{"id":4947,"date":"2010-11-25T12:24:51","date_gmt":"2010-11-25T11:24:51","guid":{"rendered":"http:\/\/literaturgefluester.wordpress.com\/?p=4947"},"modified":"2010-11-25T12:24:51","modified_gmt":"2010-11-25T11:24:51","slug":"die-ganze-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=4947","title":{"rendered":"Die ganze Wahrheit"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Die ganze Wahrheit&#8221; von Norbert Gstrein ist, wie ich den Rezensionen entnehme, ein mit Spannung erwarteter skandalumwitteter Schl\u00fc\u00dfelroman, dessen Hauptfigur Dagmar auff\u00e4llige \u00c4hnlichkeiten mit der Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkewicz hat.<br \/>\nIn dem Video, das ich im Netz gefunden habe, spricht Norbert Gstrein von einem Roman, der im \u00f6sterreichischen Verlagswesen spielt und erz\u00e4hlt vom langj\u00e4hrigen Lektor, der die Geschichte seiner ein wenig esoterisch angehauchten Chefin schreibt.<br \/>\nEs beginnt mit dem Satz &#8220;Man hat mir abgeraten, dar\u00fcber zu schreiben, und nat\u00fcrlich kenne ich Dagmar lange genug, um zu wissen, was mich erwartet, wenn nur etwas von dem, was ich \u00fcber sie in die Welt setze, anfechtbar ist.&#8221;<br \/>\nDann geht sie los die Geschichte von dem Lektor Wilfried des Verlegers Heinrich Gl\u00fcck, der einen kleineren Verlag in der Sch\u00f6nlaterngasse, das ist dort, wo sich die Alte Schmiede befindet, betreibt. Es gibt die gute Seele Frau Hausner, die Kollegin Bella und den Kollegen Broser.<br \/>\nDas Buch ist in drei Teilen &#8220;Das Judenm\u00e4del&#8221; &#8220;Die ganze Wahrheit&#8221; und &#8220;Der Jenseitsrabe&#8221; gegliedert.<br \/>\nDer erste Teil beginnt nach dem Begr\u00e4bnis Heinrich Gl\u00fccks, der mit seiner Gattin Dagmar in einer Hietzinger Villa lebte und dessen alte Freunde, mit denen er sich immer im Hotel Imperial traf, am Friedhof den Lektor wissen lassen, Dagmar h\u00e4tte ihn umgebracht.<br \/>\nHeinrich Gl\u00fcck hat mit seiner Gattin Edith, die ihn verlassen hat, den Verlag aufgebaut, immer Beziehungen zu jungen Frauen gehabt, eine davon war die begabte Dichterin Anabel Falkner, die sich umbrachte.<br \/>\nDann tauchte das K\u00e4rntner Dirndl auf, nimmt alle in Beschlag und als sie Wilfried nach dem Begr\u00e4bnis das Fotoalbum zeigt, war das von allen fr\u00fcheren Frauenbekanntschaften gereinigt. Dagmar ist auch sonst sehr dominant, hat den Verlag und seine F\u00fchrung bald an sich gerissen und scheint zu ihrem Mann ein seltsames Verh\u00e4ltnis zu haben. Jedenfalls beauftragt der den Lektor mit Dagmar die N\u00e4chte zu verbringen, Dagmar ist  oft betrunken, gibt aber Anabel Falkners Werke aus dem Nachla\u00df heraus und beginnt selbst zu schreiben.<br \/>\nDa gibt es ein St\u00fcck im Burgtheater, das zu einem Skandal wird. Es handelt von der Waldheim-Affaire, Pr\u00e4sident Waldheim hat seine dritte Amtsperiode durchgesetzt und \u00d6sterreich ist ein autorit\u00e4rer Staat geworden. Das St\u00fcck ist au\u00dferdem noch sehr esoterisch angehaucht. Die &#8220;Kinder des Lichts&#8221; und der geheime Taufbund kommen vor  und wahrscheinlich auch einige Ufo-Geschichten.<br \/>\nDagmar, die aus einem K\u00e4rntner Dorf stammt, entdeckt ihre j\u00fcdische Vergangenheit, obwohl sie doch die Enkeltochter eines slowenischen Bischofs ist. Jetzt kommt noch die j\u00fcdische Gro\u00dfmutter hinzu, obwohl ihr Vater das bestreitet und meint die katholischen Gro\u00dfm\u00fctter w\u00fcrden sich f\u00fcr diese Nachrede sehr bedanken. Trotzdem \u00fcbt Dagmar sich im Kaddisch anstimmen und singt auf schlafende S\u00e4uglinge solange ein, bis die schreiend erwachen.<br \/>\nDagmar wei\u00df aber \u00fcber alle und jeden die ganze Wahrheit und beginnt sie mit Hilfe des Rechtsanwalts Dr. Mrak mit Klagen einzudecken und so mu\u00df auch das bosnische Dienstm\u00e4dchen Jagoda, Erdbeerchen genannt, bald aus der Hietzinger Villa verschwinden, als sie Dagmar nicht mehr passt.<br \/>\nIm dritten Teil geht es an das Sterben Heinrich Gl\u00fccks, der in dem Buch eine seltsam passive Rolle spielt, wie sie einem Gro\u00df-oder auch nur Kleinverleger nicht zuzutrauen ist.<br \/>\nDagmar sieht jedenfalls ihren Heinrich, den sie Enrique nennt, sterben und beginnt das stilvoll zu inszenieren, um sp\u00e4ter ein Buch dar\u00fcber zu verfassen, das Wilfried lektoren soll, was er verweigert, so da\u00df er mit Schimpf und Schande entlassen und von Dagmar  bedroht,&#8221;da\u00df er in der \u00f6sterreichischen Verlagslandschaft, keinen Fu\u00df mehr auf den Boden bekommt&#8221;, wird.