{"id":4766,"date":"2010-11-08T00:05:48","date_gmt":"2010-11-07T23:05:48","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=4766"},"modified":"2010-11-08T00:05:48","modified_gmt":"2010-11-07T23:05:48","slug":"jugoslavija-revisited-iii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=4766","title":{"rendered":"Jugoslavija revisited III"},"content":{"rendered":"<p>Das Werkstattgespr\u00e4ch \u00fcber den Kosovo: Erich Rathfelder mit Wolfgang Petritsch, moderiert von Erich Klein, war sozusagen  das Gustost\u00fcckerl der Veranstaltung. Mit dem Kosovo hatte es nur unter anderem zu tun, es  ging eher darum, wie es zu dem Krieg kam, wer was dabei falsch machte und um die Rolle Peter Handkes.<br \/>\nBeide Herren sind 1947 geboren und Wolfgang Petritsch, der in der Zeit, als ich das zweite Mal in Belgrad war, dort Botschafter war und vorher Kreiskys Sekret\u00e4r, \u00fcber den hat er auch eine Biografie geschrieben, die vor kurzem bei Residenz herausgekommen ist, ist in einem kleinen Dorf in K\u00e4rnten zweisprachig aufgewachsen. Sechzehn H\u00e4user, eine Kirche, eine mehrklassige, zweisprachige Schule und die Unterschicht, wie es Wolfgang Petritsch nannte, hat sich f\u00fcr ihre slowenische Herkunft gesch\u00e4mt, so da\u00df sie den Sohn Wolfgang nannte, in der Lehrerbildungsanstalt in Klagenfurt wurde er Tschusch genannt und der Kreisky wurde vor seinem Sekret\u00e4r gewarnt. Ein Jugoslawienexperte ist er allenhalben geworden, wie auch aus Erich Rathfelder, der ein Buch \u00fcber den Kosovo geschrieben hat, ein Fl\u00fcchtlingskind war und dann ein Linker, aber kein Terrorist, dazu war er zu intelligent, wie er es nannte und im Jugoslawienkrieg zehn Jahre Berichterstatter.<br \/>\nSo sind die Expertenmeinungen, wer, was, wann falsch gemacht hat, hin und hergeflogen, aber im nachhinein ist man immer kl\u00fcger, wie es der Diplomat nannte und er war auch einmal in Frankreich, wo er Milosevic von dem Krieg abhalten sollte, da hat er Peter Handke auf der Stra\u00dfe gehen sehen und sich von ihm bekochen lassen. Der hat ihn beauftragt, Milosevic vor dem Einsatz der Nato zu bewahren, aber als Petritsch ihm das \u00fcberbrachte, hat der nur ver\u00e4chtlich abgewinkt, obwohl Peter Handke sp\u00e4ter zu seinem Begr\u00e4bnis ging, sich durch seine Serbenliebe in alle Nesseln setzte und sich auch um einige Preise brachte.<br \/>\n&#8220;Kasperl!&#8221;, hat es Erich Klein genannt, Wolfgang Petritsch etwas diplomatischer und fein l\u00e4chelnd &#8220;naiv&#8221;, die Kroaten und die Kosovaren bezeichneten es als Matschom\u00e4\u00dfig bzw. leicht verr\u00fcckt.<br \/>\nAm Nachmittag ging es im Odeon mit f\u00fcnf Lesungen weiter und zwar begann  Beqe Cufay aus dem Kosovo, der schon gestern diskutierte, ebenfalls ein Buch dar\u00fcber geschrieben hat und seit 2000 in Stuttgart lebt, mit seinem Essay \u00fcber &#8220;Titos B\u00fccher&#8221;.