{"id":4866,"date":"2010-11-19T22:40:47","date_gmt":"2010-11-19T21:40:47","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=4866"},"modified":"2010-11-19T22:40:47","modified_gmt":"2010-11-19T21:40:47","slug":"werbefahrt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=4866","title":{"rendered":"Werbefahrt mit Joseph Roth"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin ja nicht so besonders reiselustig, f\u00fcr kostenlose Werbegaben aber sehr empf\u00e4nglich und daher seit l\u00e4ngeren in den Karteien diverser Kaffeefahrten, was der Literatur zu Gute komme, zehren solcherart doch sowohl &#8220;Eine begrenzte Frau&#8221;, &#8220;Die Zusteigerin oder die Reise nach Odessa&#8221;, &#8220;Wilder Rosenwuchs&#8221; und wahrscheinlich einiges mehr davon.<br \/>\nSolche Werbefahrten sch\u00e4rfen den sozialen Blick und da ich ja mit und ohne <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2010\/10\/30\/weltspartag-ohrenschmaus-und-reisereportage\/\">Joseph Roth<\/a> mit Sprache unterwegs sein will, habe ich mich, als ein Brief von &#8220;Rosi-Reisen&#8221; mit der Aufforderung kam &#8220;Einen wundersch\u00f6ne Urlaubstag in der Oststeiermark zu machen: Rosenausstellung, Stadtrundfahrt, Blumen-Versteigerung, Bauernmarkt, Fr\u00fchst\u00fcckbuffet, Mittagessen, dazu die \u00dcbergabe des Hauptgewinnes aus der gro\u00dfen Sommerverlosung, sowie ein Extrapr\u00e4sent im Wert von achtundsiebzig Euro und eine Rundfahrt entlang der Schl\u00f6sserstra\u00dfe bis nach Ungarn,  kostenlos f\u00fcr mich und meine G\u00e4ste&#8221;, zu machen, angemeldet und bin, da sehr konsequent und gewissenhaft, trotz Buch-Wien und Toleranzpreisverleihung, um halb sechs aufgestanden. Der Bus kam p\u00fcnktlich und hatte die vorherigen Stationen schon abgefahren, so da\u00df mein Lieblingsplatz  besetzt war. Der Chauffeur erkundigte sich, ob ich einen Reisepa\u00df mit h\u00e4tte und begann einem Fahrgast zu erkl\u00e4ren, da\u00df man immer einen Pa\u00df bei sich tragen m\u00fc\u00dfte, weil man sonst Strafe zahlen mu\u00df und er uns nach Szombathely bzw. an die Tankstelle in der Triesterstra\u00dfe bringen w\u00fcrde, wo  ein anderer Chauffeur die Fahrt \u00fcbernehme.<br \/>\nDie beiden heiligen Trinker, die ich schon von den <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/08\/15\/die-reise-nach-bratislava\/\">letzten Busfahrten<\/a> kenne, \u00f6ffneten ihre Schnapsfl\u00e4schchen und begannen dar\u00fcber zu schimpfen, da\u00df sie schon eine Stunde herumfahren w\u00fcrden und der andere Chauffeur kreiste etwas etwas sp\u00e4ter in Oberpullendorf und schien etwas zu suchen, so da\u00df wir an sehr sch\u00f6nen H\u00e4usern vorbei, die kleinsten Wege fuhren.<br \/>\nDie beiden begannen zu streiten, ob wir nach Sopron oder Szombathely fahren und welcher Grenz\u00fcbergang der richtige w\u00e4re, den der Chauffeur schlie\u00dflich auch fand. In Szombathely an Hofer, Lidl, Tesco vorbei und etliche Kilometer hinaus zum Restaurant Joszi Baczi, wo der Chauffeur den Werbeleiter holte.<br \/>\nHerr Mark erschien sogleich und f\u00fchrte in den gro\u00dfen Saal, wo es Fr\u00fchst\u00fcck gab. Ein Teller mit Wurst, K\u00e4se, Butter, einer Gurkenscheibe und Kaffee. Herr Mark, der nichts als Ehrlichkeit forderte, verschenkte eine Puppe einer verbl\u00fcfften Dame und verkaufte einem Herrn ein, wie er meinte, wertvolles Messerset f\u00fcr zwanzig Euro.<br \/>\n&#8220;Das werde ich an diesen Tag noch dreimal machen!&#8221;, versprach er und ich dachte an Joseph Roths  Spuren. Vielleicht finden sich die in dem kleinen Dorf? Denn das war das Eck von Szombathely Pet\u00f6fi telep, wo wir gelandet waren. Die Stra\u00dfen mit gro\u00dfen Wasserl\u00f6chern, eine  verstecktes Kircherl, zwei Spielpl\u00e4tze und sonst nur Stra\u00dfenzeilen mit teilweise sehr sch\u00f6nen H\u00e4usern in deren G\u00e4rten, die Hunde so laut kl\u00e4fften, da\u00df ich mich nicht daran vorbeigehen traute. Katzen liefen herum und hin und wieder ein Passant, der freundlich gr\u00fc\u00dfte.<br \/>\nHerr Mark erkl\u00e4rte inzwischen, da\u00df er Molekularmediziner sei, begann von Q 10 zu sprechen und, da\u00df man zwischen Kur und Therapie unterscheiden mu\u00df.  