{"id":4809,"date":"2010-11-14T10:27:43","date_gmt":"2010-11-14T09:27:43","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=4809"},"modified":"2010-11-14T10:27:43","modified_gmt":"2010-11-14T09:27:43","slug":"was-kommt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=4809","title":{"rendered":"Was kommt"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Geschichte ist nicht nur das, was sich schon ereignet hat, Geschichte hei\u00dft, das kommt erst!&#8221;, schreibt Thomas Stangl in seinem dritten Roman &#8220;Was kommt&#8221;, mit dem er 2007 einen der Bachmannpreise bekommen, 2009 auf die Shortlist zum deutschen Buchpreis kam und vor kurzem den ersten Alpha Literaturpreis gewonnen hat.<br \/>\nDas Buch, das in den Rezensionen mit Andrea Winkler und sogar mit Thomas Bernhard verglichen wird, liest sich anfangs etwas schwer und zwingt zur Konzentration, denn Thomas Stangl hebt von den, wie im Klappentext steht, &#8220;zahllosen Lebenden und Toten, die Wien bev\u00f6lkern&#8221;, Emilia Degen, die schon in einem seiner fr\u00fcheren Romane vorkommt, 1937, siebzehnj\u00e4hrig bei ihrer Gro\u00dfmutter lebt und den Jugendlichen Andreas, der in den Siebzigerjahren ebenfalls bei seiner Gro\u00dfmutter lebt, hervor und springt mit diesen Protagonisten mit gro\u00dfen historischen Kenntnissen und einer sehr genauen Beschreibung, nach vor und zur\u00fcck,  erz\u00e4hlt, was damals passierte und was wir vielleicht schon \u00f6fter gelesen haben.<br \/>\nDas erste Kapitel beginnt mit einer Beschreibung des Films &#8220;The Wedding March&#8221; von Erich von Strohheim, der im Sommer im Kino unter Sternen gezeigt wurde, der in Nu\u00dfdorf in einer Heurigenstube spielt und Nu\u00dfdorf kommt in dem Roman mehrmals vor. Dort gehen die Protagonisten spazieren, dazu die Zirkusgasse, ein beliebter Ort f\u00fcr Romane, Manfred Rumpl z.B. Im &#8220;Literarischen Leben der Dora Faust&#8221;, spielt sie auch eine Rolle.<br \/>\nBei Thomas Stangl d\u00fcrfte Emilia Degen mit ihrer Gro\u00dfmutter und dem Dienstm\u00e4dchen, das froh ist, bei keinem Juden zu arbeiten, im zweiten Bezirk wohnen, sie geht zur Schule um die Mautra zu machen, h\u00f6rt die Rufe der H\u00e4ndler vom Markt &#8220;wienerische, polnische und jiddische flie\u00dfen dabei zusamme&#8221;, gr\u00fc\u00dft den d\u00fcnnen alten Schneider mit den melancholischen L\u00e4cheln und den Tr\u00e4nens\u00e4cken&#8221; und lernt Georg kennen, dessen Eltern in der Zirkusgasse eine Buchhandlung betreiben, auf deren Roll\u00e4den, wenn die Geschichte gekommen ist, in gro\u00dfen Lettern &#8220;ist in Dachau&#8221;, mit einem Judenstern gemalt sein, wird.<br \/>\nEmilia wird Georg nie mehr wieder sehen und lange dar\u00fcber gr\u00fcbeln, ob er entkommen ist und warum er sich nicht von ihr verabschiedet hat. Vorher wird sie eine Sommerfrische im Salzkammergut, in der Villa ihres Vaters, der im Ausland lebt, von dort eine zweite Frau mitgebracht hat und die Gro\u00dfmutter nicht besucht, verbringen. Auch hier wird Emilia mit dem Dienstm\u00e4dchen kommunizieren, das im Dirndlkleid, mager, grau im Gesicht &#8220;Griea\u00dfgoud, gn\u00e4diges Fr\u00e4ulein!&#8221;, sagt und dar\u00fcber gr\u00fcbeln, was sich das Bauernm\u00e4dchen denkt, da\u00df sie um zehn Uhr Vormittags noch &#8220;Guten Morgen!&#8221; antwortet.<br \/>\nSp\u00e4ter  wird Emilia nicht studieren, sondern den Krieg in einem Fabriksb\u00fcro Schriftst\u00fccke ordnend verbringen, aber von den Nachbarn f\u00fcr das Kummerl und die spinnernde Frau Doktor gehalten zu werden. Mit vierzig wird sie ihre Tochter Dora auf die Welt bringen und noch sp\u00e4ter ins Wasser gehen, um das Buch Thomas Bernhard \u00e4hnlich, ohne, da\u00df dessen Stil in Stangls Sprache zu bemerken ist, mit dem Satz &#8220;Oder brauchst du das Leben nicht, nur diesen einen Punkt, an dem du  Nein sagst, zu allem, was noch kommt; und nein; und Nein-&#8220;, zu beenden.