{"id":47781,"date":"2016-11-04T00:36:38","date_gmt":"2016-11-03T22:36:38","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=47781"},"modified":"2016-11-04T00:36:38","modified_gmt":"2016-11-03T22:36:38","slug":"traurige-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=47781","title":{"rendered":"Traurige Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>Buch zwei von der &#8220;\u00f6st. Debut Liste&#8221;, die man, wie ich festgestellt habe, nicht miteinander vergleichen kann, denn von den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/31\/und-was-hat-das-mit-mir-zu-tun\/\">Ereignissen in Rechnitz<\/a>, wo eine reiche Stahlerbin, 1945 mit Nazis Walzer tanzte, bevor die hundertachtzig Juden erschossen, geht es in die vermeintliche Freiheit der Generation Praktikum und in die prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnisse, derer, die als sie geboren wurden, angeblich alle Chancen hatten, studierten und jetzt von einem Vorstellungsgespr\u00e4ch zum anderen tappen und vor lauter Freiheit nicht weiterwissen.<\/p>\n<p>Die 1980 in Tirol geborene Friederike G\u00f6sweiner hat ihn geschrieben, das Buch ist schon im Fr\u00fchjahr bei &#8220;Droschl&#8221; erschienen, Alfred hat es in <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/03\/21\/buchmessenreport-2\/\">Leipzig,<\/a> wo am &#8220;\u00d6sterreich-Stand&#8221; vorgestellt wurde, entdeckt, es, wie das Buch von Sacha\u00a0 Battyhany gekauft und es diesmal mir geschenkt.<\/p>\n<p>Ich war auch bei den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/07\/29\/o-toene-mit-viel-freiheit\/\">&#8220;\u00d6-T\u00f6nen&#8221;<\/a>, wo es vorgestellt wurde, jetzt ist es bei den &#8220;\u00f6st Debuts&#8221;, steht auch mit einer Reihe anderer B\u00fccher auf Debutlisten, was ja sehr sch\u00f6n ist, aber da werden wieder aus einer Reihe von Einreichungen einige, beziehungsweise am Schlu\u00df einer oder eine ausgew\u00e4hlt und die anderen bleiben \u00fcber.<\/p>\n<p>Ja, das Leben ist hart, wahrscheinlich nicht nur in der Generation Praktikum, aber da wahrscheinlich ganz besonders und Friederike G\u00f6sweiner hat es im Gegensatz zu ihrer Hannah weit gebracht, wird ihr Buch bei den Blogs sehr gelobt und hat gute Chancen vielleicht mehr als\u00a0 einen &#8220;Bloggerpreis&#8221; zu gewinnen und es ist ein hartes Buch, ein sehr beeindruckendes.<\/p>\n<p>Alice Strigl, die es f\u00fcr ihre Debutreihe ausw\u00e4hlte, hat es sehr traurig genannt und das ist es auch, wie ich, <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_hunger.html\">die ich mich ja schon l\u00e4nger <\/a><a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_odessa.html\">mit den<\/a><a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_bank.html\"> prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen <\/a>besch\u00e4fte, wahrscheinlich auch beurteilen kann.<\/p>\n<p>Ein paar Fragen habe ich nat\u00fcrlich dazu, einiges erscheint mir unlogisch oder auch nur sehr gut konstruiert, denn die neun Kapitel mit denen der\u00a0 kurze Roman erz\u00e4hlt wird, sind sehr gekonnt zusammengestellt und es gibt auch einige Metaphern, wie der vom &#8220;Fallen&#8221;, die das Buch begleiten und eigentlich k\u00f6nnte man\u00a0 sagen, ist es der heitere Himmel aus dem Hannah, 30, nach diesen neun Kapiteln hinunterf\u00e4lllt.