{"id":48313,"date":"2016-11-26T00:37:01","date_gmt":"2016-11-25T23:37:01","guid":{"rendered":"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=48313"},"modified":"2016-11-26T00:37:01","modified_gmt":"2016-11-25T23:37:01","slug":"nachts-ist-es-leise-in-teheran","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=48313","title":{"rendered":"Nachts ist es leise in Teheran"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/11\/05\/blauschmuck\/\">Von<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/11\/17\/weissblende\/\">Buch<\/a> <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/11\/18\/ymir\/\">f\u00fcnf <\/a><a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/11\/24\/weisses-rauschen-oder-die-sieben-tage-von-bardorf\/\">der &#8220;<\/a><a href=\"https:\/\/dasdebuet.com\/2016\/11\/16\/das-debuet-2016-die-shortlist\/\">Shortlist des Blogger-Debutpreises&#8221; <\/a>habe ich schon im oder vor dem Sommer, als ich mich gerade mit der <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/08\/13\/buchpreisgeplauder\/\">Longlist des dBp<\/a> besch\u00e4ftigt und geraten habe, was da wohl darauf stehen wird, geh\u00f6rt, hat doch <a href=\"https:\/\/buchrevier.com\/2016\/02\/18\/shida-bazyar-nachts-ist-es-leise-in-teheran\/\">Tobias Nazemis Shida Bazyars &#8220;Nachts ist es leise in Teheran&#8221;<\/a> sehr gelobt und ihre Sprache mit der von Valerie Fritsch verglichen.<\/p>\n<p>Nun wissen meine Leser h\u00f6chstwahrscheinlich, da\u00df ich es mit den Sprachr\u00e4uschen nicht so sehr habe und <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2015\/09\/20\/winters-garten\/\">Valerie Fritschs&#8221;Winters Garten&#8221;<\/a>, die ich ja an sich f\u00fcr ein gro\u00dfes Talent halte, ein wenig kitschig fand.<\/p>\n<p>Dann gab es bei Tobias Nazemi, dem Schw\u00e4rmer, noch ein Interview, das er mit der 1988 in Deutschland geborenen Tochter iranischer Eltern, die in Hildesheim studierte und 2012 im Klagenfurter Literaturkurs war, f\u00fchrte, <a href=\"https:\/\/buchrevier.com\/2016\/08\/11\/interview-shida-bazyar\/\">in dem sie betonte, da\u00df ihr die Sprache, wichtiger, als der Plot w\u00e4re<\/a> und ich dachte h\u00f6chstwahrscheinlich &#8220;Uje schon wieder!&#8221;, war aber interessiert und habe das Buch, bei meinen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/08\/16\/buecherherbst\/\">Herbstleseplanartikel<\/a> auch erw\u00e4hnt, es ist aber entgegen Tobias <a href=\"https:\/\/buchrevier.com\/2016\/08\/21\/longlist-favoriten-leserbrief\/\">Nazemis Vermutung nicht auf die Longlist<\/a> gekommen und ich war ersteinmal mit anderen besch\u00e4ftigt, habe ich ja fast <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/08\/23\/ueberraschende-longlisttitel\/\">die gesamte deutsche LL<\/a>,<a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/11\/08\/der-erste-oesterreichische-buchpreis\/\"> die halbe \u00f6sterreichische<\/a> und dann noch die drei \u00f6sterreichischen Debutanw\u00e4rter gelesen und da war ich ja voll \u00fcberzeugt, da\u00df Katharina Winkler den Debutpreis gewinnen wird und da\u00df das Buch, weil &#8220;Suhrkamp&#8221;, da ein wenig spr\u00e4\u00f6de war, im Rahmen des <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/10\/28\/siebenter-alpha-literaturpreis\/\">&#8220;Alpha&#8221;<\/a>, den sie nat\u00fcrlich auch gewinnen wird, zu mirkommt.<\/p>\n<p>Sie hat nicht gewonnen und das Buch ist zu mir gekommen,\u00a0 den <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/11\/04\/traurige-freiheit\/\">\u00f6st. Debutpreis hat Friederike G\u00f6sweiner <\/a>bekommen, die ja auch auf der <a href=\"https:\/\/dasdebuet.com\/bloggerpreis\/eingereichte-titel\/\">Longlist des &#8220;Blogger-Debuts&#8221;<\/a> gestanden ist, bei der ich ja sehr \u00fcberraschend und in letzter Minute dazugekommen, auch mitjuriere und so habe ich jetzt nach &#8220;Blauschmuck&#8221;, &#8220;Wei\u00dfblende&#8221; meine beiden Favoriten, bei denen mir bei<a href=\"https:\/\/lesenmachtgluecklich.wordpress.com\/2016\/11\/25\/das-debuet-2016-blau-plus-weiss-ergeben-gewalt-eine-doppelbesprechung\/#comments\"> beiden etwas fehlte,<\/a> auch den Roman \u00fcber eine persische Fl\u00fcchtlingsfamilie, einer jungen Nachwuschsautorin, die auch im Sozialbereich t\u00e4tig ist, gelesen.