mutter zur\u00fcckholen wollte, weil die Gro\u00dfmutter, in deren Bett er schlafen sollte, gestorben ist oder erst nachdem sich dieser, vielleicht zehn Jahre sp\u00e4ter, mit seiner Mutter weigerte Italienisch zu reden und der Vater ihr, die nicht Englisch kann, alles \u00fcbersetzen mu\u00dfte.<br \/>\nMan sieht Tim Parks hat sich mit der Entstehungsgeschichte der Schizophrenie gr\u00fcndlich auseinandergesetzt, obwohl er seinen Christ zu einem biologischen Psychiater und keinen Psychotherapeuten schickt, der ihm, wof\u00fcr er viertausend Lire in der Stunde verlangt, genau die biologischen Ursachen der Schizophrenie erkl\u00e4rt.<br \/>\nMarco hat sich jedenfalls mit einem Schraubenzieher erstochen, bzw. die Pulsadern aufgeschlitzt, obwohl die \u00c4rzte, die dem Ehepaar rieten nach England zu ziehen, von einer Besserung \u00fcberzeugt waren. Davor hat das Mutters\u00f6hnchen, der Mutter Schlamm,  Paola Butter in die Haare geschmiert und das Geisterhaus zertr\u00fcmmert.<br \/>\nDas alles geht Chris durch den Kopf, als er in der Totenkammer vor der Leiche seines Sohnes sitzt, Mara zu verlassen beschlie\u00dft, nicht urinieren kann und keine Herztabletten hat. Er macht aber pflichtgetreu sein Interview mit Andriotti, wird nach dem Begr\u00e4bnis von der Urologie weggeschickt, weil die kein Bett f\u00fcr ihn hat, h\u00f6rt die Stimme seines Sohnes und f\u00e4hrt ins Geisterhaus zur\u00fcck, obwohl er Mara ja verlassen will. Die hat Kerzen f\u00fcr ihn aufgestellt und von ihrem Sohn getr\u00e4umt, gesteht ihm aber ihre Liebe, so da\u00df der Roman &#8220;Schicksal&#8221; doch nicht &#8220;Ausl\u00f6schung&#8221; hei\u00dfen kann.<br \/>\nEinen gro\u00dfartigen letzten Satz, hat es aber allemal.<br \/>\n&#8220;Morgen k\u00f6nnen wir anfangen, um unseren Sohn zu trauern.&#8221;<br \/>\nEs ist das erste Buch, das ich von dem englischen Schriftsteller gelesen habe. &#8220;Mimis Verm\u00e4chtnis&#8221; wartet aber schon, denn das habe ich vor einiger Zeit im B\u00fccherschrank gefunden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tim Parks &#8220;Schicksal&#8221; k\u00f6nnte man auch &#8220;Ausl\u00f6schung&#8221; nennen, ist es doch ein Endlosmonolog eines Mannes, der seinen Sohn verlor, ganz nach Vorbild des alten Meisters, die S\u00e4tze &#8220;Das ist die Wahrheit&#8221; kommen mehrmals vor, das Wort &#8220;Ausl\u00f6schung&#8221; wird genannt, aber &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=4759\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-4759","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4759","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4759"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4759\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4759"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4759"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4759"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}