<\/p>\n<p>Denn sie hatte es ja gut, hatte Geschichte oder Journalismus in ihrer Kleinstadt studiert, lebt mit Jakob, einem Arzt, also auch sehr gut situiert, der irgendwo in einer Klinik wahrscheinlich seine Facharztausbildung macht und alle, Hannah inbegriffen, blicken zu ihm auf, dem Mann in Wei\u00df. Aber auch Hannah will hoch hinaus und sieht die Chance ihres Lebens, denn sie hat das Angebot bekommen, in Berlin f\u00fcr ein halbes oder ganzes Jahr ein Volontariat zu machen.<\/p>\n<p>Das spaltet die Beziehung, denn Jakob will keine aus der Ferne f\u00fchren, so zieht Hannah aus, zuerst zu ihren Eltern, dann nach Berlin in die Wohnung ihrer Freundin Miram, die auch Journalistin ist und gerade eine Korrespondentenstelle in Moskau angenommen hat.<\/p>\n<p>Die zweite Frage, die ich habe, betrifft das zweite Kapitel, denn das Volontariat, endet schon nach acht Wochen und nicht erst nach dem halben oder ganzen Jahr, die acht Volont\u00e4rinnen werden feierlich mit Sekt, Br\u00f6tchen und Schokolade verabschiedet, weil am Montag schon die n\u00e4chsten kommen, sie d\u00fcrfen aber weiter ihre Chance nutzen und freiberuflich Artikel anbieten.<\/p>\n<p>So sitzt Hannah in Kapitel drei in der Bibliothek, denn Jakob wollte nicht, da\u00df sie zur\u00fcckkommt, schickt aber weiter Fragezeichen und Musiknummern, schreibt Bewerbung um Bewerbung, bewirbt sich auch einmal f\u00fcr eine &#8220;Lehrredaktion&#8221;.<\/p>\n<p>Zwanzig werden eingeladen, drei genommen, Hannah ist, obwohl ja alle Chancen, nat\u00fcrlich nicht dabei, f\u00e4ngt zu kellnern an. De Eltern, die es gibt sind nicht damit zufrieden, schicken zum drei\u00dfigsten einsamen Geburtstag sechzig Euro und einen privaten Vorsorgevertrag und in dem Cafe, in dem alles zu klappen scheint, aber nat\u00fcrlich, um zu kellnern hat sie nicht studiert, lernt sie Stein, einen Journalisten aus Hamburg, der in Berlin einen Lehrauftrag hat und verheiratet ist, kennen, der soll ihr helfen, tut es aber nicht.<\/p>\n<p>So vereinsamt Hannah in dem gro\u00dfen Berlin immer mehr und mehr, hat nur noch Kontakt zu Miram, die ihre Stelle, es wird in den Redaktionen ja \u00fcberall eingespart auch verliert. Jakob meldet, da\u00df er Vater wird, sie aber trotzdem nicht vergessen kann und so steht Hannah ein Jahr nach ihrer Anrkunft auf der Dachterrasse des Hochhauses am Gel\u00e4nder, schaut auf die Stra\u00dfe hinunter und \u00fcberlegt wahrscheinlich, ob sie fallen oder, wie vereinbart Miriam vom Flughafen abholen soll?<\/p>\n<p>&#8220;Ein genauer Blick auf das Wechselspiel von Hoffnungen, Resignation und Aubruch in der Generation der Drei\u00dfigk\u00e4hrigen&#8221; steht am Buchr\u00fccken.<\/p>\n<p>Die &#8220;Amazon-Rezensenten&#8221; sind nicht alle mit dem Buch zufrieden, einige wollten mehr \u00fcber den Bereich wissen, in dem Hannah ihren Journalismus betreibt.<\/p>\n<p>Stimmt, das wird nicht erz\u00e4hlt, sonst ist die Atmosph\u00e4re aber erstaunlich dicht beschrieben und man merkt, was ja vieleicht auch abschrecken kann, da\u00df da eine sehr unsichere und einsame junge Frau in die Freiheit des gro\u00dfen Berlins hineingesetzt wurde, aber h\u00e4tte sie in Innsbruck bleiben und, wie es wahrscheinlich, die Generation ihrer Mutter tat, ihren Gott in Wei\u00df heiraten sollen?<\/p>\n<p>Die Arztgattinen von damals, wurden wie ich aus Gespr\u00e4chen wei\u00df, zum Teil von den von ihren Gatten verschrieben bekommenen &#8220;kleinen Helfern&#8221;, s\u00fcchtig und Hannah braucht schon am Anfang der Geschichte &#8220;was zum Schlafen&#8221;.