{"id":47728,"date":"2016-10-30T00:11:08","date_gmt":"2016-10-29T22:11:08","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=47728"},"modified":"2016-10-30T00:11:08","modified_gmt":"2016-10-29T22:11:08","slug":"zurueck-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=47728","title":{"rendered":"Zur\u00fcck in Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/15\/der-buchpreis-und-tendenzen-der-oesterreichischen-gegenwartsliteratur\/\">\u00f6sterreichischen Neuerscheinungen, Debuts- und Buchpreisb\u00fcchern<\/a> kommt jetzt etwas &#8220;amerikanisches&#8221; aus dem <a href=\"http:\/\/www.aufbau-verlag.de\/index.php\/zuruck-in-berlin.html\">&#8220;Aufbau-Verlag&#8221;<\/a>, n\u00e4mlich\u00a0 Verna B. Carletons Neu- oder Wiederentdeckung eines Romanes, den sie in den F\u00fcnfzigerjahren geschrieben hat, als sie mit ihrer Freundin Giselle Freund nach Berlin fuhr, um sich das Nachkriegsdeutschland anzusehen.<\/p>\n<p>Verna B. Carleton wurde 1914 in den USA geboren, verheirate sich in Mexiko, Frieda Kahlo und Diego Rivero waren ihre Treuzeugen,\u00a0 verkehrte im zweiten Weltkrieg mit deutschen Emigraten, wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch, sie war Journalistin und starb 1967 in New York.<\/p>\n<p>Der Roman ist in den F\u00fcnfzigerjahren, sowohl in Deutschland als auch in den USA erschienen, jetzt wurde er neu\u00fcbersetzt und von Ulrike Draesner herausgegeben, die auch das Nachwort schrieb.<\/p>\n<p>Verna B. Carleton ist mit ihrer Freundin\u00a0 Gisele Freund, einer deutsch franz\u00f6sischen Fotografin, die 1933 von Berlin nach Paris emigrierte, 1957 nach Berlin gereist und schildert in ihrem ersten Roman, die Schiffsreise einer namenlosen Erz\u00e4hlerin, die wahrscheinlich Journalistin ist, nach Europa.<\/p>\n<p>Das Schiff ist schlecht, der Komfort miserabel und die jamaikanischen Gastarbeiter, die nach Europa gebracht werden, haben in ihren &#8220;dritte Klasse L\u00f6chern&#8221; noch miserablere Bedingungen.<\/p>\n<p>Da lernt sie die Devons kennen, ein britisches Ehepaar, die ihr von ihrem Wunsch, sich auch Deutschland anzusehen, energisch abraten.<\/p>\n<p>Vor allem der Mann namens Erik tut das vehement. In Kuba kommt noch Herr Ermil Grubach aus K\u00f6ln an Bord und nervt alle mit seinem Wiederaufbaustolz und dem Leugnen der Schuld, an dem, was da in Europa geschehen ist.<\/p>\n<p>Es kommt zum Streit zwischen ihm und Erik, der ihm pl\u00f6tzlich auf Deutsch entgegenschreit &#8220;Wir deutschen Juden werden niemals vergessen!&#8221;<\/p>\n<p>Dann kommt es zum Zusammenbruch von Erik Devon, der einmal Erich Dalburg hie\u00df und von seiner Mutter &#8220;britisch erzogen&#8221;, schon 1933 nach London emigrierte, seine Mutter ist mitgekommen, sein Vater ist in einem Nazigef\u00e4ngnis gestorben, es gab sowohl nationalsozialistische, als auch j\u00fcdische Verwandte und keinen Kontakt mehr zu seiner Familie, besipielsweise zu seiner Cousine K\u00e4the, die ihm nach dem Tod des Vaters schrieb, sie w\u00fcrde sich in Frankreich verheiraten.<\/p>\n<p>So hat er den englischen Namen angenommen und seine deutsche Identit\u00e4t verdr\u00e4ngt jetzt bricht das Deutsche wieder aus ihm heraus und das Ehepaar entschlie\u00dft sich mit der Erz\u00e4hlerin nach Berlin zu reisen.