<br \/>\nDazwischen gibt es den f\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen Andreas, der in der Schule den Kontakt nicht findet und von der Gro\u00dfmutter mit Rindfleisch und Schweinefleisch bekocht wird, vor dessen Fettfasern ihm graust. Die Gro\u00dfmutter, habe ich in einer Rezension gelesen, ist Antisemitin, ich habe nur die Aussage von der gro\u00dfen Nase Bruno Kreiskys, der  in den Siebzigerjahren \u00f6sterreichischer Bundeskanzler war, gefunden. Andreas, sagt seinen Freunden und dem M\u00e4dchen, das er begehrt, diesen Satz nach und wird von ihnen ausgeschlossen. Irgendwann kommt er nach Hause,  findet den Krankenwagen vor der T\u00fcre, wei\u00df sofort, da\u00df die Gro\u00dfmutter gestorben ist und das d\u00fcrfte ihn schon als F\u00fcnj\u00e4hriger, als er im Kinderpyjama vom Babysitter betreut, im Bett lag, bei seinen Eltern passiert sein.<br \/>\nAndreas interessiert sich f\u00fcr B\u00fccher und malt w\u00e4hrend der Schulstunde einen RAF-Stern, ein Hakenkreuz und Hammer und Sichel ins Physikheft, alles mit dem man die Lehrer und die Erwachsenen schokieren kann. Sp\u00e4ter wird er delogiert, es zieht ihn ebenfalls an die Donau oder den Kanal mit den Rettungszillen, er kommt aus dieser, wenn ich es richtig verstanden habe, aber wieder hinaus und tarnt die nassen Kleider mit einem Hut, w\u00e4hrend Emilia, der er dabei begegnet, den umgekehrten Weg w\u00e4hlt.<br \/>\nAndere Verbindungen zwischen den beiden habe ich nicht entdeckt und  mich, wie geschrieben, mit den oftmaligen Orts- und Zeitwechseln schwer getan, weil ich eine bin, die alles sehr  konkret haben will, um sicher zu sein und sich auszukennen. Das scheint Thomas Stangl mit seinen &#8220;\u00fcberw\u00e4ltigenden, auch schockierenden Bildern&#8221;, ich zitiere wieder den Klappentext, nicht gewollt zu haben, &#8220;da er die R\u00e4ume des \u00dcbergangs, der Unsch\u00e4rfe, der Ahnungen, des deja-vus sucht und die Grenzen zwischen Innen und Au\u00dfen aufl\u00f6st.<br \/>\nHeraus ist ein hochgelobtes Buch, das die Geschichte mit einer wundersch\u00f6nen Sprache erz\u00e4hlt, die Verwinklerung der Sprache, von der ich  immer schw\u00e4rme, gekommen. Es wird auch genau recherchiert, so gibt es ein Kapitel mit Zeitungsausschnitten eines Tags im Fr\u00fchling 1937 und  noch  andere, aus dem Siebzigerjahren, die den Kampf gegen die Atomkraftwerke, die Schwierigkeiten eines traumatisierten Jugendlichen, f\u00fcr den \u00d63 sehr wichtig ist, w\u00e4hrend die Rindfleisch kochende Gro\u00dfmutter in der K\u00fcche Radio Burgenland und &#8220;Autofahrer unterwegs&#8221; h\u00f6rt, andeuten.<br \/>\nDie Kritiker sind, wie erw\u00e4hnt, begeistert. Wieviele der bei der  Alpha Preisverleihung ausgeteilten B\u00fccher, gelesen werden, w\u00fcrde ich gern wissen. Ich bin eine davon und lege den Roman ein wenig ratlos weg. Denn die sch\u00f6ne Sprache und die genauen Detailkenntnisse beeindrucken nat\u00fcrlich, andererseits bin ich eine realistische Schreiberin, die alles gern von hinten nach vorn und verst\u00e4ndlich erz\u00e4hlt bekommen will, auch wenn man damit keine Preise gewinnt. Die Titelfrage wird auch nicht sehr beantwortet, ich denke aber, es bleibt schon, wie es ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Geschichte ist nicht nur das, was sich schon ereignet hat, Geschichte hei\u00dft, das kommt erst!&#8221;, schreibt Thomas Stangl in seinem dritten Roman &#8220;Was kommt&#8221;, mit dem er 2007 einen der Bachmannpreise bekommen, 2009 auf die Shortlist zum deutschen Buchpreis kam &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=4809\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-4809","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4809","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4809"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4809\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4809"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4809"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4809"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}