<\/p>\n<p>Ein Thema das ja einigen Bloggern auf der dBp Liste fehlte, eines, das mich w\u00e4hrend des letzten Jahrens beim eigenen Schreiben stark besch\u00e4ftigte, da habe ich mich ja in der <a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_selma.html\">sogenannten<\/a><a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_sommer.html\"> Fl\u00fcchtling<\/a><a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_nika.html\">trilogie<\/a> mit der jungen Syrierin Fatma Challaki besch\u00e4ftigt, die mich ja auch in den<a href=\"http:\/\/www.jancak.at\/auszug_beruehrungen.html\"> &#8220;Ber\u00fchrungen&#8221; <\/a>nicht wirklich losgelassen hat.<\/p>\n<p>Der 1963 geborene Exilungar Akos Doma\u00a0 hat sich in seinem auf die Longlist gekommenen <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/09\/06\/der-weg-der-wuensche\/\">&#8220;Weg der W\u00fcnsche&#8221; <\/a>mit diesem Thema besch\u00e4ftigt und beschreibt darin, die Flucht nach Deutschland einer ungarischen Familie, die bei den Kritiker nicht so besonders gut weggekommen ist.<\/p>\n<p>Die Sprache sei nicht besonders, hat, glaube ich, Marina B\u00fcttner gefunden, hier ist es anders und ich sage es gleich vorweg, es waren keine Sprachr\u00e4usche, die mich bei diesem Buch erwarteten, sondern eine sehr sehr dichte Schilderung des Leben in Teheran und das der Exil-Irander in Deutschland w\u00e4hrend der letzten vierzig Jahre und der damit verbundenen politischen Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>An Hand einer Familie, Behsad, Nahid, Laleh, Morad, Tara\u00a0 und in vier Abschnitten, die von 1979 bis 2009 und dann noch, glaube ich, ein bi\u00dfchen in die Zukunft f\u00fchren, tut die junge Autorin das und ihr ist dabei das Kunstst\u00fcck gefunden, in jedem Kapitel einen ganz besonderen Ton zu finden, dier die Ver\u00e4nderungen sehr eindeutig beschreiben.<\/p>\n<p>Da geht es zum Beispiel in das Jahr 1979 nach Teheran, der Schah wurde gerade verjagt und der junge Kommunist Behsad, wird von den Frauen der Familie, der Mutter, den Tanten, etcetera aus der K\u00fcche geschickt, weil die sich w\u00e4hrend des Kochens unterhalten wollen und dabei keinen Mann brauchen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Er ist in die sch\u00f6ne Literaturstudentin Nahid verliebt, die er bei den revolution\u00e4ren Versammlungen trifft, er wird mit seinen Freunden zur Revolution aufs Land geschickt, ein Freund wird dabei verhaftet, so begibt er sich sp\u00e4ter mit seiner Frau und den zwei schon geborenen Kindern ins Exil nach Deutschland und dort triffen wir, zehn Jahre sp\u00e4ter Nahid wieder, die diesen Teil erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlingslager sind \u00fcberstanden, es gibt die erste kleine, dann die sp\u00e4tere gr\u00f6\u00dfere Wohnung, die Kinder sprechen schon viel besser Deutsch, wie die Mutter, der von den wohlwollenden Nachbarinnen, ein Studium nahegelegt wird.<\/p>\n<p>Die Nachbarinnen sind freundlich und stricken Pullover f\u00fcr die Kinder und Nahid sitzt da und f\u00fchlt sich fremd, versteht vieles nicht, kommt mit den H\u00f6flichkeiten nicht zurecht, will keine Almosen und Hilfen, kann sie dennoch nicht ablehnen und die Sorge, um die Familie und die Freunde in Teheran, die jetzt die Ayatollahs \u00fcber sich ergeben lassen m\u00fcssen, verhaftet werden und verschwinden, breitet sich auch \u00fcber all dem aus.<\/p>\n<p>Wieder zehn Jahre sp\u00e4ter geht es zur\u00fcck in den Iran, Nahid, die ihr Politikwissenschaftsstudium inzwischen abgeschlossen hat, fliegt mit den beiden T\u00f6chter der sechzehnj\u00e4hrigen Laleh und dem Nesth\u00e4kchen Tara, schon in Deutschland geboren, auf Verwandtenbesuch, Mo der Bruder hat ein anderes Ferienziel, der Vater darf oder traut sich nicht, weil er verhaftet werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Laleh, die sechzehnj\u00e4hrige, die in der Schule bei den Politspielen immer die Rolle des Irans \u00fcbernehmen mu\u00df, erz\u00e4hlt diesen Teil und schildert, wie man f\u00fcr die Fotoaufnahmen f\u00fcr das Visum, ein Kopftuch aufsetzen mu\u00df, es verrutscht und alle lachen. Nehads\u00a0 Manto, der, der die Arme und die Schultern z\u00fcchtig verdeckt, wahrscheinlich der, mit dem sie damals ausreiste, ist inzwischen altmodisch geworden und die Familie, die Tanten und Cousinen lachen nach der Ankunft dar\u00fcber. Geschenke werden ausgepackt, die Frauen gehen zum Friseur und zur Kosmetikerin und die hat eine so aufgebauschte Frisur, da\u00df man sich gar nicht vorstellen kann, wie das auf der Stra\u00dfe vorgeschriebene Kopftuch darauf passte.