<\/p>\n<p>Dort trifft er seine Familie wieder, Tante Rosie, die mit einem vormals nationalsozialistischen Banker verheiratet war, dann aber versuchte zu retten, was zu retten war. Cousine K\u00e4the ist verwitwet, hat Mann und Kind verloren und f\u00fchrt jetzt einen Buchladen in Berlin, es gibt eine alte Haush\u00e4lterin namens Elese und den Cousin Albrecht, der nichts gelernt hat und jetzt wieder, die besten Gesch\u00e4fte mit den Kohlebaronen machen will.<\/p>\n<p>Sie treffen auch Herrn Grubach und seinen Sohn wieder, so da\u00df Erik in Panik nach England flieht.<\/p>\n<p>Sie bleiben aber in Briefkontakt mit der Erz\u00e4hlerin, K\u00e4the und Tante Rosie, die als sie ein Jahr sp\u00e4ter wieder nach Berlin kommen, an einem Herzinfarkt verstorben ist.<\/p>\n<p>Sie kommen zum Begr\u00e4bnis zu sp\u00e4t, treffen nur mehr den Cousin Albrecht bei K\u00e4the in der Villa an, die Eriks Vater in der NS-Zeit Rosies Mann \u00fcberschrieben hat, die ihm aber jetzt wieder geh\u00f6rt, es kommt auch hier zum Disput und Erik beschlie\u00dft zu Verwunderung aller, in Berlin zu bleiben und auch seine schriftstellerische Karriere, die er damals begonnen hat, er hat einen satirischen Roman \u00fcber die Nazizeit geschrieben, wieder aufzunehmen.<\/p>\n<p>Ein sehr interessanter Roman, weil er das Nachkriegsberlin sehr unmittelbar schildert und auch zeigt, da\u00df es keinen Sinn macht, wie es Erich tat, zu &#8220;jammern&#8221; und sich zu verstecken, weil die Sachen, die damals passierten, wahrscheinlich weder ganz schwarz oder ganz wei\u00df zu interpretieren waren und die Differenzierungen werden\u00a0 auch ganz genau, an den verschiedenen Schicksalen und Lebensl\u00e4ufen geschildert.<\/p>\n<p>So fahren sie bei ihrem zweiten Besuch auch nach Bergen-Belsen, wo ja <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2014\/06\/22\/anne-frank-tagebuch\/\">Anne Frank<\/a> gestorben ist und deren Tagebuch wurde damals gerade in einer Theaterfassung aufgef\u00fchrt und der deutschen Nachkriegsjugend gezeigt.<\/p>\n<p>Sie fahren Transit durch Ostdeutschland nach Berlin und sehen auch diese Seite und ich w\u00fcrde einwerfen, da\u00df Verna B. Carleton vielleicht ein wenig, das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Traumatisierungen und die seelischen Wunden fehlte, die die damals Lebenden, egal ob Mitl\u00e4ufer oder Juden, haben mu\u00dften.<\/p>\n<p>Aber das ist wahrscheinlich klar, da\u00df man das heute, sechzig Jahre sp\u00e4ter mit unserer Erfahrung ganz anders, als 1958 sah, weshalb ich das Buch f\u00fcr besonders interessant und lesenswert halte und, um wieder auf die <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/09\/06\/die-oesterreichische-debut-und-buchpreislonglist\/\">\u00f6st. Liste <\/a>zur\u00fcckzukommen, hier wieder <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/09\/28\/schlagabtausch-zwischen-deuticke-und-jung-und-jung\/\">Peter Henischs Buch empfehlen kann<\/a>, der ja in &#8220;Suchbild mit Katze&#8221; auch ein Nachkriegswien und eine Kindheitserinnerung mit &#8220;vermischter Verwandtschaft&#8221; an die F\u00fcnfzigerjahre beschreibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen den \u00f6sterreichischen Neuerscheinungen, Debuts- und Buchpreisb\u00fcchern kommt jetzt etwas &#8220;amerikanisches&#8221; aus dem &#8220;Aufbau-Verlag&#8221;, n\u00e4mlich\u00a0 Verna B. 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