Zitierte ein paar B\u00fccher von Nobelpreistr\u00e4gern und zeigte  Kuverts mit f\u00fcnfhundert Euroscheinen her, die er verschenken w\u00fcrde, man m\u00fc\u00dfe aufzeigen, wenn man  interessiert ist. Etwa zwanzig Personen taten das. Herr Mark schien erschreckt. Da hat doch jemand etwas mi\u00dfverstanden! Was machen wir da? Erkl\u00e4ren, da\u00df man das Geld nur bekommt, wenn man die Kur f\u00fcr tausenddreihundert Euro kauft, dazu wird noch eine Puppe oder ein Stoffhund geschenkt.<br \/>\nDas Essen kam. Cordon Bleu mit Reis und Pommes Frites, dazu Krautsalat. Die Lehrerin, die neben mir sa\u00df, erz\u00e4hlte mir von ihren Allergien und da\u00df sie unter den T\u00fcrkenkindern in ihrer Klasse leide, weil die nicht deutsch lernen w\u00fcrden und unwillig w\u00e4ren.<br \/>\nHerr Mark war von den verkauften Therapien offenbar so entz\u00fcckt, da\u00df die Verteilung der Kleinteile mit weniger Druck als sonst passierte.<br \/>\n &#8220;Jeder, der etwas kauft, bekommt ein so gro\u00dfes Geschenk!&#8221;, scherzte der Molekularmediziner, ri\u00df die Finger auseinander und zog ein Plastiksackerl hinter seinen R\u00fccken hervor.<br \/>\nDann kam der zweite Teil, auf den die Lehrerin schon gewartet hatte, n\u00e4mlich die  informative &#8220;Rosi-Reisen&#8221;-Show, dem zweite Sponsor, der den Bus bezahlte. Dann war es schon halb f\u00fcnf vorbei und als ich den Chauffeur fragte, ob wir jetzt in die Steiermark fahren w\u00fcrden, sch\u00fcttelte der  den Kopf. Er wei\u00df von nichts oder, wie hat Frau Stephanie das letzte Mal in Sopron gesagt? <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/2009\/05\/07\/bozen-und-outlet-center\/\">&#8220;Alles nur Schm\u00e4h!&#8221;<\/a><br \/>\nEine Dame hat inzwischen noch ein Fahrrad gewonnen,  das versprochene Pr\u00e4sent war ein Scheibenmesser, unverbindlicher Richtpreis 78 Euro stand tats\u00e4chlich auf der Schachtel. Zur\u00fcck zur Triesterstra\u00dfe, wo die Chauffeure wieder wechselten. Es wurde etwas ungem\u00fctlich, der Chauffeur weigerte sich in die Sch\u00f6nbrunnerstra\u00dfe zu fahren, eine Frau schrie &#8220;Passen Sie auf, Sie sind bei rot in die Kreuzung gebogen!&#8221;, eine andere &#8220;Macht doch den Chauffeur nicht nerv\u00f6s!&#8221;<br \/>\nAuf den Spuren Joseph Roths nach Ungarn, nicht in die Oststeiermark, weil die Restaurants dort, wie Herr Mark erkl\u00e4rte, zwanzig Euro Umsatz von den G\u00e4sten verlangen oder weil, wie der Chauffeur meinte, Werbeveranstaltungen in \u00d6sterreich verboten sind.<br \/>\nSo fahren die kleinen \u00e4ltere Leute jeden Morgen mit &#8220;Rosi&#8221; oder anderen Reisen, nach Sopron, Bratislava oder Szombathely und haben, wenn sie nicht zu viel kaufen, durchaus ihren Spa\u00df dabei. Die heiligen Trinker schimpfen \u00fcber die langen Fahrten und packen ihre Bierdosen aus, die Lehrerinnen freuen sich \u00fcber geschenkt bekommene Zusatzreisen und die Werber, die  sonst vielleicht arbeitslos w\u00e4ren, \u00fcber ihren Umsatz.<br \/>\nOb Joseph Roth viel in Ungarn war, wei\u00df ich nicht. \u00d6don von Horvath hat in seiner Zeit, aber auch viel von den kleinen Leuten, Vertretern und Verk\u00e4ufern geschrieben. Und die Lesung der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko in der Hauptb\u00fccherei ist sich nun doch nicht ausgegangen, h\u00e4tte aber gut gepasst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin ja nicht so besonders reiselustig, f\u00fcr kostenlose Werbegaben aber sehr empf\u00e4nglich und daher seit l\u00e4ngeren in den Karteien diverser Kaffeefahrten, was der Literatur zu Gute komme, zehren solcherart doch sowohl &#8220;Eine begrenzte Frau&#8221;, &#8220;Die Zusteigerin oder die Reise &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=4866\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-4866","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4866","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4866"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4866\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4866"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4866"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4866"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}