<\/p>\n<p>Das alles sieht und erlebt die Sechzehnj\u00e4hrige, die von Cousins und Freunden der Familie angerufen wird, die sie gar nicht kennt und zur Witwe von Behsad Freund Peyman, der in den Wirren umgekommen ist, auf Besuch gehen mu\u00df.<\/p>\n<p>In einer Milchbar unterhalten sich dann die Jugendlichen und wieder zehn Jahre sp\u00e4ter, wird Laleh schwanger sein, w\u00e4hrend Morad oder Mo, wie er genannt wird, sich in seiner Sutdenten-WG, in die halb \u00c4gypterin Maryam verliebt von ihr auf eine Demonstration gegen die Studiengeb\u00fcren geschleppt wird, w\u00e4hrend sich in Teheran gerade die gr\u00fcne Revolution mit Demonstrationen und Aufst\u00e4nden nach der Wahl von Ahmadinedschad abspielt, die bekommt er nur \u00fcber Facebook und You Tube oder aus den Erz\u00e4hlungen seiner Eltern und seiner Schwester Tara mit, denn Mo ist eigentlich unpolitisch und eigentlich an dem Iran seiner Vorfahren nicht besonders interessiert.<\/p>\n<p>Jedes dieser Kapitel ist in einem anderen Ton geschrieben und das ist, glaube ich, die Sprachkunst der Shida Bazyar, die dazu keine Wortr\u00e4usche braucht und Kunstsprache braucht, sondern eigentlich recht einfach und und schlicht daherkommt und meiner Meinung nach geht es in dem Buch vorwiegend, um den Inhalt, obwohl es stimmt, da\u00df es keinen Plot mit H\u00f6hepunkten und Spannungsb\u00f6gen hat, sondern die Gef\u00fchle und die Identit\u00e4tsverwirrungen einer\u00a0 entwurzelten Familie erz\u00e4hlt, die h\u00f6chstwahrscheinlich auch sehr viel Autobiografiesches hat, auch wenn es, um eine erfundene Familie geht.<\/p>\n<p>Am Schlu\u00df gibt es ein Glossar, in dem auch die Wendungen erkl\u00e4rt werden, die immer wieder vorkommen und die wieder sehr dicht das sprachliche Doppel oder auch Sprachlosigkeit, der in Deutschland lebenden &#8220;Ausl\u00e4nder&#8221; zeigen, bei denen die Gro\u00dfmutter exra langsam sprechen mu\u00df, damit sie von ihren Enkel verstanden wird.<\/p>\n<p>Ein poetisch dichtes Bild, das in das Leben einer iranisch-deutschen Familie sehr anschaulich hineinf\u00fchrt und die dazu keine Kunstsprache, wie beispielsweise Katharina Winkler f\u00fcr ihre Protagonistin braucht, es reicht, da\u00df jeder in dem Buch, anders denkt und spricht.<\/p>\n<p>Der Vater hat noch die persische Tradition, die Mutter, die Abwehr, von den ach so freundlichen Deutschen, die sie gar nicht so freundlich empfindet, nicht \u00fcbernommen zu werden, die \u00e4lteste Tochter ist aufm\u00fcpfig und neugierig, der Sohn eher ahnungslos und die j\u00fcngste Tochter wird vielleicht noch einmal zehn Jahre sp\u00e4ter, f\u00fcr eine Woche ihr Internet abschlalten und dann, w\u00e4hrend sie mit ihrer inzwischen schon erwachsenen Nichte im Auto f\u00e4hrt, vom Sieg der iranischen Revolution \u00fcberrascht werden, die die die Familie vielleicht wieder zur\u00fcck in ihre Heimat bringen kann, die, sie, f\u00fcge ich hinzu, am Ende gar nicht mehr finden wird, denn vierzig Jahre Aufenthalt in Deutschland haben einen wohl gepr\u00e4gt und ver\u00e4ndert und ich habe, \u00e4hnlich wie in dem Buch von <a href=\"https:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2016\/11\/06\/im-glashaus-gefangen-zwischen-welten\/\">Deva Manickavasagan<\/a> einen kleinen Einblick in das Leben fremder Kulturen und seiner revolution\u00e4ren Ver\u00e4nderung bekommen und au\u00dferdem meine pers\u00f6nliche Favoritin f\u00fcr den Blogger Debutpreis gefunden, weil f\u00fcr mich neben der Sprache, auch der Inhalt sehr wichtig ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Buch f\u00fcnf der &#8220;Shortlist des Blogger-Debutpreises&#8221; 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