{"id":47815,"date":"2016-11-09T00:21:31","date_gmt":"2016-11-08T23:21:31","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=47815"},"modified":"2016-11-09T00:21:31","modified_gmt":"2016-11-08T23:21:31","slug":"oder-so","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=47815","title":{"rendered":"oder so"},"content":{"rendered":"<p>Zur Abwechslung nach all dem <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/08\/23\/ueberraschende-longlisttitel\/\">Buchpreis-<\/a><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/09\/06\/die-oesterreichische-debut-und-buchpreislonglist\/\"> und Debutlesen<\/a>, das in der letzten Zeit ja <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/31\/und-was-hat-das-mit-mir-zu-tun\/\">sehr politisch<\/a> war, jetzt ein bi\u00dfchen Lyrik, die mir Anita Keiper, vor cirka einem Monat \u00fcberraschend in das Haus schickte, n\u00e4mlich den\u00a0 14. Lyrikband, der neuen <a href=\"http:\/\/www.editionkeiper.at\/EDITION\/leser_details.php?werke_ID=216\">&#8220;Keiper Lyrik-Reihe&#8221;<\/a>, die von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2012\/02\/15\/poetiken\/\">Helwig Brunner <\/a>herausgegeben und kommentiert wird.<\/p>\n<p>Die<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/03\/15\/wasser-im-gespraech\/\"> &#8220;avagardistischen Textminiaturen&#8221; von Petra Ganglbauer<\/a> habe ich ja vor einiger Zeit gelesen, bei der\u00a0 1937 in Dessau geborenen und seit 1985 in Berlin lebenden Ingeborg G\u00f6rler, die als Volksschulllehrerin und Journalistin gearbeitet und schon mehrere Gedichtb\u00e4nde herausgegeben hat, wird es naturgem\u00e4\u00df etwas traditioneller.<\/p>\n<p>Helwig Brunner spricht in seinem Nachwort von &#8220;inhaltlicher Aussagekraft und unaufgeregter aber intensiver Bildsetzung&#8221;, meint, da\u00df es bei ihr &#8220;kaum noch gebr\u00e4uchliche Vokabel, wie &#8220;Blattwerk, Krumen, Dickicht und Gestirn&#8221; gibt, da\u00df sie\u00a0 aber immer wieder mit Wendungen, wie beispielsweise &#8220;Den Apfelkern legen wir in ein St\u00fcck unerprobter Erde&#8221; \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>Vier Kapitel oder Abteilungen hat das sechsundneunzig Seiten Buch, &#8220;Und du wirst dem Nichtgemeinen bald\u00a0 begegnen&#8221;, &#8220;Man f\u00e4ngt jeden Morgen bei Null an&#8221;, &#8220;Nach sieben Jahren sehen wir uns dann wieder&#8221; und &#8220;Der Tag und der Tag danach&#8221;.<\/p>\n<p>&#8220;Letzen Endes&#8221; hei\u00dft das Gedicht, das der zweiten Abteilung seinen Namen gibt:<\/p>\n<p>&#8220;Man f\u00e4ngt jeden Morgen bei Null an und z\u00e4hlt jetzt leiser vor jeden Schritt auf den Gipfel zu.&#8221;<\/p>\n<p>Das ein Gedicht hat, das mich sehr an <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/04\/21\/gerstl-begrabnis\/\">Elfriede Gerstl erinnert &#8220;ein Baum werden v\u00f6gel zu gast haben\u00a0 das w\u00e4r was worauf man sich freuen k\u00f6nnte&#8221;<\/a>&#8211; hei\u00dft es ja da in &#8220;sch\u00f6ner tot&#8221; sein. W\u00e4hrend Ingeborg G\u00f6rler in\u00a0 &#8220;Verwurzelung&#8221; schreibt:\u00a0 &#8220;Sich vorstellen ein Baum zu sein. Und bei der Vorstellung nicht sofort an Fotos aus Kriegs oder Umweltreportagen denken-&#8221;<\/p>\n<p>\u00dcberraschung gibt es auch in der dritten Abteilung, bestehen die &#8220;sieben Jahre&#8221; doch aus den sechzehn\u00a0 namengebenden &#8220;Oder so- Gedichten&#8221;:<\/p>\n<p>&#8220;Mal an einen Engel glauben- nicht in Not, aus reinem \u00dcberflu\u00df&#8221; oder &#8220;Wenn schon, dann alles schwarz sehen! Und glauben, dies sei eine neue Epoche der Kunst-&#8221; oder &#8220;Zum Schlu\u00df das Haus bestellen, quasi besenrein.&#8221;<\/p>\n<p>In der Abteilung vier begegnen den W\u00f6rtern:<\/p>\n<p>&#8220;DIE FARBE DER W\u00d6RTER genau aufs Papier setzen, sie auslaufen lassen, heller und heller, bis jedes Wort wei\u00df, es ist zu Ende und die Farbe ausgesagt.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;DIE W\u00d6RTER VOM ABEND angereichert durch Schlaf und Mond, stehen am n\u00e4chsten Morgen ums Bett: Wald mit Lichtung. Deren Getier im Tag zutraulich bleibt oder flieht.&#8221;<\/p>\n<p>Und dann gibt es noch die &#8220;LETZTEN W\u00d6RTER auf dem Dezemberfeld. Zu ernten nach dem ersten Frost. F\u00fcrs Eisgericht.&#8221;<\/p>\n<p>Man sieht, es sind kleine feine Miniaturen, in die uns da die alte Dame f\u00fchrt, die trotz aller Tradition Witz haben, ungew\u00f6hnlich sind und auch eine sehr \u00fcberraschende \u00dcbereinstimmung mit einer <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/06\/19\/vierter-abend-fur-elfriede-gerstl\/\">avantgardistischen Wienerin bringen, die kurz einmal sogar der Wiener Gruppe angeh\u00f6rte<\/a>.<\/p>\n<p>Berlin gr\u00fc\u00dft Wien k\u00f6nnte man so sagen und &#8220;Baumkronen&#8221; gibt es bei Ingeborg G\u00f6rler, die, wie noch aus ihrer Biografie zu ersehen ist, mit Vorlieben in l\u00e4ndlichen Grundschulen gearbeitet und auch l\u00e4ngere Reisen nach Brasilien und Fernost machte, auch:<\/p>\n<p>&#8220;WER IN BAUMKRONEN gro\u00df geworden ist, von Ast zu Ast, weil unbewohnbare H\u00e4user fehlten, sollte sich nicht wundern, wenn er es\u00a0 zwischen M\u00f6beln schwer aush\u00e4lt und seine Habe am K\u00f6rper tragbar bleibt.&#8221;<\/p>\n<p>Trotzdem lebt die alte Dame seit drei\u00dfig Jahren in Berlin und verschafft sich auch, wie\u00a0 Helwig Brunner weiterschreibt &#8220;im \u00dcberangebot der pulsierenden Literaturstadt Geh\u00f6r \u00fcber die Grenzen der Stadt und Deutschland hinaus.&#8221;<\/p>\n<p>Und Dank Anita Keiper habe ich nach all dem pulsierenden lauten oder leiseren Buchpreislesen jetzt eine literarische Endeckung gemacht und eine f\u00fcr mich neue lyrische Stimme kennengelernt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Abwechslung nach all dem Buchpreis- und Debutlesen, das in der letzten Zeit ja sehr politisch war, jetzt ein bi\u00dfchen Lyrik, die mir Anita Keiper, vor cirka einem Monat \u00fcberraschend in das Haus schickte, n\u00e4mlich den\u00a0 14. 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