<\/p>\n<p>Die Rezensenten sprechen auch von der Depression und nicht von dem Prekatiat, um das es in dem Buch gehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Und das vermischt sich nat\u00fcrlich auch, hat ja Stein, als er sie zum Essen einlud, das er dann nicht bezahle, auch von den &#8220;T\u00fcchtigsten erz\u00e4hlt, die in Zeiten, wie diesen \u00fcberleben&#8221;, w\u00e4hrend die anderen unterhehen und Hannah kennt\u00a0 auch Freundinnen, die es geschafft haben.<\/p>\n<p>Aber so leicht kann man sich wahrscheinlich nicht heraussreden, wenn man zwanzig Leute einl\u00e4dt oder auf eine Liste setzt und dann drei von ihnen aussucht und den anderen ein bedauerndes Absagebrieflein schickt, da\u00df sie halt leider nicht passte, es nichts mit den Qualifikationen zu tun hat, es in Zeiten wie diesen, aber keinen &#8220;Welpenschutz&#8221; geben kann!<\/p>\n<p>Und wir spielen wahrscheinlich auch ein bi\u00dfchen mit in dieser neoliberalen Marktwelt, wenn wir zu den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/28\/siebenter-alpha-literaturpreis\/\">Preisverleihungen<\/a> gehen, wo drei ausgesuchte Leute vorlesen k\u00f6nnen und der Moderator anschlie\u00dfend bedauert, da\u00df zwar alles sch\u00f6ne Texte, aber leider, leider nur einer gewinnen kann!<\/p>\n<p>Friederike G\u00f6sweiner hat es bis ganz nach oben geschafft und wird sich vielleicht am Vorabend der Buch-Wien freuen oder ein bi\u00dfchen traurig sein.<\/p>\n<p>Viele andere, die, die vielleicht jetzt beim <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/11\/01\/der-fuenfte-nanowrimo\/\">&#8220;Nanowrimo&#8221;<\/a> mitschreiben oder<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/07\/30\/kehrtwende\/\"> selber publizieren<\/a> haben es nicht so weit geschafft und auch der &#8220;Debutblog&#8221; hat bei seinen Debutbedingungen, genau, wie auch beim &#8220;\u00f6st Preis&#8221; hineingeschrieben, da\u00df sich Selbstverleger nicht bewerben d\u00fcrfen, aber auch die haben W\u00fcnsche, T\u00e4ume, Hoffnungen, m\u00fcssen, essen, Miete zahlen, auch wenn sie vielleicht, wie Hannah mit allen ihren Chancen,\u00a0 nicht bei den Besten sind.<\/p>\n<p>In diesem Sinne w\u00fcnsche ich Friederike G\u00f6sweiner alles Gute und empfehle das Buch zu lesen und vielleicht ein wenig geduldiger zu sein und nicht nur nach oben, sondern nach unten zu schauen, wo sich die Hinuntergefallenen befinden, obwohl das vielleicht nicht so leicht ist, denn &#8220;die im Dunkeln, sieht man ja bekanntlich nicht!&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buch zwei von der &#8220;\u00f6st. Debut Liste&#8221;, die man, wie ich festgestellt habe, nicht miteinander vergleichen kann, denn von den Ereignissen in Rechnitz, wo eine reiche Stahlerbin, 1945 mit Nazis Walzer tanzte, bevor die hundertachtzig Juden erschossen, geht es in &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=47781\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,5],"tags":[1613,2186,2301,587,590,4650],"class_list":["post-47781","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","category-buchpreisbloggen","tag-droschl","tag-friederike-goesweiner","tag-generation-praktikum","tag-oesterreichische-debutliste","tag-oesterreichische-gegenwartsliteratur","tag-prekatiat"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47781","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=47781"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/47781\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=47781"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=47781"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=47781"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}