<br \/>\nDann kam Laszlo  Vegel, Angeh\u00f6riger der ungarischen Minderheit, der in Novi Sad lebt und das Ganze  humoristisch nahm, 1941 geboren wurde und schon mit sechsundzwanzig Jahren die &#8220;Memoiren eines Zuh\u00e4lters&#8221; schrieb. Dazu wurde er von Alida Bremer befragt und meinte, da\u00df die meisten Politiker ihre Memoiren mehrmals umschreiben w\u00fcrden. Dann wurde  ein St\u00fcck aus einem Text gelesen, wo er sich in Budapest und in einem Spital befindet, w\u00e4hrend sein Visum abl\u00e4uft, so da\u00df er trotz Abraten der \u00c4rzte, das Land verlassen mu\u00df.<br \/>\n Dragan Velikic kannte ich schon vom Vorjahr, bzw. von einigen Lesungen in der Alten Schmiede. Den Roman &#8220;Danteplatz&#8221; habe ich auch gelesen. Er ist 1953 in  Belgrad geboren und in Pula aufgewachsen. Bis 2009 war er Botschafter in Wien. Jetzt lebt er wieder in Belgrad. Im Vorjahr hat er, glaube ich, aus dem Roman &#8220;Das russische Fenster&#8221; gelesen, jetzt hat er von einem Roman erz\u00e4hlt, in dem es, um einen Stra\u00dfenbahnschaffner geht, der in Wien, Prag, Belgrad und Budapest gearbeitet hat und von der Zeit, in der er in Budapest lebte, weil seine Frau dort an der Universit\u00e4t unterrichtete.<br \/>\nDanach kamen noch Goran Petrovic und David Albahari. Goran Petrovic lebt ebenfalls in Belgrad und ist einer der meistgelesenen Autoren Serbiens. Der Roman &#8220;Die Villa am Rande der Zeit&#8221;  ist soeben auf Deutsch erschienen. Alida Bremer hat daf\u00fcr das Gutachten geschrieben und ihn sehr gelobt. Es geht dabei um fiktive Welten und um Schriftsteller oder Leser, die interaktiv in das Geschehen eingreifen k\u00f6nnen. Bei dem St\u00fcck aus dem Robert Reinagl gelesen hat, ist es aber um ein Familienessen und ein Zerw\u00fcrfnis aus dem Jahr 1943 gegangen. Dann folgte noch eine Erz\u00e4hlung und der 1948 in Serbien geborene David Albahari, der jetzt in  Kanada lebtt, hat ebenfalls zwei Erz\u00e4hlungen vorgestellt. Seine B\u00fccher sind bei Eichborn erschienen und er liebt, sagte er, die Form der Kurzgeschichten, obwohl die Verlage alle Romane wollen. Er liebt auch Thomas Bernhard und meinte, da\u00df er in seinem Stil schreiben w\u00fcrde. Das ist bei den Geschichten nicht so sehr herausgekommen. Da ging es eher um die Langsamkeit. In &#8220;Der B\u00e4cker, der Brieftr\u00e4ger und der M\u00fctzenmacher&#8221;,  wird erz\u00e4hlt, wie ein Mann seine Frau umbringen will, einem anderen seine Frau nach Deutschland verschwunden ist, die Tochter nichts mehr lernen m\u00f6chte.  Ums Briefmarkensammeln und Schachspielen ging es auch.<br \/>\n&#8220;Mein Mann&#8221; ist die traurigste Geschichte, meinte David Albahari. Dabei geht es um einen Mann, der pl\u00f6tzlich nicht mehr aus dem Auto steigt und eine Frau, die am Fenster steht und ihm dabei zusieht. Und um Gedanken \u00fcber eine verlorene Sprache geht es in seinem Essay, der im Wespennest Sonderheft enthalten ist.<br \/>\nDanach hat mir der Kopf geraucht und ich habe viel \u00fcber den zerfallenen Vielv\u00f6lkerstaat und seine Bewohner gelernt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Werkstattgespr\u00e4ch \u00fcber den Kosovo: Erich Rathfelder mit Wolfgang Petritsch, moderiert von Erich Klein, war sozusagen das Gustost\u00fcckerl der Veranstaltung. 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