<br \/>\nDer Lektor, der von Dagmar mit der ganzen  Wahrheit konfrontiert wird, da\u00df er betrunken war und schlecht \u00fcber sie geredet hat, hat manchmal einen pathetischen Thomas Bernhard Ton, wie ich ihn schon von anderen Gstrein B\u00fcchern kenne. Auf Seite dreihunderteins wird das auf die Spitze gestrieben, in dem ein Satz dasteht, der sich wahrscheinlich im Berndhardschen Ouvre finden lie\u00dfe und dazugeschrieben: &#8220;Es war genau die Art von Text, die ich in n\u00fcchternen Zustand selbst schon nicht mehr h\u00f6ren konnte, geschweige denn lesen, dieses selbstl\u00e4ufige Granteln in bew\u00e4hrter Ausl\u00f6schmanier&#8230;&#8221;<br \/>\nDann geht es auf die letzten Seite, wo dem Lektor seine einzige Begegnung mit Siegfried Unseld durch den Kopf geht. Es war vor Jahren auf der Buchmesse, wo er sich ihm zudrehte,  ihm in die Augen sah und &#8220;so&#8221; sagte, so da\u00df Wilfredo schlie\u00dflich auch &#8220;so&#8221; wiederholte &#8220;Und dann standen wir eine ganze Weile schweigend nebeneinander&#8221;.<br \/>\nPunktum aus. Wir bleiben \u00fcber und k\u00f6nnen r\u00e4tseln, was daran biographisch und was erfunden ist. Soviel ich wei\u00df, hat das Haus Suhrkamp nicht geklagt. Norbert Gstrein wird also gut \u00fcberlegt haben, ob es m\u00f6glich ist, damit von einem Dr. Mrak oder anderen Advokaten belangt zu werden.<br \/>\nDas Buch ist bei Hanser erschienen, der 1961 geborene Norbert Gstrein war einmal Suhrkamp Autor und ist Ende Achtzig mit den eher experimentellen Romanen &#8220;Einer&#8221; und &#8220;Anderntags&#8221; bekannt geworden. Mit einem davon hat er 1989 beim Bachmannlesen gewonnen. Dann folgten realistischere Romane, wie 1999 &#8220;Die englischen Jahre&#8221;, da habe ich den Autor bei einer Lesung im Literaturhaus geh\u00f6rt. Daniel Kehlmann war auch anwesend und &#8220;Selbstportrait einer Toten&#8221;, 2000, was man vielleicht schon als den typischen Gstrein Ton bzw., als Litanei eines beleidigten  Autors auf den Literaturbetrieb, w\u00e4hrend seine Freundin als \u00c4rztin mit den wirklichen Notf\u00e4llen des Lebens konfrontriert ist, interpretieren k\u00f6nnte.<br \/>\n2003 folgte das &#8220;Das Handwerk des T\u00f6ten&#8221; und als Reaktion darauf die Erz\u00e4hlung &#8220;Wem geh\u00f6rt eine Geschichte&#8221;, weil der Roman angegriffen wurde. Der Autor scheint auch sonst sehr streitbar zu sein, so erinnere ich mich an das Jahr 2000, als alle sehr in Aufregung \u00fcber schwarz blau waren, da hat es im Standard einen Artikel gegeben, wo er eine ganz andere Ansicht vertrat.<br \/>\nUnd bez\u00fcglich Suhrkamp und dem Haus Unseld. Ulla Unseld-Berkewitz wurde 1948 geboren, ist Schauspielerin und Schriftstellerin, hat 1990 Siegfried Unseld geheiratet, der 2002 verstorben ist. 2003 hat sie den Verlag \u00fcbernommen und eine Reihe B\u00fccher geschrieben.  Ich habe  die  Michalzik  Biografie &#8220;Unseld&#8221; gelesen. In den B\u00fccher Abverkaufskisten findet sich \u00f6fter was von Ulla Berkewicz. &#8220;Engel sind schwarz und wei\u00df&#8221; habe ich gelesen. &#8220;Josef stirbt&#8221; wartet in Harland auf mich. Eine gute Gelegenheit. Ansonsten, gilt der sogenannte Schl\u00fc\u00dfelroman als etwas anr\u00fcchiges Genre, mit dem ich es aber auch probiere. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Die ganze Wahrheit&#8221; von Norbert Gstrein ist, wie ich den Rezensionen entnehme, ein mit Spannung erwarteter skandalumwitteter Schl\u00fc\u00dfelroman, dessen Hauptfigur Dagmar auff\u00e4llige \u00c4hnlichkeiten mit der Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkewicz hat. In dem Video, das ich im Netz gefunden habe, spricht Norbert &hellip; <a href=\"http:\/\/literaturgefluester.at\/?p=4947\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-4947","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4947","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4947"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4947\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4947"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4947"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/literaturgefluester.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4947"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}